ICARUS - Zeitschrift für soziale Theorie und Menschenrechte

Zehntes Heft, Dritter Jahrgang 1997/4, Seite 18 - 29

 

Walter Schilling und das MfS: Eine zugewachsene Kirchengeschichte und eine ignorierte Zeitgeschichte

Erwiderung auf Walter Schilling: „Die 'Bearbeitung' der Landeskirche Thüringen durch das MfS", zugleich ein Beitrag zur „Stasi-Aufarbeitung" in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen

peter  franz

In einem Sammelband des Bundesbeauftragten für die MfS-Unterlagen Gauck über „Die Kirchenpolitik von SED und Staatssicherheit" beschäftigt sich Walter Schilling, ein im Ruhestand befindlicher Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen, mit der „Bear­beitung" seiner Landeskirche durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Er spricht darin mehrfach davon, daß seine Kirche „Stasi-belastet" sei1 und belegt das anhand zahlreicher Personenakten und Dossiers aus dem Ministerium des untergegangenen Staates. Schon nach wenigen Zeiten ist der Leser im Bilde, für wen allein Schilling diese Kirche als eine Last ansieht: für diese Kirche selbst. Die Thüringer Kirche nach der "Wende" - ein bedauernswertes Opfer der DDR, „bearbeitet" und „zersetzt" durch das MfS und „belastet" durch jene, die sich haben „bearbeiten" und „zersetzen" lassen bzw. die in Schillings Betrachtung lediglich Instrumente in der Hand des MfS waren. Nicht gefragt wird in Schillings Darstellung, für wen eben diese soziologische Größe und historisch-politisch geprägte Institution Thüringer Kirche vielleicht ebenfalls eine - ganz andere - Last war: etwa für das historische Staatsgebilde DDR. Die Einflußnahme der geheimdienstlichen Apparatur MfS auf die Institution einer ganzen Landeskirche in all ihren Facetten und Strukturen wird statt dessen unter dem für ihn einzig relevanten Geschichtspunkt beschrieben: Der repressive Staat DDR macht sich die Kirche gefügig, zersetzt ihre Strukturen, spannt Menschen für seine Ziele ein und versucht, die gesellschaftspolitischen Wirkungen kirchlichen Lebens zu neutralisieren, zu minimieren oder zu unterbinden. Den „Stasi"-Aufklärer Schilling leitet hauptsächlich die Absicht, die Einflußnahme des MfS auf die Kirche als eine Abfolge krimineller Handlungen darzustellen und die mit ihn auf irgendeine Weise zusammenarbeitenden Personen zu kriminalisieren.

Schillings detaillierte Recherche beruht auf folgender unausgesprochenen und zugleich simplen Vorstellung: Hier die (politisch neutrale) Religionsgemeinschaft Kirche, im Dienst der Verbreitung des christlichen Glaubens - da der nur seiner Selbsterhaltung und Macht­stabilisierung verpflichtete Staat DDR mit seinen Repressivorganen, allen voran und in ihm seine kriminellen Energien potenzierend: das MfS. Im folgenden soll zunächst der Frage nachgegangen werden, durch die Schillings Untersuchung Gewicht hätte gewinnen können, wenn er sie sich einmal gestellt hätte: Welche geschichtlichen Voraussetzungen waren gegeben, als sich die sowjetische Besatzungsmacht und dann der neu gebildete Staat DDR auf das Vorhandenseineiner Kirche und religiös geprägter Menschen auf ihrem Territorium einstellen mußten? Welche Tatsachen, Zusammenhänge und Wirkungsgeschichten politischer, wirtschaftlicher und ideologischer Art im Gefolge der Systemauseinandersetzung nach 1945 haben Auswirkungen gehabt auf die Entwicklung des Verhältnisses von Staat und Kirche, auf die Einwirkung von SED und MfS auf die Kirchen in der DDR? Und zweitens soll die Frage aufgeworfen werden, wie es bei ihm zu einer derart dichotomischen Sicht auf die genannten gesellschaftlichen Vorgänge kommt. Welche Überzeugungen und Motive bewogen ihn dazu, seit dem Herbst 1989 und in den darauffolgenden Jahren als Thüringer Tempelreiniger in Erscheinung zu treten, vor dessen Enthüllungen zahlreiche betroffene Kirchenmitarbeiter zitterten und vor dessen kaum angefochtenem „Stasi"-Deutungsmonopol eine mediengejagte und neuen Anpassungsdrücken ausgesetzte Kirchenadministration in die Knie ging?

 

I.

„In diesem Staat zu leben, ließ sich bloß mit einer Art Galgenhumor ertragen."2 <Hervorh. v. Vf.>

Walter Schilling über die DDR

Als die sowjetischen Besatzungsbehörden und die von ihnen eingesetzten ersten Verwaltungsorgane in der SBZ nach Katastrophe und Befreiung 1945 das zivile Überleben und Weiterleben in Gang bringen mußten, waren sie angesichts der vorgefundenen Zerstörungen in fast allen Lebensbereichen genötigt, sich auf das damals „Machbare" zu konzentrieren. Jeder nur halbwegs gesunde Mensch, jede nur irgendwie gutwillige Person, die nicht aktiv in Naziverbrechen verwickelt gewesen schien, war da als Bündnispartner für die Organisierung erster Lebenshilfen unverzichtbar.

In dieser Lage boten sich die Kirche und der vom Krieg verschont gebliebene Rest ihrer Mitarbeiter, ihre einigermaßen intaktgebliebenen Sozialeinrichtungen, die Kirchen, die Pfarrhäuser als Orte der Beherbergung und ihre Bewohner als Ansprechpartner für das Organisieren des Überlebens an. Da blieben überhaupt keine Zeit und kein Sinn dafür, Fragen danach zu stellen, welche Rolle diese Kirchenorganisation denn eigentlich vor dem Mai 1945 gespielt hatte. Nicht abgefragt von den Pionieren des Neuanfangs und erst recht nicht berichtet von den in die Materie Involvierten wurden ihnen die teilweise weitgehende Einfassung und Verstrickung der Kirche in das nazistische Herrschaftssystem. Hätte man damals etwas genauer nachgefragt, hätte es womöglich sogar zu einem rigorosen Kirchen-Verbot kommen können - was einen Theologen wie Dietrich Bonhoeffer vermutlich nicht einmal sonderlich gewundert hätte, wäre er seinem Todesurteil entgangen, das der getaufte und niemals exkommunizierte Katholik Hitler über ihn verhängte. Das bleibt aber eine gänzlich hypothetische Überlegung. Denn während Christen mit Galgenhumor in der DDR offen­sichtlich ganz gut zurechtkommen konnten, mußten die aufrechten unter ihnen im verblichenen Dritten Reich schon mit Galgen selber rechnen!3 Eine „Aufarbeitung der Vergangenheit" des Thüringer Kirchenwesens war aber kein Thema in einer Zeitenwende, in der vielmehr zerstörte Wohnungen aufgearbeitet und Betriebe und Werkstätten mühsam in Gang gebracht werden mußten. Ganz im Gegensatz zur Wende von 1989/90, in der die per Stimmzettel hereingebetenen Kolonisatoren ein verständliches Interesse daran hatten, die gesamte gesellschaftliche Substanz des untergegangenen DDR-Staates so zu paralysieren, daß sie Land und Leute gemäß ihrer Interessenlage neu unter sich aufteilen konnten. Dazu dienten und dienen ihnen die Treuhandanstalt und die Grundbuchämter, die Evaluierungskommissionen und nicht zuletzt die Gauck-Behörde und deren willige Vollstrecker vor Ort. Da wurde „Aufarbeitung" das Gebot der Stunde! Was blieb vielen Männern und Frauen jener ersten Stunde nach dem Krieg verborgen, worüber erst heute, mehr als 50 Jahre danach, in Kirchenkreisen - leise raunend - endlich gesprochen wird?

 

1. Die Thüringer evangelische Kirche (im folgenden der Einfachheit wegen „Kirche" genannt, weil hauptsächlich sie uns hier interessiert) hatte in der Gestalt zahlreicher Pfarrer, Kirchenbeamter und Gemeindeglieder das Heraufkommen der Nazibewegung aus innerer Überzeugung mit betrieben, wohlwollend begleitet und ihre Machtübernahme freudig begrüßt. Synchron mit dem Anwachsen der Nazipartei wuchs auch ihr Ansehen und Einfluß in der Kirche. Motor dieser Machtergreifung war die Glaubensbewegung der „Deutschen Christen", die mühelos durch Kirchenwahlen den Landeskirchentag (er entspricht der heutigen Synode) eroberten, ihre Gegner, die linken zuerst, ausschalteten und ein Kirchenregiment nach dem Muster der Führerdiktatur errichteten.

 

2. Die Kirche erließ am 5. Mai 1933 und in der Folge Kirchen-Gesetze, die dem antikommunistischen und antisemitischen Kurs der NSDAP folgten und die Macht der Kirchennazis sicherten. Nur beispielhaft seien die ersten drei genannt:

- das „Gesetz über Ermächtigung des erweiterten Landeskirchenrats", mit dem die gesetzgebende Gewalt an die Exekutive übertragen wurde4

- das „Gesetz gegen den Marxismus in der Kirche", mit dem der SPD nahestehende oder ihr angehörende Pfarrer sowie Kirchenangestellte, die religiöse Sozialisten waren, ihr Amt verloren5

- das „Gesetz zur Änderung der Thüringer Kirchenordnung", mit dem jüdische Pfarrer oder mit jüdischen Ehepartnerinnen verheiratete Amtsträger als für den Pfarrdienst untragbar erklärt wurden.6

 

3. Die Kirche machte sich seit 1933 (und zuvor schon in den letzten Jahren der Weimarer Republik großenteils wegbereitend) zum Verbündeten der Nazipropagandisten und bereicherte den liturgischen Kalender der NS-Machthaber durch deutsch-christliche Feiern an den zahlreichen Kalendertagen im Jahr, die den Nazis zur emotionellen Festigung ihrer Herrschaft unter den „Volksgenossen" besonders geeignet erschienen. Das waren der Tag der „Machtergreifung" (30.1.). der „Heldengedenktag" Reminiscere, der „Führergeburstag" (20.4.), der „Tag der nationalen Arbeit" (1.5.), der „Tag der deutschen Mutter", das „Reichserntedankfest" und der „Tag der Blutzeugen der Bewegung" (9.1l.).7

Die Kirche übertrug 1934 viele ihrer Befugnisse auf die von Hitler angeordnete und von den Konsistorien begrüßte Reichskirche.8 Im Jahre 1935 machte die Kirchenführung den „Deutschen (Hitler-)Gruß" für Pfarrer und Kirchenbeamte verbindlich.9 Sie rief bei Volksabstimmungen und Reichstagswahlen zur freudigen Stimmabgabe für Hitler und seine Helfer auf.10 Im Jahre 1936 sprach sie sich für die Beibehaltung der NS-Gemeinschaftsschule und die Fortführung eines Religionsunterrichts aus, der mit der völkisch-rassistischen Erziehung der Jugend kompatibel zu sein hatte.11 Im Jahre 1938 begrüßte sie den Anschluß Österreichs und die Okkupation der Tschechoslowakei mit Fürbitten und Glockengeläut (wie sie bereits die Wiedereingliederung des Saargebietes und des Rheinlandes bejubelt hatte).12 Im gleichen Jahr übernahm sie mit dem „Gesetz über den Treueid der Geistlichen und Kirchenbeamten" die Einschwörung ihrer Pfarrer- und Beamtenschaft auf den bedingungslosen Gehorsam gegenüber Hitler, der längst zum heimlichen Summus Episcopus der evangelischen Kirche geworden war.13 Nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 rief sie die Gemeinden zum „schärfsten Kampf" gegen den „zersetzenden Geist des Judentums" auf.14 Dem folgte konsequenterweise 1939 das „Gesetz über die kirchliche Stellung evangelischer Juden", das jegliche Form von Mitgliedschaft in der oder Fürsorge durch die Kirche ausschloß.15 Im gleichen Jahr wurde das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" gegründet, wobei der „arische" Jesus Pate stand.16 Alttestamentliche Symbole, Bilder und Gegenstände sollten aus den Kirchen verschwinden.17 Der Überfall auf Polen am l. September 1939 wurde mit Geläut und Gebet begrüßt und die wieder und wieder folgenden Siegesmeldungen der Wehrmacht auch kirchlicherseits hymnisch gefeiert.18 Als von Göring reichsweit das zivile Buntmetall für die Umwandlung zu Kriegsgerät beschlagnahmt werden sollte, wurden die Kirchgemeinden 1940 zur Abhaltung von „Glockenopfer-Feiern" angehalten." Zu den ohnehin in den Streitkräften tätigen Wehrmachtsgeistlichen, die Soldaten vereidigten und in Feldgottesdiensten ihren Waffenmut stärkten, kamen bald die zahlreichen evangelischen Pfarrer hinzu, die für das vermeintliche Vaterland kämpften und starben. Geistliche im Offiziersrang wurden mit Ritterkreuz, Nahkampfspange und dem Orden „Kreuzzug gegen den Bolschewismus" (ab 1941) dekoriert.20 Nach dem Überfall auf die UdSSR, der die entsprechende geistliche Würdigung fand21, wurde gegen Ende des Jahres per Gesetz und erläuternder Bekanntmachung auch die letzte Kirchengemeinschaft mit judenchristlichen, also getauften (!) Gemeindegliedern durchgeschnitten.22 Bald ergaben sich neue kirchliche Arbeitsgebiete wie die Schaffung „würdiger Kriegerehrungen" und die Mitwirkung bei der Anlage von „Ehrenfeldern für Kriegerfriedhöfe".23 Noch im Jahre 1943 wurde es gar für nötig gehalten, die Pfarrer per Runderlaß aufzuklären über ein kirchenamtliches Verbot, die Ehe mit einer Frau zu schließen, die bereits einmal mit einem Juden verheiratet gewesen war!24 Als die militärische Lage nach der Kriegswende bei Stalingrad und Kursk für Hitlers Eroberungstruppen immer prekärer wurde, folgten die bekannten kirchlichen Durchhalteparolen und Appelle zur Opferung des Lebens „für die Freude" durch Inanspruchnahme bekannter Bibelstellen wie Job. 15.13.25 Nach dem mißglückten Attentat auf den Führer wurden Dankgottesdienste für seine Errettung gehalten.26 In der letzten Kanzelabkündigung im Ostermond 1945 „befahl" Landesbischof Rönck die bereits in den Bombenkellern sitzenden Thüringer Kirchenmitglieder wie den in seiner Reichskanzlei ausharrenden Führer gleichermaßen „<in> des Allmächtigen Schutz" mit den Luther-Worten:

„Es war ein wunderlicher Krieg,

da Tod und Leben rungen:

das Leben, es behält den Sieg,

hat gar den Tod verschlungen!"27

 

4. Die Kirche unternahm mit ihren spezifischen Mitteln auch eigene Anstrengungen, um die faschistische Ideologie im Kirchenvolk zu beheimaten und zu verankern. Kurse der Volksmission zu Entartung und Vererbung, zum arischen Christus und heldischen Menschen, zu Christuskreuz und Hakenkreuz, zur Kameradschaft des Blutes und des Glaubens gehörten zu den Inhalten.28 In einer ganzen Serie von „Landeskirchlichen Aufbauwochen" im Thüringer Kirchengebiet wurde z. B. im Frühjahr 1936, kurz nach Erlaß der Nürnberger Rassen­gesetze, die Frage nach dem Subjekt der Verräterrolle sowohl in der „Volksgemeinschaft" wie auch in der Kirchengemeinschaft behandelt. Die Antwort auf diese Frage konnte, wen wundert es, selbstverständlich nur lauten: „Juda zerstört Volk" ,29 B ald wurde ein von Judaismen völlig gereinigtes Gesangbuch herausgege­ben, und später ergänzte ein nach antisemitischen Ge­sichtspunkten zusammengestelltes „Volkstestament" die geistliche Ausrüstung des Kirchenmitgliedes. Auf die Gründung des Entjudungsinstituts war schon hingewiesen worden. Der gottlose Bolschewismus und das zersetzende Weltjudentum hießen die beiden Hauptfeinde, die die Gefolgsleute Hitlers in Volk und Kirche zum gemeinsamen Abwehrkampf zusammenschlössen. Mit dieser Kirche und ihren Früchten also bekamen es die US-amerikanischen Besatzer und wenig später die ersten Kommissare der Roten Armee und die kommunistischen und sozialdemokratischen Funktionäre des neuen Staates zu tun, als sie daran gingen, eine neue Ordnung aufzubauen, die nach den Festlegungen des Potsdamer Abkommens die Enteignung der Großgrundbesitzer und Kriegsgewinnler (die sich meist nach Westen abgesetzt hatten) durchführten und nach entsprechenden Volksentscheiden und Wahlen die ersten halbwegs demokratischen Körperschaften ins Leben riefen. Freilich hatte es neben dem Nazi-Christentum auch andere Auffassungen von Kirche und Religion unter Geistlichen und einfachen Gläubigen gegeben, als sie die herrschende Kirchen-Linie eigentlich vorschrieb: Da waren Kirchenälteste, Gemeindeglieder und Pfarrer Mitglieder einer kleinen Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft gewesen, die sich von den schlimmsten Auswüchsen der NS-Ideologie distanziert hatten oder sich nazistischen Vorgaben ihrer Kirchenbehörde verweigerten.30 Zahlreiche unter ihnen nahmen Pfarrstellen Versetzung, Gehaltskürzung, Amtsenthebung und sogar Gefängnis für ihre Überzeugung in Kauf. Der nach rassistischen Maßstäben „jüdische" Pfarrer Werner Sylten wurde vom Thüringer Landeskirchenrat aus seiner Pfarrstelle in Bad Köstritz vertrieben und kümmerte sich später im Berliner Büro Grüber um rassisch Verfolgte - bis sich seine Spur in einem Nazi-KZ verlor. Andere Pfarrer und Laien kamen aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück, geprägt von Umorientierungsgesprächen im Nationalkomitee Freies  Deutschland oder geheilt vom Nazitum bloß durch das eigene schreckliche Erleben des Krieges. Ungeachtet dessen hatte der junge Staat DDR - seine Ausrufung war (verkürzt gesagt) eine Notreaktion auf die Gründung der westdeutschen Separatrepublik Monate zuvor - beizeiten ein erhebliches Sicherheitsbedürfnis zu berücksichtigen, das sich zunächst in seiner Innenpolitik und Jahre später auch in seiner Außenpolitik verstärkt bemerkbar machte. In einer solchen Lage gehörte die Kirche mit ihrer oben beschriebenen Vergangenheit nolens volens zu den erstrangigen Sicherheitsrisiken in der sich verschärfenden Block­konfrontation.

Am Anfang dieser verhängnisvollen Nachkriegsentwicklung stand die Proklamation eines „Eisernen Vorhangs" durch Churchill in seiner berühmten Fulton-Rede des Jahres 1946. Sie wurde der diplomatische Startschuß für den Beginn eines kalten Krieges zwi­schen den ehemaligen Bündnispartnern, dem sich auch die DDR nicht entziehen konnte, und dem sich übrigens auch die BRD nie entzogen hat. Dieser kalte Krieg nahm zeitweise die Intensität eines heißen Krieges an und drohte auch einige Male, in einen solchen umzuschlagen. Für die Ordnungs- und Sicherheitskräfte des jungen Staates gab es in den ersten Nachkriegsjahren als nahezu einziges Sortierungsschema die Frage: Bist du für uns oder bist du gegen uns?

Aber nicht allein wegen ihrer Vergangenheit, mit der sich später auch die Deutsche Verwaltung des Innern und in deren Gefolge das MfS beschäftigen mußten, war die Kirche ein Unsicherheitspotential in SBZ und DDR-Staat, sondern zusätzlich wegen der von der Kirche aufrechterhaltenen gesamtdeutschen Struktur in ihrer Organisationsgestalt.31 Es gab bis 1961 eine gesamtdeutsche EKD-Synode, sogar bis 1969 eine gemeinsame EKD-Kontaktgruppe. Die Bischöfe und nachgeordnete Gremien besuchten sich, veranstalteten Kon­ferenzen, die Kirchen organisierten Partnertagungen und Partnerschaftstreffen. Ein vielfältiges gesamtkirchliches Geflecht hatte sich über die Zonengrenzen hinweg gehalten. Selbst ein gemeinsamer Kirchentag war 1954 in Leipzig und 1961 in Berlin noch möglich. Solange die Grenzen in Deutschland zwischen den entstehenden Blöcken noch für Personen passierbar und für Güter verschiedenster Art mindestens partiell durchlässig waren, war eine ständige Einflußnahme der konkurrierenden westdeutschen Staatsorgane, der politisch tätigen Kräfte und auch der kirchlich-religiösen Organisationen auf das Geschehen in der DDR und vor allem das Geschehen in der DDR-Kirche möglich; und all das fand auch tatsächlich statt. Und zwar eine Einflußnahme, die nicht allein von Glaubensunter­weisung, Predigt und Seelsorge bestimmt war, sondern die immer - ein Schalk, wer solches damals bestritt oder heute noch bestreitet  eine reale politische, ideologische und psychologische Auswirkung auf Kirchenmitglieder hatte. Und Auswirkungen waren aufgrund des oben beschriebenen Blockmechanismus für den Aufbau des Sozialismus abträglich. Denn natürlich wurden vom Innerdeutschen Ministerium nicht Handlungseinweisungen für die Ausgestaltung einer neuen sozialen Ordnung, sondern eher für deren Paralysierung ausgegeben. Und auch die kirchlichen Hirtenworte, Zeitschriften und Traktate in mannigfachster Gestalt waren von der DDR-Behörden nicht von vornherein und ungeprüft als Aufbauhilfe für eine sozialistische Volksbildung oder Landwirtschaft oder auch nur als rein religiöse Glaubenshilfe einzustufen und erforderten daher ein aufwendiges System von Verbot und Kontrolle. Der Antikommunist und Antisemit Otto Dibelius, ein beispielhafter Befürworter des Faschismus32, war an der Spitze der immer noch gesamtdeutschen EKD gewählt worden und hatte 1957 - in Überrumpelung der eigenen EKD-Synode - mit Adenauer und Strauß den berüchtigten Militärseelsorgevertrag abgeschlossen, dem dann die Synode im Nachgang meinte zustimmen zu müssen - mit den Stimmen der ostdeutschen Synodalen übrigens. Nur der praktische Vollzug mußte in der DDR ausgesetzt werden, weil sie diesem verständ­licherweise ihre Zustimmung versagte! Wenn heute über die Kämpfe der DDR-Administration gegen die Junge Gemeinde von kirchlicher Seite aus Klage geführt wird, dann sollte mindestens die damalige gesellschaftlich-politische Lage in Deutschland, die versuchte Einbindung der BRD in ein westeuropäisches Verteidigungssystem, der westdeutsche regierungsamtliche Drang nach Stationierung von Atomwaffen, die ausgegebenen (z. T. von früher her noch bekannten) Losungen vom „Kampf gegen den Bolschewismus", die Aufrufe zum Ungehorsam gegenüber der „nichtchristlichen Obrigkeit" der DDR (Dibelius)33 und die unzähligen Versuche der zunehmend attraktiver werdenden westlichen Konsumgesellschaft, auf die Bevölkerung der DDR einschließlich ihrer Kirche ein­zuwirken, gebührende Berücksichtigung finden. Und wenn DDR-Lehrer und -Funktionäre - oft plump und überzogen - gegenüber kirchlichen Kreisen in den vierziger und fünfziger Jahren als von einer „NATO-Kirche" sprachen oder Jugendlichen und Studenten unangemessen und verständnislos begegneten, so möge man diese Gesamtkonstellation berücksichtigen und das Handeln auf beiden Seiten der Konfliktparteien fair einzuordnen versuchen. Letzten Endes hat es sich ja als eine von niemandem mehr bestrittene Tatsache erwiesen, daß die in der EKD zusammengefaßten Kirchen tatsächlich NATO-stützende Kirchen sind, wenn sie per Staatsvertrag den in das westliche Kriegsbündnis inkorporierten Streitkräften ihre Militärseelsorge als Bestandteil von deren „Innerer Führung" angedeihen lassen. Die jetzt gerade im Osten mühsam ausgehandelte, zeitlich begrenzie Rahmenvereinbarung zwischen EKD und dem Kirchenamt für die Bundeswehr ist dagegen das sprichwörtliche Feigenblatt, das solche nackten Tatsachen mühsam verdecken soll. Wie gestern im Westen behält sich der BRD-Staat heute auch im Osten vor, über die Zulassung der von der Kirche als Pfarrer vorgeschlagenen Militärseelsorger nach seinen Sicherheitsinteressen und erst nach Tiefenprüfung durch den MAD zu entscheiden. Hatte die DDR, hatten die SED und das MfS überhaupt ein Recht, so tief und die gesellschaftlichen Vorgänge und damit zugleich bis in die zwischenmenschlichen Bereiche vorzudringen, wie sie es taten? Historisch hatten sie nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht dazu, den Versuch der Gestaltung einer „gerechteren Gestalt menschlichen „Zusammenlebens" (so die versammelten DDR-Bischöfe 1969 in Lehnin) mit ihren Mitteln zu sichern. Weder völkerrechtlich noch staatsrechtlich kann man dem Staat DDR die Legitimation absprechen, die von ihn für notwendig gehaltenen Sicherheitsorgane zu schaffen und sich ihrer zu bedienen. Freilich hat auch zu jeder Zeit das moralische (aber leider nicht fixierte) Recht des DDR-Staatsvolkes bestanden, auf die Art und Weise, den Umfang und die Qualität seiner Sicherheits- und Ordnungsdienste Einfluß zu nehmen. Da freilich liegt der sozialistische Hase im Pfeffer! Denn mit dieser Einflußnahme und Kontrolle war es schlecht bestellt. Für eine innersozialistische Kritik an der DDR-Sicherheitspolitik war dringender Handlungsbedarf entstanden, dem ein erfolgreiches DDR-Volk nach dem Rücktritt der Regierung und der selbstbestimmten Wahl einer neuen Volkskammer mit einer entsprechenden Gesetzgebung hätte nachkommen müssen. Leider ist es dazu nicht gekommen, sondern lediglich zu einer Liquidierung des MfS, seiner Ausweitung durch westdeutsche Geheimdienste und der Überlassung des be­trächtlichen Aktenrestes zur Munitionierung der Kombattanten im Medaillen-Bürgerkrieg gegen „Stasi", „rote Socken" und „alte Seilschaften" im Interesse der alten/neuen Herrschaftseliten. Es ist nicht zu bestreiten, daß es für etliche hundert oder tausend Menschen aus der DDR bzw. in der heutigen BRD ein existentielles Interesse daran gab und gibt, schlimme persönliche Erfahrungen mit den DDR-Staatsorganen einschließlich des MfS zu verarbeiten, aufzuklären, ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen (wenn sie selber es wollen) und eine Rehabilitierung für erlittenes Unrecht zu verlangen - mit einer wichtigen Einschränkung: sofern sie nicht die Gesetze der DDR nennenswert verletzten und eine gerechte Strafe dafür erhielten. Auch an dieser Stelle wäre die erneuerte demokratisch­sozialistische DDR in der Pflicht gewesen, Unrecht beim Namen zu nennen und inhumanes Handeln zu sühnen, und zwar auf der Grundlage von der Volkskammer zu beschließender Gesetze (natürlich einschließlich des Rückwirkungsverbotes nach rechtsstaatlichem Standard).

Was hingegen die Öffentlichkeit heute erleben muß, ist etwas völlig anderes. Zunächst wurden jene MfS-Akten-bestandteile ausgesondert und bei den westdeutschen Diensten eingebunkert, die von der gegenwärtigen Bundesregierung als in ihrem Sinne sicherheitsrelevant angesehen werden. Danach wurde eine Bundesbehörde geschaffen und mit einem der Regierung genehmen und ihren politischen Vorgaben verpflichteten Management besetzt, das die verbliebenen Aktenberge sortieren, aufbereiten und zur innenpolitisch gewollten Verwendung bereithalten sollte: die Behörde mit der langen, bereits im Namen Fälschungsabsicht bekundenden Bezeichnung „Bundesbeauftragter für die Unter­lagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik." Nun kann zwar jeder auch nur wenig gebildete Deutsche wissen, daß es das Wort Staatssicherheitsdienst (SSD) in der DDR niemals gegeben hat. In der DDR gab es ein MfS! Aber wer wird sich schon über so eine kleine Ungenauigkeit aufregen wollen? Und so bleibt diese Sprachschöpfung aus dem Umfeld des Gehlen-Dienstes hinter der westlichen Front des kalten Krieges eine psychologisch wirkende Strahlendosis mit Langzeitwirkung. Denn der Begriff SSD und vielleicht auch sein schlagzeilenträchtiges Kürzel STASI sollen unterhalb der Schwelle des Bewußtwerdens die historischen Konturen der zwei Diktaturen in Deutschland verwischen helfen: Staatssicherheitsdienst (der DDR) = Sicherheitsdienst (Himmlers); Stasi = Nazi. Auch das ist ein Beitrag zur Entsorgung deutscher Geschichte im Dienste der heute Herrschenden, ein Beitrag zur Verschleierung der ungebrochenen historischen Tradition, in der diese BRD steht und die sie konstitutiv mit ihren Vorgängerstaaten verbindet: die Angst vor einem seit 1848 umgehenden Gespenst und der seither ununterbrochen geführte Kampf gegen dieses Gespenst des Kommunismus. Die einzige Unterbrechung dieser Traditionskette war die 41jährige DDR bzw. Die 45jährige Geschichte des östlichen Nachkriegsdeutschlands. Diese Tatsache stört; das darin verborgene Erinnerungspotential soll nach dem Willen der heute Herrschenden ausgelöscht werden. Diese Traditionen, die bis in tiefenpsychologische Bewußtseinsschichten der heute lebenden älteren Generation reichen, erklären hinreichend, mit welcher Besessenheit der konservative Zeitgeist und die ihm verpflichteten Akteure in Gesellschaft und Kirche die Delegitimierung derDDR34, ihrer führenden Partei und ihres Sicherheitsorgans MfS betreiben. Die öffentliche Denunzierung, Herabsetzung, Kriminalisierung und Verfolgung der mit der DDR, der SED und ihrem MfS verbunden gewesenen Personen hat weniger mit einer aufgeklärten, demokratisch-freiheitlichen Aufarbeitung der Hinterlassenschaft einer untergegangenen Gesellschaft und dem propagierten Aufbau einer libertären Zivilgesellschaft zu tun, sondern führt cum grano salis zu den erstickenden Verhältnissen eines Metternich-Reiches oder zu Schlimmerem zurück. Was Schilling und andere, mit ähnlichem Charisma Ausgestattete durch ihre „Aufarbeitung" der „Sta­si"-Akten in der von ihnen praktizierten Weise tun, hat weniger mit Aufklärung, sondern mehr mit dem Auftrag zu tun, den der herrschende Zeitgeist erteilt: die Kirche von verbliebenen (besonders den verborgenen) Anhängern einer sozialistisch oder kommunistisch orientierten Variante des Christentums zu reinigen und kirchliche Personen auszugrenzen, die in der DDR ein legitimes Bewährungsfeld für politisches Handeln aus evangelischem Glauben sahen und dabei Sozialisten und Atheisten als Kooperationspartner entdeckten. Auf seiner Säuberungsliste stehen solche, die sich im kalten Krieg nicht von West-Staat und West-Kirche gegen die DDR gebrauchen lassen wollten und - nach den Erschütterungen am Ende eines mörderischen Krieges - mit der Absage an kirchlichen Antikommunismus und Nationalismus eine Verpflichtung der Bekennenden Kirche und ihres Darmstädter Flügels erfüllen wollten: „<...>

3. Wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen, eine christliche Front aufzurichten gegenüber notwendig gewordenen Neuordnungen im gesellschaftlichen Leben der Menschen <...> Wir haben das Recht zur Revolution verneint, aber die Entwicklung zur absoluten Diktatur geduldet und gutgeheißen.

4. Wir sind in die Irre gegangen, als wir meinten, eine Front der Guten gegen die Bösen, des Lichtes gegen die Finsternis, der Gerechten gegen die Ungerechten im politischen Leben und mit politischen Mitteln bilden zu müssen <...>

5. Wir sind in die Irre gegangen, als wir übersahen, daß der ökonomische Materialismus der marxistischen Lehre die Kirche an den Auftrag und die Verheißung der Ge­meinde im Diesseits hätte gemahnen müssen <...>"35

 

II.

„Sich mit Jesus beschäftigen, heißt irgendwo <!> politisch sein. Und wer politisch sein will, muß eine Art <!> Grundlage haben."36

„Auf den Abschlußkundgebungen <der DDR-Kirchentage; d. Vf. > kamen immer ein paar Sätze, die wie ein Messer in der Hand waren."37

Walter Schilling über die DDR-Kirche

Nun soll zu der angekündigten  Frage übergegangen werden, welche persönlichen, biographischen Gründe es dafür gibt, das Schilling nicht nach geschichtlichen und zeitgeschichtlichen Zusammenhängen fragt, in die seine recherchierte „Bearbeitung oder gar „Zersetzung" der Kirche durch das MfS offenkundig eingebettet sind. Dabei fällt auf: Lediglich beim „Sonderfall" Manfred Stolpe ist er geneigt, „mitspielende politische<n> In­teressen" überhaupt in Erwägung zu ziehen.38 Und damit dürfte er auch lediglich heutige Interessen meinen (worin ihm nicht widersprochen werden braucht), nicht aber die Handlungsbedingungen des Kirchenmannes Stolpe zur DDR-Zeit, die jedoch für eine abwägende und erhellende Betrachtung des MfS und seiner „Kirchen-Linie" unerläßlich sind. Fragen nach dem, was politisch und nicht nur personell und funktionell gewollt, verhindert, verändert und beeinflußt werden sollte, werden von Schilling nicht gestellt: weder in seiner zeitlich gegliederten Darstellung, noch in den Ausführungen, wo er sich über „IM" und „operative Vorgänge" äußert.

Allein schon das Vorhandensein politischer Interessen als einen Sonderfall zu bewerten — und sogleich unbekümmert beiseite zu lassen —, damit dürfte bereits das analytische Koordinatensystem von Pfarrer Schilling charakterisiert sein. Daß es sich bei der DDR um einen der Kirche gegenüber feindlich gesonnenen Staat gehandelt habe, geht als Grundaxiom seinem Aktenstudium voraus, bestimmt Anfang, Methode und Ergebnis aller Recherchen und bedarf weder eines Beweises noch einer Rückfrage. Denn es „waren die operativen Mitarbeiter der 'Kirchenlinie' <...> durchwegs Kommunisten, die der Kirche schon aus Tradition feindlich gegenüberstanden, verächtlich von 'Pfaffen' redeten, und eben aus diesem Grund nicht mit der Kirche umgehen konnten."39 Damit soll nach Schilling schon alles politisch Relevante gesagt sein: Hier die bösartigen und böswilligen Kommunisten - dort die edle, einzig aus biblischer Besinnung heraus handelnde Kirche von christlichen Gutmenschen, die von den kommunistischen Bösewichten unablässig unterwandert und in ihrem Verkündigungs- und Seelsorgeauftrag behindert werden. Entsprechend fallen seine Charakterisierungen des Mf S-Mitarbeiters aus: Entweder er war „durchtrieben, schlitzohrich" und fand daran Gefallen, „anderen seine geheime Macht zu demonstrieren" (der Geheimdienstler der ersten Generation)40, oder er verkörperte (in jüngster Zeit) den Typus des „intelligenten, sein Handwerk beherrschenden MfS-Offizier<s>".41 Solche Probleme und Anfechtungen mit Funktionären des NS-Staates hatten natürlich die Kirchen des Jahres 1933 nicht, die ihre vermuteten oder enttarnten Linken mit einem Handstreich aus der Kirche entfernten und sie gleichzeitig den GESTAPO-Schergen und KZ-Wächtern des braunen Systems überantworteten. Wenn Schilling an gleicher Stelle meint, daß „das MfS herzlich wenig Ahnung von den Kirchen, ihren Strukturen, ihren Denkweisen und Verhaltensmustern <hatte>42, dann stimmt das sicher im Blick auf befürchtete antisozialistische, vor allem religiös bemäntelte Aktivitäten ihrer Mitarbeiter, derentwegen die Firma präventiv und operativ tätig werden mußte. Schließlich war ja (in guter Erinnerung an die peinliche conection Kirche/ NS-Staat) die strikte Trennung von DDR-Staat und DDR-Kirche in der Verfassung festgeschrieben und der Kirche so ein autarkes Eigenleben zugestanden worden.43 Ob diese Grundentscheidung übrigens so glücklich war, darf rückblickend mindestens gefragt werden. Denn diese - historisch neuartige - staatsrechtliche Konstruktion einer Sonderrolle der Kirche, ihre Nicht-Einbindung in gesellschaftliche Strukturen wie die „Nationale Front" hat sie in die Gefahr gebracht, zum Spielball in der Hand kirchenfremder In­teressen zu werden - und zwar umgekehrt proportional zum Grad ihrer tatsächlich vorhandenen geistlichen Substanz. Und die kann in einer Kirche der Reformation nur die Bildung an das Wort der Heiligen Schrift sein. Da es aber gerade damit (vgl. das unter Teil I. Gesagte !)seine oben schon beschriebenen Schwierigkeiten hatte- um es immer noch beschönigend auszudrücken -, andererseits eine Affinität amtskirchlicher Überzeugungen zu sozialistischen/kommunistischen Einstellungen schon aus historischen Gründen nahezu aus­geschlossen war, konnte diese Kirche von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs her leicht mit politischen Erwartungen und Aufträgen antisozialistischer Tendenz befrachtet werden. Zumal die vormals im Kirchenvolk ausgebrachte nazistisch-ideologische Saat der braunen Verführer mit ihren Pejorativen vom gottlosen Bolschewismus, vom asiatischen Untermenschen und vom  undeutschen, weil unchristlichen Wesen  eben doch (mehr als je zugegeben) in erschreckendem Maße aufgegangen war. Auch daran, und daran vor allem, konnten die Fortsetzer eines nunmehr leicht modifizierten  Kampfes gegen den Kommunismus westlich von Elbe und Werra bei ihren „Brüdern und Schwestern" der von den asiatischen Horden zeitweilig besetzten „Soff jetzone"44 mühelos anknüpfen. Deshalb offenbart Schillings Behauptung einer vermeintlichen Ahnungslosigkeit des MfS von „dem rätselhaften Wesen Kirche"45 zumindest einen partiellen Irrtum in Geringschätzung der historischen und kirchengeschichtlichen Kenntnisse der Kommunisten, die die oben skizzierte NS-Vergangenheit der Thüringer Kirche vielleicht besser im Gedächtnis hatten als Thüringer Gemeindeglieder oder Thüringer Pfarrer. Die Leute von SED und MfS für so dumm und vergeßlich zu halten, widerspricht im übrigen auch seiner sonsti­gen Diktion.

Der entscheidende Mangel in der Betrachtungsweise Schillings ist sein Unvermögen, der unterstellten „Feindschaft" des MfS gegenüber der Kirche auch nur ansatzweise mit konkreten Inhalten Kontur zu geben und damit einer wirklich politischen Außclärung derStasi"-Problematik näherzubringen, die diesen Namen verdient. Statt dessen erhält diese Feindschaft in seiner Diktion einen geradezu mythischen Charakter, der einen Theologen zwangsläufig an den „Auftrag" der Schlange in der Sündenfallerzählung 1. Mose 3 denken läßt: „Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: <...> Ich will Feindschaft setzen zwischen dir <Mensch; d. Vf .> und d<eine>em Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen."46 Die Fleißarbeit, mit der Schilling durch jahrelanges Aktenstudium eine gewiß beeindruckende Fülle von Einzelwissen zusammengetragen hat, offenbart vielmehr einen gravierenden Mangel an politischem und theologischem Durchdringungsvermögen. Diese Leere hat es bestimmten Publizisten und Historikern wiederum ziemlich leicht gemacht, solches Aktenwissen, das dem Kenntnisstand eines ehemaligen MfS-Bezirkschefs mühelos das Wasser reichen kann, für ihre politischen und kirchenpolitischen Zwecke zu nutzen. Standardbücher wie Besiers gesammelte Werke47 oder auch die Durchführung kirchlicher „Amtszuchtverfahren" gegen „Stasi"-belastete Pfarrer wären ohne Schillings Zuarbeit in Thüringen nicht denkbar.48 Wo Schilling die Aufgaben und Ziele des MfS zu nennen verspricht und der Leser auf inhaltliche Strategiebeschreibung gespannt ist, nennt er unter drei Punkten lediglich methodische Arbeitsformen und bietet als Inhalte die bekannten Leerformeln vom Schutz des „Ansehens des SED-Staates", von der Durchsetzung der „SED-Kirchenpolitik" und der „staatsstabilisierenden Funktion der Kirchen" an.49 Dort, wo er in den MfS-Akten einmal von befürchteter konkreter antikommunistischer Einflußnahme liest, wie z. B. durch das Gustav-Adolf-Werk der BRD, relativiert er den angesprochenen Tatbestand sofort als nur vorgeblich „geltend", ohne einen Gegenbeweis dafür anzutreten. Daß sich allerdings die Offene Jugendarbeit dem MfS als ein „breites Umfeld des politischen Untergrundes" darstellte, möchte er offensichtlich nicht so gern dementieren.50 Denn mit der Bezeichnung „politischer Untergrund" wird - in gewohnter Weise - im unklaren gelassen, ob sich denn diese Jugendkreise auf dem Boden der geltenden DDR-Gesetzlichkeit bewegten, oder aber ob ihre Aktivitäten der Zerstörung der DDR-Ordnung galten und damit vom Staat als unrechtmäßig behandelt wurden. Das sah dann so aus, daß dieselbe Veranstaltung, die vor 1989 gegenüber Bürgermeister oder ABV bei Nachfrage empört als „Bibelarbeit" oder „Andacht" verteidigt wurde, nach der Wende stolz als „revolutionäre Zellenbildung" zum Sturz des DDR-Sozialismus vorgezeigt werden konnte.

Es ist natürlich nicht auszuschließen, daß das Feindschaftssyndrom im Gegenüber zu Kommunisten eine habituelle Verwurzelung im Autor selbst hat, erworben in jahrzehntelangen Reibungen mit den staatlichen Stellen der DDR. Walter Schilling öffnete sein Pfarrhaus für gesellschaftlich an den Rand geratene Jugendliche und betrieb hier und in dem allmählich daraus hervorgehenden Bibelrüstzeitenheim Braunsdorf/Thüringer Wald eine anerkennenswerte, persönlich aufopfernde sozialdiakonische Arbeit. Das bezeugt ihm der Autor dieses Aufsatzes aus eigener Anschauung, und auch weil er just auf gleichem Gebiet tätig gewesen ist. Allerdings war die kirchliche Friedensarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen im Evangelischen Gemeindezentrum „Thomas Müntzer" Kapellendorf51 bestimmt von den Anliegen der Christlichen Friedenskonferenz (CFK), die sich auf weiten Strecken mit den Einsichten kirchlich-ökumenischer Gremien deckten, die einen konziliaren Prozeß der Kirchen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung im Gang gesetzt hatten. Bei ökumenischen Konferenzen, den Vollversammlungen des Weltkirchenrates und bei anderer Gelegenheit genossen gerade die Vertreter des DDR-Kirchenbundes wegen ihres Friedens- und Gerechtigkeitszeugnisses ein sehr hohes Ansehen. Und auch deswegen, weil sie von vielen Vertretern aus den Kirchen der Dritten Welt um einen Staat wie die DDR beneidet wurden, der wirtschaftlich und sozial gerechtere Strukturen aufwies und abrüstungspolitisch wie entwicklungspolitisch bedeutend fortschrittlicher als die BRD agierte, konnte die Arbeit in den CFK-Grup­pen nicht so DDR-konfrontativ sein wie in manchen Gruppen von Schillings Zuschnitt. In der CFK waren in der Mehrzahl Christen tätig, deren in praktischer Ökumene gewonnenen Einblicke in transnationale Zusammenhänge und weltweite ökonomische wie ökologische Herausforderungen zur Folge hatten, daß sie eine innenpolitisch ansetzende DDR-Kritik wesentlich tiefer hängen und manchmal auch ganz ausblenden konnten. Vermutlich deswegen können diese CFK-Mitarbeiter von Schilling als „belächelte naive Außenseiter" abgetan oder gar als Opportunisten herabgewürdigt werden.52 Die in diesem Zusammenhang nicht sofort unter das Verdikt des Opportunismus fallenden „von den Religiösen Sozialisten inspirierten Mitglieder" sind ihm freilich „als rot bekannt", wie er über den Superintendenten mit Decknamen „Müller" zu erkennen gibt.53

Was die politische Farbcodierung „rot" in Schillings Denken bedeutet, erfährt man genauer aus einem Band mit Interviews, in dem „Akteure des Umbruchs berichten". 54 Der Beitrag ist bezeichnenderweise überschrieben: „Die 68er-Insel im Roten Meer<\> - Braunsdorf". Auf die Frage des Journalisten Dornheim, was er denn „1989 gemacht" habe, kommt der Befragte auf die Vorgänge am 8. Oktober 1989 in der Berliner Gethsemane-Kirche zu sprechen:

„Das war, als auch der Herr Fink, Rektor der Humboldt-Uni, Dresche kriegte. Alle Eingeweihten in Berlin haben gesagt: 'Endlich hat der mal den Wanst vollgekriegt, der rosa Kerl!' Wußte doch jeder, daß der rosa ist und ein Kompromißtyp, wie er im Buche steht."55

Wenn der von Schilling so etikettierte Theologe und Ökumeniker Heinrich Fink gehörige „Dresche" wert ist - welche Freude mag da erst aufkommen, wenn es den in seinen Augen noch weniger kompromißfähigen „roten" Typen ans Leder gehen mag?! Walter Schilling (Jahrgang 1930) gibt in der Befragung zu biographischen Daten an, daß er durchaus vom Dritten Reich geprägt worden sei. „Ich war in der Flieger-HJ, da war ich damals sogar stolz darauf."56 Und wenn auch die Jugendfaszination weggefallen ist: „... bis heute fasziniert mich Marschmusik, allerdings mit einem zwiespältigen Gefühl." Vielleicht wird so auch Schillings eigenwillige Bildsprache (vgl. das Motto-Zitat) mit diesem Wissen verständlicher. Weil er als Pfarrerssohn im Osten keine Studienzulassung erhielt, absolvierte er in Münster und Heidelberg ein Theologiestudium, das er 1953 in Jena mit dem Examen abschloß, danach wurde er Vikar und 1955 Pfarrer in Thüringen. Er ist ein Mann, der die DDR-Gesellschaft niemals von innen, etwa auf dem Wege einer Ausbildung, in der sozialistischen Produktion oder in gesellschaftlicher Tätigkeit kennengelernt hat. Er kam als in der Nazizeit vorgeprägter, an westdeutschen Lehreinrichtungen ausgebildeter Theologe in ein Land zurück, dessen gesellschaftliche Entwicklung ihm innerlich fremd war und während seiner jahrelang ausgeübten Sozialtherapie an gesellschaftlich gescheiterten jungen Leute auch fremd blieb.57

Insofern ähnelt der erste Teil seines Lebenslaufs auffallend dem seines Beschützers im Bischofsamt Werner Leich (Jahrgang 1927), der ebenfalls auf eine NS-Sozialisation zurückblicken kann (Pimpf, HJ, NAPOLA-Schule, Reichsarbeitsdienst, Luftwaffen­helfer, Fahnenjunker), an die sich ein Theologiestudium in der BRD anschloß. Außerhalb des Lehrbetriebes beheimatete er sich in rechten Kreisen wie der schlagenden Verbindung Hasso Barussia. Das konnte praktisch so aussehen: „Zusammen mit <...> der Burschenschaft Alemannia versuchten wir, den Allgemeinen Studentenausschuß (ASTA) mit unseren Mitgliedern zu durchdringen und linke Ansätze abzuwehren. Das ist uns zu meiner Zeit auch gelungen."58 <Hervorh. v. Vf.>

So wurde Durchdringung, sprich Konspiration59 und Unterwanderung, in rechten studentischen Kreisen Westdeutschlands eingeübt, bevor man in die DDR zurückkehrte, um dort als Pfarrer das Christentum gegen den „Kommunismus" in Stellung zu bringen. Von daher ist es auch nur zu verständlich, wenn das MfS weder Schilling noch Leich (trotz anfänglicher Versuche) als Informanten gewinnen konnte: beide sind in der Wolle gefärbte Antikommunisten. Deshalb erhielt der rührige und unkonventionelle Braunsdorfer Pfarrer, der von Bischofs-"IM" Braecklein versetzt und dessen Heim 1974 wegen mangelnder hygienischer Verhältnisse staatlicherseits geschlossen werden sollte, später von dem konservativen Leich „erstaunlicherweise" - wie Schilling erfreut bekennt - Rückendeckung. Schilling schreibt: „Leich ist irgendwo von der Erziehung des 'Dritten Reiches" geprägt, er ist Jahrgang '27. 'Ein deutscher Junge weint nicht, und ein deutscher Junge ist hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie ein Windhund.' Pflichtbewußtsein und ähnliches mehr, eigentlich hätte er uns überhaupt nicht verstehen können, aber erstaunlicherweise hat er uns ein Stückchen verstanden. Und er hat dann einen offiziellen Landeskirchenratsbeschluß herbeigeführt, daß Schilling nicht versetzt wird, und damit war der alte Beschluß aufgehoben."60

Die beiden Pfarrern gemeinsame ablehnende Haltung gegen Sozialisten und Kommunisten hat dennoch ihre kirchliche Karriere in der DDR nicht verhindern können; eher im Gegenteil. Eine manchmal schon peinliche, ängstliche Bedachtsamkeit der Staatsvertreter, die sorgenstiftende und deswegen durchleuchtete, aber nichtsdestotrotz heftig umbuhlte und umworbene Kirche nicht zu verprellen, hat sie beide ihre Berufsphase an jeweils verantwortlicher Stelle finden und gelingen lassen: den einen Pfarrer als Ansprechpartner und Be­schützer gesellschaftlich randständiger Jugendlicher; den ändern als Landesbischof und Kirchenbundsvorsitzender und in dieser Funktion ein dem DDR-Staat selbstbewußt und in seiner Endphase gar fordernd gegenübertretender Kleriker der Macht. Von daher ist es auch verständlich, daß Schilling die fadenscheinige kirchenrechtliche Grundlage, auf der die Amtszucht-Verfahren gegen „Stasi-belastete" Pfarrer durchgeführt werden, mit Bekräftigungen aus seiner Feder zu untermauern versucht: „Bischof Leich hatte immer wieder in Hinblick auf das MfS eingeschärft: kein Gespräch unter vier Augen, kein Treffen an einem nichtdienstlichen Ort, immer Mitteilung an den Vorgesetzten, am besten direkt an Leich selbst."61 Diese Zweckbehauptung von einer zu DDR-Zeiten für ordinierte Geistliche angeblich ausgegebenen „Dreierregel" im Umgang mit dem MfS, in kirchlichen Äußerungen zur „Stasi"-Thematik in endlosen Variationen wiederholt, wurde zum unerläßlichen Bestandteil der Anklage und der Urteile bereits abgeschlossener und künftiger Amtszucht-Verfahren. Ihre ständige Wiederholung macht sie freilich nicht glaubwürdiger. Statt dessen gibt bis zum Beweis des Gegenteils, was der oberste Kirchenjurist in Eisenach dem Anwalt eines „Stasi"-beschuldigten Pfarrers geschrieben hat:

 

„<Datum>

Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt...! <.. .> Ich lege Ihnen in Kopie den letzten Rundbrief von Landesbischof Dr. Leich bei, in dem er die Dreierregel für den Umgang mit dem Ministerium für Staatssicherheit noch einmal formuliert hat. Natürlich ist dieser Rundbrief von 9. Januar  1992 <sic !>. Für die Zeit vor der Wende sind wir nicht in der Lage, eine schriftliche Fixierung dieser Regel - viel­leicht in einem kirchlichen Dokument - nachzuweisen. Das verbietet sich natürlich auch durch den Charakter der DDR. <...> Mit freundlichen Grüßen <Name> Oberkirchenrat."62

Kirchliche Mitarbeiter, die ihre loyale Haltung gegenüber dem DDR-Staat nie verhehlten, konnten allerdings kaum mit einer kirchlichen Karriere rechnen. Als in Weimar die Stelle eines Sozialdiakons neu zu besetzen war, wurde vom Superintendenten der Stadtjugend-wart Wolfgang Kerst vergeblich vorgeschlagen. Schilling weiß, warum: „Er wird jedoch von dem Kreis abgelehnt, seine staatsnahe Haltung ist zu offensichtlich."63

Als der Verfasser dieses Aufsatzes durch seine unkonventionelle kirchliche und friedensethische Arbeit mit der CFK dem seit Leichs Amtsantritt sichtlich konservativer werdenden Landeskirchenrat zunehmend lästig wurde, versuchte dieser, ihn aus der Pfarrstelle Kapellendorf zu verdrängen, indem er 1984 eine sogenannte „Prüfung nach zehnjähriger Amtszeit" anordnete. Bei einer Befragung durch Oberkirchenrat NN in Abwesenheit des Pfarrers äußerten zwei der versammelten zwölf Kirchenältesten Kritik an ihrem Geistli­chen, der meist „zu politisch predige", und sprachen sich für seinen Weggang aus, während die übrigen zehn die Fortsetzung seiner Tätigkeit begrüßten. Dem Landeskirchenrat hingegen berichtete der diensthabende Visitator im Rang eines Oberkirchenrates von dieser Sitzung, „die Kirchenvertreter" würden eine Versetzung des Pfarrers fordern. Prompt kam aus Eisenach Leichs dringender Rat, ich möge mich an anderer Stelle bewerben und die Pfarrstelle wechseln. Im übrigen besuchte der Oberkirchenrat lediglich ein einziges Mal unangemeldet meinen Gottesdienst, um die Predigt zu hören, die offenbar nicht „zu politisch" gewesen sein kann, denn es erfolgten keinerlei Reaktionen darauf.

Zum Glück war jedoch das Abstimmungsergebnis jener vertraulichen Sitzung korrekt protokolliert und vom visitierenden Abgesandten der Kirchenleitung unterschriftlich bestätigt worden. Bei einer erneut einberufenen Kirchspielvertreter-Sitzung bekräftigten die Ältesten noch einmal mit Nachdruck ihre mehrheitliche Willensbekundung. Der Visitator schrieb nun ins Protokollbuch, daß er die Kirchenältesten „falsch verstanden" habe, und die Ältesten richteten ein entsprechendes Schreiben nach Eisenach, der Bischof möge den aufgrund unzutreffender Informationen gegebenen Rat wieder rückgängig machen. Bischof Leich akzeptierte zwar die Haltung der Kirchenältesten, teilte aber dennoch gänzlich unbeeindruckt mit, der Landeskirchenrat habe beschlossen, den Rat weiter aufrechtzuerhalten; man werde ihn nur nicht durchzusetzen versuchen. Dieses ganze Verfahren mit zahlreichen aufregenden Tagen und Nächten zog sich sage und schreibe von 1984 bis 1989 hin!64 Im Zuge der „Wende"-Ereignisse schien es zunächst in Vergessenheit geraten zu sein -doch sollte sich das bald als gründlicher Irrtum meinerseits herausstellen. Nach der Offenbarung meiner Gesprächskontakte mit einem MfS-Vertreter und meiner öffentlichen Anprangerung als IM begannen meinerseits zahllose Gespräche mit und Besuche bei irritierten Kollegen. Im Pfarrkonvent wurde eine innerkirchliche Klärung vereinbart. All das konnte nicht verhindern, daß ich im März 1992 nach einem verleum­derischen Fernsehbericht des WDR vor einen landeskirchlichen Untersuchungsausschuß zitiert und anschließend „mit sofortiger Wirkung des Dienstes enthoben" wurde und bis heute enthoben bin.65 Während dieser schlimmen Wochen und Monate sah man den Braunsdorfer Pfarrer, wie er operativ tätig bei diesem und jenem Pfarramt im Kreis Apolda vorsprach, um den dort tätigen Geistlichen mir nicht zugängliche „Stasiakten"- Kopien unter die Nase zu halten. Und im landeskirchlichen Untersuchungsausschuß war er unter den Anwesenden der einzige „Sachverständige" des Kirchen-Tribunals, der einen Haufen Papiere aus der Hinterlassenschaft des MfS als „Beweismaterial" vor sich liegen hatte. Selber Pfarrer, fragte man sich nachdenklich, wie einer zum Ermittler der Anklage gegen seine Kollegen we rden kann, indem er (bar jeder rechtlichen Grundlage) Indizienbeweise zusammenträgt und sich gleichzeitig den kirchlichen Ermittlern, denen er vorher etwas auf die Sprünge helfen muß, als sachverständiger „Berater" empfiehlt.

Walter Schilling hat dem durch seine Aufklärungsaktivitäten hervorgerufenen Mobbing unter den Kirchen-IM offensichtlich durchaus Positives abgewinnen können. Denn der bei den Betroffenen hervorgerufene mannigfache Leidensdruck ficht ihn nicht an, kann er doch eine therapeutische Komponente darin erblicken: „Nicht umsonst stehe vor der Auferstehung die Passion, so Schilling, Berater im Überprüfungsausschuß der Thüringer Landeskirche..." zitiert die Reporterin den Pfarrer-Detektiv aus einem Podiumsgespräch über die Stasi"-Vergangenheit der Kirche.66 Ganz ähnlich konnte man das schon 1991 bei seinem Freund Ehrhart Neubert lesen: „Nachdem ehemalige inoffizielle Mitarbeiter der Stasi entdeckt worden <sic !> sind, geraten sie in Isolierung, werden ausgegrenzt, erleben beruflichen Abstieg, werden krank <...>. Aber sind nicht solche Erfahrungen oft bitter nötig, und wäre den Betreffenden nicht abzuverlangen, diese Leiden auch anzunehmen?"67

Diese Frage muß daher erlaubt sein: Fühlt sich Schilling berechtigt, Amtsbrüdern eine Passion zu verordnen? Und auf welcher neutestamentlich-theologischen Grundlage eigentlich? Die Disziplinarurteile der Thüringer Landeskirche wie auch der VELKD gegen den Verfasser dieses Aufsatzes vermögen keine Passion zu nennen, welche ich (als IM) irgend  jemand verursacht, geschweige denn verordnet hätte. Dem Verdikt des Kirchengerichts, durch meine Beziehung zum MfS nicht mehr als Mann der Kirche gehandelt zu haben, kann ich mich unter diesem Vergleich schon gar nicht beugen.

Aber auch unter historischem Geschichtspunkt darf vielleicht einmal gefragt werden: War nicht in den kirchlich­oppositionellen und bürgerbewegten Kreisen der DDR die Diktatur des Proletariats gerade als eine solche anmaßende ,.Passionsverordnung" zu empfinden möglich gewesen, und liegt nicht gerade darin mit ein Grund für manchen leidenschaftlichen Widerstand und Haß gegen den Staatssozialismus? Auch der unsachgemäße Ge­brauch des Begriffes Klassenkampf bei den Gegnern des Sozialismus kommt womöglich von daher. Im Schlußabschnitt seines Beitrags in derGauck-Reihe wirft Walter Schilling die Frage nach dem Erfolg auf, den das staatliche Schutzorgan des untergegangenen Staates, vor allem mit Hilfe seiner „IM", in und mit der Kirche erzielen konnte. Dabei kommt er zu dem Ergebnis: „Das MfS war bei der 'Bearbeitung ' der Thüringer Kirche <...> gut informiert, in kirchenleitenden Gremien besser als an der Basis - insofern war es erfolgreich. Es hat Einfluß genommen, gebremst, zurückgedrängt, manches auch völlig verhindert. Ganz in den Griff bekommen hat das MfS die Thüringer Kirche nie, die Basis noch weniger als die Kirchenleitung - insofern war es nicht erfolgreich."68

Es fällt auf, daß die Prädikate in diesen Satzkonstruktionen seltsam fahl und leer daherkommen, sie haben keinerlei geistliche oder politische Inhalte; vgl. das eingangs dazu schon Gesagte! Der absolute Erfolg wäre gemäß diesem Raster die Totalidentität der Kirche mit dem Sicherheitsorgan gewesen, der absolute Mißerfolg, das totale Unberührtsein von der „Stasi" jenes ungeliebten Staates.

Nun ist sein Urteil ein vages teils teils mit einer Tendenz zum Erfolg auf der hierarchisch-vertikalen Achse. Schade, daß er selber keinerlei Schlußfolgerungen zieht und seine Forschungen auch keinerlei Schlußforderungen darüber zulassen, wieweit denn nun in dieser sehr unterschiedlich „belasteten" Kirche trotz kalten Krieg Verständnis und Akzeptanz gegenüber dem sozialistischen Gesellschaftsversuch Land gewinnen konnten oder wieweit die antisozialistischen, konservativen Widerständler, Unterwanderer und Überwinder nach Leichs Motto Linke Ansätze abwehren 69 sich durchsetzen konnten. Ich fürchte, daß das MfS in diesem Ringen der Geister weithin flächendeckende Mißerfolge einfuhr, was sicher nicht zum geringsten Teil den Untergang der DDR vorbereitete. Aber selbst noch dieser bescheidene Rest-Erfolg des MfS, die schlimmsten Mißbräuche der Kirche als Waffe gegen den DDR-Sozialismus verhindert zu haben, ist für Schilling ein deprimierendes Ergebnis jahrelangen Baggerns in Gaucks Aktenbergen, „ein<em> Auseh-witz unserer Seelen" (Jürgen Fuchs). Dieser Mißerfolg, die Kirche nicht gänzlich aus den Machenschaften der „rosa Kompromißtypen" und von der Mitarbeit einer ganzen Reihe „roter" Christen vom Aufbau des Sozialismus ferngehalten zu haben, ruft Leute vom Zuschnitt Schillings auf den Plan, die die gewonnene Schlacht des christlichen Abendlandes gegen den gottlosen Kommunismus noch einmal schlagen müssen, weil nur die restlose Vernichtung dieses Gegners vermeintliche Sicherheit schenkt. Siehe MfS-Handlungsanweisung XYZ: Feindlich-negative Kräfte sind zu liquidieren. Gez.: Mielke.


Anmerkungen:

1 Clemens Vollnhals (Hrsg.): Die Kirchenpolitik von MfS und Staatsicherheit. Eine Zwischenbilanz = Analysen und Dokumente. Wissenschaftliche Reihe des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (Hrsg. von der Abt. Bildung und Forschung), Ch. Linke Verlag Berlin 1996, 1. Aufl. <im folgenden Vollnhals>, S. 211, 214 u. a. Stellen

2 Andreas Dornheim und Stephan Schnitzer (Hrsg.): Thü­ringer 1989/90 Akteure des Umbruchs ber ichten Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 1995 <im folgenden: Dornheim>, S. 208

3 Statt dessen haben diesen nicht-exemplarischen Christen Bonhoeffer, der für die Juden schrie, während seine BK-Brüder lieber Gregorianik sangen, zwar die Flüche der kirchlichen Nazis, aber nicht die Fürbitten der Bekennenden Kirche umgeben, während er in seiner Flossenbürger Zelle auf die Hinrichtung wartete.

4 Thüringer Kirchenblatt und Kirchlicher Anzeiger <im '   folgenden: ThKBl> 1933, Teil A, Nr. 7, S. 17

5 Ebenda

6 Ebenda, S. 18

7 Die Belege dafür, auch zahlreiche andere, finden sich in Fülle neben zahlreichen anderen zeitgeschichtlichen Dokumenten auch in diesem Kirchenblatt.

8 ThKBl 1934, A, Nr, 5, S. 13

9 ThKBl 1935, B, Nr. 6, S. 49

10 ThKBl 1936, B, Nr. 6, S. 37

11 ThKBl 1936, B, Nr. 14b, S. 81

12 ThKBl 1938, B, Nr. l, S. l

13 ThKBl 1938, A, Nr. 5, S. 11

14 ThKBl 1938, B, Nr. 21a, S. 157

15 ThKBl 1939, A, Nr. 2, S. 3

16 Gesetzblatt der Deutschen Evangelischen Kirche <im folgenden: GbIDEK> 1839, Ausgabe A, Nr. 4/5, S. 19

17 ThKBl 1939, B, Nr. 17, S. 104

18 ThKBl 1939, B, Nr. 17, S. 103

19 GblDEK 1940, A, Nr. 8, S. 29

20 ThKbl 1944, B, Nr. 23, S. 115

21 GblDEK 1941, A, Nr. 7, S. 31

22 ThKbl 1942, A, Nr. l, S. 1; B, Nr. l, S. 2

23 ThKbl 1943, B, Nr. 12, S. 50 und zahlreiche weitere Verlautbarungen dazu

24 ThKbl 1943, B, Nr. 23, S. 90

25 „Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben läßt für seine Freunde"

26 ThKbl 1944, B, Nr. 15, S. 89

27 ThKbl 1945, B, Nr. 6, S. 19

28 GblDEK 1933, A, Nr.. 4, S. 25ff.

29 Apoldaer Tageblatt vom 14.2.1936

30 Vgl. Erich Stegmann: Der Kirchenkampf in der Thürin­ger Evangelischen Kirche 1933-1945, EVA Berlin 1984, 1. Aufl., v. a. Kapitel III: Der Widerstand, S. 27 ff.

31 Vgl. für das folgende vgl. Hans Prolingheuer: Kleine Politische Kirchengeschichte, Pahl-Rugenstein Köln, 1985, 2. Aufl.

32 O. V.: Hier spricht Dibelius. Eine Dokumentation, Rütten & Loening Berlin 1960, 1. Aufl.

33 Vgl. Prolingheuer, S. 160 bzw. Anm. 340

34 Außenminister Kinkel vor dem 15. Deutschen Richter­tag 1991

35 Darmstädter „Wort des Bruderrats der Bekennenden Kirche" 1991vom 8. August 1947, zit. n. Prolingheuer, S. 11

36 Dornheim, S. 195

37 Dornheim, S. 199

38 Vollnhals, S. 212

39 Vollnhals, S. 219

40 Vollnhals, S. 220

41 Vollnhals, S. 229

42 Vollnhals, S. 219

43 Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik, Kongreß-Verlag Berlin 1951, S. 18 ff.; davon die Artikel 41-48, besonders Artikel 43. „Es besteht keine Staatskirche <...>"

Vgl. weiterhin: Verfassung der Deutschen Demokratische Republik, Staatsverlag der DDR 8. Aufl., Berlin 1989, Artikel 39, S. 34

44 Dieses im rheinischen Dialekt ausgesprochene Wort von Adenauer wurde zum Inbegriff seiner verächtlich­machenden Behandlung der neuen politischen Ordnung in der SBZ/DDR und ihrer Vertreter.

45 Vollnhals, S. 216

46 l.Mose3, 14-15 i. A.

47 Z. B.: Gerhard Besier, Stephan Wolf (Hrsg.): 'Pfarrer, Christen und Katholiken". Das Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen DDR und die Kirchen, Neukirchener Verlag Neukirchen-Vluyn 1991, 2. Aufl., = Historisch-Theologische Studien zum 19. und 20. Jahrhundert (Quellen), Band 1;

oder: Gerhard Besier; Der SED-Staat und die Kirche -der Weg in die Anpassung, 1993, 1. Aufl.

48 Wolfgang Richter (Hrsg.): Unfrieden in Deutschland. Weißbuch 4. Kirche im Sündenfall. Der Pfarrer von Kapellendorf, GNN-Verlag Sachsen/Berlin 1995,1. Aufl. <im folgenden: Richter>; darin besonders Teil III: Das Verfahren, S. 89 ff.

49 Vollnhals, S. 258

50 Vollnhals, S. 260

51 Ausführlicher bei Richter, besonders Teil I: Der rote Pfarrer in Kapellendorf, S. 23ff.

52 Vollnhals, S. 219

53 Vollnhals, S. 218

54 Dornheim, S. 193 ff.

55 Dornheim, S. 206

56 Dornheim, S. 205

57 An dieser Stelle ist eine persönliche Anmerkung ange­bracht. Ich habe Schillings Arbeit mit den marginalisierten jungen Leuten immer mit einem Gefühl von Hochachtung Anerkennung beobachtet, in das sich allerdings bald auch starke Zweifel und einiges Bedauern mischten. Die Zustimmung bezog sich auf die hingebungsvolle Art, wie er diese von einer verständnislosen Umwelt und hartherzigen Staatsfunktionären beschädigten, irritierten und auswegsuchenden Jugendlichen vorbehaltlos „annahm" und ihnen gesellschaftlich fehlende Nestwärme gab. Bedauert habe ich jedoch - soweit ich das aus der Entfernung verfolgen konnte -, daß die von ihm angestrebte „Resozialisation" eine Wiedereinwanderung, eine Integration in die sozialistische     Gesellschaft offenbar ausschloß. Dazu fehlten offenbar eigenes -  biograflsch bedingtes -Vermögen wie auch entsprechende theologische Einsichten. - Ich sage das aus der Sicht eines Menschen, der zwar durch Schillings Tun geschädigt wurde, aber der sich nicht aus einem Rache-Motiv mit seiner politischen Rolle nach 1989 kritisch auseinandersetzt.

58 Werner Leich:Wechselnde Horizonte. Mein Leben in vier politischen Systemen, Wuppertal und Zürich 1992, 1. Aufl., S. 40

59 Zu diesem Thema wäre ein besonderer Exkurs nicht nur möglich, sondern auch nötig!

60 Dornheim, S. 203

61 Vollnhals, S. 236

62 Privatarchiv P. F.: Diese Regeln waren nur im Gespräch gegenüber Menschen, die sich durch eine Aufforderung des MfS zur Mitarbeit beschwert fühlten und dann an Leich wandten.

63 Vollnhals, S. 252

64 Peter Franz: Rausekelungsverfahren gegen Pfarrer Peter Franz in seinem Kirchspiel 1984 bis 1989 unveröffentlichtes Manuskript, Privatarchiv P. F.

65 Richter, besonders Teil IV: Feindesvorwurf, Freundesschreiben, 123 ff.

66 Glaube und Heimat, Evangelische Wochenzeitung für Thüringen (Hrsg. Landeskirchenrat der Evang.-Luth. Kirche in Thüringen), Nr. 9 vom 26.2.1995, S. l, in der Kolumne „Zeitverschwendung?" von Christine Lässig

67 Die Zeichen der Zeit, EVA Berlin 1991, Nr. 4, S. 132

68 Vollnhals, S. 266

69 Vgl. Anm. 58!