Eröffnungsworte des Vorsitzenden

der Alternativen Enquete-Kommission,

Wolfgang Harich

Ich darf Sie im Namen der Alternativen Enquete - Kommission herzlich begrüßen und Ihnen für Ihr Kommen danken. Unsere Kommission mißt dem Wirken der Geheimdienste im gespaltenen Deutschland für die Aufarbeitung der Zeitgeschichte so große Bedeutung bei, daß wir uns vorgenommen haben, dieses Thema in nicht weniger als drei Veranstaltungen unseres Ostdeutschen Geschichtsforums zu behandeln. Auch deshalb, weil die Bewältigung dieses Themas große positive Bedeutung für die von uns angestrebte nationale Aussöhnung aller Deutschen besitzt.

Heute findet die erste dieser Veranstaltungen statt. Sie beschäftigt sich mit den Geheimdiensten in Deutschland von Mai 1945 bis Oktober 1990. Alles was darüber hinausgeht, ist natürlich tabu, es überschritte unseren Gegenstand. Bis 1990 also, und zwar zunächst mit den ausländischen und inländischen Geheimdiensten, die hier in unserem Lande tätig waren.

Wir wollen dann in einer zweiten Veranstaltung - Anfang Juni 1994 - das Thema einengen und gleichzeitig vertiefen. Dann sollen nur die hauptsächlichen deutschen Geheimdienste zur Sprache kommen: das MfS, der BND und der Verfassungsschutz. Weil wir hier in Ostdeutschland leben und das Hemd uns näher ist als der Rock, werden wir in einer dritten Veranstaltung, jedenfalls nach den Wahlen, etwa im Dezember 1994, ausschließlich das MfS behandeln.

Die heutige Veranstaltung, mit dem am allgemeinsten gehaltenen Thema, soll einen Gesamtüberblick geben.

Ich begrüße hier auf dem Podium in alphabetischer Reihenfolge:


- Klaus Eichner, Oberst a.D., ehemals Leiter des Bereiches Auswertung in der Abteilung
Gegenspionage der HVA des MfS, jetzt Vorsitzender des Sprecherrates des "Insider-

Komitees zur Aufarbeitung der Geschichte des MfS e.V". Noch nicht gemeinnütziger eingetragener Verein, aber ich habe den Eindruck auch nicht gemeinschädlicher eingetragener Verein.

- Wolfgang Hartmann, der keinen militärischen Rang hatte und auch nicht im "Apparat" des MfS arbeitete, sondern als ein HIM, ein hauptamtli- cher Inoffizieller Mit-arbeiter, seine Auf-gaben im Ausland und nicht nur in Westeuropa, incl. BRD, erfüllte. Auch er ist heute Mitglied des Sprecherrates des Insider-Komitees.

- Zu meiner Linken begrüße ich unseren westdeutschen Gast Erich Schmidt-Eenboom, Friedens- und Konfliktforscher bei einem Institut in Weilheim, in Oberbayern. Er war früher auch bei dem berühmten Starnberger Institut tätig, das von Carl-Friedrich von Weizsäcker ins Leben gerufen wurde. Er hat ein Buch geschrieben: "Der BND" - Düsseldorf 1993.

- Der letzte im Alphabet, nicht im Rang, Wolfgang Schwanitz, Generalleutnant a.D., Dr. jur., war im MfS der für operative Technik zuständige stellvertretende Minister. Was operative Technik ist, weiß ich leider nicht. General Schwanitz wurde zur Zeit der Regierung Modrow Leiter des Amtes für Nationale Sicherheit der DDR, in welches die nicht aufgelösten Teile des MfS damals umgruppiert worden waren. Aber nur für eine kurze Zeit.

- Ich komme jetzt zu diesem leeren Stuhl. Auf ihm sollte Generaloberst a.D. Werner Großmann plaziert sein . Er befindet sich aber seit dem 29.November 1993 in "Beugehaft" in Plötzensee, aus dem sehr ehrenwerten Grund, weil er schweigt über Mitarbeiter, die einmal sein Vertrauen hatten und für die er ein Mann des Vertrauens war, die ihm vertraut haben und die ihm auch weiter vertrauen sollen.

Es lag, nachdem Markus Wolf im Anschluß an seinen Prozeß auf freien Fuß gesetzt worden war, nahe, auch ihn als den jahrzehntelangen Vorgänger von Werner Großmann einzuladen. Doch zu den Auflagen, die Wolf erteilt worden sind, gehört nun einmal, daß er über seine frühere Tätigkeit nicht öffentlich sprechen darf. Wenn er also hier an Stelle von General a.D. Großmann spräche, könnte es passieren, daß er sofort festgenommen wird.

Ich bedauere ferner, daß in unserer Runde Werner Sellhorn fehlt, er ist allerdings als Zuhörer hier. Werner Sellhorn, leitender Redakteur der Anti-Stasi-Zeitschrift "Horch und Guck", war bereit, sich hier mit seinen früheren Gegnern auseinanderzusetzen. Es ist ihm dies durch das "Bürgerkomitee 15. Januar" , das diese Zeitschrift herausgibt und dem diese Zeitschrift gehört, untersagt worden. Es ist uns ferner nicht gelungen, Frau Ingrid Köppe, Mitglied des Bundestages vom "Bündnis 90", in unseren Kreis zu holen. Frau Köppe ist, von der Zeit des Zentralen Runden Tisches an bis jetzt im Schalck-Golodkowski-Untersuchungsausschuß des Bundestages mit Geheimdienstangelegenheiten, insbesondere das MfS betreffend, bekannt und vertraut. Sie hat uns nicht einmal auf die Einladung geantwortet. Wir bedauern, ihre sachverständige Mitwirkung zu entbehren.

Ich habe versucht, Herrn Heribert Hellenbroich für unsere Veranstaltung zu gewinnen. Er war langjähriger Verfassungsschützer in Köln, in den Jahren 1983-85 Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. 1985 wurde er Präsident des BND in Pullach, mußte dann allerdings im August 1985 wegen des Falls des Überläufers Tiedge zurücktreten.

Im Gegensatz zu Frau Köppe war Herr Hellenbroich sofort bereit, hatte freilich für unseren heutigen Tag Terminprobleme. Er wird aber voraussichtlich an unserer Veranstaltung teilnehmen, die wir für Anfang Juni vorhaben, und jedenfalls er hat uns zugesagt.

Ich möchte sagen, daß ich sowohl an Herrn Sellhorn als auch an Frau Köppe die Einladung für Juni und für Dezember 1994 hiermit ausdrücklich aufrechterhalte.

Wir unterteilen die heutige Veranstaltung in zwei Gesprächsrunden zur Thematik. Jeweils nach jeder Gesprächsrunde gibt es Gelegenheit, an die Redner Anfragen zu richten. Wir sind heute nicht unbedingt an 21.00 Uhr Schluß gebunden, das Haus wird geschlossen um 22.00 Uhr.

In unserer ersten Gesprächsrunde werden Wolfgang Hartmann, Klaus Eichner und Erich Schmidt-Eenboom sprechen, dazu die erste Publikumsrunde. Und dann geht es in die zweite Gesprächsrunde mit Wolfgang Schwanitz und nochmals Klaus Eichner und nochmals eine Publikumsrundsrunde.