"Neues Deutschland" 06.03.1998

 

Neofaschismus vom MfS geduldet? Infam!

 

Zur Debatte "Ist der Osten besonders braun?" (20.2.98):

 

Als Analytiker der Hauptabteilung XX des MfS habe ich mich fast 25 Jahre lang mit "feindlich-negativen" Erscheinungen, darunter auch neofaschistischen (nicht: rechtsextremen!) Tendenzen unter der Jugend beschäftigt. Unbestreitbar bestand auch in der DDR ein Nährboden für solche Phänomene. Signifikant waren bei neofaschistisch auftretenden Jugendlichen ein unter dem Durchschnitt liegendes Bildungsniveau, das Fehlen eines Elternteiles in der Erziehung, gestörte Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, faktische Erziehungsuntauglichkeit von Eltern oder Protesthaltungen von Kindern gegen ihre angepassten Eltern.

 

Es ist das Privileg der Jugend, das Leben ihrer Eltern nicht kopieren zu müssen, auszubrechen und eigene Herausforderungen zu suchen. Dabei machen die objektiv fehlende Lebenserfahrung, Begeisterungsfähigkeit, fehlende Vorurteile, das Streben nach Selbstbestätigung und Anerkennung, noch unausgeprägte weltanschauliche und Wertvorstellungen gerade Jugendliche besonders leicht verführbar. Ob in der DDR der Verführbarkeit durch den Neofaschismus immer besonders geschickt begegnet wurde, sei dahin gestellt. Das ehrliche Bemühen in dieser Richtung sollte aber fairerweise allen Erziehern und Pädagogen, den staatlichen Institutionen und gesellschaftlichen Organisationen, die Sicherheits- und Rechtspflegeorgane eingeschlossen, zugebilligt werden.

 

Es ist einfach infam, wenn behauptet wird, das MfS habe den "Rechtsextremismus" geduldet, um damit die "Opposition" zu bekämpfen. MfS und Volkspolizei haben vielmehr immer wieder versucht, auch die kleinsten Anzeichen von Neofaschismus aufzuspüren und mit allen verfügbaren Mitteln, darunter auch der Mobilisierung von Erziehungsträgern, zu bekämpfen. So wurden Hinweise zu erkannten Skinheads regelmäßig an die Bezirks- und Kreisleitungen der FD] übermittelt, um diese entsprechend zu aktivieren. Kleinste Vergehen wurden genutzt, um derartigen Personen ihre Grenzen aufzuzeigen. So war es unter DDR-Verhältnissen undenkbar, dass sich neofaschistische Organisationsstrukturen herausbilden konnten. Selbst das seitenverkehrt in eine Tür eingeritzte Hakenkreuz aus einer Schultoilette wurde noch im Schräglicht fotografiert, um die kleinste Chance der Täterermittlung zu nutzen und eine erzieherische Auswertung zu veranlassen. Auch die Sicherheitsorgane gehörten zu denen, die stets auf die Schaffung sinnvoller Möglichkeiten der Freizeitbetätigung für Jugendliche drängten.

 

War es verbrecherisch, dass auch repressive Mittel angewandt wurden? Auch die Präsenz der Sicherheitsorgane (bei manchen Fußballspielen waren mehrere tausend MfS-Angehörige und Volkspolizisten eingesetzt) war ein solches repressives Mittel. Wer hat eigentlich diese Repression gelockert, um heute mit der Bildung von MEGA-Kommandos in Brandenburg darauf wieder zurückzukommen?

 

Völlig ausgeblendet wird heute, dass die DDR sich nicht isoliert von westlichen Einflüssen entwickelte. Praktisch alle "negativ-feindlichen" Verhaltensweisen waren Nachahmungen solcher Erscheinungen im Westen. Das trifft für Punker und Grufftis genauso zu wie für Skinheads oder Hooligans. Auch das äußere Escheinungsbild konnte nur mit westlicher Hilfe hergestellt werden. Springerstiefel, entsprechende Lederklamotten oder BasebalIschläger  waren nun einmal in HO oder Konsum nicht erhältlich.

Interessant dürfte auch die Sozialisation der Anführer neofaschistischer Organisationen und Gruppierungen in den neuen Bundesländern sein. Wie viele kommen aus dem Osten, wie viele wurden importiert?

 

Schließlich können arrogante Bemerkungen nicht aus der Weit schaffen, dass gegenüber DDR-Verhältnissen in der Gegenwart neue, zusätzliche Ursachen und Bedingungen für Neofaschismus wirken. Diese betreffen nicht nur die Perspektivlosigkeit und fehlende Freizeitgestaltung für Jugendliche, sondern insbesondere auch den Wegfall sozialer Sicherheit. Wo der erbarmungslose Konkurrenzkampf und hemmungsloser Egoismus regieren, bleibt wenig Platz für Solidarität mit Benachteiligten oder für Toleranz gegenüber Fremden.