Abschluß Harich:

Wolfgang Harich:

Meine Damen und Herren, ich darf sowohl den Teilnehmern an der Diskussion als auch Ihnen im Publikum aufs herzlichste dafür danken, daß Sie die Arbeit der Alternativen Enquête-Kommission Deutsche Zeitgeschichte ein so großes Stück heute vorangebracht haben. Wir haben Veranstaltungen allgemein in der Berliner Stadtbibliothek ungefähr alle 14 Tage, im vorigen Jahr war es nur einmal im Monat, und da haben wir uns dreimal die Geheimdienstproblematik vorgenommen. Das erstemal im Dezember '93 in einer Veranstaltung zu Geheimdiensten in Deutschland im allgemeinen, darunter auch den ausländischen, da war dann auch von der CIA und vom KGB die Rede. Das haben wir heute verengt und vertieft in der Fragestellung zur Spionage und Gegenspionage im geteilten Deutschland. Wir haben, nach mehreren Veranstaltungen über gänzlich andere Themen, die Absicht, Mitte Dezember zu sprechen nur über das MfS, und zwar auch über dessen innenpolitisch repressive Funktionen. Ungefähr am 15. Dezember. Das ist unser Plan.

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Jetzt lassen Sie mich aber noch einmal zurückkommen zu dem genius loci, zu dem Herrn dieses Hauses, zu Bertolt Brecht. Und da fühle ich eine Verpflichtung, etwas bekanntzugeben, was vielleicht die westlichen und östlichen Geheimdienste noch nicht wissen. (Heiterkeit)

Als 1949 die beiden deutschen Staaten gegründet wurden, bezeichnenderweise zuerst die Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai und dann die Deutsche Demokratische Republik am 7. Oktober, da tauchte in der SED-Führung die Forderung nach einer neuen Nationalhymne auf. Bertolt Brecht war der Auffassung, daß den Deutschen in West und Ost diese schöne, wunderschöne Melodie von Joseph Haydn aus dem Jahre 1797 zu dem damaligen Text: "Gott erhalte Franz den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz" - das war Kaiser Franz II., der letzte Herrscher des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" - erhalten bleiben sollte. Das Kaiserquartett, das Haydn nach dieser Melodie geschrieben hat, ist ein Juwel der Musikkultur aller Zeiten. Aber Brecht dichtete für das Lied einen gänzlich anderen Text, mit dem er sich damals bei Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl und insbesondere Walter Ulbricht nicht hat durchsetzen können; die bevorzugten den Text von Johannes R. Becher: "Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt"; mit der Melodie von Hanns Eisler. Brecht wollte daraufhin kein großes Aufsehen machen, sondern setzte die Bedeutung seines Einfalls ein bißchen herab, indem er den Text als bloße "Kinderhymne" in seine "Kinderlieder" mit aufnahm. Eisler komponierte auch dazu eine Melodie, eine, die mit der Haydnschen nicht das geringste zu tun hat. Die Sache geriet so in Vergessenheit.

Ich möchte heute Ihnen diesen Text vortragen und möchte aber, damit Sie einen Vergleichsmaßstab haben, den Text von Hoffmann von Fallersleben aus dem Jahre 1841, soweit er Ihnen wahrscheinlich noch nicht bekannt ist, dem vorausschicken. Sie kennen die erste Strophe, mit dem taktvollen Anfang: "Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt". Sie kennen die zweite Strophe wahrscheinlich nur ausnahmsweise, ich trage sie Ihnen wieder vor: Sie lautet: "Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang, sollen in der Welt behalten ihren alten schönen Klang. Uns zu edler Tat begeistern unser ganzes Leben lang, deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang". Also ich würde sagen, eine monströse Peinlichkeit, auch diese zweite Strophe. Die dritte allenfalls ist harmloser, aber nur deswegen, weil sie, wie ich meine, aus abstrakten Phrasen besteht, und hat doch auch ihr Bedenkliches, denn es heißt eben nicht, Einigkeit und Recht und Freiheit in dem deutschen Vaterland, sondern für das deutsche Vaterland - ein Unterschied, der mich jedenfalls bedenklich stimmt.

Und nun hören Sie Brecht 1949:

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.

Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie anderen Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir's.
Und das liebste mag's uns scheinen,
So wie andern Völkern ihrs.

Das ist noch nie als gemeinsamer Gesang aus öffentlichem Anlaß vorgetragen worden, so wie Brecht sich das gedacht hatte. Und wenn wir das Lied also jetzt, wie ich mir das zu arrangieren erlaubt habe, gesungen hören werden von dem Chor der Berliner Pädagogen, unter Leitung von Hans Eckhard Thomas, hier im Hause Brechts, als Erfüllung seines Vermächtnisses, dann handelt es sich sozusagen um eine Welturauffühung. (Langer Beifall)

(Das Absingen der Verse Brechts zur Melodie der Haydnschen Kaiserhymne wird mit großem, langem Beifall bedacht.)

Wolfgang Harich: Ich danke Ihnen für diesen würdigen Abschluß unserer Veranstaltung. Ich danke Ihnen nochmals für Ihr Kommen. Auf Wiedersehen!