Auszüge aus der Gedenkrede für Manfred Hummitzsch

 

Liebe Genossin Gretel Hummitzsch, liebe Hinterbliebene, liebe Genossen und Freunde, verehrte Trauergäste,

 

Wir haben uns heute in dieser Halle zur Trauerfeier zusammengefunden, um von Genossen Generalleutnant a. D. Dr. Manfred Hummitzsch, dem letzten Leiter der Leipziger Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR Abschied zu nehmen.

Manfred ist nach schwerer Krankheit am 23. Dezember des vergangenen Jahres im Alter von 86 Jahren in Berlin verstorben.

 

In Schmerz und tiefer Trauer verabschieden wir uns von diesem standhaften Kämpfer, der mit seiner Tätigkeit der Gewährleistung der Sicherheit der DDR und der sozialistischen Idee so eng verbunden war.

Unser tiefes Mitgefühl und unsere Anteilnahme gelten allen seinen Hinterbliebenen.

 

Herzlichen Dank sagen wir allen Mittrauernden, die heute erschienen sind, um sich von Manfred zu verabschieden, seinen Angehörigen beizustehen,  seine Urne bis zu seiner letzten Ruhestätte zu begleiten und ihm die letzte Ehre zu erweisen. Besonderer Dank gilt einer Delegation ehemals leitender Mitarbeiter und Kampfgefährten der damaligen Bezirksverwaltung Leipzig, sowie den Mitgliedern der GRH e.V. und ISOR e.V.. 

 

Die Nachricht vom Tode des Genossen Manfred Hummitzsch einen Tag vor Weihnachten 2015 wurde durch die Eulenspiegel-Verlagsgruppe der

Öffentlichkeit bekannt. Alle großen bundesdeutschen „Leitmedien“ sowie die sächsischen Medien nahmen auf die darauf folgende DPA-Meldung Bezug und reicherten diese mit einigen bemerkenswerten Details an: 

Manfred sollte eine wichtige Rolle dabei gespielt haben, dass die Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 in Leipzig ohne Blutvergießen blieben.

 

Diese Äußerungen beziehen sich maßgeblich auf einen unglaublichen Vorfall, als der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler in einer Gedenkveranstaltung zum 20. Jahrestag der Montagsdemonstration in Leipzig vom 9. Oktober 1989 vor laufenden Kameras behauptete, die DDR-Führung hätte im Vorfeld dieser Demonstration Leichensäcke vorrätig gehalten, die Leipziger Herzchirurgen der Uniklinik seien in der Behandlung von Schusswunden unterwiesen worden und vor der Stadt hätten Panzer bereitgestanden. Darüber hinaus hätte die Leipziger Polizei den Befehl gehabt, rücksichtslos von der Waffe Gebrauch zu machen.

 

Manfred Hummitzsch hat diese Lügen unmittelbar nach dem Auftritt des Bundespräsidenten in einem Gespräch mit der Zeitung „Junge Welt“ als

„haarsträubende Erfindungen“ entlarvt und dementiert.

Später sickerte in den bürgerlichen Medien kleinlaut durch, Horst Köhler habe seine Behauptungen einem Buch entnommen, dessen Autor eine mangelnde Prüfung der Aussagen von sogenannten Zeitzeugen eingeräumt und bedauert hätte.

Zumindest eine förmliche öffentliche Entschuldigung des Ersten Mannes im Staate wäre fällig gewesen. Dies ist nicht erfolgt. 

 

Tatsächlich waren Manfred und seine leitenden Mitarbeiter auf diese Demonstration eingestellt. Von der Führung des MfS war in Übereinstimmung mit allen bewaffneten Organen der DDR verbindlich abgestimmt worden, dass die Proteste auf gar keinen Fall gewaltsam unterbunden werden dürfen. Manfred hat im Zusammenwirken mit der Leipziger Volkspolizei alle erforderlichen Maßnahmen dazu eingeleitet.

Diese entscheidende Demonstration und alle anderen Montagsdemos verliefen dann in der Tat ohne Blutvergießen.

 

Was wird nun im Gedenken von Manfreds Lieben und seiner Kampfgefährten Bestand haben?

Schauen wir noch einmal zurück auf das Leben und Wirken von Manfred Hummitzsch. 

Manfred wurde am 7. Juli  1929 in Limbach, Kreis Chemnitz in einer Arbeiterfamilie geboren.

Das Jahr 1929 steht für die Auslösung der Weltwirtschaftskrise. Vater war arbeitslos. Mit Hitlers bereits damals propagierten Hetzparolen wollten die Eltern nichts zu tun haben.

Manfred ist zusammen mit seinen inzwischen verstorbenen Geschwistern, der Zwillingsschwester Gerda und seinem älteren Bruder Rudolf in einfachen Verhältnissen, aber gut behütet von den Eltern in Limbach aufgewachsen.

Er besuchte dort die Volksschule und absolvierte danach eine Berufsausbildung als Handlungsgehilfe. Ab 1948 wurde er als Postarbeiter

in Limbach tätig.

Schon zuvor hatte sich Manfred jenen politischen Kräften angeschlossen, die nach dem  Krieg aktiv für eine grundlegende antifaschistisch – demokratische Erneuerung der Gesellschaft kämpften.

Er trat in die FDJ ein und nahm aktiv an diesem Erneuerungsprozess teil. 1949 wurde er Mitglied der SED und in der FDJ-Kreisleitung  hauptamtlich als Arbeitsgruppenleiter sowie in Personalunion in Limbach als Stadtsekretär eingesetzt.

Es war für ihn ein geradliniger politischer Entwicklungsprozess als er ab

1. August 1950 in der Kreisdienststelle des gerade im Februar gebildeten MfS in Flöha als operativer Mitarbeiter eingestellt wurde. Manfred war hochmotiviert, als man ihn nach Dresden schickte und ihn mit Aufgaben zum Schutz der Volkswirtschaft betraute. Ab Juni 1951 erfüllte er in Berlin operative Aufgaben zur Sicherung der Volkswirtschaft in der damaligen Hauptabteilung III. Danach wurde ihm ab 1957 die Verantwortung als Leiter der Abteilung III der  BV Leipzig des MfS übertragen. Von 1958 bis 1962 übernahm er die Funktion des 1. Sekretärs der Parteiorganisation der SED in der BV und wurde danach als Stellvertreter – Operativ des Leiters der BV eingesetzt.

Von 1960 bis 1965 absolvierte Manfred ein Fernstudium an der Juristischen Hochschule des MfS und schloss dieses als Diplom – Jurist erfolgreich ab. 

Ab 1966 übernahm er die verantwortungsvolle Aufgabe als Leiter der Bezirksverwaltung Leipzig und ein Jahr später wurde er als Mitglied der Bezirksleitung der SED gewählt. 1974 promovierte er zum Dr. jur. an der Juristischen Hochschule Potsdam.

Der Schwerpunkt seiner früheren Tätigkeit zur Sicherung der Volkswirtschaft war seit Übernahme der Funktion des Leiters der BV nur noch ein Teil der nun von ihm übernommenen Gesamtverantwortung zur Gewährleistung der staatlichen Sicherheit im Bezirk Leipzig. 

Seine Ernennung zum Generalmajor erhielt Manfred 1974 und 1989 erfolgte seine Beförderung zum Generalleutnant.

 

Was seine politisch - operative Arbeit betraf, so war er von Anfang an mit sich im Reinen, dass es vorrangig darum ging, seiner Verantwortung für die Abwehr subversiver Angriffe gegen die DDR und die Gewährleistung ihrer staatlichen Sicherheit insbesondere unter den Bedingungen des Kalten Krieges mit dem Einsatz aller spezifischen operativen Kräfte, Mittel und Methoden des MfS in seinem territorialen Bereich nachzukommen.

Dieser Verantwortung ist er mit beispielhaftem Einsatz stets gerecht geworden.  Bei seinen Vorgesetzten und Mitarbeitern genoss er deshalb

große Anerkennung. Er wurde mit hohen staatlichen und weiteren Auszeichnungen geehrt.     

Manfred wurde geachtet und war beliebt, insbesondere auf Grund seiner

operativ-fachlichen Kompetenz und analytischen Fähigkeiten, seiner Zuverlässigkeit, Gründlichkeit sowie Korrektheit.

Nicht zuletzt fand er Anerkennung wegen seines einfühlsamen Umganges mit den Menschen, auf die er zugehen und ihnen Gehör schenken konnte. Er war ein Leiter, dem uneingeschränkt Respekt gezollt wurde.

 

Die vor allem Ende der achtziger Jahre zunehmenden gesellschaftlichen Defizite, Widersprüche und Verwerfungen in der DDR veranlassten Manfred die analytische Arbeit zu verstärken und der Führung des MfS tiefgehende und differenzierte Berichte über das Stimmungs- und Meinungsbild in seinem Bezirk zur Verfügung zu stellen.

 

Hier wurde bei Anerkennung aller Erfolge der eklatante Widerspruch zwischen der Selbstdarstellung der DDR in der Öffentlichkeit einerseits und den Realitäten andererseits herausgearbeitet.

Solche Signale, die es aus allen Lebensbereichen gab, wurden jedoch durch die SED-und Staatsführung ignoriert. Wohin dies führte, wissen wir alle.

Mit dem Zerfall der gesellschaftlichen und staatlichen Strukturen der DDR und letztlich ihrem Anschluss an die BRD im Jahre 1990 blieb Manfred jedoch seinen Überzeugungen treu.

Er leistete aktiven Widerstand gegen die Diffamierung der DDR und Diskriminierung sowie Ausgrenzung ihrer Bürger, besonders der Mitarbeiter des MfS.

 

Nach dem Ende des MfS wurde Manfred im Januar 1990 entlassen und

musste dann die ausnahmslos für sämtliche Mitarbeiter des MfS verordnete Strafrente in Kauf nehmen gegen die er sich politisch und juristisch wehrte und in den solidarischen Sozialverein ISOR e.V. eintrat.

 

Die mit personellen „Westimporten“ bestückte und im sogenannten Beitrittsgebiet neu strukturierte bundesdeutsche Justiz verfolgte Manfred nun strafrechtlich.

  

Nach dem Ende des MfS gehörte er zu den Initiatoren und Mitbegründern  eines Solidarverbandes zur rechtlichen und humanitären Unterstützung der von der Verfolgung durch die Justiz sowie finanziell außerordentlich stark belasteten Genossen, und zwar nicht nur der Mitarbeiter des MfS.

In den Reihen der „Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung e.V.“ (GRH)  fand er Gleichgesinnte und zugleich eine politische Heimat.

Hier brachte er seine umfangreichen Erfahrungen und sein profundes Wissen ein. Als Vorstandsmitglied bis 2012 und Mitglied der Arbeitsgruppe Sicherheit war Manfred wegen seines klugen Sachverstandes, seiner Korrektheit und Freundlichkeit ein geschätzter Partner.

 

Als Initiator, Mitgestalter und Mitautor zahlreicher Publikationen über die friedenssichernde Tätigkeit der Sicherheits - und Schutzorgane der DDR verlieh er dem offensiven Auftreten der GRH in der Öffentlichkeit Gesicht und Stimme. 

 

Er wirkte maßgeblich mit an der Erarbeitung des zweibändigen Standardwerkes „Die Sicherheit – zur Abwehrarbeit des MfS“, des Kompendiums „Fragen an das MfS“, der beiden Bände „Unbequeme Zeitzeugen I und II“ sowie an zahlreichen Studien, Informationsmaterialien und dem Mitteilungsblatt der GRH. Gestern Abend wurde der Band II von „Unbequeme Zeitzeugen“ in der Öffentlichkeit vorgestellt und in der „Jungen Welt“ erschien eine Rezension des Buches.

Durch seine Mitwirkung an diesen Projekten leistete er einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung der historischen Wahrheit über unseren Friedensstaat in der Erinnerungsschlacht zur DDR, in der Auseinandersetzung mit der verleumderischen Kampagne der gelenkten bürgerlichen Medien zum sogenannten „Unrechtsstaat DDR“ und gegen die Bestrebungen zur Verewigung der Existenz der unseligen Jahn – Behörde.         

 

Liebe Hinterbliebene, liebe Genossen, verehrte Trauergäste,

 

Manfred war eine selbstbewusste, optimistische und hochintelligente Persönlichkeit. Er zeichnete sich vor allem durch seine Geradlinigkeit, Verlässlichkeit, Besonnenheit, Gründlichkeit sowie Hilfsbereitschaft aus. Seine Aufgaben hatte er immer im Blick. Er strahlte Ruhe aus und nahm seinen Verstand in Anspruch, ehe er Entscheidungen traf. 

Manfred arbeitete akribisch genau und ging den Dingen auf den Grund.

Er zeigte sich sehr kontaktfreudig und konnte den Menschen zuhören.

Er war aufgeschlossen und bewies großes Einfühlungsvermögen sowohl im Dienst als auch in der Familie.

Ungeachtet aller Stärken, die ihn auszeichneten, ist Manfred immer ein bescheidener Mensch geblieben.

Beachtlich war sein technischer Instinkt. Noch im Alter von 80 Jahren eignete er sich autodidaktisch den Umgang mit dem Laptop und dem Internet an.

Als geselliger und humorvoller Mensch hatte er immer einen Witz auf Lager. Er lachte gern und dabei blitzte etwas Sarkasmus durch.

 

Gegen Ungerechtigkeiten und Verleumdungen trat er energisch auf.

Als der Rachefeldzug der bundesdeutschen Justiz gegen die Mitarbeiter des MfS begann, nahm er an Prozessen teil und leistete den Betroffenen Beistand.

Manfred las sehr viel, meist politische Literatur, aber auch andere Belletristik.

Fast alle bedeutenden Zeitungen hat er interessiert gelesen sich seinen eigenen Standpunkt gebildet und seine Überzeugungen bewahrt.

 

Liebe Hinterbliebene, liebe Genossen, verehrte Trauergäste,

Bedingt durch zahlreiche gesundheitliche Probleme verschlechterte sich

Manfreds Zustand immer mehr und nach einigen Krankenhausaufenthalten verstarb er am 23. Dezember vergangenen Jahres.

 

Das Leben von Manfred Hummitzsch hat sich nunmehr vollendet. Seine Familie ist tief von seinem Tod betroffen.

Doch sein Wirken bleibt fest verwurzelt in deren dankbarer Erinnerung.   

In seiner Familie hat er sich sehr wohl gefühlt. 

 

Er lebte ein äußerst aktives Leben. Wenn es jemand wie Manfred vermochte, sein Leben so sinnvoll zu gestalten, sollte angesichts seines Todes niemand verzweifeln. 

 

Manfreds Leben war für unsere gemeinsame politische Sache beispielhaft bis zu seinem letzten Atemzug.

Seinen Freunden, Genossen und Kampfgefährten wird er unvergessen bleiben.

 

Und schließlich werden wir von unserem eigenen Leben gefordert und 

schauen wieder nach vorn.

 

 

Begleiten wir unseren Gang zu Manfreds letzter Ruhestätte mit einem Satz aus dem Abschiedsbrief des antifaschistischen Widerstandskämpfers und Aktivisten der Organisation „Rote Kapelle“, Harro Schulze Boysen, den er kurz vor seiner Hinrichtung durch die Faschisten in Plötzensee am

22. Dezember 1942 Dezember schrieb:

 

„Alles was ich tat, tat ich aus meinem Kopf,

 meinem Herzen und meiner Überzeugung heraus“