Wolfgang Hartmann

 

Vom Gewinn der Niederlage

Diskussionsrede auf der Mitgliederversammlung des Insiderkomitees am 9. April 1994

 

 

 


Liebe Genossen und Freunde:

Im Jahre 1947 hielt Johannes R. Becher auf dem ersten Bundeskongress des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands eine Rede, deren Leitmotiv und Ansatz ich für meinen Diskussionsbeitrag  übernehme:


"Vom Gewinn der Niederlage"

 

Gewiß ist die Niederlage, mit der wir uns auseinanderzusetzen haben, von einer anderen Art als jene, über die Becher sprach[1]. Die Unterschiede sind fundamental. Beide Niederlagen sind nicht gleichsetzbar. Aber lehrreich  ist der dialektische Ansatz Bechers, in der Niederlage nicht allein Negatives, sondern auch Chance und Gewinn zu sehen.

 

Becher datierte die Niederlage nicht oberflächlich im Mai 1945. Dieses Datum war und ist vor allem  das einer Befreiung. Nein, die Niederlage für die Arbeiterbewegung, den Humanismus, die Freiheit der Völker Europas, das Lebensrecht der Verfolgten und den Ruf Deutschlands hatte 1933 längst schon begonnen.

 

Auch die Niederlage, mit der wir uns nun  auseinandersetzen, ist nicht oberflächlich im Jahre 1989 zu orten. Unser Eigenanteil - über den wir zu sprechen haben - beginnt in den frühen Jahren der DDR.

 

Becher betrachtete die damalige Niederlage nicht als ein unabwendbar gewesenes und ohne eigene Mitschuld entstandenes Faktum. Er versagte sich jene auch heute einflußreiche geistige Bequemlichkeit, alle Schuld nur bei den "Verhältnissen", bei den Interessen des deutschen Großkapitals und dessen brutalem Machtstreben  zu suchen. Er suchte nach dem eigenen Anteil, also nach verlorenen, aber künftig zu sichernden Alternativen.

 

Auch wir sollten unsere Niederlage nicht als ein unabwendbar gewesenes und ohne eigene Mitschuld entstandenes Schicksal betrachten. Wir dürfen nicht vor der unbequemen Analyse unseres Eigenen fliehen, indem wir dem alten und falschen ideologischen Satz weiter folgen, wonach es in der DDR keine Widersprüche, nur übereinstimmende Interessen und Harmonie gegeben habe und folglich alles Übel nur von außen kommen konnte.  Wir können uns nicht auf mechanistisch wirkende globale Kräfteverhältnisse berufen, auf alternativlose "Verhältnisse", "Strukturen", auf "System" oder gänzlich kleinkariert auf eine "Befehlsordnung".  Wir müssen - wie Becher - nach dem eigenen Anteil suchen.

 

Becher sprach über eine schreckliche Niederlage. Und doch verarbeitete er sie nicht resigniert, sondern dialektisch: Er verlangte Erkenntnis, auch über eigenes Versagen, welches diese Niederlage wenn nicht ermöglichte, so doch begünstigte. Er verlangte Lernen und daraus praktische Konsequenzen. Das muß auch für uns gelten. Um so mehr, als unsere Niederlage kein Betriebsunfall ist und eine große historische Dimension besitzt.

 

Uns, so glaube ich, wäre sehr hilfreich und guttuend, erinnerten wir uns des philosophischen und politischen Formats Bechers und der Seinen, wenn wir uns anschicken, aus Größe und Elend unserer, d.h. der auch von uns gemachten, Geschichte zu lernen.  Nicht in Bauchlage mit mea culpa, maxima culpa, sondern angestrengtes, intensives und unbedingt öffentliches Lernen, so denke ich, ist eine uns anstehende Form der Selbstkritik. Mir scheint das Anknüpfen an Johannes R. Becher übrigens auch deshalb produktiv, weil zwischen beiden Niederlagen ein Zusammenhang dadurch vermittelt ist, wie - und eben nicht nur in der DDR! - tiefgreifend aus der ersten Niederlage eine prinzipielle Alternative gewonnen oder nicht gewonnen worden war. Jeder versteht, auf Lübeck schauend, wie "brennend" aktuell diese Bezüge sind.

Ich bin nicht glücklich über unsere hier verteilten Thesen:  Sie zwicken uns nicht, sie sind mir zu bequem und weichen den konkreten harten Fragen an uns aus. Sie sind mir zu defensiv gegen "Freund und Feind".

 

Meine Absicht ist deshalb, uns ein wenig zu provozieren, uns von der spießigen Klagemauer und aus dem Jammertal zu reißen, in dem viele - aus welchen einzelnen subjektiven Gründen und Zusammenhängen auch immer - noch verharren.

 

Wollen wir Geschichte wirklich aufarbeiten, verlangt das eine

 

außerordentliche geistige, moralische
und emotionale Anstrengung 
des Lernens und Begreifens
.

 

Wir müssen uns der Zukunft willen, im "Dialog mit dem Urenkel", Rechenschaft darüber geben, welches unser Anteil, welches unsere vermeidba­ren Anteile an unserer heutigen Niederlage sind. Es ist eine Niederlage, die wir nicht - eine fehler­hafte Neigung fortsetzend - DDR-zentristisch sehen wollen und dürfen. Aber sehr wohl mit der DDR als einem "strategischen" Punkt des Umkippens.

 

Hatte es zu unserer Niederlage - im subjektiven Bereich - keine Alternative mehr gegeben?

Mussten die Dinge ihren menschlichen Gang gehen?

Und welches war darin unsere subjektive Rolle?

 

Verschwindet "das Positive"?

 

Ich verspüre einen Einwand: Hier sei nur von den zu bestimmenden Gründen der Niederlage die Rede. Verschwinde denn da nicht "das Positive", das Gute, das verteidigt werden müsse? Gegenwärtig vorherrschend ist wohl eher eine umgekehrte Betrachtungsweise:

 

 Wir reflektieren - freilich auch als eine Abwehrreaktion gegen die Verfälschung der DDR und unseres Tuns - zuerst das Legitime, das Richtige, das Gute usw. - um dann Relativierungen vorzunehmen. Indessen: Weshalb dann aber hatte  all dies Positive, Gute  sich nicht  behauptet? Weshalb dann blieben wir nicht die bekannten "Sieger der Geschichte"? Weshalb verloren wir beim Volk der DDR jene Mehrheit, die sich aus Mittun, Zustimmung und loyaler Duldung gefügt hatte?

 

Deshalb: Wenn wir aus der Niederlage Gewinn ziehen wollen, dann müssen wir sie erst einmal annehmen. Nur wenn wir sie annehmen und alle, auch die uns rasend unbequemen Umstände und wirkenden Faktoren namhaft machen und analysieren, werden wirklich Größe und Elend zu scheiden sein, werden die zu verteidigenden Leistungen des realsozialistischen Versuchs zuverlässig identifizierbar sein. 

 

Ihr fühlt, ich habe nicht Nostalgie im Sinn. Ich werde nicht über "die goldenen 20er Jahre" reden. Obwohl ich noch immer - wie Klaus Croissant - der Ansicht bin, daß die DDR der bessere von beiden deutschen Staaten war. Aber warum ist er untergegangen, schmählich gar? Tatsächlich nur, weil er der schwächere, der ärmere war? War er immer der politisch schwächere? Hätte er politisch immer der schwächere sein müssen?

 

Bis jetzt, so wird Euch aufgefallen sein, habe ich nicht einmal speziell vom MfS gesprochen. Denn bevor wir über das MfS speziell etwas zu sagen haben, müssen wir die Koordinaten bestimmen. Wir  müssen

über den Gesamtzusammenhang,

über die Philosophie des Ganzen sprechen.

 

Wenn wir dies unterlassen, wenn uns dies zu unbequem ist, betreiben auch wir - mit Vorzeichenverkehrung - nur eine "STASI"-Debatte, selbstgerechte und klagende Nabelschau, ohne historisches Format.

 

Bechers Adressat 1947 war das ganze deutsche Volk. Er - und seinesgleichen[2] - klopfen sich als gestandene Antifaschisten nicht selbstgerecht an die Brust und verkündeten ihre Wahrheit und Basta! Nein, sie mühten sich um die zeitgenössische Mentalität ihres Adressaten, so, wie er war und dort, wo er abgeholt werden mußte.

 

Nicht uninteressant, daß gleichzeitig und unabhängig voneinander die Führung der KPD in Moskau und Brecht im fernen Kalifornien darin übereinstimmten, welche Anknüpfung an die zeitgenössische Mentalität geboten war. Deshalb zitierte Becher nicht Marx, sondern Goethe und Hebbel über den Sinn von Niederlagen, aber auch - wie klug war er doch - den großen Franzosen Romain Rolland:

"Die Niederlage schmiedet die Auslese um, sie siebt die Seelen; alles Reine und Starke stellt sie abseits; macht es noch reiner noch stärker".

 

Friedrich Hebbel zitierte er so, wie es auch für uns aktuell ist: Dem Volk, das über sich Gericht halte - statt "Volk" setzen wir bescheiden einmal uns ein - sei "nämlich Gelegenheit gegeben, die Vergangenheit zu reparieren und sich der letzten Sünden abzutun".

 

Ich verspüre, welche Bedenken diese Metaphern auslösen mögen. Die Vergangenheit sei "reparierbar"? Ich  fühle das Befremden über die angesprochene "Sündhaftigkeit". Auch von "Auslese" wollen wir nichts mehr hören - aber dünkten wir uns vor Tische nicht als eine Avant­garde?

 

Meine Hoffnung ist, daß wir nicht völlig und nicht alle zu etatistischen Machttechnikern mit rotem Anstrich verkommen sind, die sich nun ins Nichts gefallen sehen und über Sinnverlust jammern. Ich weigere mich anzunehmen, daß denn uns allen die  weiland geläufigen Berufungen auf Marx und Engels, auf Bebel und die Liebknechts, auf Rosa und auf Lenin nur bedeutungslose Leerformeln gewesen sein sollen. Nur Lippenbekenntnisse, ohne emotionale Verinner­lichung. Ich weigere mich anzunehmen, die Feier der antifaschistischen Märtyrer sei nur Bekenntnis gewesen, dessen Kosten wir scheuten, wenn's jetzt um uns selber ginge. Meine Provokation ist, uns bei unseren früheren Worten zu nehmen. Mein Appell greift auf, was in uns noch LINKS geblieben ist. 

 

Für uns zitiere ich nun - auch für diejenigen, die auf's früher gewohnte Marx-Zitat nicht verzichten wollen - nicht Goethe und Hebbel oder gar den wieder in Mode kommenden Nietzsche (wie unlängst zwar eindrucksvoll aber politisch sehr unglücklich in der GRH [3] erfolgt), sondern die vertrauten Marx und Engels (sind sie uns wirklich so vertraut?).

 

Zuerst  einen Fundamentalsatz des Revolutionärs Marx, notiert nach einer historischen Niederlage:

 

 

"Die soziale Revolution ... kann ihre Poesie nicht aus der Vergangenheit schöpfen, sondern nur aus der Zukunft. Sie kann nicht mit sich selbst beginnen, bevor sie allen Aberglauben an die Vergangenheit abgestreift hat. ...

Proletarische Revolutionen ...

kritisieren beständig sich selbst,
unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf,
kommen auf das scheinbar vollbrachte zurück,
um es wieder von neuem anzufangen,
verhöhnen grausam-gründlich die Halb­heiten, Schwächen und Erbärmlichkei­ten ihrer ersten Versuche,
scheinen ihren Gegner nur niederzuwer­fen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und  sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen:

Hic Rhodus, hic salta!  Hier ist die Rose, hier tanze!"[4])

 

Soweit Marx. - Ihr seht, bei ihm finden sich deftige Forderungen, aber kein einziger Klageton.

 

Wir wollen uns also "Lichter aufstecken" und nicht einander selbst bestätigen, wie gut eigentlich wir waren, oder gar bemitleiden, wie falsch wir doch beurteilt werden.

 

Natürlich haben wir Gutes gewollt, viel Gutes versucht, getan und zweifellos Gutes auch erreicht. Aber wir haben auch unseren Idealen zuwider gehandelt und uns von ihnen entfernt. Das bedarf des tiefen Nachdenkens. Denn so einfach, wie es der vielfache fundamentalistische Vorwurf besagt, wir hätten nicht widerspruchsfrei nach unseren Idealen gehandelt, ist es nicht. Das ist zwar eine richtige Feststellung, aber so ist das Leben: Ideal-Wirklichkeits-Konflikte wird es immer geben. Die muß man nicht scheuen. Vermutlich kennt  nur die kapitalistische Marktwirtschaft keine Ideal-Wirklichkeits-Konflikte, mangels Idealen. Und Brecht trifft ein Moment  unserer Ideal-Wirklichkeits-Koflikte mit seiner Bitte an die Nachgeborenen um Nachsicht [5]:

 

Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme hei­er. Ach wir
Die wir den Boden bereiten wollten für                                           Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

 

Der kritische Punkt ist ein anderer: Haben wir unsere Ideale dadurch verraten, preisgegeben, verdrängt, indem wir aus der Not die bequeme Tugend machten, und danach auch dann noch handelten, als keine Not mehr bestand?

Als wir von den Zwängen der Illegalität im Faschismus, von den Zwängen des Terrors und der bürgerlichen Klassenjustiz befreit waren?

Als mit dem Volkseigentum  die ökonomische Machtbasis des privatkapitalistischen Eigentums aufgehoben war?

Als  "wir" die politische Macht besaßen?

Als wir die kritische Besinnung aufgaben und - vor allem aber: das Handeln nach Verhältnismäßigkeit der Mittel?

 

War es nicht so, daß sich bei uns auch "Skrupellosigkeit" und Gewöhnungseffekte an - höflich ausgedrückt - Machtmißbräuche ausbreiteten? Finden sich dazu keine Spuren z.B. in den von uns benutzten Worten?

Haben wir nicht  - nicht nur, aber vor allem -deshalb Führung und Akzeptanz verloren und darum eine Niederlage gewaltiger und vermutlich langwieriger Dimension erlitten?

 

Ich benutze bewußt unser altes Wort "wir", mit dem wir so viel Schindluder getrieben haben. Ich  benutzte es als Zitat - weil niemand von uns aus seiner Teilhabe an diesem "wir" entlassen ist und sich entlassen kann, Herr Schabowski ausgenommen. Ich benutze dieses "wir" mit der Aufforderung, es deshalb auch als ein "Ich" zu verstehen. Ich nenne hier nicht die SED, weil ich uns frage: "Wer aber war die Partei?" Wir etwa nicht? Richtig: das Politbüro oder vielleicht nur drei oder vier seiner Mitglieder setzten die Partei mit sich gleich. Mit wem - damals - identifizierten aber wir die Partei? Nicht auch mit uns selber?

Halten wir uns an Marx'  "achtzehnten Bruimaire" und nutzen wir die uns durch die Niederlage gegebene Chance: Jetzt, befreit von der Trägheit unserer Bewegung auf einem eingefahrenen Geleise, können wir gleichsam neben uns treten und uns kritisch betrachten, mit Marx' Worten: wir können den Aberglauben an unsere eigene Vergangenheit abstreifen. So könnte Erkenntnisgewinn ein Hauptgewinn werden. 

 

Denn:  Wurde nicht uns allen beim Nachdenken schon offenbar, wie sehr wir in DDR-Zeiten gefesselt waren von einem Gespinst aus selbstgelegten, sich verselbständigten ideologischen Konstrukten und Vorurteilen? Ist es nicht so, daß wir sie unkritisch fortgeschrieben haben?

 

Über diese Tatsache herrscht Konsens. Die Lernfrage ist aber: Warum eigentlich?

Viele Momente  wirkten zusammen, die nicht zusammen gehörten:

  - richtige Loyalität und Disziplin - aber auch  Opportunismus und Gehorsam; 

 - die Ablehnung des Kapitalismus und des "Schoßes, der fruchtbar noch" (Brecht) - aber eine flache Apologie unserer eigenen Verhältnisse.

 - Waren wir nicht reichlich befangen in den Eigengesetzlichkeiten, auch in der inneren Logik von Geheimdiensten?

 -Und produzierten Opportunismus und Mißtrauen nicht die Mittelmäßigkeit?

 

An dieser Stelle setzt gewöhnlich der Verweis auf die "Systemzwänge" ein. Natürlich gab es die - Systeme wirken so. Aber unantastbar durch Reform und Revolution?

 

"Ideologie", "ideologisch" waren früher bei uns Hauptworte. Bis zum Überdruß haben wir sie strapaziert, wohl jeder von uns. Verstört sehen wir nun, wie wenig uns die "ideologische Arbeit" vor der Niederlage bewahrt hat. Weshalb aber? Gewiß - wenn ich bei unserer alten Begrifflichkeit bleibe - hat Ideologie eine enorme verhaltensleitende Bedeutung. Sie vermittelt  Wertungen und Motive. Aber - müssen wir uns fragen - war uns "Ideologie" nicht zu einem wirklichkeitsfremden Konstrukt geworden, immer mehr zu einer Pflichtübung im Gebrauch von Leerformeln und schönen Farben?  Wie kam es zu unserem Realitätsverlust trotz genauer Kenntnisse der Tatsachen des inneren Zustandes der DDR - gerade bei uns im MfS?

 

Eine generalisierende Antwort - die wir unseren Enkeln an's Herz legen müssen - ist, daß wir für uns ignorierten, was Engels an Mehring über die Verselbständigung der "Ideologie" schrieb. Erlaubt mir die Kerngedanken Engels zu zitieren:

 

"Die Ideologie ist ein Prozeß, der zwar mit Bewußtsein vom sogenannten Denker vollzogen wird, aber mit einem falschen Bewußtsein. Die eigentlichen Triebkräfte, die ihn bewegen, bleiben ihm unbekannt; sonst wäre es eben kein ideologischer Prozeß. Er imaginiert sich also falsche rsp. scheinbare Triebkräfte. Weil es ein Denkprozeß ist, leitet er seinen Inhalt wie seine Form vom reinen Denken ab, entweder seinem eigenen oder seiner Vorgänger. Er arbeitet mit bloßem Gedankenmaterial, das er unbesehen als durchs Denken erzeugt hinnimmt und sonst nicht weiter auf einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung untersucht, und zwar ist ihm dies selbstverständlich, da ihm alles Handeln, weil durchs Denken vermittelt, auch in letzter Instanz im Denken begründet erscheint."[6]

 

Wieso - so wollen wir uns auch fragen, so müssen wir uns fragen -  klaffen unser Selbstbild und das derzeit noch immer vorherrschende Fremdbild über uns politisch (!) so verheerend auseinander? Ich meine jetzt nicht vordergründig zuerst das MfS-Bild, sondern das vormalige Bild von Gesellschaft und Staat? Das gilt analog natürlich auch für das eigene und das Fremdbild vom MfS, welches Buhmann-Eigenschaften zugewiesen erhielt.

Welches ist unserer vergangener Anteil, aber auch: welches ist unser gegenwärtiger Anteil daran?  Haben wir nicht, so müssen wir uns fragen, auch Wahrnehmungsmauern errichtet - bis heute und hier wirkend?

 

Günter Gaus, einer der klügsten und verständnisvollsten kritischen Beobachter der DDR, legte 1983 sein Erinnerungsbuch an seine DDR-Jahre vor[7].  Die DDR, so beschrieb er sie mit liebevollem Ton, sei ein Staat der kleinen Leute. Wie reich, wie differenziert war seine scharfsichtige Wahrnehmung der DDR.

Weshalb war uns das nicht mög­lich? Heute nun räsonieren wir gern, wie fehlbeurteilt wir doch seien, wie groß die Kluft unseres Selbstbildes und der Bilder über uns. Wir sollten nicht so fortgesetzt selbstgerecht sein zu glauben, Annäherungspflicht bestehe nur für das Fremdbild!

 

Ich rede hier natürlich nicht über "BILD" und "SPIEGEL", von denen Annäherung sicher erfolgte, wenn sie profitabel wäre, aber nicht aus Wahrheitsliebe.

 

Wir müssen - Thema für "Aufarbeitung" von Geschichte - Liegengebliebenes in der Tat aufarbeiten. Ich empfehle uns allen die Bücher Günter Gaus' - und seine TV-Porträts - als Pflichtlektüre, wenn zu lernen ist, wie wir uns selbst entdecken - und wie wir andere entdecken. Bei diesem scharfsichtigen, aber gerechten und liebevollen Kritiker ist nicht zuletzt zu lernen, wie man seine eigenen Wahrnehmungsbarrieren durchbricht.

 



[1] Johannes R. Becher: Unsere Ziele - unser Weg; abgedruckt in: Der erste Bundeskongress - Protokoll der ersten Bundeskonferenz des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands am 20. und 21. Mai 1947 in Berlin; Aufbau-Verlag Berlin 1947; S. 18 ff

[2]   Gegen Mißverständnisse notiere ich hier ausdrücklich, daß im Kontrast zu Becher auch Antifaschisten am Werke waren, die sich Bechers und seinesgleichen Mühen nicht unterzogen. Wie hätte es auch anders sein können. Aber Bechers Konzept war nicht nur seines, sondern auch  das ursprüngliche der KPD-(bzw. SED-) Führung und einflußreicher Teile der Sowjetischen Militäradministration (Tjulpanows Leute).

[3]  Detlef Joseph: Zum Charakter der politischen Strafverfolgung; Referat auf der 1. Vertreterversammlung der Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung e.V. (GRH) am 19.3.1994 (Manuskript)

[4]   Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte; in: MEW, Bd. 8, Seite 117/118

[5]  Bertolt Brecht, An die Nachgeborenen; in: Gedichte, Bd. IV, Berlin 1961, S. 150

[6]  Engels an F. Mehring, 14.7.1893; in Karl Marx/Friedrich Engels, Ausgewählte Briefe; Berlin 1953, S. 549

[7]  Gaus, Günter: Wo Deutschland liegt - Eine Ortsbestimmung; Hamburg 1983