Wolfgang Hartmann

 

Diskussionsbeitrag für die Konferenz der Historischen Kommission der PDS  „Realsozialistische Kommunistenverfolgung - Von der Lubjanka bis Hohenschönhausen“  am 21. Juni 1997 in Berlin

 

           

„Das Erbe Dzierzynskis“
 - oder weshalb seine Nachdenklichkeit abhanden kam

 

Persönliche Reflexionen und Fragen an Meinesgleichen

 


I.

 

 

Mir sei ein Gedankenexperiment erlaubt: Wir stellen uns vor, zu DDR-Zeit, vielleicht 1956 nach dem XX. Parteitag der KPdSU, sei ein verantwortlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS) gefragt worden, ob er es als hypothetisch denkbar ansähe, dieses Ministerium könnte in „irgendeine Art von ‘Ochrana’“ ausarten?

 

(Die Ochrana war die gegen aufbegehrende Demokraten und gegen die Arbeiterbewegung Rußlands gerichtete brutale zaristische Geheimpolizei. Ihr Name wurde Synonym für Provokation, brutale Unterdrückung und Terror gegen das Volk.)

 

Welches wäre die Reaktion auf die Frage gewesen? Sehr wahrscheinlich hätte allein die bloße Erkundigung nach solcher Möglichkeit Entrüstung ausgelöst und die argwöhnische Vermutung, ob sie nicht einem „politisch-negativen“ Denken entspringe. Wenn nicht gar einer „feindlich-negativen“ Haltung!

 

Aber: Eben eine solche Frage stellte sich Feliks Dzierzynski, der Gründer der Außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution und Sabotage. Denn ahnungsvoll erwog er die Gefahr einer Entartung der Tscheka.

 

Darüber wird Erstaunliches erfahren, wer die Erinnerungen Zofia Dzierzynskas, seiner Frau, aufschlägt, obwohl die 1964 in der Sowjetunion erschienene Fassung gewiß gefiltert ist. Sie schreibt::

 

„Feliks war nach den Worten W. R. Menshinskis[1] ‘der strengste Kritiker seiner Schöpfung (der Tscheka - Z.D.)’. Er fürchtete nichts mehr, als daß sich der Wurm in ihr einniste, sie ein sich selbst genügendes Organ werde, die Verbindung zur Partei verlöre, ihre Mitarbeiter schließlich auf Abwege gerieten und ihre immensen Rechte ausnutzten“[2]

 

Zofia Dzierzynska berichtet, ihr Mann habe die Gefahr gesehen, seine Schöpfung könne „schädlich“ werden und „in eine Ochrana oder in ein Organ der Konterrevolution (ausarten)“[3]. Nämlich dann, wenn sie nicht ein „Organ des Zentralkomitees“ bleibe, also dessen Kontrolle entzogen werde. Dieser Satz muß vor dem Hintergrund des leninschen Parteiverständnisses und Lenins Verlangen nach Demokratismus  und der damaligen Situationen verstanden werden, in welcher die Frage „Wer - wen?“ noch nicht entschieden war.

 

Mit wenigen Sätzen vermittelt Zofia Dzierzynska zudem, worin ihr Mann das eigene, ein kommunistisches Ethos dieses Machtorgans sah: Er verlangte nämlich nicht nur Konsequenz bei der Bekämpfung der im damaligen Bürgerkrieg und der ausländischen Intervention gegenwärtigen Konterrevolution. In dieser angespannten Situation forderte er strikte Gesetzlichkeit sowie von den Mitarbeitern, „sich um die Menschen zu kümmern und taktvoll (sic!) selbst gegenüber denen zu sein, die verdächtigt wurden, Verbrechen gegen die Arbeiter-und Bauern-Macht begangen zu haben.“[4] Zofia Dzierzynska zitiert Feliks D.:

 

„’Wer von euch hart geworden ist gegenüber den Leiden der Inhaftierten, der sollte diese Institution verlassen. Hier muß man mehr als anderswo ein gutes mitfühlendes Herz haben.’“ Den Tschekisten als Repräsentanten dieser Macht  gebot er: „’Jeder Anschnauzer, jede Grobheit, Unbescheidenheit und Unhöflichkeit ... ist ein Schandfleck, der auf diese Macht zurückfällt.’“ [5]

 

Dieses niederschreibend, bin ich versucht, als Kontrast einige Zitate des rüden Anklagegebrülls Wyschinskis in den Moskauer Prozessen dagegenzusetzen, oder die widerspruchslos angehörten polternden Machtworte des Ministers E.M., oder - schlimmer! - Dokumente über die erniedrigende Behandlung, welche in MfS-Haft Kommunisten zuteil wurde, die später von erfundenen Anschuldigungen befreit und rehabilitiert werden mußten, wie z.B. die in Haft genommenen Kommunisten Leo Bauer, Alfred Drögemüller, Willi Kreikemeier; Paul Merker; Fritz Müller; Johannes Schellenberger; Hans Schrecker; Fritz Sperling; Bernhard Steinberger, Rudolf Zuckermann.

 

II.

 

Das MfS sah sich in der revolutionären Tradition der Tscheka. Minister Mielke liebte es, die Mitarbeiter mit Pathos Tschekisten zu nennen. Dzierzynskis Verlangen, die Mitarbeiter der Tscheka sollten einen „kühlen Kopf, ein heißes Herz und absolut saubere Hände“ haben und persönlich bescheiden sein, war den meisten Mitarbeitern des MfS wohl nicht nur ein geläufiges Zitat - sondern ein persönlich ehrliches Ideal. Dieses nehme ich auch für mich in Anspruch.

 

Aber: War in unser Denken auch die Nachdenklichkeit Dzierzynskis eingegangen, mit der er die immanenten Gefahren der Entartung eines Apparates sah, welcher mit so großer Macht ausgestattet war? Und zwar schon zu einer Zeit, als die innere Entwicklung der Sowjetunion noch von Bürgerkrieg und ausländischer Intervention bestimmt war und noch nicht, wie in den 30er Jahren, vom „Sieg des Sozialismus“ gesprochen wurde?

 

Wäre solche Nachdenklichkeit über immanente Gefahren des Machtapparates MfS nicht zwingend notwendig geworden? Nicht schon spätetestens

 

·       nachdem der XX. Parteitag der KPdSU 1956 die nach Dzierzynskis Tod in der Stalinzeit eingetretene Entartung der Tscheka enthüllt hatte,

·       nachdem Beria entmachtet wurde und

·       nachdem auch in der DDR viele Menschen, meist bewährte Kommunisten, rehabilitiert werden mußten - an deren Anschuldigungen, Verurteilungen und Haftbedingungen das MfS seinen praktischen Anteil hatte?

Diese Nachdenklichkeit kann sich natürlich nicht auf bloße konkrete „Einzel-Fälle“, namentlich von ungerechtfertigter strafrechtlicher Repression, begrenzen. Eine solche Beschränkung käme ihrer Verniedlichung zu Justizirrtümern gleich. Besonders von heute her gesehen ist auch zu bedenken, mit welchem eigenen Zutun das MfS bis zum Ende der DDR die jeweiligen dogmatischen Züge der Kultur-, Wissenschafts- und Informations-Politik der SED, die öffentliche Selbsttäuschung über die ökonomische Situation und die Art der inneren Konfliktursachen unterstützte. Denn damit wurden für den Sozialismus große Potentiale von Kreativität zerstört; Intellektuellenfeindlichkeit und Mißtrauen gegen kritisches Denken wurden genährt. Nachzudenken ist über die Zusammenhänge aller dieser Elemente der Sicherheitspolitik und über ihre ideologischen Rechtfertigungen, d.h. also über das Herrschafts- und Demokratieverständnis.

 

In vielen Diskussionen nach dem Ende der DDR habe ich erfahren, wie schwierig selbst mit dem Abstand einiger Jahre solches kritisches Nachdenken ist. Z. B. berufen sich manche der Jüngeren darauf, sie seien zu jung gewesen, um den XX. Parteitag der KPdSU bewußt wahrgenommen zu haben. In ihrer Ausbildung und „Erziehung“ zu Tschekisten seien die dort aufgeworfenen Probleme niemals offiziell thematisiert worden. Die letzte Feststellung ist richtig und enthüllt die strikte Tabuisierung dieser Thematik durch die SED(-Führung): „Keine Fehlerdiskussion!“. Sie belegt, wie wenig konsequent oder gar nicht (nach Zaissers Absetzung[6]) die stalinistischen Denkmuster des Gesellschaftsverständnisses und der Herrschaftsausübung seitens der MfS-Leitung in Frage gestellt wurden. Die MfS-Leitung ging, nach den (oft nur halbherzigen) Rehabilitierungen, zur Tagesordnung über. Waren (sind) die verweigerte Benennung und die „Enthaltsamkeit“ bei der kritischen Auseinandersetzung mit Irrtümern und Fehlern nicht auch Zeichen von Machtarroganz, eines Ausweichens vor eigener politischer Verantwortung - und einer Anspruchslosigkeit des theoretischen Denkens? Wer dennoch darüber sprechen wollte, bekam schnell den Stempel „politisch-negativ“, „revisionistisch“ o.ä..

Zuweilen wird die gleichermaßen oberflächliche wie blockierende Erklärung angeboten, es sei eben Vorkrieg oder Krieg und Faschismus oder eben kalter Krieg gewesen. Als ob infolgedessen das Gesetz des eigenen Handelns vollständig dem - tatsächlichen - Gegner abgetreten und nun von diesem bestimmt wurde, als ob  die eigenen Ideale und Maßstäbe suspendiert seien!

 

III.

 

Lassen wir für unsere Betrachtung an dieser Stelle beiseite, welches die spezifische Verantwortung der Verantwortlichen an der Spitze des Machtapparates war. Deren Verantwortung taugt nicht als Alibi: Es sei denn, wir wollten in das spießige Klischee des tumben Mitläufers schlittern, der selbst ohne gesellschaftliche Mitverantwortung für das Ganze eben nur mit den völlig legitimen Staatsschutzfunktionen, z.B. der Verfolgung von Spionage oder Terrorismus, zu tun gehabt hat?

 

Fragen wir also uns selbst: Darf man - erst recht von heute her gesehen! - den ersten Teil der oben zitierten Antwort hinnehmen, nämlich die Berufung auf „späte Geburt“? Oder die Berufung darauf, selbst an diesem oder jenem zweifelhaften Geschehen nicht mitgewirkt, keinen eigenen (direkten) Einfluß gehabt zu haben?  Zumal wir doch sonst und völlig richtig darauf beharren, daß geschichtliche Zusammenhänge, politische Inhalte und wichtige Tatsachen nicht ausgeblendet werden dürfen! Denn wenn auch nicht offiziell, nicht „von oben“ gewünscht, war allein schon aus der viel gelesenen Literatur reichlich und erschütternd über Machtmißbrauch und tragische Menschenschicksale bekannt.

 

·       Wer von uns Mitarbeitern des MfS las nicht die Romane Konstantin Simonows? Erhielten wir - am Beispiel von Serpilins Schicksal - nicht Kenntnis von Abgründen?

·       Wer von den Mitarbeitern des MfS las nicht einen der Romane Tschingis Aitmatows? Erhielten wir nicht aus seinem „Weißen Dampfer“, aus „Gülsary“ oder der „Richtstatt“ reichliche historische Kenntnis? Welche Gedanken löste das Gleichnis der an den „Mankurts“ vollzogenen Menschenmanipulation in Aitmanows „Der Tag zieht seinen Jahrhundertweg“ aus? Hatte er nur über eine vergangene Geschichte oder nicht auch über Gegenwart geschrieben?

·       Wer von den Mitarbeitern des MfS erhielt durch das Schicksal unseres Traditionshelden Richard Sorge nicht Anstoß für kritische Nachdenklichkeit?

·       Und welches waren unsere Gedanken beim Lesen der Memoiren Sandor Radós? Geben sie doch Einblick, wie die entartete Tscheka nach 1945 mit diesem großen Aufklärer umgegangen war.

·       Drang nichts über das tragische Schicksal des Grand chef der Roten Kapelle, Leopold Trepper, in unsere Sinne?

·       Und fragten wir uns nicht nach dem Schicksal Bersins, des legendären und erfolgreichen Chefs der sowjetischen Militär-Aufklärung?

·       Was dachten wir uns beim Lesen der Erinnerungen Erwin Geschonneks über seine faktische Auslieferung an die Nazis?

 

War dies alles etwa nur eine sowjetische Sache und fern von uns? Betraf es nur das sowjetische Vorbildorgan oder nur die frühen sowjetischen Besatzungseinflüße? Hatten wir nicht vieles davon angenommen und als Eigenes verinnerlicht? Auch, als wir längst kritikfähig sein konnten?

 

Welchen Einfluß auf unser Problembewußtsein und auf unser Handeln im eigenen Spielraum gewannen Debatten und Auseinandersetzungen in der DDR?:

 

·       Wer las nicht Kuczynskis „Dialog mit dem Urenkel“ und darin über die dogmatischen Verirrungen unseres Gesellschaftsverständnisses: Im Sozialismus keine Widersprüche, schon gar keine antagonistischen?!

 

·       Was dachten wir uns über die von Hermann Kant in der „Aula“ erzählte Geschichte einer fast klassischen Aus­einandersetzung mit unserem Mißtrauen?: Die Freunde Iswall, Trullesand und Jakob Filter aus dem Zimmer „Roter Oktober“ suchen im Gespräch mit dem Spa­nien­kämpfer und SED-Kreissekretär Haiduck Rat wegen des vom doktrinären ABF-Partei­sekretärs Angelhoff gegen "Quasi“ Riecks TBC-Arzt Grop­juhn erhobenen Mißtrauens, denn dieser plane einen „Angriff auf die ABF“. Sie erfahren: "Miß­trauen ist Muniti­ons­vergeudung". Löste es nicht unsere Nachdenklichkeit aus, wie Kant jenen hysterischen Typ von Kurzschluß-Argu­men­tationen Angelhoffs lächerlich macht, welcher doch auch in unseren Reihen nicht fremd war: Der TB-Arzt Gropjuhn sei nicht Mitglied der DSF, „folglich“ kein Freund der Sowjetunion, „folglich“ ein Feind der Sowjetunion, „folglich“ gegen den Frieden, „folglich“ ein Feind? War dies nicht eine „Folge“-Kette, die schnell und leicht zur Wertung „politisch-negativ“ führte?

 

War es nicht so, daß  - nach dem XX. Parteitag - diese und andere unübersehbare Anstöße zu Nachdenklichkeit nur noch mit Ignoranz übersehen werden konnten? Eine peinliche Frage, aber wir müssen sie uns selbst stellen.

 

IV.

 

All dieses hätte doch - „von unten“ her! - Dzierzynskis Nachdenklichkeit über Entartungsgefahren, über deren Gründe und Erscheinungsformen in uns erwecken müssen. Und mehr als nur Nachdenklichkeit: auch Konsequenzen für das Verständnis der eigenen Arbeit, für das eigene Verhalten, zumindest im Spielraum der eigenen Verantwortlichkeit.

 

Wie sind wir damit umgegangen? Gab es etwa überhaupt keine Nachdenklichkeit? Doch, es gab sie, wenn auch selten im „offiziellen Raum“. Weshalb aber nicht im offiziellen Raum, z.B. in den Versammlungen der SED oder in Schulungen? Weshalb nur „inoffiziell“? Was setzte der Nachdenklichkeit Grenzen und dem Geltendmachen ihrer Ergebnisse enge Schranken, sodaß dann am Ende wir die Zeichen nicht erkannten oder verdrängten?

 

Weshalb haben wir unsere „inoffiziellen“ Erkenntnisse und Ansichten nicht so in unserem Handeln umgesetzt, daß  von uns und rechtzeitig eine Reform des realen Sozialismus ausging?

 

Dazu gehört die (Teil-)Frage, weshalb sich unser Selbstbild von dem des Volkes entfernt hat. Bis sich dann das Volk erst allmählich, dann sprunghaft und massenweise von der DDR abwandte. Obwohl sie doch gegen die Barbarei des asozialen Kapitalismus mit seinen Kriegen, mit seinem Tanz um die Macht des Geldes, mit seiner sozialen Kälte, mit seiner Ausbeutung der Dritten Welt - und mit seinen faschistischen Ausgeburten! - dennoch ein kostbarer Ansatz für eine Alternative war? „Wir“ müssen darauf Antworten suchen und sie unseren Erben, unseren „Urenkeln“ hinterlassen.

 

Was hinderte uns? Wollen wir, die wir doch glaubten Marxisten zu sein, behaupten, wir wären nur bewußtlose und willenlose Rädchen eines Mechanismus gewesen und wir hätten uns nicht als Subjekt der Geschichte verstanden: Das System war alles, ich bin ein Nichts, also auch für nichts verantwortlich? Wie erklären  wir uns das hier beschriebene Phänomen eines subjektiven Versagens? Ja, eines Versagens, denn - sehen wir vom Faktor des ökonomischen Kräfteverhältnisses ab - unser Versuch,  eine sozialistische Gesellschaft zu schaffen, ist auch durch unser Tun und Unterlassen gescheitert.

V.

 

Leider gibt es keine repräsentative soziologische Untersuchung dieses Phänomens. Deshalb bleibt nur der mühevolle Weg, subjektive Reflexionen über eigene Erfahrungen zusammenzutragen. In Kurt Hagers Erinnerungen[7] findet sich mehrfach die Selbstbezichtigung, er sei in bestimmten Situationen feige gewesen. Mag sein. Aber er und viele andere haben im Kampf gegen den Faschismus großen persönlichen Mut bewiesen. Daher kann wohl kaum von charakterlicher Feigheit gesprochen werden. Was im Einzelfall  als eine individuelle Feigheit oder - z.B. bei gewissen Geständnissen und selbstkritischen Bezichtigungen - als Kapitulation vor dem Druck der eigenen Genossen erscheinen mag, war es nicht ein soziales und ideologisches Phänomen, dessen Genese wir zu ergründen und aufzudecken verpflichtet sind? Nein, Feigheit und bloßer Opportunismus sind kein befriedigender Erklärungsansatz, obwohl natürlich nicht zu leugnen ist, daß es übersteigerten Ehrgeiz, charakterlichen Opportunismus und die korrumpierende Wirkung von Karriere-Denken gab. Das wäre bei einem so großen Apparat und bei den gering entwickelten Formen offener Diskussion eine zu naive Annahme Wir wollen hier darauf nicht näher eingehen, denn es sind keine spezifischen Erscheinungen der DDR-Gesellschaft.

 

Von meinen Überlegungen glaube ich, daß sie trotz - oder vielleicht gerade wegen - einiger Besonderheiten meiner Biographie  einen Pfad öffnen könnten, dieses Phänomen zu verstehen. Prozeßhaft vereinigen sich in  ihm viele Komponenten: Unerfahrenheit und wachsende Erfahrung; unkritisches Vertrauen in tatsächliche oder angemaßte Autoritäten und wachsende Unabhängigkeit des Denkens; naive Gläubigkeit und wachsendes  kritisches Denken; Verdrängungen und treibende Zweifel; disziplinierte Selbstzensur mit der „Schere im Kopf“ und Aufbegehren; Zaudern und Unsicherheiten; aufrichtige Loyalität; taktische Anpassungen. Die taktischen Anpassungen folgten oft aus der Bestimmung von Prioritäten. Auf diese werde ich noch zurückkommen.

 

Zu dem hier erörterten Phänomen gehören unabtrennbar begünstigende Umstände und „die Verhältnisse“, aus denen sich Kriterien und Prioritäten für die persönlichen Werte und das persönlichen Verhalten ableiteten.

 

Ich sehe allerdings keinen Grund, jene Erwartung an linke Selbstkritik zu erfüllen, wonach ausgerechnet und allein von denjenigen abzuverlangen wäre, engelsrein und ohne Abweichung vom eigenen Ideal zu sein, die nach dem Faschismus, nach Deutschlands Okkupation Europas, nach industrialisiertem Menschenmord eine an die Wurzeln gehende grundlegende Alternative versuchten. Solche Erwartung ist entweder weltfremd oder heuchlerisch. Zumal gleichzeitig „auf der anderen Seite“ die staatliche, die ökonomische und die gesellschaftliche Macht weitgehend von der personellen Kontinuität der alten Eliten getragen wurde. War deren Bekenntnis zur „Freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ nicht etwa eine perfekte „Wendehälsigkeit“ (und ein taktisches Manöver zugleich)? Was wiegt das Bekenntnis der im Amt gebliebenen Nazirichter, die weiter die Kommunisten verfolgten, aber ihresgleichen schonten, zum Grundgesetz? Dieses etwa personifiziert am führenden Grundgesetzkommentator, Theodor Maunz, der bis zu seinem Tode den Neonazis verbunden war?

 

Nur: Die Welt ist nicht so beschaffen, daß Ideal-Wirklichkeits-Konflikte überhaupt vermeidbar wären. In seinem Stück „Die Maßnahme“ erkundigt sich Brecht:

 

"Mit wem säße der Rechtliche nicht zusammen

Dem Recht zu helfen?

Welche Medizin schmeckte zu schlecht

Dem Sterbenden?

Welche Niedrigkeit begingest du nicht, um

Die Niedrigkeit auszutilgen?

Könntest du die Welt endlich verändern, wofür

Wärest du dir zu gut?

Wer bist du?

Versinke in Schmutz

Umarme den Schlächter, aber

Ändere die Welt: sie braucht es!" [8]

 

Und an die „Nachgeborenen“ richtet Brecht die weise Bitte:

 

"...

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut,

In der wir untergegangen sind,

Gedenkt,
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht,

Auch der finsteren Zeit,

Der ihr entronnen seid.

(...).

Dabei wissen wir doch:

Auch der Haß gegen die Niedrigkeit

Verzerrt die Züge.

Auch der Zorn über das Unrecht

Macht die Stimme heiser. Ach, wir,

Die wir den Boden bereiten wollten für
                                           Freundlichkeit,
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird,

Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist,
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht."
[9]

 

Seit ich Brechts Verse zum ersten Male las, versuchte ich sie als Mahnung zu beachten. Die von ihm poetisch abgebildete historische Spannung wurde aber nicht aufgehoben, als wir in der Aufbruchstimmung der Nachkriegs- und Gründerjahre der DDR Brecht/Eislers „Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut“ oder Ernst Fischers „Der Krieg ist kein Gesetz der Natur, er wird von Menschen gemacht“ sangen und glaubten,  jetzt beginne das „Kapitel II der Weltgeschichte“ (Erich Weinert) und unsere neue Welt sei eine heile Welt. Deshalb dürfen wir gewiß an unseren eigenen Idealen gemessen und mit ihnen kritisiert werden - aber nicht von allerlei Wendehälsen.

 

VI.

 

Das MfS war für die innere Sicherheit des Staates der wichtigste und ein potenter Machtapparat der DDR. Dennoch läßt sich das gestellte Problem nicht als ein MfS-Problem fassen. Es ist nur mit dem Blick auf unser von der SED geprägtes Gesellschafts- und Staatsverständnis faßbar, darin eingeschlossen das innere Sicherheitsdenken und das Verständnis von Zweck und Maß der Macht.

 

Die Fokussierung der Diskussion auf das MfS,  wie sie vorherrschend in den Medien, von manchen Politikern, Politologen, Historikern, auch einer nur noch eifernden Fraktion der ehemaligen Bürgerrechtler und Herrn Gauck vorgenommen wird, provoziert schnell eine sterile Verteidigungs-Haltung, ebenso wirkend, wie die sogenannte juristische Aufarbeitung von Geschichte. Nähmen frühere MfS-Mitarbeiter diese Diskussionsbasis an, setzen sie sich dann nicht selbst Erkenntnisschranken? Durch eine Verteidigungs-Haltung und theoretische Anspruchslosigkeit, statt einer eigenen Lern-Haltung, die kritische Analyse will. Verzichteten sie dann nicht, zur heutigen Politikfähigkeit der Linken ihren Beitrag zu leisten?

 

Indem ich nach kritischer Analyse frage, behaupte ich nicht, ein kritisches Nachdenken habe es in der DDR, im MfS nicht und nie gegeben.

 

Z. B. waren die oben bezeichneten Ereignisse und literarischen Anläße, aber auch Erfahrungen aus der eigenen Tätigkeit nicht nur für mich Anstöße und Gegenstand für Nachdenklichkeit. Letztlich aber kommt es auf die Folgerungen an.

 

Zu welchen Folgerungen hatte kritisches Denken geführt - oder auch nicht? Ich stelle uns diese Fragen vielleicht ob  der geringen öffentlichen, also politisch wirksamen, Reflexion früherer Mitarbeiter mit einer gewissen Ungeduld, aber nicht anklagend. Was sollten Anklagen oder eilfertige Beteuerungen von „Schuld“? Wessen und welcher Schuld? Kollektiver, individueller, politischer, moralischer, strafrechtlicher - und nach welchen Kriterien? Statt Anklage und zerknischtem „mea culpa, maxima culpa“ ist ein linkes Lernen gefragt, welches der Weisheit der Gesellschaft verfügbar werden muß. Dafür werden Beschreibung und Analyse von politischen und gesellschaftlichen Inhalten, von Tatsachen und Prozessen und ein Verstehen gebraucht. Dann erst wird moralische Bewertung möglich. (Wer eine Entschuldigung erwarten darf, wird von Einsichten eher befriedigt sein können, als von oberflächlichen Reue-Floskeln.)

 

VII.

 

Lenins berühmte Köchin kann den Staat nicht ohne Kenntnisse regieren. Durch vorenthaltenes Wissen wird sie entmachtet. Die Geheimsetzung von „Herrschaftswissen“ - etwa über die realen Probleme, den Zustand, die Konflikte der Gesellschaft - ist Manipulation und Entmündigung. Ich zögere deshalb nicht, deutlich auf die Verantwortung jener hinzuweisen, die sich dieses undemokratischen Mittels bedienten, wobei sie gegen besseres Wissen mit Fälschungen, erfundenen Beschuldigungen, Schönfärberei sowie Unterdrückung von Kritik und Zweifel hantierten. Insoweit besaß die Repressionspraxis des MfS (als Institution) eine einschüchternde Funktion. Sie richtete sich - etwa mit dem unsinnigen Verbot des Westfernsehens - auch gegen die eigenen Mitarbeiter und erzog damit wahlweise zu Heuchelei oder Ignoranz. Es war mein Glück, Mitarbeiter der HVA zu sein. Wie grotesk: Hätte hier nicht  jeder wegen Dummheit und Unfähigkeit im „Operationsgebiet“ eine Parteistrafe verdient, wenn er nicht möglichst viele der Westmedien verarbeitete?

 

Trotz der extremen Zentralisierung und der mit ihr verbundenen Disziplinierung in der SED waren niemals völlige Uninformiertheit und Uniformität entstanden, eigenes Denken und Emanzipation durch eigene Anstrengung unmöglich gemacht und Spielräume völlig aufgehoben worden. Wer mag, soll sich darauf zurückziehen, er sei nur ein willenloses, bewußtloses Rädchen eines Mechanismus gewesen. Zweifellos, Mechanismen - wo bestehen sie nicht?! - sind Handlungsrahmen. Menschen aber sind zu eigenem Denken begabt und verantwortungsfähig, jeder entscheidet letztlich dennoch selbst über sein Tun und sein Unterlassen. Walter Ulbricht betrachtete es als Tugend der Funktionäre, disziplinierte „Durchführer“ von Beschlüssen und Weisungen zu sein. Aber gab nicht auch die „Durchführung“ Spielräume? Und mußte der „Durchführer“ seine Erfahrungen nicht bewerten? Müssen wir uns solchen Fragen nicht wenigstens heute stellen?

 

Gern zitierten wir Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ - „Cäsar erschlug die Gallier./ Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“  - und wandten uns gegen ein Geschichtsverständnis, welches Geschichte nur als „Werk der Großen“ ansah. Konsequenterweise sollten wir heute nicht nur nach Ulbricht, Honecker, Mittag, Mielke und Hermann fragen, sondern nach uns, den Köchen. Die Schärfe unserer Fragen an „die Großen“ dürfte anschließend gerechter sein.

 

VIII.

 

Kritische Reflexion erfordert Kritikfähigkeit. Der Unerfahrene, der Lehrling, gar wenn er auf seinen Meister und dessen Autorität fixiert ist, besitzt sie noch nicht. Nach der Befreiung vom Faschismus wollten wir Neues bauen - es sollte antifaschistisch sein, es sollte „Nie wieder Krieg“ gewährleisten, es sollte die politisch und vor allem die ökonomisch und militärisch Verantwortlichen an Krieg, Faschismus und sozialem Elend entmachten. Daran ist kein Abstrich nötig.

 

Gewiß gab es die eigenen Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung. Aber nach der Dezimierung der Kader  - und den Toten des Krieges  - waren sie nur noch in wenigen Älteren lebendig. Das Vorbild, das Modell des „ersten sozialistischen Staates“, des stalinschen Typs,  konnte so übermächtig werden. Dies um so mehr, als wir Deutsche in einer tiefen Schuld standen. Wir waren in fremden Ländern umhergezogen, besonders in der Sowjetunion, und hatten auf „verbrannter Erde“ Millionen Tote hinterlassen. Kritik an der Sowjetunion? Vorerst ein absurder Gedanke.

 

IX.

 

Am eigenen Leibe erlebte ich die Sowjetunion nicht als eine dämonische stalinistische Macht. Im Gegenteil: In Gestalt eines ihrer Kulturoffiziere, des jüdischen Hauptmanns Edelberg aus Leningrad,  lernte ich sie in meiner Heimatstadt Halle  in einer Weise kennen, die nicht distanzierte Kritik, sondern Sympathie begründete. Er war - wie auch seine Kollegen - eine kultivierte, hochgebildete und einfühlsame Persönlichkeit, hochgeachtet, ja verehrt ob seiner Verdienste um den Wiederaufbau des kulturellen Lebens in der Stadt. Während manche deutsche Genossen mir jungem und noch suchenden Mann mit Ungeduld und Mißtrauen begegneten, erlebte ich durch ihn (und andere Kulturoffiziere) das pure Gegenteil. Durch ihn lernte ich am eigenen Kopf, was Toleranz gegenüber einem „Andersdenkenden“ ist. Toleranz nicht durch sprachlose Duldung, sondern durch das Ernstnehmen des Widerparts, durch einfühlendes Mitdenken seiner anderen Ansichten und achtungsvollen Streit. Heftigen Streit, stets mit Gründen, stets mit nachdenklichem Für und Wider, immer mit Aufeinandereingehen und mit Argumenten, nicht zuletzt mittels  Literatur und Kunst. Aber  niemals mit der oben aus Hermann Kants „Aula“ zitierten Angelhoff-Logik. Meine sowjetischen Streitpartner hatten ihre festen Überzeugungen, aber sie sahen sich nicht als unfehlbar, sondern sich selbst als lernende.

 

Jetzt setzt eine merkwürdige Dialektik ein: Die durch eine eigene Erfahrung begründete Sympathie (die sich durch weitere Momente, insbesondere die Literatur, vertiefte) wurde das Beherrschende. Ja, weshalb nicht? Mein Bild vom sozialistischen Humanismus und meine Maßstäbe wurden bleibend von einem sowjetischen Kommunisten geprägt, der Toleranz vorlebte. Und der nicht schlechthin als eine Privatperson zufälligen Charakters angesehen werden konnte. Von einem zweiten, ebenfalls jüdischen, sowjetischen Kulturoffizier,  Hauptmann Kogan aus Odessa, erfuhr ich über antisemitische (nicht zu verwechseln mit antizionistischen) Tendenzen. Wie hätte ich auf einen anderen Gedanken kommen können als den, daß solche Tendenzen, nach deren spezifischen historischen Quellen ich mich erkundigte,  mit Sozialismus nichts zu tun haben konnten? In diesen frühen Prägungen, an denen deutsche Kommunisten teilhatten, übrigens auch Victor Klemperer, liegt - für mich wenigstens - eine Hauptwurzel für ein Sozialismusverständnis, das sich aus Marx’ „kategorischem Imperativ für Kommunisten“ herleitete: "Alle Verhältnisse zu zerbrechen in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist ......" [10]  Es wurde die unbeirrbare Grundlage meiner späteren Kritik an den Entartungen des realen Sozialismus, vor allem für mein eigenes, nach bestem Wissen und Gewissen erfolgendes Handeln im eigenen Spielraum. So waren meine Prioritäten, deshalb wurde bei mir aus Kritik nicht Abwendung, schon gar nicht Abtrünnigkeit. Ich glaube, dies war nicht nur meine individuelle Position.

 

Im Verlaufe der Jahre habe ich besser verstehen gelernt, daß man sich über Menschen nicht spontan und allein nach ihren ideologischen Reflexen auf Lebensrealitäten ein Urteil erlauben darf, sondern erst unter Betracht der ihnen individuell bedeutsam gewordenen Realitäten ihres Lebens  und ihrer Gründe.  Als Beispiel für einen solchen Wertungskonflikt füge ich ein, daß die von einmarschierenden Rotarmisten begangenen Kriegsgrausamkeiten von mir immer und zuerst als eine böse Folge der staatlichen Grausamkeit des deutschen Aggressionskrieges und der deutschen Mordmaschinerie gesehen wurden. Auch heute beharre ich darauf, daß sie historisch anders nicht gesehen und bewertet werden können. Aber war auch von den Betroffenen so ohne weiteres diese Sicht abzuverlangen - und im übrigen ihr Schweigen? Zur Toleranz gehört, anderes Erleben und andere Erfahrung wenigstens in ihren Zusammenhängen zur Kenntnis zu nehmen, mit Konstantin Simonows „Es gibt kein fremdes Leid“. Dennoch dürfen historische Ursachen nicht eliminiert werden.

 

Von stalinschen Repressionen hatte ich lange keine Ahnung. Auch nicht von Genossen meiner Umgebung, die selbst welche erlitten hatten. Eine betroffene Genossin antwortete mir auf die Frage nach den Gründen ihres Schweigens, sie habe nicht aus Disziplin geschwiegen, sondern aus Scham, daß „bei uns“ solche Entartungen und Exzesse stattfanden. Gelegentliche andersgeartete Nachrichten, meist aus westlichen Quellen, entsprachen nicht der eigenen Erfahrung und wurden als grundsätzlich unglaubwürdig, als Verleumdung abgetan. Als Stalin 1953 starb, erfaßte auch mich Trauer. Obwohl selbst vom politischen Kult um Stalin angesteckt, wollte mir nie in den Kopf, weshalb ein Mensch, der - wie Stalin - als Wis­sen­schaftler bezeichnet wur­de, ein für allemal das non plus ultra sein sollte. Das höchste meiner erst instinktiven und eher ästhetischen Kritik war damals ein Vergleich mit Albert Einstein: Mit diesem solche Vergötterung zu treiben würde geschmacklos sein. Deshalb schien es mir schon fast ein eindeutiges Signal zu sein, als die FDJ-Zeitung „Forum“ zu Stalins Tod Brechts „Teppichweber von Kujan-Bulak“ auf ihre erste Seite setzte: Besinnt euch auf euch selbst!.

 

Der Leser wird sich denken, welche schockierende Wirkung der XX. Parteitag der KPdSU auf mich haben mußte. Es war aber nicht einfach nur ein Schock. Er war zugleich (!) das Erlebnis der Fähigkeit zu Wahrhaftigkeit und Selbstreinigungskraft.

 

Eine Episode zeigt typisch, wie viele Genossen die "Enthüllungen" der Verbrechen Stalins verarbeiteten. Mit Horst Grunert, damals noch junger Diplomat in der War­schauer DDR-Botschaft, reiste ich nach Krakow. Der XX. Parteitag war ein Haupt­thema. Grunert erzählte von den Auswir­kungen in Polen, welches in besonderem Maße von Sta­lins Willkür betroffen war. Wir waren beide erschüttert und entsetzt über die zu­tage gekommenen Dinge, aber Grunert fand einen treffenden Ausdruck für unser Verständnis: Daß der XX. Parteitag so rückhaltlos offen die Fehler und Verbrechen Stalins ausbreitete, sei ein Zeichen der Selbstheilungskräfte der Arbeiter- und insbesondere der kommunisti­schen Bewegung. Kein Gedanke, wegen der Ent­üllun­gen und Ent-Täuschungen "abtrünnig" zu werden. Im Gegenteil: Enttäuschung wurde zur Hoffnung. Schlußfolgerungen sollten gezogen werden. Ich hatte den Gedanken, daß man, so schlimm die aufgedeckten Verbrechen Stalins auch seien, das Geschehen sowohl mit einer weltweiten Totale, als auch mit historischem Abstand betrachten und werten müsse: die Große Französische Revolution von 1789 werde heute nicht nach ihren Exzessen und Terrorhandlungen beurteilt, sondern nach ihren hauptsächlichen Ergebnissen, dem Sturz des Feudalabsolutismus und der freien Entwicklung des Bürgertums, nach der Bahnfreiheit für den Kapitalismus, nach ihrer viel weitertragenden Losung "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit". Das zeitgenössische Urteil über Größe und Elend der französischen Revolutionsjahre dürfte zu Teilen wohl weniger freundlich gewesen sein, als das heutige.

 

Für mich bedeutsam wurde ein Erlebnis: Im Februar 1956, noch während des XX. Parteitages der KPdSU, nahm ich bei Kurt Hager, da­mals Sekretär des ZK, an einer Beratung teil. Sie diente der Information und Selbstverständigung. Einer Einführung Hagers folgte eine sehr offene Aussprache. In der Runde war ich der Jüngste und blieb nur aufmerksamer Zuhörer. Eine Einzelheit prägte sich tief ein, weil sie für mich eine bis heute wirkende Schlüsselbedeutung erhielt. Hager äußerte sich über die Geschichtsschrei­ung. "Jetzt endlich, Genossen", sagte er mit unüberhörbarer Genugtuung, "können wir die Wahrheit schreiben". Ich war elektrisiert,  meine Ohren wuchsen, die Sinne schärften sich. Bis­er nämlich hatte ich (fast) unbeeinträchtigt und ziemlich naiv geglaubt, "wir", also die Partei, würden die Wahrheit und nichts als die Wahrheit schreiben. Selbstverständlich immer nur eine Wahrheit der relativen Erkenntnis, aber nicht Tatsachen manipulierend und ohne tabuisierte "weißen Flecken". Gewiß, politische Irrtümer, Fehleinschätzungen und Fehler sind immer möglich, in der Politik zumal. Das zuzu­eben mag vielleicht peinlich sein - aber Geschichte ist auch ein Lernprozeß. Kritisches Lernen ist nicht ehrenrührig. Endlich also die Wahrheit, z.B., so Hager weiter, "über die hervorragende Rolle, die Radek und Sinowjew auf dem Vereini­gungspar­eitag von KPD und USPD in Halle spielten" - das war 1920. "Hervorragende Rolle" Karl Ra­deks und Grigorij Sinowjews? Beide waren für mich - nach dem "Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU(B)" - der Inbegriff von Parteifeinden. Ich hatte eines der  Protokolle der Moskauer Prozesse gelesen. Zwar gingen mir die ordinäre Sprache des Chefanklägers Andreij Wyschinskij und das unwürdige Selbstzerfleischende in Äußerungen der Angeklagten gegen den Strich, aber die Vorwürfe gegen sie hatte ich nicht bezweifelt. Ein gewisses Unbehagen, daß sich da in den 30er Jahren viele der engen Kampfgefährten Lenins als Feinde entpuppt haben sollten, war noch schnell verdrängt. Daß Radek und Sinowjew auf dem Halleschen Parteitag überhaupt eine Rolle gespielt hatten, geschweige denn eine hervorragende, war mir unbekannt. Keinen Schimmer hatte ich von der überragenden Bedeutung Karl Radeks für die re­olutionäre Arbeiterbewegung in Deutschland und in Polen. Hager resümierte: „Geschichte ist so zu schreiben, wie sie tatsächlich war.“ Er erklärte zur neuen Norm, was mir eigentlich schon bisher als Selbstverständlichkeit erschien.

 

Beide Episoden sind sehr individueller Natur. Dennoch bezeichnen sie eine neue allgemeine innere Situation, einen völlig neuen inneren Rahmen. Sie zeigen nicht nur einen neuen Ansatz. Sie markieren, daß die mittels selektiver Informationen, Verfälschungen, Repression und Disziplinierungen bewirkte Meinungsmanipulation von nun an aufgebrochen und die Tabus dem Zweifel ausgesetzt waren. In den sozialistischen Ländern war die Unantastbarkeit des Repressionsapparates jetzt durch Kritik angeschlagen.

 

Die weitere innere Entwicklung im realen Sozialismus ist ohne den Schlüssel des XX. Parteitages wohl kaum zu verstehen. Auf der individuellen Ebene beschleunigt sich die Erosion unkritischer Gläubigkeit, Kritikfähigkeit und -bereitschaft (!) wachsen. Deshalb bleibe ich dabei, daß der XX. Parteitag der KPdSU und das ihm folgende „Tauwetter“ eine Möglichkeit zur Erneuerung und zur Rückbesinnung auf Marx öffneten.

 

Aber - so wird heute deutlicher denn je - dieser erste Schritt „von oben“ bekräftigte gleichzeitig die verheerende Fixierung auf die Illusion, daß die Veränderung „von oben“ zu erfolgen habe. Deshalb - wie wir heute klar erkennen können, ist dies eine Schlüsselfrage - sind die völlige und befreiende Abkehr vom Stalinismus und eine wirkliche Reform des realen Sozialismus aus eigener Kraft nicht gelungen. Wir hatten uns, begünstigt, aber nicht verursacht von den erbarmungslosen Bedingungen der Systemauseinandersetzung, mit den verinnerlichten „ideologischen“ Begründungen für den Zentralismus in der Partei und im Staat tief in einer Sackgasse verlaufen.

 

X.

 

Ich komme auf das zitierte Argument zurück, die Entartungen, die Verzerrungen und die eigene Härte seien mit der „Klassenkampf-Lage“, nämlich mit Vorkrieg oder Krieg und Faschismus oder eben kaltem Krieg hinreichend erklärt, als habe es kein eigenes Gesetz des Handelns mehr gegeben. Selbstverständlich war die „Klassenkampf-Lage“ immer von Belang. Banal die Einsicht, daß unter den Bedingungen des illegalen Kampfes gegen den Faschismus in der deutschen Kommunistischen Partei wenig Spielraum für innerparteiliche Demokratie sein konnte - und daß dies nachwirkte. Banal, daß im Kriege Befehle und Zentralisierung einen höheren Rang haben mußten, als Demokratie und in der Debatte geschaffener Konsens. Auch dies wirkte nach. Selbstverständlich wirkten der kalte Krieg und die Konfrontation beider deutscher Staaten auf die individuelle Bestimmung von Prioritäten und Wertigkeiten für die nächstliegende und für spätere Aufgaben.

 

Als Aufklärer der HVA war ich viele Jahre in der alten Bundesrepublik unterwegs. Um meine Aufgaben erfüllen zu können, mußte ich die bundesdeutsche Wirklichkeit, die Parteien, die staatliche Politik, Verfassung und Verfassungswirklichkeit, die Gesellschaft und ihre Konflikte intensiv kennenlernen sowie differenziert und vorurteilslos beurteilen. Etwa hinsichtlich der von uns unter­schätzten Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus, der hoch differenzierten  inneren Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse und der agierenden Kräfte in der BRD, der Par­teien, der Bürgerbewegungen, des ökonomischen Kräfteverhältnisses, der Mehrwertigkeit z.B. der parlamentarischen Institu­tionen, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung u.a.m. Meine westdeutschen Partner verlangten von mir befriedigende Antworten. Die aber waren vernünf­ig oft nur bei Abweichen von der „offiziellen Linie“ und von unseren vulgärmarxistischen Vereinfachungen zu geben. Etwas salopp und mit einer Metapher gesagt: Pol Pot ließ sich nicht verteidigen, obwohl er offiziell noch akzeptiert war. Oder: Oder Enrico Berlinquers „Historischer Kompromiß“ und der „Eurokommunismus“ ließen sich nicht kritisieren, solange etwa die KPdSU und die SED nach dem Sieg der chilenischen Konterrevolution kein realistisches Konzept für die „Öffnung des Weges zum Sozialismus“ besaßen und stattdessen mit dem bequemen Verdikt des Revisionismus operierten. Mit anderen Worten: Es entstand unvermeidlich eine bestimmte Spannung zwischen eigenen Erkenntnissen, Erklärungs- und Handlungsbedarf und der offiziellen Linie. Damit entstand von selbst eine kriti­sche Einstellung gegenüber bestimmten Momenten der Politik der Partei. Wie weit solche kritischen Erkenntnisse vom Punkt ins Allgemeine gehoben wurden, wirft andere und unangenehme Fragen auf. Nur zwei, auch das MfS betreffende, seien genannt: Weshalb war über derartige Probleme kein offener Diskurs möglich, allenfalls nur stille Wirkung? Oder: Wären in der DDR, wo wir die Macht besaßen, nicht die Offenheit, Werbungs-, Überzeugungs- und vor allem Bündnishaltung der InnenPolitik nicht nur adäquater, sondern auch unendlich leichter gewesen, als es uns erfolgreich im "fremden" Terrain möglich war?

 

Das sind Fragen, die sich um so mehr stellen, als Aufklärung und innere Abwehr sich im MfS unter einem Dach befanden. Wie konnten unter diesem gleichen Dach - beispielsweise - die einen Walter Jens als großen Humanisten und Friedenskämpfer (Menschenkette, Mutlangen-Blockade gegen die Nachrüstung mit atomaren Mittelstrecken-Raketen) sehen und deshalb als „objektiven Verbündeten“, indessen ihn die anderen als „besonders gefährlichen Konterrevolutionär“ empfanden? Noch grotesker, da die DDR gerade begann, endlich seine Schriften zu verlegen?

 

Es gab Stoff zum Lernen und zu Nachdenklichkeit. Dieses Lernen führte - für mich - zur selbstkritischen Betrachtung unserer Ver­hält­nisse und gleichzeitig (!), gerade wegen der intimeren Beschäftigung mit Teilbereichen altbundes­deutscher Verhältnisse und Politik, zur verstärkten Identifizierung mit der DDR. Meine Kenntnisse von der bundesdeutschen Wirklichkeit und ihren politischen Innereien konnten mir den Kapita­lismus keinesfalls als wünschbare Alter­native zur DDR empfehlen. Sie konnten nur das Streben stimulieren, die DDR zu verändern, den realen Sozialismus zu ver­bessern.

 

Was ich hier als meine individuelle Auseinandersetzung aufgrund von intimerer Kenntnis realkapitalistischer Verhältnisse andeute, war gewiß so oder so ähnlich bei vielen Mitgliedern der SED und Mitarbeitern des MfS (und anderer staatlicher oder gesellschaftlicher Einrichtungen) von großem Gewicht für die Prioritäten ihrer Werte und Verhaltensmotive.

 

Was aber hielt von der Schlußfolgerung ab, die verkündete sozialistische Demokratie „handfest“ einzuklagen?

Ich habe die Fixierung auf eine „Veränderung von oben“ genannt, welche sich - angesichts der vergreisten Führung - bis zur völlig ratlosen Hoffnung auf die „biologische Lösung“ steigerte.

Doch entscheidender war der Zusammenhang dieses Fixiertseins mit einer anderen  ideologischen Selbstfesselung: Unser aller Verhältnis zur Demokratie, unser aller Vertrauen in die Möglichkeit wirklicher sozialistischer Demokratie war zutiefst gestört.

 

Es fiel uns schwer anzuerkennen, daß auch im Sozialismus ein Widerstreit objektiver gesellschaftlicher Widersprüche besteht. Daß dies normal ist und die eigentliche Triebkraft der Gesellschaft, die Quelle gesellschaftlicher Krea­tivität. Wir wollten ungern anerkennen, daß es originäre, nicht von außen hereingetragene gesellschaftliche Konflikte gab - obwohl unsere Kenntnisse dies doch zweifelsfrei signalisierten. Weil - wie selbstverständlich doch! - die Gegner des Sozialismus und der DDR die inneren Widersprüche für sich zu nutzen trachteten, neigten wir dazu, ihr Auftreten, ihre Verlaufsformen und ihre personalen Träger a priori als feindlich zu sehen: „feindlich-negativ“. Wir mochten nicht anerkennen, daß es objektiv und also legitim Gruppeninteressen gab - und keinesfalls eine automatisch und konfliktlos gegebene „Über­einstimmung“ von individuellen, Gruppen- und gesamtgesellschaftlichen Interessen. Wir waren (ganz unmarxistisch) auf das Trugbild solcher Übereinstimmung fixiert und hatten uns damit von der Wirklichkeit gelöst. Wir waren beseelt von Voluntarismus und der mechanistischen Vorstellung, wir hätten in gleichsam jeder aktuellen Entwicklung die „Gesetzmäßigkeiten der Geschichte“ auf unserer Seite. Daraus folgte, wie unlängst ein früherer leitender Mitarbeiter des MfS bekannte, der Unglaube, wirkliche sozialistische Demokratie würde letztlich die DDR und den Sozialismus kräftigen. Das notwendige demokratische procedere für das Erkennen gesellschaftlicher Probleme, für die Vorbereitung und Findung gesellschaftlicher Entscheidungen erschien so nicht als Quelle von Macht, sondern als Bedrohung von Macht. In dieser Logik blieb zur Erfüllung von Bechers Mahnung - „die Macht sei euch gegeben, / Daß ihr sie nie, nie mehr / Aus euren Händen gebt!“ - nur noch die hilflose, die ratlose und erfolglose Repression. Was hat uns der Ersatz wirklicher Demokratie durch absolutistischen Zentralismus und Repression gebracht? Kapitalistische Restauration.

 

Es wird Zeit, den Urenkeln unseren Rapport aufzuschreiben.


 

Leicht gekürzt und bearbeitet erschienen in:

UTOPIE  kreativ:  Heft 83, Berlin,  September 1997,

sowie in:

Utopie kreativ: Sonderdruck Konferenzband „Realsozialistische Kommunistenverfolgung. Von der Lubjanka bis Hohenschönhausen“

Berlin 1997; Dezember 1997:



[1] W.R. Menshinski war Stellvertreter und später Nachfolger Dzierzynskis. Er starb nach langer Krankheit 1934. Daß seinem Nachfolger Jagoda angelastet wurde, er habe Menshinski durch Giftmord beseitigt, muß ebenso mit größter Skepsis gesehen werden, wie andere in den 30er Jahren erhobenen Beschuldigungen über Morde und Mordpläne.

[2] Zofia Dzierzynska: "Jahre großer Kämpfe", Berlin 1977, S.303

[3] ebenda, Zofia Dzierzynski beruft sich hierzu auf eine Äußerung von Dzierzynskis Stellvertreter Menshinski.

[4] ebenda, S. 304

[5] ebenda

[6] Ob und wieweit Zaisser tatsächlich eine Rückkehr zu leninschen Normen anstrebte oder ob seine Entfernung nur ein Austausch von „Charaktermasken“ war, ist in diesem Zusammenhang nicht von Belang. Seine Ablösung war gleichwohl ein Zeichen für die im Kern ungebrochene Kontinuität der stalinschen Herrschaftspraxis und ihrer Begründung, wonach sich trotz beseitigter ökonomischer Machtbasis der Ausbeuterklassen beim Aufbau des Sozialismus der Klassenkampf ständig verschärfe.

[7] Kurt Hager; Erinnerungen, Leipzig 1996

[8] Bertolt Brecht: Stücke; Bd. IV, Berlin 1961, S. 265

[9] Brecht, Bertolt; Gedichte, Bd. IV, Berlin 1961, S. 148

[10] Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie; in: MEW, I, 385