Veranstaltung der Alternativen Enquête-Kommission Deutsche Zeitgeschichte

"Duell im Dunkeln - Spionage und Gegenspionage im geteilten Deutschland"

am 29. Mai 1994 im Berliner Ensemble.

 

Heiner Müller, Intendant des Berliner Ensembles:

Ich begrüße Sie zu dieser Veranstaltung der Alternativen Enquête-Kommission, heute erstmalig im Berliner Ensemble. Ich bin froh, daß sie in diesem Haus stattfindet.

Vielleicht noch etwas: Sie sehen, ich stehe vor dem sogenannten Eisernen Vorhang. Wir alle haben diesen Vorhang von verschiedenen Seiten fast 50 Jahre lang gesehen. Ein Stück von Brecht endet mit dem Satz "Vorhang zu und alle Fragen offen". Heute kann ich sagen, Vorhang auf und alle Fragen offen. (Beifall)

Wolfgang Harich, Vorsitzender der Alternativen Enquête-Kommission Deutsche Zeitgeschichte:

Verehrte Anwesende, meine Damen und Herren, uns ereilt soeben die Nachricht, daß in Chile Erich Honecker gestorben ist. Die Majestät des Todes verbietet in dieser Sekunde jedes Wort der Wertung, der positiven Wertung oder der negativen Wertung. Gestatten Sie, daß ich für meinen Teil seiner ehrend gedenke, ohne irgend jemandem auf dem Podium oder unter den Zuschauern diese Haltung aufdrängen zu wollen.

Wir befinden uns in dem Hause Bertolt Brechts. Auf dieser Bühne ist unzählige Male der Marketenderwagen der Mutter Courage durch den Dreißigjährigen Krieg gefahren. In verschiedenen großartigen Inszenierungen, in vielen, vielen Aufführungen - die letzte war zwölf Jahre lang auf dem Spielplan. Der Dreißigjährige Krieg findet bei Brecht in diesem Stück kein Ende. Er hat aber dann in der Geschichte doch eines gefunden, mit dem Frieden von Münster und Osnabrück, dem Westfälischen Frieden. Ich zitiere aus der Amnestieklausel des Westfälischen Friedens vom 14. Oktober 1648 die Bestimmung, die da fordert, wörtlich: daß "alle vor und in dem Kriege mit Wort und Schrift und Tätlichkeiten zugefügten Beleidigungen, Gewalttaten, Feindseligkeiten, Schäden und Unkosten gänzlich getilgt sind", so daß all das "in Ewigkeit vergessen und begraben sei." (Beifall)

In diesem Geiste bemüht die Alternative Enquête-Kommission Deutsche Zeitgeschichte, die zu leiten ich die Ehre habe, sich um die Herbeiführung eines Zustandes nationaler Aussöhnung aller Deutschen. Und in genau diesem Geiste haben wir vier Veteranen des Kalten Krieges, tätig auf dem Gebiet, auf dem er wohl am häßlichsten war, zu uns gebeten, damit sie sich hier aussprechen, und ich danke ihnen für ihr Erscheinen.

In alphabetischer Reihenfolge nenne ich: Werner Großmann, Generaloberst a.D. (Beifall), ehemals Chef der Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR; Heribert Hellenbroich (Beifall), Präsident a.D. des Bundesnachrichtendienstes der Bundesrepublik und zuvor des Bundesamtes für Verfassungsschutz; Elmar Schmähling (Beifall), Admiral a.D., ehemals Chef des Militärischen Abschirmdienstes der Bundeswehr der Bundesrepublik Deutschland, und Markus Wolf (Beifall), Generaloberst a.D., langjähriger Chef der HVA des MfS als Vorgänger Werner Großmanns. Mit ganz besonders großer Herzlichkeit begrüße ich Nancy Wolfe aus USA (Beifall), Professorin für Strafrecht an der Universität von South Carolina, eine Frau, die, für jeden Wissenschaftler beneidenswert, eine riesige Liste von Publikationen aufzuweisen hat, unter denen sich auch ein Buch über die Volkspolizei und das MfS der DDR befindet unter dem Titel "Policing a Socialist Society", erschienen in New York und London, Verlag Greenwood Press 1992. Sie hat sich bereit erklärt, im Gespräch zwischen den vier Herren zu moderieren.

Die Moderation des Gesprächs leitet also sie; in dem Teil unseres heutigen Abends, in dem das Publikum mit der Möglichkeit zu Anfragen einbezogen sein wird, wird sie unterstützt werden von Siegfried Prokop (Beifall) , Professor für Zeitgeschichte an der Humboldt Universität Berlin, Vorstandsmitglied der Alternativen Enquête-Kommission Deutsche Zeitgeschichte und Leiter ihrer Arbeitsgemeinschaft "Letztes Jahr der DDR".

Wir haben uns den Ablauf so gedacht, daß zunächst unter Leitung von Nancy Wolfe die Herren Großmann, Hellenbroich, Schmähling und Wolf Erklärungen abgeben wollen bis zur Länge von höchstens zehn Minuten, daß dann zwischen diesen Herren eine von ihr moderierte Podiumsdiskussion stattfindet bis 20.50 Uhr oder 21.00 Uhr, je nach Ergiebigkeit. Dann sind Fragen aus dem Publikum möglich; auch kurze, knappe Meinungsäußerungen aus dem Publikum, aber keine Zusatzreferate! Wir wollen dann den Diskussionsteilnehmern noch die Gelegenheit zu kurzen Schlußworten von je etwa fünf Minuten geben, wieder in der alphabetischen Reihenfolge, und um 21.50 Uhr Nancy Wolfe nochmals das Wort lassen, für das Schlußwort. Und danach möchte ich Sie dafür um Verständnis bitten, daß ich die Gelegenheit benutze, zum Schluß hier dem Geist des Hauses, dem genius loci, dem großen Bertolt Brecht, zu huldigen, indem ich ein Gedicht von ihm zum Vortrag bringe, vielleicht "zur Vorführung" kann man sogar sagen. Ich verspreche Ihnen allerdings, daß es ganz bestimmt nicht das "Lob der illegalen Arbeit" aus seinem Stück "Die Maßnahme" sein wird. Damit darf ich Frau Prof. Wolfe das Wort erteilen, Mrs. Wolfe, take it over, und ich ziehe mich vorerst zurück. (Beifall)

Professor Dr. Nancy Wolfe:

Thank you. Das Thema heute Abend ist immer heikel, auch bei uns in Amerika, und sicher haben die Fragen, die uns beschäftigen, Sie auch beschäftigt. Aus amerikanischer Sicht würde ich gern eine Diskussion über folgende Konzepte hören:

1. Das Dilemma: Ein Geheimdienst muß geheim arbeiten - aber in einer Demokratie muß der Geheimdienst irgendwie kontrolliert werden. Wie haben die DDR und die Bundesrepublik diesen Konflikt gelöst?

2. Die politischen Aspekte. Welche Rolle spielten die politischen Parteien bei der Zielsetzung der Nachrichtendienste, bei der Auswahl von Führungspersönlichkeiten?

3. Was sind die Hauptunterschiede zwischen den Nachrichtendiensten der DDR und der Bundesrepublik?: Strukturell, Verhältnisse zwischen Auslands- und Inlands-Diensten, wie eng waren sie verbunden, sollten sie getrennt sein? Und auch die operative Verhaltensweise: z.B. need to know, d.h., jeder Mitarbeiter durfte nur soviel wissen, wie für die Erfüllung seiner unmittelbaren Aufgabe erforderlich war.

4. Spezifische Probleme. Was halten Sie bezüglich Ihrer Organisation für fehlerhaft? Und

5. Die Zukunft. Was sind Ihrer Meinung nach die zukünftigen Hauptaufgaben der Nachrichtendienste?

Und jetzt in alphabetischer Reihenfolge hat Herr Großmann als erster das Wort.