Zur Schändung der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde 

Die PDS-Politikerin Almuth Nehring-Venus musste sich kürzlich als „stalinistische Extrem-Agitatorin“ betiteln lassen, weil sie schüchtern angemerkt hatte, dass KPD, SED und die Sowjetunion wohl doch nicht allein verantwortlich für die Spaltung Deutschlands gewesen seien.

Die RBB-Abendschau am 11.12.06 bezeichnete Markus Wolf als zentrale Figur einer „stalinistischen DDR“.

Der Begriff Stalinismus ist längst als antikommunistischer Kampfbegriff an die Stelle des etwas aus der Mode gekommenen Begriffes Bolschewismus getreten und dadurch kaum geeignet, geschichtliche Prozesse und die darin agierenden Personen korrekt zu beschreiben. 

Was soll also dieser Stein in einer Gedenkstätte der Sozialisten?

Foto: privat 

Es sei selbstverständlich, dass an diesem Ort nur Sozialisten gedacht werde, verkündeten Bezirksbürgermeisterin Christina Emmrich und der PDS-Historiker Jürgen Hofmann, nicht ohne augenzwinkernd hinzuzufügen, dass man das auch anders sehen könne.

Die regierungsoffizielle Version erläuterte der Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, bei der Einweihung dieses Gedenksteines am 11.12.06: gemeint seien ausdrücklich alle Opfer des Stalinismus. 

Die „Vereinigung der Opfer des Stalinismus“, ein Zusammenschluss von Personen, die mit Fanatismus, Hingabe und abgrundtiefen Hass den Sozialismus in der DDR bekämpft haben, soll darin sicher eingeschlossen sein. Wer Nelken am Grab von Wilhelm Pieck niederlegt, dem wird damit zugemutet, auch jener in Ehrfurcht zu gedenken, die einst in der DDR gefälschte Briefmarken in Umlauf gebracht haben, auf denen Wilhelm Pieck mit einem Strick um den Hals abgebildet war.  

Unstrittig ist, dass Kommunisten und Sozialisten, die Opfer von Verbrechen wurden, die mit dem Namen und dem Wirken Stalins verbunden sind, einen würdigen Platz in der Gedenkstätte der Sozialisten verdient haben. So wie in Friedrichsfelde der Gefallenen der Novemberrevolution und der nachfolgenden Kämpfe der deutschen Arbeiter gedacht wird, hätte man auch ihre Namen in eine Tafel gravieren können. Namen wie Hugo Eberlein, Leo Flieg, Heinz Neumann, Hermann Remmerle, Fritz Schulte und andere.

Auch die Geschichte der DDR kennt ungerechte und willkürliche Verfolgungen von Kommunisten und Sozialisten. Nach meiner Kenntnis – mit Ausnahme von  Willi Kreikemeier, dessen Todesumstände nicht geklärt sind – aber keine Todesopfer. Die Mehrzahl dieser zu Unrecht Verfolgten wurde noch zu DDR-Zeiten rehabilitiert. Nicht wenige von ihnen sind mit allen Ehren in Friedrichsfelde beigesetzt worden. 

Die Beliebigkeit der Aussage des Gedenksteines scheint gewollt zu sein. Wie ein aufgestellter Geßler-Hut soll er demütigen und spalten – und das vor allem mit Blick auf die ungeliebte LL-Demo jeweils im Januar.

Weder agent provocateurs, ruppige Polizeieinsätze gegen Fahnen und Transparente, um Dominanz bemühte Aktionen weithin isolierter Stalin-Verehrer und anderer linkssektiererischer Splittergruppen, noch nicht einmal massive Terrordrohungen konnten diese Massendemonstration ernsthaft beeinträchtigen.Das Kalkül der Herrschenden und der bis zu den Hüften in ihren Hintern steckenden Opportunisten wird wohl auch diesmal nicht aufgehen. Die Revolutionäre Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg lassen sich vom Zeitgeist nicht vereinnahmen. 

Wolfgang Schmidt

12.12.2006

Offener Brief in dieser Sache
Opfer des Stalinismus: Otto Emil Runge, Beihelfer zum Mord an Rosa Luxemburg
Gehört die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur jetzt zu den Anhängern der Idee des Sozialismus?  Mehr...
Gefunden: "Das prominenteste (Opfer des Stalinismus) war dann wohl der von den stalinistischen Horden in den Selbstmord getriebene Adolf Hitler." ("junge Welt, 18.01.2007)