Diskussionsbeitrag zur Militärischen Aufklärung
der Nationalen Volksarmee der DDR

Von Wolfgang Wolf X)

Ein Diskussionteilnehmer stellt sich als Oberstleutnant a.D. der NVA und Vorsitzender der Kamaradschaft des Deutschen Bundeswehrverbandes Berlin-Treptow vor. Er sei irritiert, daß im Kontext des Einführungsvortrages und im Begleitmaterial der Anhörung die Verwaltung Aufklärung des Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR als Geheimdienst erscheine. Viele seiner Kameraden aus der Verwaltung Aufklärung würden sich nach den Maßstäben der Gesetze der DDR und der BRD nicht als Geheimdienstler verstehen. Er kritisiert deshalb, daß zur Rolle der Militäraufklärung der NVA keine Ausführungen erfolgt sind.

Dr. Harich erkundigt sich, ob aus dem Publikum jemand in der Lage wäre, dazu sachliche Auskunft zu geben. Es meldet und stellt sich vor Oberst a.D. Dr. Wolfgang Wolf. Ihm werden 10 Minuten Redezeit für eine ausführliche Auskunft eingeräumt.

Meine Damen, meine Herren, gestatten Sie mir,

  1. etwas Licht in das "geheimnisvolle Dunkel" der militärischen Aufklärung der Nationalen Volksarmee der DDR zu bringen und
  2. mit wenigen Worten meine Meinung über die Nachrichtenbeschaffung in Gegenwart und Zukunft zu sagen.

Bekanntlich gibt es in jeder Armee Stäbe, Organe und Truppen, die Informationen über "Fremde Heere" zu beschaffen und die dabei erzielten Ergebnisse auszuwerten haben.

Diese Tätigkeit war in der NVA unter dem Begriff "Aufklärung" gefaßt: Im Sprachgebrauch der Bundeswehr heißt sie "Aufklärung / Militärisches Nachrichtenwe-sen", letzteres als Bezeich-nung der Arbeit von Stäben im Führungsgrundgebiet G2(S2).

Die Aufklärung der NVA unterteilte sich in * die Truppenaufklärung und in die Agenturische Aufklärung.

Unter Truppenaufklärung ist die Erd-, Luft- und Seeaufklärung zu verstehen, die in allen Armeen zunehmend als Elektronische und Fernmeldeaufklärung geführt wird.

Die Agenturische Aufklärung war Beschaffung militärisch relevanter Informationen mit nachrichtendienstlichen Mitteln und Methoden. Sie ist vergleichbar mit der Arbeit westlicher militärischer Nachrichtendienste, sofern sich diese allein mit der Beschaffung von Informationen über fremde Streitkräfte beschäftigen. In der NVA ist sie nur auf der obersten Führungsebene geführt worden. In ihr waren nicht mehr als ein Prozent der Gesamtkräfte einbezogen. In der Bundesrepublik Deutschland nimmt diese Aufgabe nicht die Bundeswehr, sondern der Bundesnachrichtendienst mit wahr.

Zur Aufklärung der NVA gehörten nicht wie zur Aufklärung / Militärisches Nachrichtenwesen der Bundes-wehr:

Die Aufklärung / Militärische Nachrichtengewinnung wurde zur Zeit des Kalten Krieges seitens des Warschauer Paktes auf der einen und der NATO auf der anderen Seite, d.h. bereits im Frieden, besonders intensiv geführt; galt es doch, die sich gegenüberstehenden mächtigen Streitkräftegruppierungen ständig unter Kontrolle zu halten und damit die nicht nur den NATO-Streitkräften gestellte Hauptaufgabe, nämlich zuallererst einen Krieg zu verhindern, zu erfüllen.

Die Aufklärungsstäbe und -truppen der NVA unterstanden den Chefs bzw. Leitern Aufklärung truppendienstlich oder wurden von diesen fachdienstlich angeleitet. Das oberste Führungsorgan der Aufklärung war der Bereich Aufklärung.

Der Bereich Aufklärung war Stabsteil des Hauptstabes des MfNV. Der Leiter des Bereiches war zugleich Chef Aufklärung der NVA, dem an Aufklärungstruppen truppendienstlich, d.h. direkt, lediglich das Funkaufklärungsregiment 2 mit Standort Dessau unterstand.

Der Bereich Aufklärung war in 4 Aufgabenbereiche gegliedert, die ungefähr 50 Prozent des Personalbestandes ausmachten. Alles andere war, wie zu DDR-Zeiten üblich, aufwendige Administration und Sicherstellung.

1. Aufgabenbereich, der Informationsdienst.

Er hatte,

Die ihm verfügbaren Informationen bestanden zu 85 bis 90 Prozent aus den Medien und anderen offiziellen Quellen.

In der Bundeswehr erfüllt diese Aufgaben in erster Linie das Amt für Nachrichtenwesen als eine der ca. 150 Zentralen Militärischen Dienststellen der Bundeswehr.

2. Aufgabenbereich, die Agenturische Aufklärung.

Sie war jener Teil des Bereichs Aufklärung, der mit nachrichtendienstlichen Mitteln und Methoden gearbeitet hat. Ihr Beitrag zur Informationsgewinnung erfolgte durch Beobachtung militärischer Objekte und Beschaffung militärischer Unterlagen.

In der Bundesrepublik Deutschland hat sie im heute unverändert fortbestehenden Teil der Nachrichtenbeschaffung des Bundesnachrichtendienstes ihr Gegenstück.

3. Aufgabenbereich, die Truppenaufklärung.

Diese wurde Anfang der 70er Jahre in den Bereich Aufklärung eingegliedert. Ihr war das Funkaufklärungsregiment 2 unterstellt. Sie führte bzw. koordinierte die Elektronische und Fernmeldeaufklärung im Interesse einer realistischen Beurteilung der militärischen Lage besonders während großer NATO-Manöver, in die allein in jedem Herbst mehrere hunderttausend Soldaten ein-bezogen waren. Sie hatte zudem auf alle Fragen der Erd-, Luft- und Landaufklärung Einfluß zu nehmen, die letztendlich aber von den Chefs der Teilstreitkräfte und Kommandeure entschieden worden sind.

4. Aufgabenbereich, Militärattachedienst.

Dieser kam Ende der 70er Jahre zum Bereich Aufklärung. Seine diplomatische Tätigkeit umfaßte wie überall üblich auch den Austausch militärischer Informationen. Bei der Bundeswehr gehört er zu den Zentralen Militärischen Dienststellen. Seine Anleitung erhält er dort vom entsprechenden Referat der Stabsabteilung II des Führungsstabes Streitkräfte.

Allein diese gedrängte Darstellung von Fakten läßt folgendes erkennen:

1. Die Militärische Aufklärung der NVA hatte, wenn man von der im Krieg im beschränkten Maße durch Waffeneinsatz vorgesehenen Aufklärung und der reinen Zielaufklärung absieht, ausschließlich das Beschaffen bzw. Sammeln und Auswerten von Informationen über die militärische Lage im Umfeld und die Meldung der dabei erreichten Ergebnisse zum Inhalt.

Ihre Arbeit trug wesentlich zur realen Beurteilung der damals insgesamt angespannten militärischen Lage bei und hatte damit, ob manche Leute dies wahrhaben wollen oder nicht, eine friedenserhaltende Funktion.

2. Der Bereich Aufklärung war, wie andere Bereiche auch, Stabsteil des Hauptstabes des MfNV und wurde als solcher militärisch geführt.

3. Dominant war der Informationsdienst, der dann auch die Grundlage für das Informationszentrum des MfAV nach Auflösung der Agenturischen

Aufklärung im März 1990 bildete. 85 bis 90 Prozent der dem Informationsdienst verfügbaren militärischen Informationen stammten aus offiziellen Quellen.

4. Die drei anderen Aufgabenbereiche hatten die Beschaffung von Informationen über das militärische Potential, und dabei vorrangig über die Streitkräfte eines potentiellen Gegners zum Inhalt. Dieser potentielle Gegner war im Kalten Krieg für die DDR die NATO und damit auch die Bundesrepublik Deutschland, genau so wie es für diese der Warschauer Pakt und damit die DDR war. Ich betone Gegner, weil es im militärischen Sprachgebrauch der NVA, ich betone nochmals militärischen, den Begriff Feind im Unterschied zu dem der Bundeswehr nicht gab.

5. Die Agenturische Aufklärung war demzufolge nur einer der beschaffenden Teile und nicht einmal der größte. Sie machte etwa 10 bis 15 Prozent des Personalbestandes des Bereichs Aufklärung aus. Nur sie arbeitete mit nachrichtendienstlichen Mitteln und Methoden. Ihre Tätigkeit diente aber, wie andere Aufklärungsarten auch, so z. B. die Fernmelde- und Elektronische Aufklärung, ausschließlich der Informationsgewinnung. Wenn ich das Modewort " Geheimdienstoperation" auch ungern benutze, es gab keine über die Nachrichtenbeschaffung hinausgehende. Es sind auch keine Desinformationen verbreitet worden. Wobei ich nicht behaupten möchte, daß unsere Aufklärungsmeldungen allein wegen der Aufklärungslücken, die es auch bei uns gegeben hat, immer mit der Realität 100prozentig konform gingen.

6. Die militärische Aufklärung und damit auch die agenturische war ausschließlich nach außen gerichtet. Auch die Abwehr gehörte nicht zu ihr.

7. Wenn auf alle beschaffenden Teile des Bereichs Aufklärung nicht mehr als 15 Prozent der verfügbaren Informationsmenge entfielen, so muß der Anteil der von der Agenturischen Aufklärung beschafften logischerweise darunter gelegen haben. Hinzu kommt, daß mehr als 80 Prozent der mit nachrichtendienstlichen Mitteln und Methoden beschafften Informationen nicht als "Geheim" einzustufen sind, was keinesfalls als unnormal oder gar als Unvermögen der damit Befaßten einzuschätzen ist. Im Gegenteil.

Für einige beschaffte "Ge-heime Verschlußsachen" soll-te man den Beschaffern heute noch dankbar sein, konnte der Informationsdienst des Be-reichs Aufklärung mit ihnen doch seine insgesamt realen Einschätzungen, die allzuoft wegen der innerhalb der DDR und im Warschauer Pakt aus verschiedenen Gründen in einigen Fragen vorherrschen-den Überschätzung des mili-tärischen Gegners von ein-flußreichen Leuten angezwei-felt worden sind, zumindest erhärten und helfen, Konflikt-situationen zu bereinigen und Überreaktionen zu verhindern.

 

Militärische Nachrichtenbeschaffung in der Zukunft

Zum Schluß einige Bemerkungen zur Nachrichtenbeschaffung in Gegenwart und Zukunft.

1. Wer das Militärische Nachrichtenwesen oder gar die militärische Aufklärung ganz und gar abschaffen will, der muß die Streitkräfte auflösen. Ohne Informationen über die real bestehenden militärischen Potentiale, ohne Kenntnisse über eine sich herausbildende oder bereits bestehende militärische und Gesamtlage kann keine Gefahr abgewendet, geschweige denn eine Krise bewältigt werden. Kurz gesagt: Ohne die notwendigen Informationen geht es nicht, läßt sich der den Streitkräften von der Politik gestellte Auftrag nicht erfüllen.

2. Es ist schwer zu verstehen, daß selbst Politiker, die ja allesamt sehr ernst genommen werden wollen, es als völlig normal empfinden z. B.. die Stärken und Schwächen eines sportlichen, ja politischen Gegners aufzudecken, eine Nachrichtenbeschaffung im Interesse der Früherkennung einer Gefahr für das ganze Volk dagegen ablehnen.

3. Ein demokratisch legimitierter Nachrichtendienst, dessen Aufgaben sich zudem noch auf die Nachrichtenbeschaffung beschränken, ist weiterhin notwendig. Im militärischen Bereich könnte er zudem die mit dem Wegfall der sich gegenüberstehenden militärischen Blöcke eingeschränkten Möglichkeiten der Fernmelde- und Elektronischen Aufklärung im bestimmten Umfang ausgleichen.

Die weitaus mehr als früher nicht mehr allein auf das Militärische zu beschränkende Sicherheit unseres Landes könnte im nicht auf das militärische Nachrichtenwesen eingeengten Bundesnachrichtendienst ein wirksames Instrument finden. Voraussetzung dafür ist die richtige Einstellung der Politik zum vorhandenen und zu schaffenden Instrumentarium einer frei vom Parteigezänk ernsthaft praktizierten und greifenden Sicherheit. Eine solches Instrumentarium würde dann, real und nüchtern dargestellt, auch die Akzeptanz der Bevölkerung und damit der Wähler finden.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.