UTOPIE kreativ, H. 153/154 (Juli/August 2003), S. 751-756

WOLFRAM ADOLPHI[1]

Verweigertes Gedenken

 

 

Am 1. Februar 1991 liegt bei Hans Voelkner in Berlin-Pankow ein »Offener Brief« im Briefkasten. Geschrieben ist er am 21. Januar, Absender ist der Kurt-Schumacher-Kreis Berlin e.V., und sein Inhalt ist dergestalt, daß er verdient, im vollständigen Wortlaut festgehalten zu werden:

»Hans Voelkner, wie wir einer Zeitungsveröffentlichung entnehmen mußten, hast Du Dich mit der Herausgabe einer Zusammenstellung politischer Häftlingsschicksale an die Öffentlichkeit gedrängt.  Daß die tragischen  Schicksale ehemaliger Regimegegner und politischer Häftlinge nun ausgerechnet von einem ehemaligen Kommunisten und hauptamtlichen Stasi-Agenten vermarktet werden, finden wir empörend und unerträglich. Wir warnen Dich, aus den Schicksalen unserer Freunde Profit zu schlagen und werden nicht scheuen, mit gezielten Aktionen die Verbreitung Deiner Publikation zu verhindern. Zur Mindestforderung an Dich erheben wir, den Erlös Deiner Veröffentlichung einem Fonds zur Unterstützung unserer hilfsbedürftigen Gefährten zu(r) Verfügung zu stellen.« Die Unterschriftenleiste lautet: »Für den Vorstand: Heinz Gerull, Hermann Kreutzer, Peter Bordihn als Vertreter von 400 ehemaligen politischen Häftlingen aus der ehem. DDR«.

Ein grober Brief. Ohne Anrede, ohne Gruß, voller Drohungen – ganz so, wie man ihn schlimmen Feinden zugedenkt. Ein »Offener Brief« zudem – und in diesem Duktus also ganz bewußt auf Bloßstellung und  Verunglimpfung zielend.

Aber es ist ein Bruch in diesem Text, der aufmerken läßt: das vertrauliche Du. Sie müssen sich gekannt haben, die Unterzeichner und der von ihnen Gemeinte, oder einer Gemeinschaft zugehörig gewesen sein, in der dieses Du üblich ist. Bloß: Warum fehlt im Brief ein diesbezüglicher Hinweis? Was ist da nicht gesagt, was doch – wenn mit dem Offenen des Briefes wirklich Aufklärung der Öffentlichkeit bezweckt gewesen wäre und nicht nur Drohung – unbedingt hätte gesagt werden müssen?

Wer Antwort auf diese Frage in öffentlich zugänglichen Quellen  finden wollte zu jener Zeit, mußte sich in eine Buchreihe begeben, in der er es vielleicht am wenigsten erwartete – auch wenn mit ihr in den vorangegangenen beiden Jahrzehnten schon für manche Überraschung gesorgt worden war: in die Autobiographienreihe des Militärverlages der DDR. Sie war 1989 um das Buch »Salto mortale« bereichert worden. Sein Verfasser war niemand anderes als der im »Offenen Brief« attackierte Hans Voelkner.[2]

 

Der Untertitel »Vom Rampenlicht zur unsichtbaren Front« ließ keinen Zweifel daran, daß dieser Band in die Sparte »Kundschaftererinnerungen« gehörte. Dort waren zum Beispiel 1974 unter dem Titel »Dora meldet ...« die Aufzeichnungen des Ungarn Sándor Radó über die Arbeit der von ihm im Zweiten Weltkrieg geleiteten sowjetischen Aufklärergruppe in der Schweiz veröffentlicht worden – ein Buch, das bis 1980 eine Auflage von 90 000 Exemplaren erreichte. 1976 erschienen unter dem Titel »Kämpfer der lautlosen Front« die Memoiren des Bulgaren Iwan Winarow, der für die sowjetische Aufklärung in den dreißiger Jahren in China, später in Frankreich, Österreich und anderswo gearbeitet hatte. Und 1983 fanden unter dem Titel »Im Secret Service« die Erinnerungen des Engländers Kim Philby, der als »Meisterspion« legendär geworden ist, in der Reihe ihren  Platz.

Und in der Tat: Auch Hans Voelkner hatte solche Kundschaftererinnerungen zu bieten. Von 1956 bis 1969 war er – die Autoren des »Offenen Briefes« beschrieben es richtig – »hauptamtlicher Stasi-Agent«. Und zwar vornehmlich in Frankreich, wo er für die Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit auf eine Weise arbeitete, die er selbst wie folgt charakterisierte: »Meine Aufgabe war es, Kontakt zu Partnern zu halten, für die Reisen in sozialistische Länder ein Risiko gewesen wären. Von ihnen waren Informationen in Empfang zu nehmen, aufzubereiten, zu komprimieren und ihr sicherer Transport zu gewährleisten. Gemeinsam mit den Partnern mußten die Ergebnisse der Arbeit analysiert und neue Aufgaben festgelegt werden. Schließlich, und dies war steter Bestandteil unserer Arbeit, mußten die menschlichen Kontakte gepflegt werden. Da gab es persönliche Probleme, Fragen zur politischen Lage oder auch nur das Bedürfnis, wieder einmal mit einem Freund ganz offen zu reden.« (»Salto mortale«, S. 236).

Aber nicht das war das Spannende in Voelkners Buch. Natürlich nicht – denn wer schreibt schon offen, wenn der Geheimdienst, um den es geht, noch in voller Aktion ist und die Loyalitäten nicht aufgekündigt sind. Interessant ist hier nur, daß Voelkners MfS-Zugehörigkeit damit schon in der DDR kein Geheimnis mehr war – und also nicht erst mit dem »Offenen Brief« ans Tageslicht geriet. Mit völliger Selbstverständlichkeit konnte Voelkner darum in einem Antwortbrief an Hermann Kreutzer vom 1. Februar 1991 auch mitteilen, daß er in  Veranstaltungen zum Thema der stalinistischen Verfolgungen »Veranstaltern und Journalisten gegenüber« stets auf seine »zeitweilige Tätigkeit als Kundschafter im Dienste der Hauptabteilung Aufklärung des MfS hingewiesen« habe. Nie aber sei er daraufhin etwa gebeten worden, »einer Veranstaltung fernzubleiben«, und niemand habe ihm aus diesem Grunde »das Recht abgesprochen«, seine »Meinung zum Thema ‚Opfer des Stalinismus‘ zu sagen.«

Das Spannende, Außergewöhnliche von »Salto mortale« jedenfalls liegt in ganz anderen Passagen. Zum Beispiel in jenem sehr ausführlichen Abschnitt, in dem Voelkner seine Verhaftung durch Beamte der französischen »Direction de la Surveillance du Territoire« (D.S.T. – Direktion zur Überwachung des Territoriums) im Mai 1969, seine Verurteilung zu zwölf Jahren Gefängnis in Frankreich sowie die Haftzeit beschreibt, die im September 1974 durch Erlaß des französischen Präsidenten ein vorzeitiges Ende fand. Der Blick ins Buch bleibt an faksimilierten  Zeitungsausschnitten hängen: »Hans Voelkner – Spion des Ostens in Paris verurteilt. Sein Vater und seine Mutter waren Helden der Roten Kapelle« schrieb »Paris Match« am 14. Februar 1970. Und auch »L’Aurore« beschäftigte sich – in der Ausgabe vom 13. Februar – mit der Herkunft Voelkners und der in diesem Zusammenhang in Frankreich ausgelösten Debatte. »Die Eltern Voelkners haben der Sache der Alliierten einen unermeßlichen Dienst erwiesen«, wird in »L’Aurore« mit Gilles Perrault einer der wichtigsten Chronisten der im Zweiten Weltkrieg so bedeutenden antifaschistischen Kundschaftergruppe »Rote Kapelle« zitiert. Aber, meint der mit »Ph. B.« zeichnende Autor des Beitrages, »der Krieg der Geheimdienste ist ein Krieg ohne Pause und ohne Waffenstillstand«. Zu dieser Sicht auf die Dinge paßt auch die Überschrift des Artikels: »Das Waisenkind der ›Roten Kapelle‹ wird als Wechselgeld gebraucht.« Als Wechselgeld? »L’Aurore« erinnert an den Austausch des sowjetischen Top-Spions Rudolf Abel gegen den 1960 über der Sowjetunion abgeschossenen Spionageflieger Francis Gary Powers (»Salto mortale«, S. 274/275).

Die dramatische Kindheit des Hans Voelkner: Geboren 1928 in Danzig, gelangt er mit den aus dem faschistischen Deutschland emigrierenden Eltern, die beide Zirkuskünstler sind, nach Frankreich; tritt zeitig selbst in artistischen Vorführungen auf; geht in Paris zur Schule, später, nach Kriegsbeginn, in Auxerre; weiß nichts vom antifaschistischen Engagement der Eltern, spürt nur, daß Geheimnisse das Zusammenleben belasten; wird 1941 von der Auslandsorganisation der NSDAP »heim ins Reich« geholt und erst in Hohenelse bei Rheinsberg, später in Zernsdorf bei Königs Wusterhausen »umgeschult«; 1942 letzte Begegnung mit der Mutter in Danzig im Hause des Onkels, des Schriftstellers Benno Voelkner, Kommunist wie die Eltern auch; Ahnungen vom politischen Kampf der Eltern; Mai/Juni 1943 treffen Briefe ein, in der der Vater mitteilt, daß sie beide – Mutter und Vater – von einem Feldgericht in Paris zum Tode verurteilt wurden.

Die ebenso dramatischen Jugendjahre: 1944 unterstützt Hans Voelkner seinen Onkel bei dessen  antifaschistischen Aktivitäten; im Januar 1945 von Danzig aus Einziehung in den Reichsarbeitsdienst; im Februar Versuch einer Flucht zur Roten Armee; Festnahme durch die SS, Inhaftierung, Todesmarsch von Danzig über Bützow in die Straf- und Hinrichtungsanstalt Dreibergen; Befreiung am 3. Mai 1945; gemeinsam mit ebenfalls befreiten französischen Gefangenen nach Paris; dort aber nicht Freiheit, sondern wieder Internierung – diesmal französische, dauernd bis zum 3. Mai 1946. So lange hatte es gebraucht, bis man festgestellt hatte, daß »die Familie Voelkner ein Opfer der Naziverfolgung wurde, und der Loyalismus des jungen Voelkner Jean nicht in Zweifel gezogen werden kann« (»Salto mortale «, S. 122).

1947 geht Voelkner in die französische Besatzungszone, im Juni 1949 schlägt er sich, weil er glaubt, man würde ihn brauchen können beim Aufbau einer antifaschistischen Ordnung, in der Rhön illegal in die sowjetische Besatzungszone durch. Am 1. Juli meldet er sich tatendurstig und hoffnungsvoll in Leipzig bei der SED-Kreisleitung.

Aber er hat die Lage völlig falsch eingeschätzt. Er kommt von den Franzosen – also wird er sofort wieder  verhaftet. Mit allem, was er in den folgenden Wochen den Vernehmungsspezialisten bereitwillig und arglos erzählt über seine Kontakte mit Antifaschisten aus aller Welt in Frankreich und Mainz seit 1946, macht er sich nur immer mehr zum höchst verdächtigen »Feind«. Und bekommt, was für solcherart »Feinde« vorgesehen ist: eine lange Gefängnisstrafe, basierend  auf nichts als Vermutungen und Denunziationen.

Nun also sechs Jahre Haft in Bautzen. Im sowjetischen Spezialgefängnis, das 1950 dem DDR-Strafvollzug übergeben wird. Sechs lange, bis 1955 dauernde Jahre, über die man ihm 1989 endlich, endlich zu schreiben erlaubt. Zwanzig Seiten umfaßt das Kapitel »Bautzen « in »Salto mortale« (S. 176-195). Mit viel zu viel Verständnis für seine Peiniger hat der Autor es verfaßt, viel zu zögerlich setzt er sich mit dem massenhaft geschehenen und an diesem Ort nicht Ausnahme, sondern Prinzip darstellenden Unrecht auseinander – aber das Kapitel ist trotzdem eine Sensation, denn es erscheint in der Vor-Wende-DDR und schlägt eine Bresche ins so lange verordnete Schweigen.

Die Bautzen-Zeit – das sind die Jahre, aus der das »Du« mit den Unterzeichnern des »Offenen Briefes« von 1991 stammt. Es ist das »Du« des gemeinsam erlittenen Unrechts und der Kraft, ihm widerstanden zu haben. Voller Verbitterung vermerkt Hans Voelkner in seiner Antwort an Hermann Kreutzer am 1. Februar 1991, daß genau diese Gemeinsamkeit im »Offenen Brief« nicht benannt worden ist. »Schließlich habe auch ich 6 Jahre in Bautzen verbracht«, schreibt er und fügt hinzu: »Abschließend möchte ich sagen, daß Euer Brief mich tief betroffen gemacht hat. Kommentarlos als hauptamtlicher Stasi-Agent eingestuft zu werden – mit allen negativen Assoziationen, die das heute bedeutet – von Menschen, für die man Achtung empfindet, das tut weh, weil es ungerecht ist.«

Und es schmerzt Voelkner um so mehr, als er sich 1989 natürlich der Halbherzigkeiten in seiner Bautzen-Darstellung sehr wohl bewusst gewesen ist. Denn sonst hätte er nicht in Angriff genommen, was ihm im »Offenen Brief« von 1991 so drohend zum Vorwurf gemacht wird: die »Herausgabe einer Zusammenstellung politischer Häftlingsschicksale.«

Davon, daß sich Voelkner mit diesem Vorhaben »an die Öffentlichkeit gedrängt« hätte, wie es im »Offenen Brief« heißt, kann freilich keine Rede sein. Es ist vielmehr umgekehrt: Die Öffentlichkeit drängt zu ihm – dankbar dafür, daß er im Januar 1990 die Initiative ergreift. Gewiß – es gibt in dieser Zeit an vielen Stellen einen Aufbruch, gibt viele Schritte, das Thema der politischen Gefangenschaft in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR aus der Tabuzone heraus zu holen. Aber Voelkner geht seine Schritte besonders zielstrebig und konsequent. Er bietet sich als Kontaktadresse für eine Gruppe ehemaliger Bautzener Häftlinge an, formuliert darüber eine kleine Meldung an die Nachrichtenagentur ADN, und als am 27. Februar 1990 ein Artikel über die Gruppe in der »Berliner Zeitung« erscheint, gehen innerhalb weniger Wochen einige Hundert Briefe von Betroffenen bei ihm ein.

Im Januar 1991 – unmittelbar, bevor der »Offene Brief« erscheint – berichtet Voelkner in einem Rundbrief an Frauen und Männer, die ihm ihre Aufzeichnungen über ihre Haftzeit zugesandt hatten, über den Fortgang der Dinge seit Januar 1990: »Beim Lesen der eingegangenen Briefe zeigte sich, welch großen Umfang die unrechtmäßige Verfolgung durch sowjetische Organe angenommen hatte und in wie verschiedenen Formen sie sich zeigte. Es wurde klar, dass  neben den zu Unrecht Verurteilten es auch zu Unrecht Internierte, Verschleppte und sonstwie Verfolgte gab. Gemeinsam mit anderen Gruppen von Betroffenen bemühte ich mich, die Aufmerksamkeit der Presse auf diese Probleme zu lenken, nahm Teil an der Ausarbeitung des Rehabilitierungsgesetzes, an öffentlichen Diskussionen und erarbeitete zu diesem Zweck eine erste Dokumentation über Umfang und Vielfalt der unrechtmäßigen Verfolgung, über die ich u.a. in der ›evangelischen akademie westberlin‹ im März 1990 berichtete. Als ein Verlag Interesse zeigte, erklärte ich mich bereit, eine entsprechende Dokumentation in Buchform zusammenzustellen und zu verantworten. [...] Ich gehe davon aus, daß mit der Herausgabe der Dokumentation den Interessen aller Betroffenen gedient ist.  Sicher werden Sie meine Meinung teilen, daß es vor allem darauf ankommt, die Leiden der unschuldig Verfolgten bewußt zu machen und dazu beizutragen, daß in angemessener Weise und möglichst rasch moralische Rehabilitierung und materielle Hilfe wirksam werden können.«

Der Verlag, von dem die Rede ist, war das Brandenburgische Verlagshaus – ein Institut, mit dem  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Militärverlages versucht hatten, auch weiterhin Bücher zu machen.

Das Buch, das entstand und noch 1990 erscheint, trägt den Titel »Unschuldig in Stalins Hand. Briefe – Berichte – Notizen«. [3]Als Herausgeber zeichnet Hans Voelkner nicht allein, sondern gemeinsam mit seiner Ehefrau Rosemarie. Auf knapp 200 Seiten versammelt der Band nach einer knappen Einleitung der Herausgeber einen Teil der Zuschriften an Hans Voelkner aus dem Frühjahr 1990.

Voelkner selbst nimmt sich in dem von den Verfassern des »Offenen Briefes« inkriminierten Buch völlig zurück. Nicht mit einem einzigen Wort ist sein eigenes Schicksal berührt. Sie wollen, erklären die Herausgeber, »Aussagen von Zeugen und Opfern des Stalinismus vorstellen« und nichts sonst, weil sie »eine wirkliche und vor allem auch nur annähernd vollständige Wertung« zu diesem Zeitpunkt »weder von der Materiallage her noch bei der derzeit vorrangig gefühlsbetonten Sicht auf diese Fragen« für möglich halten. Und doch treffen sie Wertungen, wie sie auch im Jahre 1990 noch längst nicht Allgemeingut waren. »Die Zahl der unrechtmäßig Verfolgten ist groß«, schreiben sie. »Das geht von den im Verlauf der letzten Kriegshandlungen verschleppten Menschen über die Internierten, die Verschleppten nach Ende des Krieges, die Vielzahl der durch Sowjetische-Militär-Tribunale (SMT) unschuldig Verurteilten oder ohne Urteil in Haft Gehaltenen bis zu den zur ›Wiedergutmachung‹ in die Sowjetunion verbrachten Arbeitskräften mit ihren Familien.« Und an anderer Stelle: »Oft werden wir gefragt, ob denn erkennbar wäre, nach welchem System dies organisierte Unrecht wirkte. Bisher ist unsere Antwort immer noch, daß das einzige System in der Systemlosigkeit zu sehen sei. Eine Systemlosigkeit, die wohl vor allem dazu diente, die Einsicht in das System des Unrechts zu verhindern, Unmenschlichkeit zu verstecken.« Und schließlich: »Das derzeit Wichtigste ist die Offenlegung der Wahrheit am Beispiel persönlichen Erlebens unschuldiger Opfer und des von ihnen erduldeten Leids. Wir sind es diesen Menschen schuldig. Nichts darf vergessen werden, wenn wir den Opfern helfen wollen, die Vergangenheit zu verwinden, wenn wir alle begreifen wollen, allen begreifbar machen wollen, was hier geschah.«

Das Buch »Unschuldig in Stalins Hand« hatte – so war von Voelkner im Januar 1991 in seinem Rundbrief zur Entstehungsgeschichte des Bandes mitgeteilt worden – eine Auflage von 4 000 Exemplaren.

»Damit es zu keinem Mißverständnis kommt«, hatte Voelkner in diesem Rundbrief außerdem geschrieben, »möchte ich auch noch erklären, daß sich bisher aus der Veröffentlichung für mich nur Ausgaben ergaben. Sollte [sich] bei der Endabrechnung ein Überschuß ergeben, wird zu entscheiden sein, wem dieser Gewinn zusteht.«

Eine Auflagenhöhe, mit der das Buch »Unschuldig in Stalins Hand« die Gewinnzone hätte erreichen können, ist nicht zustande gekommen. Nicht zuletzt, weil mit einem »Offenen Brief« auf geradezu absurde Weise der Kalte Krieg fortgesetzt wurde.

Hans Voelkner, Kommunist, aus politischen Gründen hinter Gitter gebracht im faschistischen Deutschland, im Frankreich der unmittelbaren Nachkriegszeit und in der sowjetischen Besatzungszone/DDR sowie im Ergebnis eines Spionageprozesses noch einmal in Frankreich, wäre am 21. August 2003 75 Jahre alt geworden.



[1] Wolfram Adolphi – Jg. 1951, Dr. sc. phil., Dipl.-Staatswissenschaftler; Mitarbeiter in der Redaktion von »UTOPIE kreativ«; in der  Zeitschrift Veröffentlichungen vorwiegend zur Geschichte und Gegenwart der internationalen Beziehungen und  zur Entwicklung der PDS;

zuletzt »Kriegsdiktatur« (Heft 151, Mai 2003).

 

[2] Die im Text genannten Bücher sind: Hans Voelkner: Salto mortale. Vom Rampenlicht zur unsichtbaren Front, Militärverlag der DDR, Berlin 1989; Hans und Rosemarie Voelkner (Hrsg.): Unschuldig in Stalins Hand. Briefe – Berichte – Notizen, Brandenburgisches Verlagshaus, Berlin 1990, 202 S. – Die im Text zitierten Briefe gehören zum Nachlaß Hans Voelkners, der in der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin, bewahrt wird.

 

[3] Auszüge aus Beiträgen in diesem Buch:

Durch Evakuierungsmaßnahmen waren wir in Pommern untergebracht. Die kämpfende Truppe verjagte uns in den Wald. Am 2. März kam  der Vorschub der kämpfenden sowjetischen Truppen in den Ort und nahm uns sowie etliche Menschen gefangen. Abtransportiert in Güterzügen, fuhren wir nach den Lagern in den Ural. Nun folgte das Übliche, Krankheit, Hunger, Schwäche – und die einigermaßen arbeitsfähig waren, mußten schwerste Arbeiten leisten. Unsere Gefangenschaft war also vom März 1945 bis Oktober 1949. Ein Entlassungsschein liegt vor. Diesen Bericht habe ich nur kurz gefaßt. Ich bitte um Benachrichtigung, für uns ist es kaum faßbar, daß die Tragik in unserem Leben mit  vielen Folgeerscheinungen von Menschen erkannt wurde. Mit Dank und Gruß,  Erika B., Hildegard Sch. –

In: Unschuldig in Stalins Hand, S. 12-13.

[...] bin ich bereits Anfang Oktober 1945 als Schüler verhaftet worden und habe auf dem Wege in das Schloßgefängnis Rochlitz 1 Nacht im Rathausgefängnis Penig und 1 Nacht in einem Gefängnis in Lunzenau zugebracht. In Rochlitz habe ich mit noch einem Mitgefangenen, der etwas älter war als ich, in einer Einmannzelle ca. 10 Tage zugebracht. [...] Auch ich bin abends aus der Zelle geholt und erst in der Nacht wieder zurückgebracht worden. Allerdings war ich so blutig  geschlagen, daß ich trotz der bestehenden Kälte keine Kleidung anlegen konnte, die sonst durch das Blut am Körper festgeklebt wäre. Auch ich mußte ein mehrseitiges Protokoll  unterschreiben, ohne dessen Inhalt zu kennen, da der Text in russisch verfaßt war. Aber selbst wenn er in deutsch geschrieben worden wäre, hätte keine Gelegenheit dazu bestanden, da eine sofortige Unterschrift verlangt wurde. [...] Werner G. – In: Unschuldig in Stalins Hand, S. 33-36.

Habe mit großer innerer Anteilnahme Ihren Artikel »Im Wald von Fünfeichen bleiben Tote nicht stumm« (BZ vom 24./25.3.) gelesen, und muß feststellen, daß ich als ehemaliger Häftling (Gefangenschaft von 1945-1950) Ihnen bestätigen kann, daß ich mich inhaltlich voll mit Ihrer Darstellung identifiziere. Vor allen Dingen erleichtert es mich ein wenig, daß damit endlich nach 40 Jahren Stillschweigen die Öffentlichkeit erfährt, welche Vernichtung von überwiegend unschuldigen Menschen in der »Stalinära« auf unserem Boden in der DDR erfolgte. [...] Wolfgang G. – In: Unschuldig in Stalins Hand, S. 41-42.

Bezugnehmend auf Ihren Artikel in der Berliner Zeitung vom 27. 2. 1990 möchte ich mein persönliches Schicksal schildern. Am 18. Januar 1946 wurde ich in Rostock verhaftet und in das Gefängnis in der Schwaanschen Straße eingeliefert. Es wurden verschiedene Verhöre mit Dolmetscher vorgenommen. Der Vorwurf, den man mir und neun weiteren Inhaftierten machte, lautete: Werwolfverdacht. Es waren im März 1945 Lehrgänge durchgeführt, die uns u. a. mit der Handhabung einer Panzerfaust bekannt machten. An einem dieser Lehrgänge habe ich teilgenommen. Da in Rostock am 1. Mai 1945 die sowjetischen Truppen ohne Widerstand einmarschierten, bin ich in keiner Weise aktiv geworden. Ich war lediglich Mitglied des JM und später BDM. [...] Ich habe vom 18.1.1946 bis 1.3.1946 im Rostocker Gefängnis in Einzelhaft eingesessen. [...] Am 2. 3. 1946 wurde ich in das Internierungslager »Fünfeichen« bei Neubrandenburg überstellt. Am 28. 7. 1948 wurde ich aufgrund eines SMAD-Befehls aus dem Internierungslager »Fünfeichen« freigelassen. Ich habe also 2 Jahre ohne Grund mein junges Leben hinter Stacheldraht verbracht. Eine Entschädigung für den Verdienstausfall ist nie erfolgt. [...] Irmgard S. – In: Unschuldig in Stalins Hand, S. 43-44.