Klaus Panster:

 

Überlegungen eines Beteiligten am Versuch, die Welt zu bessern 

 

In Friedrichsfelde gibt es ein Ehrengrab für Emil Fuchs und Familienangehörige mit der Inschrift

            „Wir haben uns den Weg nicht so schwer gedacht.

              Aber wir würden ihn doch wieder wählen.“

In zwei kurzen Sätzen viel Auszulotendes.

Da wurde ein Weg nicht einfach beschritten. Er war bedacht, und bedacht war auch, ihn gehen zu wollen.

In diesem Denken gab es Irrtümer – das wird eingestanden. Auch Klage ist in dem ersten Satz, Bekenntnis von menschlicher Schwäche.

Die Quintessenz des zweiten Satzes (der ja z.B. auch lauten könnte: „Er hat sich als Irrweg erwiesen.“) hebt den Inhalt des ersten dialektisch auf: Trotz der Abirrungen, trotz der Beschwerlichkeiten ist dieser Weg gangbar: Er führt in Richtung des Ziels. Und er ist Wert, gegangen zu werden.

Darin liegt auch Aufforderung: Schließt Euch an, diesen Weg zu gehen.

 

Wir – der Teil der Ostdeutschen, der 45 Jahre bewußt die DDR aufgebaut und weitergebaut hat  – meinten, auf dem letzten Stück des Weges zum Ziel der gerechten Gesellschaftsordnung zu sein. Gesetzmäßig werde der Sieg unser sein, bekamen wir gelehrt und lehrten es die Jüngeren. Und hatten wenig Verständnis für die, die das Wunderbare nicht begreifen wollten, die nicht oder nur mit halber Kraft mittaten, um die für alle beste denkbare Ordnung des menschlichen Lebens endlich herbeizuführen.

 

Mittlerweile ist mehr als ein Jahrzehnt vergangen, seit wir unsere Niederlage erleben mußten. Eine umfassende und tiefgehende Niederlage, keine örtlich begrenzte und kurzzeitig wettzumachende. Schmerzlich vor allem auch, weil wir nicht ehrenvoll unterlagen, von einem stärkeren Feind  besiegt, aber vom Volke betrauert, sondern abgetreten angesichts offenkundigen Willens einer sich aufraffenden Mehrheit, die von uns genug hatte. Unsere Versprechen, die unsere eigene Hoffnung ebenso waren wie die Hoffnung vieler, haben wir nicht eingelöst.

 

Warum fällt uns nach wie vor so schwer, mit dieser Niederlage umzugehen, eigenes Versagen als ihre wesentliche Ursache zu erkennen und zu akzeptieren ? ( Daß Feinde dabei kräftig mittaten, kann nicht überraschen.)

 

Über Jahrtausende menschlicher Geschichte haben die nach Brot und Gerechtigkeit Hungernden immer wieder Versuche unternommen, Bedrückung abzuschütteln. Örtlich begrenzte und schnell gescheiterte Anstrengungen zumeist, später auch kraftvollere, die größere Territorien erfaßten, hartnäckiger der Reaktion widerstanden. Doch am Ende stand immer die Niederlage.

Der Versuch im 20.Jahrhundert, dessen Beteiligte wir waren, begann 1917  in Rußland, behauptete sich gegen Konterrevolution und imperialistische Intervention, gegen den Generalangriff ab 1941 und schien nach über 30 Jahren, als unsere Großeltern und Eltern die DDR gründeten, stärker und perspektivreicher denn je. Er erfaßte große Teile Europas und Asiens, gewann Brückenköpfe in Afrika und Lateinamerika, wirkte als Geburtshelfer von Nationalstaaten mit einer Milliardenbevölkerung in den ehemaligen Kolonien der alten Welt. Das stützte unser Denken und Gefühl, in einem unaufhalt-samen Voranschreiten begriffen zu sein.

 

Wir haben erfahren müssen, daß nicht  nur theoretischer Irrtum, sondern auch Ignoranz in der Doktrin vom gesetzmäßigen Sieg lag. Friedrich Schorlemmer zitierte im ND kürzlich Rosa Luxemburg:

„Die proletarische Revolution kann sich nur stufenweise, Schritt für Schritt, auf dem Golgathaweg eigener bitterer Erfahrung, durch Niederlagen und Siege zu voller Klarheit und Reife durchringen.“

Da wir verlernt oder nicht gelernt hatten, die Geschichte als offenen Prozeß zu sehen, traf uns die schließliche Niederlage unvorbereitet. Deren reale Möglichkeit und Konsequenzen waren  auf unserer Seite weder geschichtsphilosophisch vorgedacht noch bezüglich notwendiger praktischer Schritte. Zwangsläufige Folge: Konfusion in Theorie und Praxis.  Während wir vermessen meinten,  wir seien schon bei Klarheit und Reife angelangt, waren und sind wir auf dem Golgathaweg.

  

Ein mit dem Vorgenannten verflochtener Aspekt ist der, daß es zwei höchst verschiedene Anforderungen sind, über weit Zurückliegendes nachzusinnen oder sich mit dem eigenen Wirken auseinanderzusetzen.

Wir haben wortreich vermocht, über die Ursachen und Bedingungen zu reden, warum revolutionäre Versuche in fernerer Vergangenheit scheiterten, ja nur scheitern konnten: die noch nicht herangereiften objektiven Bedingungen, Mangel an wissenschaftlicher Erkenntnis über Ziel und Weg, Fehler der Aufständischen, meist auch Uneinigkeit usw. usf. Mit Akribie sezierten wir die Abläufe und formulierten Lehren daraus. Daß es uns nicht so recht gelingen will, mit der jetzt selbst erlebten Niederlage ebenso wissenschaftlich umzugehen, hängt wohl damit zusammen, daß wir selbst Beteiligte der geschichtlichen Ereignisse sind, die verarbeitet werden müssen. Es ist unser Leben, es sind unsere Anstrengungen, Versäumnisse und Verirrungen, Taten und Untaten. Und es ist vielleicht theoretisch möglich, aber nicht praktisch realisierbar, die Erforschung und Aneignung jüngster Geschichte quasi anonym zu betreiben. Es geht nicht ohne Konkretheit, die die Benennung handelnder Kräfte – Institutionen und Personen – einschließt. Somit sind Darstellungen und Wertungen unvermeidlich beeinflußt von Interessen.

 

Weiter kommt hinzu: Die Sieger des Kalten Krieges verfügen über die gesetzgeberische, adminstrative und justizielle Macht, und haben überdies die Beeinflussung der öffentlichen Meinung nahezu monopolisiert. Indem sie Engagement für die DDR kriminalisieren – einschließlich öffentlicher Vorverurteilung der jeweils für eine „Enthüllungs“-Kampagne Ausgewählten – lassen sie Betroffenen und potentiell Betroffenen kaum Raum für eine andere Haltung als die der Verteidigung.

Die Besorgnis, ggf. den Arbeitsplatz zu verlieren oder vor Gericht zu landen, ist erwiesenermaßen begründet. Solange nicht Schluß gemacht wird mit politischer Verfolgung und Maßregelung von Amtsträgern und anderen Bürgern der DDR wegen gesetzeskonformen Handelns für ihren Staat, bleibt der Ruf nach dem Bekennen von Verantwortung für schon vorab kriminalisierte Vorgänge Heuchelei. Mittlerweile kann als erwiesen gelten, daß dies keine fatale Folge rechtsstaatlicher Erfordernisse ist, sondern wohlkalkulierte Wirkung: Uns soll der Weg verbaut werden zu Erkenntnis und Bekenntnis, die scheinheilig eingefordert werden.

Mit diesem Problem umzugehen bereitet uns große Schwierigkeit. Jeder Betroffene hat ein Interesse für sich, seine Familie und seine Mitkämpfer, nicht staatlicher Verfolgung ausgesetzt zu werden. Und er hat Anspruch gegenüber dem „Nebenmann“, dieses Interesse zu achten und zu beachten.

Aber wie zugleich dem Erfordernis gerecht werden, uns über unsere theoretischen, strukturellen und individuellen Fehlleistungen nicht nur „im stillen Kämmerlein“  klar zu werden? Wie mit unserem Wissen und unserem Handeln dazu beitragen, daß die Geschichtsschreibung über die DDR nicht denen überlassen bleibt, die sie als Unrechtsstaat ins Bewußtsein der Folgegenerationen einprägen wollen? Wie unter den hier und heute herrschenden Bedingungen mitwirken, geschichtliche Wahrheit  in ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit ans Licht zu bringen? Anders können wir unseren Urenkeln nicht übermitteln, was aus unserem Sozialismusversuch als Erfahrung bewahrenswert bleibt und welche Irrwege, die wir gegangen sind, künftig besser gemieden bleiben.

 

Diese Fragen schlüssig beantworten zu können, maße ich mir nicht an. Aber ich meine, daß sich Eckpunkte des Feldes benennen lassen, in dem die Antworten zu suchen sind.

 

Den „anderen“ das Feld zu überlassen ist ganz sicher falsch.

 

Unkritisch mit unserer Vergangenheit umzugehen, etwa nach dem Muster, daß alles gut und richtig war, da wir ja Gutes für das Volk im Sinne hatten, oder nach dem Muster, was im Rahmen der Gesetze u.a. Rechtsvorschriften blieb ( die wir uns selbst geschaffen hatten ), sei damit fraglos in Ordnung gewesen, wird kontraproduktiv bleiben.

 Zu offenkundig sind beispielsweise Defizite in der DDR bei Menschen- und Bürgerrechten sowie Mißachtung der Verhältnismäßigkeit staatlicher Maßnahmen. Dies leugnen zu wollen, würde unsere Glaubwürdigkeit auch dann fraglich erscheinen lassen, wenn wir Zutreffendes aussagen.

 

Das Motto auszugeben “Die ganze Wahrheit, und nichts als die Wahrheit!“ klingt höchst ehrenwert, ist aber aus o.a. Gründen lebensfremd. Es kann im konkreten Fall zum Verrat an Genossen führen.

Uns wird nichts anderes möglich bleiben, als so viel Ungeschminktheit und Genauigkeit in der Tatsachendarstellung anzustreben, wie bei dem jeweiligen Sachverhalt angesichts evtl. zu besorgender staatlicher und anderer öffentlicher Repressionen vertretbar ist, um keinem Mitmenschen und keiner Gruppe von Mitmenschen Schaden zuzufügen – auch nicht fahrlässig. Oft wird nichts anderes möglich sein, als im Allgemeinen zu bleiben. Wenn das Allgemeine treffend herausgearbeitet wird, ist dies der Wahrheit nicht abträglich.

Daß die Suche nach Wahrheit nicht durch Verdunkelung von Fakten und durch absichtsvolle Lügen erfolglos bleibt, ist unser eigenes Interesse: was im Dunkel ungeklärter Hergänge liegt, kann uns am leichtesten verleumderisch angehängt werden.

 

Kritik an SED und DDR, deren Doktrinen und Maßnahmen, muß durch uns vom sozialistischen Standpunkt aus geübt werden. Das Establishment in diesem Land verteufelt die DDR und deren Politik, weil sie eine nichtkapitalistische, eine antikapitalistische Alternative versucht hat. Wir müssen an ihr kritisieren, was diesem Wollen nicht entsprach. Da die verurteilten Erscheinungen nicht selten die gleichen sein werden ( zumal die Herrschenden und deren Apologeten die Gründe und Ziele ihrer „Kritik“ an der DDR zu verschleiern suchen ), bleibt  es  schwierig, diese Gegensätzlichkeit in Motiven und Zielen der Kritik deutlich zu machen. Gerade deshalb ist um so wichtiger, dies explizit zu tun. Deshalb verbietet sich auch gemeinsames Agieren für linke Kritiker mit rechten Verleumdern.

 

Nicht erforderlich scheint mir, daß wir unbedingt zu den Tatsachen und deren Analyse auch noch die Schlüsse „mitliefern“. Mit etwas mehr Zeitabstand werden die uns Nachfolgenden das nicht nur besser können, sondern eher geneigt sein, selbst gezogenen Lehren zu folgen, als von den gescheiterten „Alten“ servierten. Aber Kenntnis der Tatsachen müssen wir als Akteure und Zeitzeugen der DDR-Geschichte mindestens übermitteln, ehe – unvermeidlich – immer mehr von uns ihr Erleben und Wissen nicht mehr vermitteln können. Gerade die Ältesten unter uns, die schon die schweren Anfangsjahre bewußt erfaßt und mitgestaltet haben, sollten dokumentieren, was ihnen erinnerlich ist.

Die Dringlichkeit der Bewahrung von Zeitzeugnissen bedeutet nicht, gering zu schätzen, daß wir über die Materialsammlung hinaus eigene Analyse und Bewertung versuchen. Den Ursachen nachzuspüren, die zu unserer Niederlage führten, ob und wie sie vermeidbar  war, ist schon deshalb unumgänglich, weil diese Fragen in uns bohren. Und wir kommen auch nicht umhin, uns dem gesellschaftlichen Diskurs zu stellen. Es wird nach unseren Antworten heute gefragt, mögen sie auch vorläufige sein.

Je größer die Schar der Mitstreiter, die sich an den Debatten der Sozialisten über unsere Geschichte, Gegenwart und Zukunft beteiligen, desto größer die Chance für vorwärts weisende Erkenntnisse.

 

 

PS.:

Gegenstand dieser Überlegungen ist – in bewußter Beschränkung - unser Umgang mit dem eigenen geschichtlichlichen Agieren. Die unumgängliche Auseinandersetzung mit Vergangenheit darf uns nicht den Blick verstellen für Notwendigkeiten, die sich aus den aktuellen Lebensbedingungen ergeben. Z. B. bleibt von uns Engagement gefordert, der staatlich betriebenen Verschlechterung der Lebensverhältnisse für die in der Gesellschaft ohnehin Benachteiligten entgegenzuwirken. Fernbleiben unsererseits von politischer Aktivität, von Teilnahme am Widerstand gegen Demokratie- und Sozialabbau sowie gegen neofaschistische Aktivitäten wäre ein Sieg für diejenigen, die uns gesellschaftlich auszugrenzen suchen.

 

Januar 2005

 

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