Zeitschrift "Konkret" Nr. 7/94, Seite 52 - 54

 

Wolfgang Schmidt

 

"Zur weiteren Veranlassung"

 

Die Stasi als Initiatorin einer liberalen Schwulen- und Lesbenpolitik in der DDR? Wolfgang Schmidt, Jahrgang 1939, Eintritt ins Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) 1957, war seit 1986 Leiter der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung XX - unter anderem zuständig für die innere Opposition -, davor bereits als stellvertretender Leiter dieser Arbeitsgruppe verantwortlich für Analyse und Information. Zuletzt Oberstleutnant, nahm er maßgeblichen Einfluss auf die Homosexuellenpolitik der DDR. Bei ihm liefen die Informationen zu der sich ab Anfang der 80er Jahre entwickelnden Lesben- und Schwulenbewegung zusammen. Darüber, wie Homosexuellenpolitik in der DDR zustande kam und welchen Einfluss das MfS darauf hatte, befragte ihn Eike Stedefeldt

 

Wer über die Homosexuellenpolitik  in der DDR spricht, muss über die Rolle des MfS darin sprechen. Wie ist dessen Interesse an der Homosexuellenpolitik zu erklären ?

 

Etwa 1982/83 schlossen sich vornehmlich in, vereinzelt auch außerhalb von Kirchen Homosexuellenkreise zusammen und machten Forderungen auf betreffend ihrer Lage in der DDR-Gesellschaft. Das war Anlass für meine Abteilung, die für das als "politische Untergrundtätigkeit" verstandene Formieren einer Opposition zuständig war, sich gemeinsam mit anderen Abteilungen der Hauptabteilung XX damit zu befassen. Zuvor hatten sich ja bereits andere oppositionelle Gruppierungen unterm Dach der Kirche gebildet, und nun kam die homosexuelle Szene dazu. Da bestand zunächst der Verdacht, dass sich hier dasselbe abspielt wie früher in Umwelt- und Friedenskreisen. Homosexuellenkreise allein hätten uns wahrscheinlich gar nicht interessiert.

 

Ich selbst erhielt 1983 den Auftrag, gemeinsam mit. der operativen Fachabteilung 9 der HA XX diese Zusammenschlüsse gründlich zu analysieren: Wer sind diese Personen, was wollen sie, inwieweit gehen von ihnen Gefahren für die innere Sicherheit der DDR aus? Das Ergebnis lag mir irgendwann 1983 vor. Es wurde exakt geschildert, wie viele dieser Gruppen es gab - ich erinnere mich an etwa 15 -, wer dort regelmäßig verkehrte, wer die wichtigsten Leute waren, welche Forderungen aufgestellt wurden. Gleichzeitig aber hatten wir unsere Möglichkeiten genutzt, uns überhaupt zum Problem Homosexualität sachkundig zu machen.

 

Ich habe dann versucht, auf zwei DIN-A4-Seiten ein Resümee zu ziehen. Darin habe ich geschrieben, dass der Zusammenschluss Homosexueller seine Ursachen habe in ihrer nicht befriedigenden Lage in der DDR. Würden ihre Probleme keiner für die Homosexuellen befriedigenden Lösung zugeführt, handele es sich zweifellos um ein Potenzial, das Bestandteil der politischen Opposition und Untergrundtätigkeit werden könnte. Das Problem der Homosexuellen sei aber auch aus anderer Sicht für das MfS und die DDR-Gesellschaft von Interesse, insbesondere weil der Anteil Homosexueller an Übersiedelungsersuchen in die BRD und auch ihre Selbstmordrate höher läge als im Bevölkerungsdurchschnitt. Drittens erscheine es paradox, dass die Homosexuellen sich in Kirchen organisierten, die mit ihrer Ideologie die homosexuelle Szene erst in jene Lage gebracht hätten, in der sie sich jetzt befände, während wir in der Tradition der KPD stünden, die in der Weimarer Zeit gegen den Paragraphen 175 gekämpft hat. Anschließend stellte ich auf etwa sechs, sieben Seiten die Forderungen der Homosexuellen und die mögliche staatliche Reaktion darauf gegenüber.

 

Um welche Punkte ging es da?

 

Der erste enthielt den Vorschlag, Kontaktanzeigen zu ermöglichen, da die Homosexuellen ja viel größere Probleme hätten, Partner zu finden. Der zweite war die Ehrung homosexueller Opfer des Faschismus. Es hatte zuvor eine Reihe unliebsamer Vorkommnisse, auch Unsicherheit vor allem seitens der Gedenkstätten des antifaschistischen Widerstands gegeben, die solche Ehrungen als gezielte Provokation abgelehnt hatten. Andererseits war natürlich auch bei den Homosexuellen keinerlei Verständnis für die Ablehnung solcher Ehrungen zu finden. Diese sollten also erlaubt werden, einschließlich einer bestimmten Ausgestaltung der Gedenkstätten unter Beachtung der entsprechenden Schwerpunkte des antifaschistischen Widerstandes. Der dritte Punkt betraf die Wohnungssuche, wo ich eine Gleichstellung mit Lebensgemeinschaften anregte. Ein weiterer Punkt war die Zulassung von kulturellen Veranstaltungen und Zusammenkünften.

 

Die Frage, ob man eine Organisation Homosexueller zulassen sollte, habe ich verneint. Das MfS hatte sich damals der Argumentation des Ministeriums des Inneren angeschlossen, das schon in den siebziger Jahren solche Bemühungen mit der Begründung abgelehnt hatte, die Orientierung auf ein Feld der Intimsphäre reiche allein nicht aus für eine tragfähige Organisation; alle anderen Interessen könnten im Rahmen bereits vorhandener Organisationen wahrgenommen werden. Ein weiteres Feld war die Zulassung Homosexueller zu Funktionen, die mit Geheimhaltung und Geheimnisschutz zu tun hatten. Meine Auffassung war, dass die Zulassung auf lange Sicht ermöglicht werden müsse, aber nicht schlagartig und für alle Funktionen gleichermaßen erfolgen könne. Solange die Mehrheit der Bevölkerung Homosexualität ablehne, müsse man von der Möglichkeit der Erpressbarkeit ausgehen, was erst nach und nach im Zuge allgemeiner Akzeptanz abgebaut werden könne.

 

Welche Themen schienen Ihnen damals darüber hinaus wichtig?

 

Die Heirat Homosexueller. Ich war der Auffassung, dass entsprechende Regelungen nicht nötig seien, weil durch eine Gleichstellung mit Lebensgemeinschaften unter den Bedingungen des DDR-Rechts das Ziel voll hätte erfüllt werden können. Die Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare lehnte ich damals mit der Begründung ab, dass man in diesem Falle auch die Interessen der Kinder berücksichtigen müsse und nicht von vornherein sagen könne, wie diese, wenn sie dann erwachsen wären, diese Sache beurteilen würden.

 

Ein weiteres Problem bestand in der Einfuhr homosexueller Literatur. Ich hatte da sehr vorsichtig formuliert, dass ja eigentlich auch neue Überlegungen nötig wären, was die Haltung zu erotischer und pornographischer Literatur betrifft. Das ist der einzige Punkt, wo ich mir nicht sicher bin, ob er dann von meinen Vorgesetzten so aufgenommen wurde, wie ich ihn gemeint hatte.

 

Natürlich spielte der Paragraph 151 StGB (die liberalere DDR-Fassung des alten Paragraphen 175, ) eine Rolle. Ich hatte vorgeschlagen, dass man ihn bei der nächsten Strafrechtsänderung ersatzlos streichen sollte. Aus MfS-Sicht gab es nichts, was dem entgegengestanden hätte.

 

Lagen dem bereits wissenschaftliche Expertisen zugrunde?

 

Alles, was uns zu diesem Thema zugänglich war. Etwa die Einschätzungen von Wissenschaftlern und Medizinern sowie die Vorarbeiten des Ministeriums des Inneren (MdI) auf diesem Gebiet aus den 70er Jahren. Das MdI hatte sich dem Thema schon einmal zugewandt; es ging um die Zulassung einer Homosexuellen-Organisation. Unmittelbar nach der Aufhebung des alten Paragraphen 175 mit dem neuen Strafgesetzbuch der DDR 1968 hatten sich Zusammenschlüsse gebildet, die eine Organisation Homosexueller anmeldeten. Das ist damals abgelehnt worden. Damals hatte das MdI verschiedenes Material gesammelt, das uns zur Verfügung stand. Wobei man das MdI in diesem Kontext nicht so sehr als oberste Polizeibehörde sehen muss, sondern als Institution, die für das Erlaubniswesen, die Zulassung von Vereinen und dergleichen, zuständig war.

 

Was geschah mit Ihrem Forderungskatalog weiter?

 

Ich stimmte ihn mit meinen Amtskollegen der Hauptabteilung XX ab. Das waren mindestens fünf Abteilungsleiter, mit denen ich darüber zu sprechen hatte: der für die Medizin zuständige, der für den Staatsapparat­ Abteilung 1 -, der für die Jugend - Abteilung 2 -, der für die Kirche – Abteilung 4 -, der für die Kultur - Abteilung 7 - und der Abteilung 9, der in der HA XX alles zugeordnet wurde, was strukturell nirgends reinpasste, und die auch die operativen Verbindungen in die Bezirksverwaltungen und Kreisdienststellen des MfS unterhielt. Ich legte das dann meinem Hauptabteilungsleiter, General Kienberg, vor, versehen mit den üblichen Anschreiben: "Beiliegend die Analyse ... zur Kenntnisnahme ... weiteren Veranlassung ... abgestimmt mit dem und dem". Der weitere Weg dieser Analyse ist dann für mich nicht mehr authentisch nachvollziehbar, aber laut Hörensagen muss Kienberg das gesamte Papier, mindestens aber die Zusammenfassung, dem Stellvertreter des Ministers, Generaloberst Rudi Mittig, vorgelegt haben. Der wiederum hat ihn offensichtlich beauftragt, seine exzellenten Verbindungen zum ZK der SED zu nutzen.

 

Der weitere Weg war an sich nicht der übliche. Üblich wäre gewesen, dass die Analyse an die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe des MfS, also meine übergeordnete Institution, gegangen wäre. Von dort aus wäre sie entweder dem Minister auf den Tisch gekommen, damit er sie mitnimmt zu seinen wöchentlichen Gesprächen mit Honecker, oder aber es wäre daraus eine direkte Ausgangsinformation des MfS gefertigt worden mit dem festgelegten Verteiler an Politbüromitglieder, Abteilungsleiter des ZK der SED etc. Das ist nicht passiert. Kienberg nutzte seine persönlichen Beziehungen - sicher im Auftrag des stellvertretenden Ministers - legte diese Analyse in einer oder mehreren Abteilungen des ZK den entsprechenden Leitern vor. Ich vermute, dass der weitere Weg über die Abteilung Gesundheitswesen gegangen ist, es ist aber auch möglich, dass es über die Abteilung Staat und Recht gelaufen ist. Über die entsprechenden Politbüromitglieder, also Kurt Hager oder Egon Krenz, muss dann Erich Honecker das Ganze ziemlich schnell den Tisch bekommen haben. All das müsste in der ersten Hälfte 1984 passiert sein.

 

Und wie hat Honecker auf diese Vorlage reagiert?

 

Man möge ihn mit dieser Angelegenheit in Ruhe lassen; wie sehr man sich mit diesem Thema blamieren könne, habe ja wohl Fall des Nato-Generals Kießling gezeigt. Er habe kein Interesse, sich da zu engagieren. Dennoch muss es im Apparat des ZK jemandem gegeben haben, der ihm das vielleicht 14 Tage später nochmals vorgelegt hat mit der Bemerkung, er müsse sich ja gar nicht öffentlich zu dem Thema äußern. Er solle nur seine Zustimmung geben dazu, dass die in dem Papier enthaltenen Vorschläge von den zuständigen Organen verwirklicht werden könnten. Und dem hat er dann zugestimmt und diese Vorschläge bestätigt.

 

Jedenfalls gab es innerhalb kurzer Zeit nach Abfassung dieser Analyse grünes Licht für eine spürbare Verbesserung der Lage Homosexueller in der DDR. In der Folge waren Kontaktanzeigen möglich; das Presseamt hatte jetzt den Auftrag, das möglich zu machen, und das war ja auch ganz einfach: Wenn der Chef vom Ganzen gesagt hatte, das geht, dann ging das eben. Auch der Paragraph 151 geriet nicht aus dem Blickfeld. Als 1988 das 5.Strafrechtsänderungsgesetz anstand, brauchte ich nur noch auf die eigentlich schon erfolgte Klärung zu verweisen. Soviel zu den Hintergründen der für viele vielleicht nicht ganz erklärlichen Veränderungen in der Politik der DDR.

 

Die kamen ja häufig sehr überraschend ...

 

Ja, und hingen oft von sehr subjektiven Entscheidungen ab. Was nicht bedeutete, dass das MfS aufgehört hat, die Gruppierun­gen Homosexueller zu beobachten. Man wollte sicher sein, dass nicht doch irgendwann ein Umschlag zu offener politischer Opposition erfolgt. Anzeichen dafür gab es im Wirken einzelner Mitglieder solcher Gruppen, die natürlich damit im besonderen Blickfeld des MfS standen. Das war aber nur die eine Seite.

 

Die andere war, dass Gruppen, die wir bereits als oppositionell eingestuft hatten, sich immer wieder bemühten, bei den Homosexuellen ein personelles Reservoir zu finden. Homosexuelle wurden somit nicht losgelöst von anderen Gruppen beobachtet. Das hat aber nie dazu geführt, dass die Homosexuellen-Gruppierungen vom MfS als oppositionelle oder Untergrundgruppierungen eingestuft wurden. Den Status hatten sie nicht.

 

Die Szene datiert den Beginn ihrer Observierung durch das MfS heute mit dem ersten Auftreten von Lesben und Schwulen bei den Weltfestspielen 1973 in Berlin. Anfang der 80er Jahre, als sich eine Reihe von Arbeitskreisen bei der Kirche zusammenfanden, soll das MfS seine Tätigkeit intensiviert haben.

 

Die Staatssicherheit hat sich mit diesem Feld tatsächlich erst Anfang der 80er Jahre befasst, als zusätzlich zu dem Entstehen kirchlicher Friedens- und Umweltgruppen nun auch Homosexuellengruppen auftraten. Die Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 habe ich persönlich als für die Sicherheit ausländischer Teilnehmer Verantwortlicher erlebt. Zur damaligen Zeit habe ich das Auftreten von Homosexuellen-Gruppierungen als eine von außen hereingetragene Provokation empfunden. Soweit ich mich erinnere, waren es englische Gruppen, die dort auftraten, keine inländischen.

 

Im Programm einer Tagung der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt zum Thema "Homosexuelle als Sicherheitsrisiko" hieß es im Oktober 1993, in der Eroberung und Behauptung sozialer Freiräume für homosexuelle Männer und Frauen hätten die Sicherheitsorgane der DDR Ansätze zur ideologischen Untergrundtätigkeit entdeckt und mit Aufklärung, Verunsicherung und Zersetzung der Szene reagiert.

 

Keinesfalls ging es dem MfS um eine Bekämpfung Homosexueller oder ihrer berechtigten Interessen. Es ging stets nur um das Potenzial für anders geartete politische Ambitionen mit dem Ziel der Veränderung der innenpolitischen Verhältnisse. Unsere Ziele waren politischer Natur. Und dazu gehörte keineswegs die Verfolgung einer bestimmten sexuellen Neigung.

 

Das MfS hat in der Folgezeit wiederholt Vorschläge unterbreitet, ein staatliches Koordinierungsgremium für Probleme der Homosexuellen zu schaffen, weil diese Problematik einem einzelnen Staatsorgan einfach nicht zuzuordnen war, sondern durch alle Bereiche hindurchging. Es hat sich aber niemand gefunden - nach unserer Auffassung hätte das das MdI sein sollen -, der diese überministerielle Arbeit leisten wollte. Und so wie das auf zentraler Ebene nicht zustande kam, war das natürlich auch auf bezirklicher nicht zu schaffen, so dass viele Anliegen von Homosexuellen an den unterschiedlichsten Stellen der Räte der Bezirke und Kreise, bei den Verantwortlichen für Kultur usw. eingingen und eine einheitliche Vorgehensweise nicht durchsetzbar war.

 

Wie breit war denn die Beobachtung der Szene, gab es da Momente, wo sie verstärkt wurde?

 

Eine spezielle Überwachung hat es nur im Zusammenhang mit diesen etwa 15 Gruppierungen gegeben. Wir waren da soweit präsent, dass wir regelmäßige Informationen aus allen Gruppen hatten. Wir waren also schon informiert, aber eben auch durch solhe Kontakte, die keineswegs einseitig nur durch das MfS wirkten, sondern über die Ho­mosexuelle immer wieder aufmerksam machten auf ihre Probleme und die mit dem Klischee vom Spitzeltum überhaupt nichts zu tun hatten. Da suchten Menschen einfach Partner in einem kompetenten Staatsorgan, weil sie solche Kontakte woanders kaum finden konnten.

 

Sie sprechen die Inoffiziellen Mitarbeiter in den Gruppen an, aber viele wären damals sicherlich zuletzt auf die Idee gekommen, wegen Problemen mit ihrer Homosexualität ausgerechnet zum MfS zu gehen.

 

Aus heutiger Sicht mag man das so sehen. Aber das MfS hat sich ja vieler Aufgaben angenommen, die nicht zur klassischen Geheimdienstarbeit gehören. Das hat sich zum Teil aus dem Versagen der Politik ergeben, die ja weitgehend erstarrt war. Vorschläge, Anregungen, Änderungen sind ja immer weniger von den zuständigen Organen gekommen, sondern wurden indirekt vom MfS aufgegriffen.

 

Das MfS war gedanklich in den Gruppen ja immer präsent. Einige Mitglieder mit politischen Ambitionen wussten nie genau, wie weit sie gehen durften. Könnte für sie ein Absicherungsbedürfnis Motiv gewesen sein, sich als IM werben zu lassen, oder auch Zweifel darüber, ob bei Ablehnung einer Zusammenarbeit nicht die "falschen" Informationen zum MfS gelangen würden, was wiederum Mitstreiter, Freunde und sie selbst gefährden konnte? War "freiwillige" IM-Tätigkeit womöglich sogar eine Form bewusster Informationspolitik?

 

Das waren sicher wichtige Motive. Gerade bei IM, die vorhatten, die Zulassung bestimmter Organisationsstrukturen durchzusetzen. Es war ein verbreitetes Motiv bei der Zusammenarbeit mit dem MfS, die Interessenlagen und Absichten der Gruppen der Staatsmacht nahe zu legen und ihr gleichzeitig Zusicherungen zu geben, dass ehrliche Absichten hinter solchen Vorhaben stehen. Natürlich waren Gespräche zwischen Führungsoffizieren und solchen IM keine Einbahnstraßen. Auf diese Weise hat die Staatssicherheit sehr wirkungsvoll immer wieder auf Anliegen und Probleme der homosexuellen Bürger aufmerksam gemacht, die sie auch ernst nahm. Die Gespräche mit dem MfS haben auf jeden Fall die Gewissheit gebracht, dass keine persönlichen Nachteile entstehen und angesprochene Anliegen mitunter sogar auf den richtigen Weg gebracht werden können.

 

1990 gab es Pressemeldungen, im Prenzlauer Berg seien rund 800 Schwule in Rosa Listen erfasst worden. Können Sie dazu etwas sagen?

 

Selbst wenn wir alle Angehörigen dieser Zusammenschlüsse erfasst hätten, was wir nicht gemacht haben, wären wir nie auf 800 Leute gekommen. Hier wird etwas verwechselt. Es hat auf örtlicher Ebene bei der Polizei solche Aufstellungen gegeben im Zusammenhang mit bestimmten Vorkommnissen, die aber auch im Rahmen der Volkspolizei wohl nicht zentral angewiesen waren oder überall geführt wurden. Im MfS selbst - ich spreche hier von der Zentrale - hat es solche Karteien oder Listen nicht gegeben. In der Hauptabteilung XX waren die wichtigsten Organisatoren der Gruppierungen in Karteien erfasst, je nachdem, welche Bedeutung sie hatten, bis hin zur Erfassung in Form von bearbeiteten Vorgängen, operativen Personenkontrollen oder generellen Hinweiserfassungen. Das gilt aber nicht für alle Mitglieder dieser Gruppierungen und schon gar nicht für alle, die bekannt geworden wären wegen irgendwelcher homosexueller Neigungen. So weit sind wir nie gegangen, das hatte alles immer einen konkreten politischen Bezug.

 

Wenn nun Homosexuelle dem MfS negativ aufgefallen waren, gab es dann Eingriffe in deren Privat- oder Berufsleben?

 

Das hing immer mit dem Beruf zusammen, den derjenige vorher ausgeübt hatte. Berufsverbote gab es nur in besonders sensiblen Bereichen, zum Beispiel dem Erziehungswesen oder der Journalistik, und bei weitem nicht in dem Ausmaß, wie es heute behauptet wird. Dass es Versuche gegeben hat, bestimmte Aktivisten, die sich vor allem politisch hervorgetan haben, in ihrem Einfluss einzuschränken, auch in ihrem Ruf zu beschädigen, das ist Praxis eines jeden Geheimdienstes, der sich unliebsamer Gegner erwehren möchte.

 

Wurden Inoffizielle Mitarbeiter auch direkt auf Personen angesetzt, und wenn ja, wie weit ging das MfS dabei?

 

Sicher gab es das. Wenn eine Person besonders im Blickpunkt stand, wurde natürlich auch versucht, etwas von ihren Absichten und Vorhaben in Erfahrung zu bringen - mit den Mitteln, die man zur Verfügung hatte. Und wenn die Möglichkeit bestand, im Intimbereich näher heranzukommen, so ist auch das genutzt worden. Nicht nur, nicht ausschließlich, aber eben auch. Das ist nichts für die Homosexuellen Spezifisches. Das ist überall in der Welt so, nur dass wir eben die einzigen sind, deren Panzerschränke jetzt aufgemacht werden.

 

Einige Wochen nach dem Pfingsttreffen der FDJ 1989, an dem weltliche Gruppen erstmals offiziell auftreten durften, erschien im Organ des Zentralrates der FDJ, der "Jungen Welt", eine kompromittierende "Danksagung" an die FDJ, unterzeichnet mit "AGH Courage" ("AG Homosexualität >Courage«<, eine außerkirchliche Lesben­ und Schwulengruppe). Deren Herkunft ist noch heute ungeklärt. Gehörte so etwas zu den "Zersetzungsmaßnahmen" des MfS?

 

Das ist möglich, aber im konkreten Fall kann ich das nicht sagen. Es ist eine übliche Methode, politische Macht zu sichern durch Rufmord an politischen Gegnern. Zersetzungsmaßnahmen sind keine Spezifik des MfS, sie gehören zu den Instrumentarien aller Geheimdienste. "Zersetzung" ist für den Normalbürger vielleicht am besten mit "politischer Intrige" zu übersetzen. Dass das MfS Zersetzungsmaßnahmen anwandte, hat weniger mit politisch-ideologischer Diversion zu tun, sondern damit, dass in bestimmten Bereichen weitgehend auf die Anwendung strafrechtlicher Mittel verzichtet wurde. Zersetzungsmaßnahmen waren eine gewaltfreie, nicht strafrechtliche Methode, sich bestimmter Personen zu erwehren, und zusammen mit der inoffiziellen Beeinflussung, also dem Hereinbringen Inoffizieller Mitarbeiter in die Gruppierungen und deren Leitungspositionen zwecks Beeinflussung ihrer Aktivitäten, das einzige Mittel, das dem MfS außerhalb des Strafrechts zur Verfügung stand, um vorbeugend Gefahren für die staatliche Sicherheit abzuwenden.

 

Wenn Sie in drei vier Sätzen aus heutiger Sicht die Homosexuellenpolitik der DDR und den Anteil des MfS daran reflektieren, zu welchem Resümee kommen Sie dann?

 

Falsch war es, gesellschaftliche Fragen mit geheimdienstlichen Mitteln lösen zu wollen. Bei Entwicklung demokratischer Umgangsformen, Offenheit der Medien und Aufgabe des Absolutheitsanspruches einer Partei wären sie viel weitreichender lösbar gewesen. Ich glaube aber, dass es unter dem Einfluss des MfS in der DDR eine Reihe positiver Ansätze in der Homosexuellenpolitik gab, die es wert wären, weiter verfolgt zu werden. Die DDR ist andererseits auf diesem Gebiet inkonsequent geblieben, weil sie das Problem nicht mit der nötigen Intensität und der gebotenen politischen Offenheit gelöst hat. Sie ist auch inkonsequent geblieben in der Würdigung und Annahme der Gedanken und Ideen der Homosexuellenkreise selbst. Dennoch war die DDR auf einer Reihe von Gebieten für die heutige BRD vorbildlich, insbesondere was die rechtlichen Regelungen betraf. Jedenfalls wären die Chancen für die Gleichstellung Homosexueller am Ende in der DDR besser gewesen.

 

Eike Stedefeldt, Mitbegründer der      DDR-Lesben- und Schwulenzeitung "Die Andere Welt" (März 1990), ist Redakteur des Schwul­lesbischen Informations- und Presseservice "Schlips" in Berlin.

 

Siehe auch: Nicht beantwortete Zuschrift an den ORB zum Homosexuelle in der DDR