Wolfgang Hartmann

 4. September 1996 (Urfassung)

 

Gesprächseinleitung im Gesprächskreis "Funktionseliten der DDR"  in der Stiftung "Gesellschaftsanalyse und politische Bildung"

Leicht gekürzt und bearbeitet veröffentlicht in: „Blätter für deutsche und internationale Politik“; Bonn, Heft 9/97 (September)

 

"Als Aufklärer in der BRD"

 

 


Den charmanten Überredungskünsten Dr. Irene Runges folgend, versuche ich diese Einleitung.  Ihre Idee war, es müsse doch interessant sein, wie ein Aufklärer der DDR, der über Jahrzehnte zwischen der DDR und der BRD reisend hin und her pendelte, die DDR von außen erfahren habe. Und wie er umgekehrt die BRD wahrgenommen habe. Das ausgedruckte Thema: "Sicherheitspolitik eine Lebensweise?" finde ich allerdings unglücklich formuliert. Außerdem kann ich mich aus direktem persönlichem Mitwirken natürlich nur zu einem Teil der Sicher­heitspolitik äußern.

 

Die Idee Irene Runges ist in der Tat reizvoll. Ich muß aber bitten, das, was ich zu sagen habe, zunächst nur als Sammlung von Impressionen zu nehmen. Es ist sozusagen eine Fallstudie, zudem sehr  subjektiv. Daher ist Vorsicht mit Verallgemeinerungen angeraten. Interessant wäre sicherlich von den Erfahrungen unserer DDR-Diplomaten zu hören, die sich z.T. in ähnlichen Situationen der wechselseitigen Eindrücke und Erfahrungen bewegen mußten.

 

Zum Verständnis erst etwas über meinen Status in der HVA. Ich war hauptamtlicher Mitarbeiter, Aber nicht "im Apparat" der "Zentrale", sondern ein "Einzelkämpfer". 

 

Ich begann diese Arbeit 1964. Zuvor war ich in "legalen" Funktionen in der DDR tätig, hauptsächlich im Hochschulwesen. Das Datum ist für die Charakteristik der Zeit, des konkreten Hand­lungsrahmens wichtig. Es war jene Zeit, als Karl Jaspers gegen die Restauration fragte: "Wohin treibt die Bundesrepublik?" und die Außerparlamentarische Opposition entstand, die 68er Bewegung. Die BRD-Notstandsgesetze wurden installiert.  Der Vietnamkrieg tobte. Der Schah saß noch auf seinem Thron. Im Westen gewann der Maoismus eine gewisse Faszination. Che wurde zum Leitbild und Rosa Luxemburg wieder entdeckt. Die Losung "Enteignet Springer" erschreckte die Bourgeoisie. Die DDR war durch die noch wirksame Hallstein-Doktrin international weitgehend unter Quarantäne gestellt.

In der DDR gab es einen Reformversuch, das NÖSPl. Bald darauf gab es den Prager Frühling und sein Ende. Dann begann die "neue Ostpolitik" Brandts, Bahrs und Scheels.

 

Meine Aufgaben in der BRD brachten mit sich, daß  mein Leben in der DDR, wo ich mit meiner Familie wohnte, konspirativ versteckt werden mußte. Deshalb hatte ich meine vormaligen und äußerst reichhaltigen sozialen Beziehungen abbrechen müssen. Für meine früheren Genossen, Freunde und Arbeitskollegen war ich gleichsam im Nebel verschwunden. Ihnen wäre schwerlich auf Dauer meine Legende glaubhaft zu machen gewesen. Meine Frau war meine hauptsächliche "Nabelschnur" zum normalen Leben. Diese Isolierung in der DDR war mein schwierigstes Lebensproblem. Ich versuchte entgegenzuwirken und - meine tatsächliche Tätigkeit immer unter Legenden  versteckend - neue soziale Kontakte aufzubauen und mit dem normalen Alltag der normalen DDR-Bürger durch eigene soziale Erfahrung verbunden zu sein. Dieses Streben gegen die Isolierung und nach Basis-Kontakt war zu einer Begierde geworden. Sie hat mich, nebenher bemerkt, stets gegen die verlogene Schönfärberei aufgebracht. So ist die Groteske entstanden, daß ich in der DDR zwar halb in der Konspiration lebte, vielleicht dennoch mit der Normalität des Alltags mehr verbunden war, als manche meiner Kollegen aus dem Apparat. Die alten sozialen Beziehungen konnte ich erst nach dem Ende der DDR wieder restaurieren, was interessanterweise trotz vergangener 25 Jahre  problemlos gelang: eine interessante Aussage über meine politische Generation; keiner von uns hat seine sozialistischen Ideale preisgegeben.

 

Erste operative Aufgaben

 

In den 60er Jahren suchte und fand ich an Universitäten Studenten, die nach Fach, Leistungsniveau und anderen Eigenschaften geeignet schienen, später eine besonders gute Karriere machen zu können. Die Idee war, sie entweder auf unserer Überzeugungsbasis oder unter fremder Flagge als "Perspektiv-IM", als spätere Aufklärer  zu gewinnen. Das gelang auch. Meine "operativen Partner", wie ich sie nennen will, erreichten hohe Funktionen in der bundesdeutschen Ministerialbürokratie. Was ich über sie hier sage, ist genau abgewogen und ich würde darüber noch nicht einmal sehr allgemein reden, wenn das Probleme für sie schaffen würde. Die Dinge sind ausgestanden, lei­der. Was rechtskräftig gerichtsnotorisch ist, kann ich hier verwenden.

 

Sowohl Suche und Werbung, erst recht die Führung der dann gewonnenen Partner erforderten aus inhaltlichen, aber auch  aus Gründen  der Sicherheit ihrer Existenz und der operativen Beziehungen selbst, von mir, mit den "Regimeverhältnissen", wie wir sagten, gut vertraut zu sein. Ich mußte mich glaubhaft wie ein Bundesbürger bewegen können.

 

Ich hatte also buchstäblich eine Doppelexistenz zu leben. Einmal im mehr technischen Sinn, im Westen also mit falscher Identität, falschen Papieren usw. Wichtiger aber: Alles, buchstäblich alles, was für die Beziehungen zu meinen Partnern von einigermaßen Belang war, mußte ich nicht nur mit meinem eigenen Kopf bedenken, sondern hineinversetzt immer auch mit den in ihrer Denkweise sogar sehr verschiedenen Köpfen der Partner. 

 

Z. B. mußte ich einem meiner Partner gegenüber dauerhaft als jemand glaubhaft sein, der den Kreisen der "höheren" Bourgeoisie zugehörig sei. Eine BRD-Zeitung faßte das in die Formel, mein Partner sei überzeugt gewesen, es mit einem Mann aus der Umgebung Wolfs zu tun gehabt zu haben, nur daß es eben nicht der Präsident des DIHT Wolff von Amerongen, sondern Markus Wolf gewesen sei.

 

Oder, bei einem anderen Partner: ARD sendete Jean-Paul Sartres "Schmutzige Hände". Das war für mich interessant, weil moralische Fragen unserer Arbeit berührt wurden. Auch mein Freund K. würde den Film ansehen und gewiß mit mir diskutieren wollen. Also hatte ich zu überlegen, wie er ihn mutmaßlich aufnehmen, welche Fragen er haben und welche Streitpunkte es geben würde. Beim nächsten Treff - das war noch in der Werbephase - war Sartre der Hauptpunkt - ja, so waren unsere Werbungen! - und ich war glücklich, daß ich die Ansichten meines Freundes genau vorausgesehen hatte. Ein anderes Mal wollte er wissen: "Wer war Radek?" - und dazu hatte er sich durch 1600 Seiten Lektüre vorbereitet.

 

Später ist das Denken mit dem Kopf des Partners wechselseitig gewesen. Dieser Umstand hat erheblich dazu beigetragen, daß - wie der Münchener Polizeipsychologe Georg Sieber anläßlich Günter Guillaumes sagte - sich die Qualität der in bundesdeutschen Positionen befindlichen DDR-Aufklärer "auf­chaukelte" und damit ihre "Karriere" begünstigte.

 

Über die Wahrnehmung
der BRD-Wirklichkeit

 

Jetzt etwas darüber, wie ich - immer diese Aufgaben im Hinterkopf - die BRD als DDR-Bürger wahrgenommen habe. Selbstverständlich zuerst die Attraktion ihrer Oberfläche. Obwohl sie mich nicht über­aschte, war die unmittelbare Wahrnehmung des  äußeren Bildes - mit der Warenfülle, der äußeren Modernität und Rationalität, besonders auch die Sauberkeit und die architektonischen Vielfalt - schon beeindruckend. Daß ich es nicht 1:1 für das Wesen der Gesellschaft nahm, schuf Distanz.

 

Ich hatte zuvor im Hochschulwesen der DDR gearbeitet.  Deshalb war ich besonders von dem enormen Ausmaß beeindruckt, wie die bundesdeutschen Universitäten mit modernen, großen, zumeist auch architektonisch ansprechenden Institutsneubauten versehen waren, während bei uns in der DDR die Naturwissenschaftler in oft uralten Gemäuern mit einer kargen materiell-technischen Ausstattung forschen und lehren mußten. Trotzdem zu Teilen ein Obe­flächenbild. Es zeigte z.B. nicht, daß das alte bürgerliche Bildungsprivileg in der BRD damals noch weitgehend bewahrt war. Es zeigte nicht den "Bildungsnotstand". Es zeigte nicht, daß die Studenten jobben mußten, um studieren zu können. Und es zeigte auch nicht, wie sich im Schoße der Universitäten eine bedeutende politische und soziale Protestbewegung vorbereitete und entfaltete.

 

Dies pars pro toto: die BRD erschloß sich nicht aus der Besucherperspektive, sondern besser aus qualifizierten Gesprächen und eher aus ihren Medien. Die mußte man nur genau, vergleichend und kritisch lesen.

 

Selbst der Wahrheitsgehalt der FAZ ist größer, als der Oberflächeneindruck eines Spaziergangs durch Frankfurts Bankenviertel und das damals umstrittene Westend. Der wiederaufgebaute Römerberg ist schön, wunderschön. Aber war er nicht auch eine Dekoration zum Wohlbefinden, zum Ansehen und der Machtrepräsentanz der Frankfurter Bankenwelt? Gewiß nicht allein, ich will nur auf verschiedene Bedeutungs- und Wahrnehmungsschichten hinweisen. Diese Schichten mußte ich mir erschließen. Das war insoweit einfach, als in seinem Grundraster unser marxistisches Kapitalismusbild richtig und realistisch stilisiert war. Indessen aber eine Stilisierung, die der Konkretisierung bedurfte. 

Das Oberflächenbild, um das einzufügen,  mußte freilich von nicht zu unterschätzender Wirkung auf jene sein, die es wahrnahmen, ohne über Zusammenhänge nachzudenken, ohne Hintergründe und Hinterhöfe zu suchen. Die "Touristen-Perspektive" war wohl meist die der Reisenden aus der DDR, die als Rentner oder sonstwie begründet reisen konnten, im­erhin jährlich in Millionenzahl (wie heute fast vergessen ist). 

Ich möchte nicht mißverstanden werden: auch die Touristen-Perspektive gibt Erkenntnisse und - zumindest - Anstöße für das Weiterdenken. Das erlebte ich bei mehreren Reisen in den Mittleren Osten. Ich bildete mir nicht ein, die Reise-Impressionen hätten mir schon wirkliches Verständnis für den Orient, für den Islam, für die spezifischen Konflikte dieses Raumes gegeben. Der nachhaltige subjektive Gewinn  war die "anfaßbare" Erfahrung, weder die DDR oder die idealisierte Sowjetunion, noch unsere europäische Lebensweise konnten ein Maß des Urteils oder von Ratschlägen sein. Und wie eng die Vorstellung, unser Sozialismus-"Modell" könnte ein universal gültiges sein.

 

Zu den unverzeihlichen großen politischen Dummheiten des DDR-Propagandabildes von der BRD gehörte, daß die westfernsehenden oder reisenden DDR-Bürger zwar bis zum Überdruß mit - in ihren Wesensaussagen eher richt­gen - Sätzen über den Kapitalismus gefüttert wurden, aber sich überlassen blieben, wenn sie den berückenden Glanz der Oberfläche wahrnahmen. Denn die spannende Dialektik war in der DDR-Propa­ganda kein Thema. Die Dialektik hatte sich schon bei den relativ einfachen Dingen verflüchtigt. Erst recht, falls kompliziertere Fragen zu betrachten waren. Z. B. die von uns unterschätzte Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus, die hoch differenzierte  innere Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse und der agierenden Kräfte in der BRD, die Mehrwertigkeit z.B. der parlamentarischen Institutionen, der Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung, der Parteien, der Bürgerbewegungen u.a.m.

 

Dies hing natürlich sehr eng mit den Vulgarisierungen unserer Selbstbetrachtung zusammen: In der DDR eitel Harmonie, aber  im Sozialismus keine eigenen Wide­sprüche, schon gar keine antagonistischen. Keine Konflikte, keine Gruppeninteressen usw. Effiziente, erlebte lebendige Demo­kratie als Prozedur realer Mitwirkung des Volkes bei Entscheidungsvorbereitung und -findung war kleingeschrieben.

 

Die eben genannten Überlegungen drängten sich wohl jedem DDR-Aufklärer auf, der in der BRD unterwegs war. Zwar war das nicht der eigentliche Inhalt der Aufklärerarbeit, die sich ja auf konkrete politische, ökonomische, militärische u.a. Bereiche der BRD richtete. Aber die eigene Reflexion über solche Zusammenhänge war dennoch ein Aufklärerthema. Denn sie wurden bei Überzeugungswerbungen auf unserer politischen Basis von den Partnern thematisiert.

 

Die Partner verlangten befriedigende Antworten. Und die waren in der Tat oft nur bei Abweichen von der offiziellen Linie vernünftig zu geben. Mit anderen Worten: dieses Problem schuf eine bestimmte Spannung zwischen der eigenen Erkenntnis und der offiziellen Linie, damit von selbst eine kritische Einstellung gegenüber bestimmten Momenten der Politik der Partei. Wie weit solche kritischen Erkenntnisse vom Punkt ins Allgemeine gehoben wurden, ist eine andere und unangenehme Frage.

 

Ich gebe dazu gleich ein Beispiel, will aber zuvor vermerken, daß das Nachdenken über das reale Funktionieren der westdeutschen Gesellschaft und ihrer inneren Me­chanismen auch erforderlich war, wenn wir fiktiv - in Gestalt einer "fremden Flagge" - als Vertreter irgendeiner westlichen Institution auftraten. Wehe, wenn wir unser DDR-Propagandabild unkritisch geprüft als Grundlage unserer Mimikry genommen hätten.

 

Jetzt das angekündigte Beispiel:

 

Ein potentieller Partner sei ein BRD-Bürger, der in einer demokratischen Bürgerbewegung für eine öffentliche gesellschaftliche Kontrolle der technischen Sicherheit eines Kernkraftwerkes (KKW) in der Nähe einer bundesdeutschen Großstadt aktiv ist. Nach den Havarin von KKW in den USA und in der Sowjetunion bekam diese Bürgerbewe­gung bekanntlich einen starken Zulauf und Aufschwung. Das Interesse des potentiellen Partners war darauf gerichtet, wie die gesellschaftliche Kontrolle der Kernkraft in der DDR gestaltet ist. Für ihn, für seine Identifi­zierung mit dem Sozialismus war solche Frage von hohem  Rang. Wie, so mochte er z.B. wissen, wird in Greifswald von der örtlichen Volksvertretung die analoge Kontrolle über das dortige KKW ausgeübt? Wie, eine weitere Frage, ist die Bevölkerung über das unvermeidliche Gefahrenpotential aufgeklärt? Und wie ist sie auf eine richtiges Verhalten im eventuellen Katastrophenfall vorbereitet? Ein solcher BRD-Bürger durfte  in der DDR ei­e strenge staatliche Kontrolle vermuten. Aber eine gesellschaftliche demokratische Kontrolle? Und ob die örtliche Volksvertretung eine effektive Kontrolle ausüben konnten, ob eine prophylaktische Vorbereitung der Bevölkerung auf einen Störfall auch nach Tschernobyl vorgesehen ist? Fragen, die ehrlicherweise verneint werden mußten. Wir lobten offiziell die bundesdeutschen Bürgerbewegungen, aber ein DDR-Bürger mit dem demokratischen Impetus unseres beispielhaften Bundesbürgers wäre schnell Gegenstand der MfS-Abwehr geworden. Der demokratische Standard in der DDR war al­o geringer, obwohl - bei gesellschaftlichem, jedenfalls nicht-kapitalistischem Eigentum an Produktionsmitteln - die Mitwirkung der Gesellschaft und der Bürger als Individuen doch um so leichter hätte sein sollen, geradezu systemimmanent.

 

Damit bin ich unversehens beim ganzen Ernst der Sache angelangt: bei unseren eigentlichen Aufklärungsinhalten.

 

Das bisher über jeweils individuelle Er­kenntnisse Gesagte verblieb natürlich nicht im Individuellen. Vermittelt durch Berichte, Gespräche, Arbeitserfolge und -mißerfolge nahmen sie Eingang in - ja, so muß man nach dem Untergang der DDR fragen -  in was denn? Natürlich wenigstens und zuerst in Köpfe, in die der Mitarbeiter der HVA, in die Köpfe der Kollegen, der Auswerter, der Chefs. Es wurde und wird bis heute oft über gewisse Verschiedenheiten im MfS gestritten. Die gab es gewiß. Sie hatten allerlei Gründe und Bedingungen. Die unter dem Zwang guter Arbeit im Operationsgebiet methodologisch und inhaltlich gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse setzten bestimmte Prägungen - für den Stil ebenso, wie für das politische Denken überhaupt, vielleicht auch etwas für das theoretische Denken.

 

„Wie gewinnen wir ihn?“

statt

„Wer ist wer?“

 

Ich möchte ein Moment nennen, welches m.E. besonders stilbildend war. Um Mitstreiter im Operationsgebiet zu gewinnen, konnte unserer Ansatz beim Kennenlernen eines interessanten Menschen nur sein: "Wie gewinnen wir ihn?". Sei es auf einer prinzipiellen Überzeugungs­rundlage, sei es durch eine partielle Bündnisbeziehung, sei es durch eine zwar fiktive, aber dennoch ideelle Übereinstimmung mit einer von uns benutzten fremden Flagge. Es ist eine offene Haltung. Sie ist das Gegenteil einer Mißtrauenshaltung. Die aber - wie grotesk! - grassierte  im Inneren der DDR immer mehr und mehr. Obwohl hier, wo wir die Macht besaßen, doch die Offenheit, die Werbungs-, Überzeu­ungs- und Bündnishaltung nicht nur adäquater, sondern auch unendlich leichter gewesen wäre, als im "fremden" Terrain. Das innere Sicherheitsverständnis war stattdessen durch die mißtrauensgetönte Frage "Wer ist wer?" und durch ideologisch verzerrte Beurteilungsraster bestimmt.

Hermann Kant ist viel gescholten. Um so lieber zitiere ich sehr gern seine fast klassische Auseinandersetzung mit dem Mißtrauen in der "Aula": Die Freunde aus dem Zimmer Roter Oktober erfahren beim Gespräch mit dem Spanienkämpfer und SED-Kreissekretär Haiduck über das Mißtrauen des doktrinären ABF-Partei­sekretärs Angelhoff gegen "Quasis" TBC-Arzt Grop­juhn: "Mißtrauen ist Munitionsvergeudung".

 

Natürlich war dieser Stil der HVA nicht eine bloß methodologische Sache, sondern ein politisches Konzept. In ihm drückten und reproduzierten sich marxistische und, ich scheue mich nicht, das zu sagen, im besten Sinne des Wortes leninistische Positionen aus - gegen den politischen und theoretischen Vulgär-Marxismus und Vulgär-Leninismus, z.B. von der "gesetzmäßigen Ve­schärfung des Klassenkampfes beim Auf­bau des Sozialismus".

 

Sie werden jetzt fragen, ob das denn alles gewesen sei, denn was nützte solches internes  Denken, wenn es doch um die Folgen für die Staatspolitik ging.

 

Um ein realistisches und wahrhaftiges
Bild vom Gegner

 

"Heißen Krieg mit verhindert, im Kalten Krieg besiegt" - unter dieser wohl zutreffenden Überschrift brachte das ND vor ein paar Wochen ein längeres Hintergrundgespräch mit dem letzten HVA-Chef Werner Großmann und einem unserer früheren Aufklärer, Klaus von Raussendorff[1]. Ihm folgte ein eindrucksvolles Interview mit Rainer Rupp ("Topas"), der im Gefängnis sitzt[2]. Am Beispiel der NATO-Aufklärung wird ein Moment jenes wechselseitigen Prozesses beschrieben, nachdem Irene Runge fragt. Nämlich die Gewinnung eines realistischen Bildes.

 

Ich möchte das aus der eigenen Praxis der Aufklärungsarbeit an zwei Themen illustrieren.

 

Ein wesentliches Moment der Sicherheitspolitik der SED und des MfS wird durch den Begriff, durch die theoretische Vorstellung von "Politisch-ideologischer Diversion" (PID) bezeichnet [3]. Sie ist zweifellos ein ideologisches Konstrukt. Dieses hatte im ersten Zugriff wähend der Systemauseinandersetzung eine gewisse Plausibilität. Etwa, wenn man an die psychologische Kriegführung denkt oder an die Konzeptionen des bundesdeutschen Diplomaten Alard v. Schaak[4] - "Der geistige Kampf in der Koexistenz" - oder des Politologen und späteren Sicherheitsberaters von US-Präsident Carter, Zbigniew Brzezinski - "Alternative zur Teilung"[5]. Auch ich war anfangs von dieser Plausibilität beein­druckt. Da ich mit dem Aufklärungsfeld "Bonner Deutschlandpolitik" zu tun hatte, war ich auf der Suche nach Beweisen, insbesondere für die nach dieser Theorie behauptete zentrale Steuerung der PID gegen die DDR. Wir suchten ihren masterplan.

 

Im Verlauf der Zeit wurde mir aber klar, daß die gesuchte zentrale Steuerung eine Projektion des eigenen Zentralismus auf die BRD war. Glossierend ließe sich gleichsam sagen, daß eine Art Politbüro des deutschen Imperialismus gesucht wurde, ein "Rat der Götter". Es war aber nicht zu finden[6]. Das "innerdeutsche Ministerium" (BMB) war gewiß keine politische Jungfernanstalt, aber für die Deutschlandpolitik keine solche omnipotente Zentrale. Im Gegenteil. Durch "unseren Mann" vor Ort konnten wir frühzeitig entdecken, daß sich im BMB - seit Wehners Ministerzeit - eine Gruppierung gebildet hatte, die sich gegen die tradierte FDP/CDU-Mannschaft abgrenzte und gegen den Widerstand der CDU/CSU und Teilen der FDP tatkräftig für eine realistische DDR-Politik, und zwar auf der Grundlage mit der DDR ausgehandelter Verträge, wirkte. Nicht aus Freundschaft für den Sozialismusversuch der DDR, aber im Inte­esse von Entspannung, Frieden, gegenseitig vorteilhafter Beziehungen.

 

Die von uns erarbeiteten Informationen und Analysen zeigten, daß das PID-Konstrukt nicht nur hinsichtlich der vermuteten Zentrale(n) falsch war. Es mußte auch zu politisch gefährlichen Folgerungen führen. Denn die Vorstellung einer "Zentrale" und eines masterplans ließ nämlich den wirklichen Mechanismus des Entstehens, der Reproduktion und nicht zuletzt der Resonanz von DDR- bzw. Sozialismus-feindlichen Vorstellungen übersehen. Die Tatsache nämlich, daß diese Feindlichkeit wesentlich spontan verlief und sich relativ selbständig reprodu­zierte[7]. Und zwar nicht nur auf den eigentlichen bourgeoisen Klasseninteressen  basierend, sondern auf einem relativ breiten ideologischen Bewertungs- und Ablehnungsmuster. Dieses Muster nährte sich leider auch aus manchen negativen Momenten des realen Sozialismusversuchs (insbesondere "Stalinismus"-Komplex, extreme Zentralisierung, politisches Demokratiedefizit, fehlende Gewaltenteilung, im Zweifelsfall brüchige Rechtsbindung, restriktive Kulturpolitik u.a.). Und natürlich aus den objektiven historischen Bedingungen, insbesondere des ungünstigen ökonomischen Kräfteverhältnisses. Der tatsächlichen Feindlichkeit gegen die DDR und unseren Sozialismusversuch konnte dann doch nicht offensiv und wirksam begegnet werden, in dem wir gleichsam unsere eigene innere zentralistisch-administrative Praxis nach außen wendeten. Erforderlich war wirklicher "geistiger Kampf": mit Argumenten - und mit Psychologie.

 

Unser Konstrukt PID war notwendig sektiererisch, weil es den normalen wissenschaftlichen bzw. philosophischen Diskurs, die normalen ideologisch-politischen, sowie theoretischen Auseinandersetzungen mit "bürgerlichem" Denken nicht streng unterschied von den tatsächlichen Inhalten und Formen der psychologischen Kriegführung. Alles "nicht­proletarische" bzw. nicht sozialistische Denken[8], alles neuzeitliche bürgerliche Denken bekam schnell den Stempel "feindlich" und wurde als Angriff ve­standen. Das ließ auch übersehen, oder erklärte nicht oder allenfalls deskriptiv, daß es innerhalb der Herrschenden in der BRD - aus vielerlei innen- und außenpolitischen und  ökonomischen Interessengründen - eine stark fortschreitende Differenzierung der Einstellung zur DDR gab. Und daß sie alle Parteien erfaßt hatte, besonders die SPD und die unter dem Druck ihres "Freiburger Flügels"  stehende FDP, ja sogar Teile der CDU (Weizsäcker). Ich möchte hier einfügen, daß z.B. das geistige und politische Phänomen Günter Gaus mit der PID-Theorie nicht erklärbar war. An ihm entlarvte sich die Hilfslosigkeit unserer Konstrukte.

 

Es bedurfte eines komplizierten Lernprozesses, um zu begreifen, daß die "neue Ostpolitik" der sozialliberalen Koalition nicht einfach eine elegantere, modernisierte Fortsetzung der alten Ostpolitik Erhards und Schröders war, sondern völlig neue Elemente aufwies.

 

Das PID-Konzept war gefährlich durch seine politische Selbsttäuschung über die DDR-internen Ursachen von Schwierigkeiten und Konflikten. Anstatt - wie z.B. von Jürgen Kuczynski immer wieder in die Diskussion gebracht und von Werner Lamberz vorsichtig aufgegriffen worden war - die "eigenen" inneren dialektischen Widersprüche der gesellschaftlichen Entwick­lung zu sehen, zu benennen und zu analysieren, wurden sie verdrängt. Damit aber mehrten sich die Schwierigkeiten, die sich auch im Verhalten der DDR-Bürger ausdrückten, darunter in solchem, welches vom MfS unscharf und subjektivistisch gern als "feindlich-negativ" gewertet wurde. Solche Schwierigkeiten wurden der feindlichen Einwirkung "von außen" zugeschrieben. Statt innere Widersprüche auszutragen und Ursachen zu beseitigen, wurden sie als importiert betrachtet, womit das Stigma der "Feindlichkeit" ("politisch-negativ") ermöglicht wurde.

 

Einfaches Beispiel: Die Republikflucht qualifizierter Arbeitskräfte wurde fast ausschließlich und vulgarisierend der "Abwerbung" zugeschrieben, und nicht oder kaum als Folge innerer, selbstgemachter Probleme begriffen. Über dieses erstrangige politische Problem gab es (ausgenommen kurze Zeit nach dem 13. August 1961) keinen Diskurs, noch nicht einmal auf ZK-Tagungen.

 

Den tatsächlichen Feinden des Sozialismu­versuchs konnte das nur willkommen sein.

 

Bahrs „Wandel“ als Risiko

Bahrs „Annäherung“ als Chance der DDR

 

Otto Winzer charakterisierte - in dieser Denkrichtung - Egon Bahrs Konzeption "Wandel durch Annäherung" als "Konterrevo­lution auf Filzlatschen". Damit nahm er allerdings nur ein Element dieses Konzepts auf.

 

Das zweite Element, welches - unter dem Druck des atomaren Kräftegleichgewichts und der gebotenen  internationalen Entspannung - Bahrs Konzept prägte, war Realismus mit der Einsicht, daß "Wandel" eben nur mittels Entspannung erreichbar sei. Also nicht mehr mit einer "Politik der Stärke" - militärischer Stärke und "Befreiungsziel".  Ich wage zu behaupten, daß noch nach Erfurt und Kassel[9] dieses zweite Element übersehen oder unterschätzt wurde. Das gilt vor allem anderen für das Primat der Friedenserhaltung, für die Abkehr von der harschen Konfrontation und der inhumanen Mobilsierungs-Losung "Lieber tot als rot". In der Tat führten diese neuen Elemente schließlich zu friedenspolitischer Kooperation, zu Entspannung, Anerkennung der Grenzen, die als Ergebnis des II. Weltkrieges entstanden waren,  zu Ausgleich und in Richtung auf gute Nachbarschaft, zur KSZE, zum Konzept der  "Sicherheitspartnerschaft". 

 

Welchen Inhalt auch immer die bundesdeutschen Planer dem strategischen Ziel des "Wandels" ursprünglich gaben, wie auch immer sie dieses Ziel angesichts unabsehbarer Dauer der deutschen Zweistaatlichkeit dann modififierten, allein um des Friedens willen mußte die "Annäherung" ein striktes Gebot sein - und von unserer Seite deshalb als ein Fortschritt verstanden werden. Denn das Friedensziel war unser oberster Wert.

 

War nun ein perspektivischer (!) "Wandel" im Sinne einer Abkehr vom Sozialismus (so, wie wir ihn offiziell oder subjektiv in anderer Nuancierung verstanden) unser Risiko, so war "Annäherung" wohl eine Chance für uns.

 

Chance freilich - die ökonomischen Kräfteverhältnisse hier einmal außer Betracht lassend - nur unter der Bedingung, die DDR (und die SED) hätten sich anpassungs- und reformfähig gezeigt.

 

Ich glaube, daß die Beschäftigung mit  den Interna der Bonner Politik, in ihrer von öffentlichen Sprachregelungen befreiten und unverzerrten Gestalt, beigetragen hat, die Interessen und die Strategie der "anderen Seite" richtiger zu erkennen und zu bewerten, ein realistisches, ideologisch weniger vorurteilsbelastetes Bild als Grundlage für eigene realistische Politik zu gewinnen. Das schloß eine genauere Beurteilung des Kräfteverhältnisses zwischen Protagonisten und Gegnern der neuen Ostpolitik ein, auch des Grades der Entschlossenheit und der Kompromißspielräume.

 

Dies zu erkennen, zu belegen, zu verdeutli­hen war ein Aspekt meines geheimdienstlichen Lebens - und mein individuelles Selbstverständnis. Auch heute, angesichts des verlorenen Kalten Krieges, sage ich nicht, es sei unproduk­tiv oder nicht "nützlich" gewesen. Meine wechselseitige Sicht auf das Geschehen ist wohl nicht unter dem Gesichtspunkt etwaig aufkommenden Oppositionsdenkens zu prüfen. Das lag und liegt mir fern. Vermerken muß ich aber meine Entdeckung, daß auf beiden Seiten in der politischen Meinungsbildung der Staatsspitzen Zufälligkeiten, persönliche Eigenheiten, Subjektivismus und ausgesprochen irrationale Momente einen bemerkenswerten Einfluß hatten. Neben dem Gehemmtsein, sich in die Interessenlage des Gegenüber ohne Vor-Urteil hineinzuversetzen.

Es war ein Lernprozess - mein individueller und zugleich Teil eines kollektiven, an dem meine operativen Partner und ich anregenden Anteil hatten. Dieses Lernen führte - für mich - sowohl zur selbstkritischen Betrachtung unserer Ver­hältnisse, als auch und zugleich (!) zu einer verstärkten Identifizierung mit der DDR.

 

Denn die intimere Beschäftigung mit Teilbereichen altbundesdeutscher Verhältnisse und Politik  ergab,  daß die BRD und der Kapitalismus mir keine wünschbare Alternative zur DDR waren. Sie konnten nur das Streben stimulieren, die DDR zu verändern, den realen Sozialismus zu verbessern.

 

Ich vermeide den Begriff "reformieren", weil er zwar das Gewollte trifft, aber (zumindest bis Andropow und Gorbatschow) kein Begriff der Selbstverständigung war.

 

Ich nenne aus meiner operativen Arbeit einige beispielhafte Punkte für diese Gedankengänge.

 

Ursprünglich war eigentlich vorgesehen, daß ich einen alten Genossen ablösen und die Führung einer langjährigen Spitzenquelle in der Bonner Deutschlandpolitik übernehmen sollte. Ein erster Kontakt hatte stattgefunden. Auf Weisung Markus Wolfs wurde dann aber von uns die Zusammenarbeit eingestellt. Funde in polnischen Archiven hatten ergeben, daß der Betreffende in der faschistischen Okkupationsverwaltung in Krakow tätig gewesen und mitverantwortlich war für die Organisierung des Massenmordes an 40000 polnischen Kindern, Frauen und alten Menschen. Immerhin, dieser Mann war eine sogenannte "Spitzenquelle"! Einerseits, ursprünglich, nach dem Krieg, war wohl Rückversicherung sein Motiv gewesen, den Kontakt mit uns zu suchen. Andererseits war in der Zeit des Kalten Krieges ein Mann mit dieser Vergangenheit (die in Globke-Kreisen bekannt war!) dafür legitimiert, als zweithöchster Beamter in dem mit der Politik gegen die DDR befaßten Apparat der Bundesregierung Dienst zu tun.

 

Ich nenne ein zweites Beispiel. Bekanntlich begann in der Zeit der Carter-Administration der USA ein Nachdenken, wie die USA ihre außenpolitische Unterstützung des Apartheid-Regimes in Südafrika modifizieren könnte, sogar über Embargo und andere ökonomische Restriktionen wurde nachgedacht. Die Freundschaft mit dem Rassisten-Regime war zu belastend geworden, vor allem drohte die Konsequenz, Schwarzafrika könnte sich mehr der Sowjetunion zuwenden. Zur Koordination der zu modifizierenden westlichen Außenpolitik wurde eine Kontaktgruppe gebildet, die "Fünferbande", wie sie im westlichen Jargon hieß: USA, Großbritannien, Frankreich, Japan, BRD. Kanzler Kohl äußerte unlängst beim Empfang Nelson Mandelas lobend, die BRD-Großkonzerne hätten sich in Südafrika als demokratische Kraft gegen die Apartheid bewährt. Da kam mir in Erinnerung, wie die BRD (neben GB) bemüht war, sich den ohnehin schwachen Restriktionen gegen Südafrika zu entziehen. Die BRD-Konzern-Niederlassungen spielten keine rühmliche Rolle, als mit einem sog. Kodex multinationaler Konzerne versucht wurde, innerhalb ihrer südafrikanischen Niederlassungen den Rassismus einzuschränken. Wie wohltuend, die DDR ohne Wenn und Aber an der Seite des ANC in Südafrika und der SWAPO in Namibia zu sehen!

 

Das dritte Beispiel dient mir der Rückkehr zu dem, was ich eingangs über die Attraktion der Oberfläche und die Verborgenheit wesentlicher Zusammenhänge gesagt hatte: Einer meiner operat­ven Partner, ein kompetenter Sachverständiger auf diesem Gebiet, rechnete mir für einen Zeitraum von 50 Jahren mathematisch genau vor, welches ungeheuer profitable Geschäft die Metropolen, darunter die BRD, mit der Ausreichung von Krediten an die Dritte Welt machen. Der Netto-Kapitaltransfer in die zutreffend als imperialistisch zu bezeichnenden Staaten, also der Saldo  aus Kreditsummen und Schulden- sowie Zinsendienst, schwillt progressiv an. Dabei wird die Verpflichtung der OECD-Länder, 0,7% ihres BSP als Entwicklungshilfe zu leisten, von der BRD noch nicht einmal bis zur Hälfte erreicht. [10]

 

Ich nähere mich dem Ende meiner Einführung. Mit zwei weiteren Beispielen über ideologische Fehlleistungen, denen ich ausgesetzt war und von denen ich mich - auch dank meiner Partner - in einem gewissen Grade befreien konnte.

 

Das erste Beispiel ist sogar ein sehr dienstliches. Ein Partner hatte für uns eine eigene Prognose der sowjetischen Erdölförderung und der -höffigkeit in den nächsten 25 - 30 Jahren ausgearbeitet. Seine Prognose-Kurve zeigte für einige Jahre einen steilen Anstieg (wie frohlockte unserer Herz!). Dann folgte Stagnation und schließlich ein stetiges Absinken der quanti­ativen und der qualitativen Förderleistungen. Seine Begründung der nachlassenden Effizienz wischten wir beiseite: Drückte sie nicht trefflich die Enge und die Vorurteile des bürgerlichen Erkenntnishorizontes, seine "Klassenschranken" aus? Aber dann, oh weh, gab der Realverlauf unserem Ratgeber recht. Nicht er, nein, wir waren ideologisch von engem Horizont. Für mich ein Grund mehr zu begreifen, daß ein sozialistischer Nachrichtendienst wie ein Wissenschaftler sine ira et studio arbeiten und sich von ideologischer Befangenheit freihalten müsse. Aber da lag eben auch unser erkenntnis­feindliches "Grenzregime".

 

Mein letztes Beispiel zu "Wechselwirkungen" ist ein sehr persönliches und mit einem Dank an einen meiner operativen Partner verbunden. Vermutlich fast alle meiner politischen Generation in der DDR bzw. der SED waren von den Dogmen des verballhornten Marxismus und Leninismus infiziert und hatten sie z.T. verinnerlicht. Für mich traf dies in einem ganz besonderen Ausmaß, das mir bis heute peinlich ist, für kulturpolitische Dogmen zu. Shdanow war mir plausibel. Und trotz Brechts Warnung, das Volk sei "nicht tümlich", war ich von der kultur- und künstler­feindlichen Fassung der geforderten Volkstümlichkeit nicht frei. Den ersten Knick bekam diese Indoktrination, als ich irgendwann in den 50er Jahren durch Westberlin mit der S-Bahn nach Potsdam fahren mußte und die farbigen Fassaden und Balkons sah. Spontan fand ich einigen Gefallen und erschrak:  Besagte nicht unsere Kunstdoktrin - seit Herrnstadts brillantem aber scharfmacherischem ND-Artikel "Über den Baustil, den politi­chen Stil und den Genossen Henselmann", solches sei bürgerliche (!) Dekadenz in der Architektur? Es folgten zwar weitere "Knicke" - aber erst den heftigen Diskussionen mit meinem Freund K., der von Kunst weitaus mehr verstand und fast ein "absolutes Auge" hatte, danke ich Befreiung von solchem Unsinn. Womöglich, wer weiß?, würde ich ihm sonst bis heute anhängen.

 

Andererseits rechne ich es mir mit Befriedigung an, daß mir Walter Jens, u.a. gerade wegen seines Rosa-Luxemburg-Stückes, stets als ein objektiver und praktisch als ein "paralleler" Verbündeter erschien, während er in der HA XX des MfS als "besonderes gefährlichen Konterrevolutionär" angesehen wurde.

 

* . *

Aufklärungsarbeit für die HVA war also in vielfacher Hinsicht ein Bildungs- und politisches Erkenntnis-Unternehmen.

 

Was bleibt?

 

An individuellem Lernerfolg wohl einiges - und damit Gewinn und Freude.

An gesellschaftlichem? Die Niederlage unseres Sozialismusversuches hat vieles - und am Ende verdient - auf den Müllplatz verwiesen. Darunter ist womöglich einiges irrtümlich dort gelandet und wird später gesucht und gefunden werden.

 

Im übrigen sage ich - getreu meiner Herkunft aus einer naturwissenschaftlichen Schule - "keine" Ergebnisse, keine Erfolge der ersten Experimente sind auch Ergebnisse: Sie offenbaren die Irrwege, verdeutlichen Bedingungen, fördern das Verstehen, beflügeln die Intuition und sie bereichern die Wissenschaft. 

 

Aber ohne Utopie und ohne Wissenschaft, nur mit politischem Pragmatismus, wird es für die Menschen kein Überleben geben.


 

 



[1] ND, 8.8.96:  Heißen Krieg mit verhindert, im Kalten Krieg besiegt

[2] ND, 10./11.8.95: Zwischen Gulaschsuppe und Kartoffelschalen

[3]  Vgl. Das Wörterbuch der Staatssicherheit - Definitionen zu 'politisch operativen Arbeit'; Berlin 1966; Stichworte "Politisch-ideologische Diversion", "Politisch-ideologische Diversion, Zentren", S. 303 f.

[4] in: Außenpolitik, Stuttgart, Heft 11/1962, S. 765 f.

[5] Zbigniew K. Brzezinski: Alternative zur Teilung; Köln Berlin 1966

[6] Am ehesten hätte diese Vorstellung für das zentralisierte und diktatorische Naziregime eine Berechtigung, da wohl die Mehrheit der herrschenden Klasse diese Form der Machtausübung als ihren Interessen angemessen sah und Abstriche an Sonderinteressen hingenommen hatte.

[7] Nicht anders, als Friedrich Engels das Wirken von ideologischen Konstrukten beschrieb: "Die Ideologie ist ein Prozeß, der zwar mit Bewußtsein vom sogenannten Denker vollz­gen wird, aber mit falschem Bewußtsein. Die eigentlichen Triebkräfte die ihn bewegen, ble­ben ihm unbekannt: sonst wäre es kein ideologischer Prozeß Er imaginiert sich also falsche resp. scheinbare Triebkräfte. Weil es ein Denkprozeß ist, leitet er seinen In­halt wie seine Form aus dem reinen Denken ab, entweder seinen eigenen oder dem seiner Vorgänger. ... Der historische Ideolog (historisch soll hier einfach zusammenfassend stehen für politisch, juristisch, philosophisch, theologisch, kurz für alle Gebiete, die der Gesellschaft angehören und nicht bloß der Natur) - der historische Ideolog hat also ... einen Stoff, der sich selbständig aus dem Denken früherer Generationen gebildet und im Gehirn dieser einander folgenden Generationen eine selbständige, eigene Entwicklungsreihe durchgemacht hat."

in: Karl Marx/Friedrich Engels: Ausgewählte Briefe, Berlin 1953, S. 549

[8] Die Definitionsmacht, was denn sozialistischen Denkens sei, billigten wir nur uns selbst zu, genauer gesagt, war es die jeweils gültige "Linie der Partei".

[9] Die Treffen der beiden Regierungschefs Stoph und Brandt in Erfurt im März  und in Kassel im Mai 1970

[10] Nur die skandinavischen Länder erreichen das "Soll".