Menschenversuche in der DDR?

 

Wie schon beim strapazierten Thema angeblicher Zwangsarbeit in der DDR (in Wirklichkeit Arbeit von Gefangenen in Haftanstalten, die auch nach dem  Grundgesetz der BRD ausdrücklich erlaubt ist), greift die vom „Spiegel“ angeführte Medienmeute mit „Menschenversuchen“ erneut auf einen vom deutschen Faschismus  geprägten Begriff zurück. Gehören doch die von SS-Ärzten an KZ-Häftlingen durchgeführten medizinischen Experimente zu den grausamsten Verbrechen der Nazi-Zeit.

 

Wie nicht anders zu erwarten, präsentiert die Jahn-Behörde, der durch BGH-Urteil vom 11.12.2012 „besondere Kompetenz“ bescheinigt wurde und deren Aussagen „gesteigertes Vertrauen“ entgegengebracht werden darf, die obligatorischen Enthüllungen aus dem Reich des Bösen.

Danach habe das MfS die ganze Angelegenheit eingefädelt und sei auch für die Vertuschung zuständig gewesen.

 

Da ich langjährig als leitender Analytiker und Planungsoffizier in der u.a. auch für die staatliche Sicherheit im Gesundheitswesen der DDR zuständigen Hauptabteilung XX des MfS tätig war, glaube ich zur Aufklärung beitragen zu können.

 

In den 70er Jahren wurden in Magdeburg und Halle durch die Abteilungen XX der Bezirksverwaltungen Operative Vorgänge angelegt, in denen leitende Mediziner bearbeitet wurden. Diese hatten insbesondere während der Leipziger Messen Kontakte zu Vertretern westdeutscher Pharmazie-Konzerne hergestellt. Die Bearbeitung ergab, dass diese Kontakte durch ihr Interesse an den neuesten pharmazeutischen Forschungsergebnissen und der Suche von Möglichkeiten von deren Nutzung in den eigenen Kliniken bestimmt war. Die betreffenden Mediziner waren dabei Wünschen der westdeutschen Konzerne nachgekommen und hatten gegen entsprechende Bezahlung und ohne staatliche Genehmigung, also illegal, für die jeweiligen Konzerne Studien zur Wirksamkeit von deren Medikamenten (darunter auch noch nicht zugelassenen) durchgeführt. Das war u.a. möglich, weil im staatlichen Gesundheitswesen der DDR in Ausnahmefällen leitenden Ärzten auch die Behandlung von Privatpatienten gestattet wurde.

Das MfS hatte bei der Bearbeitung zu berücksichtigen, dass der größte Schaden für die DDR entstehen würde, wenn im Ergebnis seiner Maßnahmen Mediziner in den Westen getrieben würden. Ärzte nahmen ohnehin beim ungesetzlichen Verlassen und bei der Antragstellung auf Übersiedelung in die BRD einen Spitzenplatz ein. Sie waren die attraktivsten Kunden der Schleuserbanden.

 

Die Lösung ergab sich in einer Weise, die schon Karl Marx favorisiert hatte. Der kluge Gesetzgeber sollte alles tun, um dafür zu sorgen, dass jemand gar nicht erst straffällig werden muss.

So wurden die Medikamententests für westdeutsche Pharma-Konzerne legalisiert, indem sie auf eine vertragliche Basis und unter die Kontrolle des Ministeriums für Gesundheitswesen der DDR bei strikter Einhaltung der DDR-Arzneimittelverordnung gestellt wurden.

 

Das lag im Interesse aller Beteiligten.

Die westdeutsche Pharma-Industrie war nach dem Contergan-Skandal an einer Erhöhung der Medikamentensicherheit  interessiert und konnte auf die ausgewiesene Kompetenz der DDR-Mediziner, aber auch auf die gleichwertigen, z.T. sogar strengeren Vorschriften der DDR bei der Medikamententestung und der Genehmigung neuer Medikamente verweisen. Immerhin war das Medikament Contergan in der DDR nicht zugelassen worden mit dem Ergebnis, dass in der DDR nur ganz wenige Conterganfälle vorkamen, d.h. nur solche, bei denen dieses Medikament aus der BRD besorgt worden war.

 

Für die DDR ergab sich als Vorteil, dass mit den erzielten Deviseneinnahmen wenigstens punktuell die Ausstattung von Krankenhäusern mit moderner Medizintechnik und (zugelassenen) Medikamenten aus westlicher Produktion verbessert werden konnte. Die beteiligten Mediziner behielten darüber hinaus den Anschluss an den internationalen Stand der Forschung.

 

Die getroffenen Vereinbarungen und deren Umsetzung sind kein Ruhmesblatt für die DDR. Sie gehören zu einer Reihe von fragwürdigen Kompromissen, die getroffen wurden, um die objektive ökonomische Unterlegenheit wenigstens in Teilbereichen zu kompensieren.

 

Trotzdem sollte bei der Behandlung dieses Themas die Kirche im Dorf gelassen und der künstlich geschürten Empörung mit Skepsis begegnet werden. Immerhin hat schon Anfang der 90er Jahre eine Untersuchungskommission des Westberliner Senats in der gleichen Sache festgestellt, das die Medikamentenprüfung in der DDR nicht hinter den Regeln des bundesdeutschen Arzneimittelgesetzes zurückblieb, in einigen Punkten sogar darüber hinaus ging. Medikamententests an ausgewählten Patientengruppen sind auch heute noch gängige Praxis, die letzte Etappe vor der Einführung neuer Medikamente, mit der unbekannte oder unverhältnismäßige Nebenwirkungen ausgeschlossen und die Wirksamkeit des Medikamentes oder seine günstigste Dosierung generell geprüft werden sollen. Diese Prüfungen sind ergebnisoffen, so dass die Tests mitunter auch abgebrochen werden und eine Zulassung nicht erfolgt.

 

Spektakuläre Todesfälle im Zusammenhang mit der Testung von Medikamenten für westdeutsche Konzerne gab es meines Wissens in der DDR nicht. Davon hätte ich in meiner Funktion Kenntnis erhalten. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Todesfälle gegeben haben kann. Doch auch in solchen Fällen ist die Wahrheit immer konkret. Wenn ein schwer kranker Patient in einer Blind-Studie über mehrere Wochen hinweg ein Placebo verordnet bekam und zwei Jahre später verstarb, dann kann man ihn wohl kaum zu den Opfern solcher Tests zählen. Denkbar ist auch, dass der Einsatz eines noch unerprobten Medikamentes bei Schwerstkranken als letzte Alternative einer Behandlung betrachtet wurde.

 

Wenn das MfS beauftragt worden wäre, in diesem Zusammenhang etwas zu vertuschen, müsste ich es eigentlich wissen. In meiner Tätigkeit hat das jedenfalls keine Rolle gespielt.

Bemängelt wird, dass die betroffenen Patienten nicht ausreichend informiert worden wären. Das aber war ausschließlich Angelegenheit der behandelnden Mediziner bzw. der entsprechenden Instruktion durch ihre ärztlichen Vorgesetzten und kann auch nur durch diese beantwortet werden.

 

 

Wolfgang Schmidt

17.05.2013

 

 

Siehe auch: "junge Welt" vom  16.05.2013, Klaus Huhn:  "Roulette-Rundschlag"

                 oder "Neues Deutschland" vom 07.06.2013 "Hysterie statt Fakten. Krebsmediziner kritisiert ignorante Debatte über Arzneimittelprüfungen in der DDR"