Schändung jüdischer Friedhöfe in der DDR

Anmerkungen zur Veranstaltung anlässlich der Buchpräsentation zum Thema am 20.03.2007

 

Das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, der Zentralrat der Juden in Deutschland, die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und die Stiftung Neue Synagoge- Centrum Judaicum präsentierten am 20.03.07 das Buch von Monika Schmidt „Schändung jüdischer Friedhöfe in der DDR. Eine Dokumentation“ (Metropol Verlag 2007).

 

Der Moderator der Veranstaltung, Prof. Dr. Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin, wollte den Vorwurf einer staatlichen Auftragsforschung mit vorgegebenem Resultat nicht akzeptieren. Er verwies zu Recht darauf, dass mit dem Vortrag von Dr. Marion Neiss am gleichen Abend bewusst eine komplexere Sicht auf die gesamtdeutsche Geschichte seit dem 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart hergestellt worden sei. Leider habe seine Institution aber nur finanzielle Mittel für den Abschnitt DDR, dankenswerter Weise von der „Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ erhalten.

Schon die einführenden Darlegungen von Markus Meckel, Ratsvorsitzender dieser Stiftung und Mitglied des Bundestages ließen jedoch keinen Zweifel an den staatlichen Vorgaben, die von der Autorin mit kaum zu überbietender Einseitigkeit und wissenschaftlicher Ignoranz erfüllt wurden. Laut Meckel räume die Autorin auf mit der antifaschistischen Legitimationsideologie der DDR und belege, dass in der DDR „zu wenig, kaum und nur punktuell“ (hier auch fast nur in den Kirchen) eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus erfolgt sei.

Warum dann in der ostdeutschen Bevölkerung nach aktuellen Meinungsumfragen gegenüber den Westdeutschen immer noch nur etwa die Hälfte der antijüdischen Vorbehalte lebendig sind, erklären solche Propagandasprüche nicht.

Das Weltbild der Autorin kann umrissen werden mit folgendem Zitaten aus ihrem Buch: „Der …stalinistisch geprägte Antisemitismus und der sich zunehmend ausbildende Antizionismus, beides staatlich betriebene Momente, formten ein spezifisches Konglomerat des Antisemitismus in der DDR … Dessen tragende Basis beruhte auf der Kontinuität eines latenten, tradierten, eben erst rassistisch ausgelebten Antisemitismus verwoben mit der Verdrängung und Verleugnung der nationalsozialistischen Verbrechen an den Juden.“ (Seite 24) oder: „Die staatstragende Ideologie des Antifaschismus, die selbst nicht frei von antisemitischen Momenten war, erlaubte vor allem nicht die konkrete, detaillierte Auseinandersetzung mit der systematischen Judenverfolgung im Nationalsozialismus“ (Seite 142)

Keinesfalls sollen die von Monika Schmidt dokumentierten Schändungen von jüdischen Friedhöfen abgestritten oder bagatellisiert werden und es steht auch nicht in Abrede, dass es weitere nicht erkannte oder nicht zutreffend eingeordnete solche Fälle gegeben hat. Zweifellos war die Aufklärungsquote bei solchen Vorfällen relativ niedrig. Wahr ist auch, dass vor allem in der Ära Honecker solche Vorkommnisse kaum öffentlich ausgewertet wurden – was sie aber in keiner Weise von anderen für die DDR unangenehmen Wahrheiten unterscheidet, die ebenfalls in den DDR-Medien ausgeblendet wurden.

Um der DDR eine möglichst hohe Zahl von Schändungen jüdischer Friedhöfe anzulasten, bezieht die Autorin zahlreiche Vorfälle aus den Jahren 1945 – 1949 ein, auch bei Zweifeln hinsichtlich möglicher Witterungseinflüsse oder selbst bei eindeutigen Feststellungen der Verursachung durch Kinder vermutet sie grundsätzlich einen antisemitischen Hintergrund und  Verleugnungsstrategien der Staatsorgane der DDR.

Nur nebenbei erfährt der Leser von der staatlichen Förderung der Pflege und Instandsetzung jüdischer Friedhöfe in der DDR, von einer FDJ-Aktion zur Pflege des jüdischen Friedhofes in Berlin-Weißensee überhaupt nichts.

Auch die im Strafgesetzbuch der DDR (§§ 106, 220 StGB) fixierte Strafbarkeit rassistischer Äußerungen ist der Autorin keine Erwähnung wert.

In der DDR wurden nicht wenige Friedhöfe geschlossen, auch Umbettungsaktionen erfolgten z.B. im Zusammenhang mit dem Bau von Talsperren oder der Erschließung von Braunkohlen-Tagebauen. Dass Staatsorgane der DDR bei verwahrlosten jüdischen Friedhöfen nach Lösungen suchten, erklärt sie pauschal zur Schändung jüdischer Friedhöfe. Nicht nachvollziehbar ist ihre Polemik gegen die Umwandlung einzelner, nicht mehr genutzter und gepflegter Friedhöfe in Gedenkstätten. Ist z.B. die folgende Gedenkstätte in Alt-Strelitz ein antisemitischer Akt? (Seite 46)

 

 

Nach eigenen Angaben hat die Autorin die Birthler-Behörde für ihre Recherchen genutzt, aber außer Erstmeldungen kaum aussagefähiges Material über die Ermittlungen des MfS gefunden. Je weniger man weiß, umso trefflicher lässt sich spekulieren.

Das MfS habe Ermittlungen selbst nie befördert sondern nur das Verschweigen der Schändungen kontrolliert und dirigiert. Für diese ungeheuerliche Unterstellung finden sich im Buch sogar zwei angebliche Belege. Zum einen habe das MfS einen Superintendenten, der Fotos von Grabschändungen angefertigt hatte, gebeten, diese auszuleihen. In einem anderen Fall hatten Volkspolizisten einen Foto-Film über ein solches Vorkommnis beschlagnahmt.

Wer konkret die Ermittlungen geführt hat – in vielen Fällen die Volkspolizei – schien der Autorin weniger interessant. Wenn dann das MfS 1988 gegen Jugendliche ermittelt hatte und diese in einem Fall zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden, dann war das natürlich ein „Schauprozess“. Möglicherweise handele es sich bei den Schändungen jüdischer Friedhöfe auch um „Provokationen der Stasi“. Eine umwerfende Feststellung, wenn man bedenkt, dass der Leiter der zuständigen Hauptabteilung im MfS wegen seiner jüdischen Abstammung im Nazi-Reich drangsaliert worden war.

Dass die Nazis einst Kommunisten („Bolschewisten“) und Juden gleichermaßen im Visier hatten, passt nicht in das Bild von den „zwei deutschen Diktaturen“, von denen die DDR für manche auch noch die schlimmere zu sein hat.

 

Eine Statistik enthält das Buch nicht. Nach Angaben der Autorin hat sie von 1945 bis 1989 im Gebiet der DDR insgesamt 85 Schändungen jüdischer Friedhöfe festgestellt. Lt. Buch überwiegend Umwerfen, teilweise Zerstören von Grabsteinen, in insgesamt 12 Fällen verbunden mit faschistischen und antisemitischen Schmierereien.

Im gleichen Zeitraum wurden in weitaus größerem Umfang auch sowjetische Ehrenfriedhöfe und antifaschistische Mahnmale geschändet.

Nach Angaben von Frau Dr. Neiss kam es im gleichen Zeitraum in Westdeutschland zu 1.400 analogen Übergriffen, im wiedervereinigten Deutschland von 1990 bis 2002 zu 615  derartigen Vorkommnissen. Auch bei diesen Zahlen müsse eine erhebliche Dunkelziffer angenommen werden.

Dabei ist zu beachten, dass ca. 2.200 jüdische Friedhöfe in der Alt-BRD und etwa 300 in der DDR existieren.

In der BRD wurden auch Kinder und Jugendliche, aber signifikant häufig vor allem Täter aus der „völkischen“ Szene und im Umfeld neonazistischer Organisationen ermittelt.

Organisierte Neonazis gab es in der DDR nicht und erst ab Mitte der 80er Jahre entwickelte sich eine Szene von Skinheads, die nur ab diesem Zeitpunkt als potentielle Täter infrage kamen.

Auch die Propaganda-Verrenkungen des Kalten Krieges auf beiden Seiten kamen zur Sprache.

Während Monika Schmidt registrierte, dass in den 50er Jahren Schändungen jüdischer Friedhöfe mitunter als Werk westlicher Agenten eingestuft wurden, berichtete Frau Dr. Neiss, dass im Westen kommunistische Agenten als Verursacher vermutet wurden. Allerdings wurden in letzteren Fällen dann schließlich Nazis als Täter ermittelt.

Während insgesamt konkrete Angaben zur Aufklärungsquote in der DDR nicht gemacht wurden, entwickelte sich diese in Westdeutschland von beachtlichen 53 % (1948 – 1957) rückläufig. In den 80er Jahren waren es noch 30 – 35 % und um die Jahrtausendwende nur noch 10 – 15 %. Auf  eine gesonderte Darstellung in den Verfassungsschutz-Berichten wird seit einiger Zeit verzichtet.

 

Verdienstvolles Ergebnis der Veranstaltung am 20.03.2007 bleibt, die Schändung jüdischer Grabstätten dem öffentlichen Bewusstsein nahe gebracht zu haben, als eine Äußerungen von Neofaschismus, die eine konsequenten Ächtung durch alle humanistisch gesinnten Menschen  erforderlich macht.

 

Wolfgang Schmidt 21.03.2007