Milchmädchenrechnung des Tages

Sven Felix Kellerhoff schreibt in seinem Buch "Hitlers Berlin. Geschichte einer Hassliebe" (be.bra verlag 2005) :

"Aber selbst wenn man das Personal in den Referaten für "Gegnerforschung" der Gestapozentrale hinzuzählt, so bleibt doch in Berlin ein Verhältnis von 4.000 Einwohnern zu einem Gestapo-Mitarbeiter. Zum Vergleich: In der DDR betrug das Verhältnis von Einwohnern zu hauptamtlichen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit 1989 etwa 170 zu eins."

Abgesehen davon, dass Vergleiche zwischen Gestapo und MfS als Vergleiche zwischen einer international als verbrecherisch verurteilten Institution und dem legitimen Geheimdienst des von den UN anerkannten souveränen Staates DDR jeder Seriösität entbehren und lediglich dazu dienen, die faschistischen Verbrechen zu verharmlosen, haben die angestellten Zahlenspiele keinerlei sachliche Grundlage.

Die Gestapo war bei weitem nicht die einzige nachrichtendienstliche Institution in der Zeit des Faschismus. Neben ihr wirkten die Sicherheitspolizei und der Sicherheitsdienst des "Reichsführers SS" sowie die Abwehr- und Aufklärungsdienste der faschistischen Wehrmacht. Nicht unbeachtet bleiben darf auch, dass die Gestapo auf ein weitverzweigtes Netz der Denunziation zurückgreifen konnte, in das die NSDAP und ihre zahlreichen Gliederungen verpflichtend einbezogen waren, wie auch "militärische bzw. politisch-polizeiliche Abwehrbeauftragte" in wichtigen Betrieben, wissenschaftlichen Instituten und sonstigen Einrichtungen.

Die hohe Zahl der Mitarbeiter des MfS bedarf einer differenzierten Betrachtung. Nur 12.084 von 90.000 MfS-Angehörigen waren 1989 IM-führend tätig. Davon viele in Bereichen, die auch bei größter Abstraktion nicht mit Aufgabenstellungen der Gestapo vergleichbar sind, wie Auslandsaufklärung, Sicherung der Volkswirtschaft und des Verkehrswesens oder Militärabwehr. Die Mehrzahl der Mitarbeiter des MfS war mit solchen Aufgaben befasst, wie Passkontrolle (7.725 Mitarbeiter), Personenschutz (3.820 Mitarbeiter), Untersuchungsstrafvollzug (1.035 Mitarbeiter), Wach- und Sicherungsdienst (insbesondere Wachregiment - ca. 16.000 Angehörige) sowie mit zahlreichen sicherstellenden Aufgaben, die von einem eigenen medizinischen Dienst, der Unterhaltung eigener Ferienheime bis zu einem eigenen Baubetrieb reichten. Aufgaben also, die auch beim besten Willen der Gestapo nicht zuzuordnen sind.

Hinzu kommt, dass auch in westlichen Staaten neue, durch die Entwicklung von Wissenschaft und Technik entstandene Möglichkeiten der Nachrichtenbeschaffung zu personellen Erweiterungen der Geheimdienste führten. So waren z.B. 3.031 Mitarbeiter des MfS in der funkelektronischen Abwehr und Aufklärung eingesetzt, die in dieser Form und Intensität in den Jahren von 1933 bis 1945 überhaupt nicht möglich war.

Aber auch aus anderen Gründen sind entsprechende Vergleiche mehr als fragwürdig. Wo bitte sehr, gab es in der Zeit des Faschismus offene Grenzen in einem geteilten Land mit Westberlin in der Mitte, wo sich ca. 80 verschiedene feindliche Geheimdienste und Agentenzentralen tummelten. War das faschistische Deutschland Frontstaat in einer Systemauseinandersetzung, die auch die Gefahr eines Atomkrieges in sich barg? Stellte ein Nachbarstaat die Existenz des damaligen Deutschlands grundsätzlich in Frage und erklärte seine Einverleibung zum politischen Programm? Die Größe des MfS ist also auch aus einer realen und konkreten Bedrohungslage zu erklären und so noch nicht einmal mit anderen ehemals sozialistischen Staaten vergleichbar.

Wolfgang Schmidt