JungeWelt

27.11.2006 / Thema / Seite 10

Fr Mischa

In memoriam Markus Wolf. Rede bei der Beerdigung des langjhrigen Chefs des Auslandsnachrichtendienstes der DDR am 25. November in Berlin

Manfred Wekwerth

Am Samstag ist Markus Wolf auf dem Zentralfriedhof in Berlin-Friedrichsfelde im Grab seines Bruders, des Regisseurs Konrad Wolf (1925-1982), beigesetzt worden. Der frhere Generaloberst, stellvertretende Minister fr Staatssicherheit, langjhrige Leiter des Auslandsnachrichtendienstes der DDR und Schriftsteller war in der Nacht zum 9. November im Alter von 83 Jahren gestorben. Fast 2 000 Menschen erwiesen ihm die letzte Ehre, darunter Linkspartei-Chef Lothar Bisky, der Linkspartei-Ehrenvorsitzende Hans Modrow und der russische Botschafter Wladimir Kotenew.

Auf der Trauerfeier hielt der Regisseur Manfred Wekwerth, langjhriger Freund des Verstorbenen, die im folgenden dokumentierte Hauptrede. Neben ihm sprachen Wladimir Kotenew und die Schauspielerin Renate Richter, die ein von Markus Wolf verfates Gedicht vortrug.

Es ist merkwrdig. Bei manchen Menschen scheint noch der Tod das Leben zu besttigen. Als ich mit groer Betroffenheit im Radio die Meldung hrte, da Markus Wolf gestorben ist, rief ich Andrea an. Sie war von groer Fassungslosigkeit, als sie erzhlte, wie Mischa gestorben ist. Wie sie beide nach einem Kinobesuch in vertrauter Weise den Abendbrottisch deckten, wie Mischa, der guten Gewohnheit folgend, eine Kerze anzndete, wie man ber den eben gesehenen Film und ber Tagesereignisse sprach; dann die bliche Nachtruhe, mit dem unvermeidlichen Buch vor dem Einschlafen, bevor Mischa als letzter das Licht lschte. Gegen Mitternacht, als sie ein krftiges Atmen hrte, stie Andrea, wie sie es manchmal tat, wenn sie Schnarchen vermeiden wollte, ihn vorsichtig an, aber da war er schon nicht mehr am Leben. Sein Gesicht war entspannt, um seinen Mund war ein leichtes Lcheln, als wollte er es dem anderen Menschen leicht machen, das Unfabare zu verstehen. Als wre es auch jetzt noch seine grte Sorge, der ihm liebste Mensch knne, den Tod vor Augen, seinen Lebensmut und seine Lebenslust verlieren. Denn Lebensmut und Lebenslust in schwierigsten Situationen zu bewahren, war fr ihn eine Lebensregel, ein nicht zu entbehrender Ausgangspunkt seines Denkens und Handelns, des persnlichen wie des politischen. Lebensmut und Lebenslust waren fr ihn gleichermaen kategorische Maxime wie lustvolles Bedrfnis. Eben unverzichtbare Voraussetzung seiner so realistischen Weltsicht und seines unaufgeregten Umgangs auch mit sich berstrzenden Ereignissen. Sie waren Antrieb seiner zuverlssigen Kenntnis der Mitmenschen und seiner Bereitschaft, deren Bedrfnisse und Wnsche auch da zu verstehen, wo sie sich von den seinen unterschieden. Gerade dieses Wissen, da Vielfalt notwendige Voraussetzung jeder wirklichen Gemeinschaft ist, war es, was ihn veranlate, andere Meinungen mit Geduld anzuhren und, was viele eben nicht knnen, zu ertragen, und da er nie versuchte, Andersdenkende einfach zu berreden, sich seiner Meinung anzuschlieen. Auch seine ehemaligen Mitarbeiter besttigen sein Bemhen, Menschen zu eigenen Meinungen zu ermutigen, auch wenn er dabei seine eigenen korrigieren mute.

Auch spter, als der Schriftsteller Markus Wolf in schwierigen Zeiten sich vielen Meetings stellte, waren es nicht fertige Antworten, die ihn zum begehrten Gesprchspartner machten, sondern seine Fhigkeit, zuzuhren.

Zauber der Vernunft

Ich wei nicht, ob es stimmt, aber Propagandisten gegenber, die nicht aufhren knnen, Recht zu haben, zog er einen Mann wie Walter Benjamin vor, der sagte: berreden ist unfruchtbar, man soll zeigen und zu denken geben.

Ein solcher Standpunkt allerdings braucht Souvernitt, die von Zuversicht kommt und vom Wissen um die Dinge der Welt; es braucht Intelligenz, Widersprche, auch die eigenen, nicht zu gltten, sondern zu akzeptieren und mit ihnen umzugehen; es braucht das Vermgen, Konflikte ertragen zu knnen, statt sie zu leugnen, und eben den ganz einfachen Vorsatz: auch in schwierigsten, scheinbar ausweglosen Situationen nicht den Lebensmut und die Lebenslust zu verlieren. Erst dies alles zusammen ergibt die Fhigkeit zu jener Geduld und Duldsamkeit, die ntig sind, wenn es darum geht, die verschiedensten Menschen fr eine gemeinsame Sache zu gewinnen, zum Beispiel dafr, diese Welt zu verndern. Denn nur, wer aus eigenem Antrieb verndert, vermag wirklich etwas zu verndern. Nur wer Lust an neuer Erkenntnis hat, kann wirklich Neues erkennen.

Aber die Kunst, Menschen zur Selbstndigkeit einzuladen (was ja eigentlich Sinn jeder Politik sein sollte), hat, wie wir an Markus Wolf sehen, noch andere Komponenten. Eine davon heit ganz gewi Charme. Eigentlich unentbehrlich im politischen Dasein. Persnlicher Charme vermag das Richtige eben nicht nur als Richtiges zu zeigen, sondern auch als Begehrenswertes und Lohnendes. Neben der Wahrheit also auch den Zauber der Wahrheit. Charme im Umgang mit anderen Menschen, das konnte ich an Markus Wolf beobachten, ist auch eine Art von Solidaritt. Brecht meinte offenbar hnliches, wenn er zum Beispiel fr die Darstellung seines revolutionren Stcks Die Mutter fordert, eine Revolution nicht nur als folgerichtig zu zeigen, sondern auch als liebenswert.

Jener einsam-verschlossene Herrschertyp Dostojewskischer Prgung dagegen, den quotenschtige Medien immer wieder erfanden, um die, wie es heit, unglaublichen Erfolge des weitbesten Spionagechefs zu erklren, ist wohl selbst mehr das Resultat ihrer eigenen miserablen Aufklrung. Denn wenn Markus Wolf etwas beherrschte, so war es die Kunst, andere in seine berlegungen einzubeziehen, um viele Ansichten zu hren und so zu besseren und genaueren Schlssen zu kommen.

Zwischen Ideal und Wirklichkeit

Es soll auch - wie man in den Nachrufen einer verspiegelten Presse lesen konnte - jener machtbesessene Herrschertyp gewesen sein, der am 4. November 1989, anllich der gewaltigsten aller Demonstrationen, die auf dem Berliner Alexanderplatz eine Million mobilisierte, auf den Pritschenwagen stieg, um sich mit einer feurigen Rede an die Spitze einer neuen Reformbewegung zu stellen, und der als selbsternannter Avantgardist von den emprten Berlinern ausgepfiffen wurde.

Befangen in ihren eigenen Verhaltensmustern, sind diese Schreiber schon nicht mehr in der Lage, anderes Verhalten als das eigene berhaupt noch wahrzunehmen. Denn jene gewaltigste aller Demonstrationen war nmlich eine Initiative der Berliner Theater. Sie war auf einer gemeinsamen Versammlung der Berliner Theaterleute im Deutschen Theater beschlossen worden, um sozusagen in letzter Minute gegen das fortschreitende Verkommen des Sozialismus in diesem Land zu protestieren und zu den in der sozialistischen Verfassung gegebenen Idealen und Zielen zurckzukehren. Das Berliner Ensemble bernahm es, die Protestdemonstration beim Polizeiprsidenten von Berlin anzumelden. Im Berliner Ensemble hatte Markus Wolf 1988/89 mehrere Meetings zu seinem Buch Die Troika abgehalten, und viele hatten die Hoffnung, da er bei der schwierigen sozialistischen Erneuerung, die bevorstand, eine fhrende Rolle spielen mge. Viele wnschten sich ihn sogar fr ein, wie sie sagten, hohes politisches Amt. Jetzt, vor der geplanten Demonstration drngten ihn viele unserer Schauspieler und Mitarbeiter, er solle unbedingt auf dem Alex sprechen. Es war, wie ich mich erinnere, Ekkehard Schall, der ihm vorschlug, fr seine Rede unbedingt einen Text zu bringen, den er auf einem Meeting im Berliner Ensemble aus seinem Tagebuch vorgelesen hatte: Es ist wirklich das Thema der Zeit, in allen sozialistischen Lndern, so oder so, im Kleinen wie im Groen, diskutiert von all jenen, denen die von den groen Vorkmpfern vorausgedachten Ideale Herzenssache sind: Wie kann der Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit beseitigt werden? Bei manchen nehmen Zweifel am System zu, einige verkraften es nicht, trennen sich von uns. Sicher gibt es viele objektive Probleme im System der Wirtschaft, im gesellschaftlichen System, mit der Demokratie, aber sehr vieles liegt am subjektiven Faktor, der menschlichen Schwche derer, die mit der Verantwortung der Macht betraut sind.

Trotz intensiver Bitten lehnte es Markus Wolf ab, auf dem Alex zu sprechen. Er wolle die Erneuerung nicht, wie er sagte, spektakulr begleiten, sondern mit seinen Bchern und in den Gesprchen mit seinen Lesern. Ich glaube, es war die Klugheit und nicht zuletzt der Charme einer sehr bekannten Schauspielerin des Deutschen Theaters, die ihn doch noch zu seinem Einverstndnis brachte, auf dem Alex zu sprechen. Als er dann sprach, waren wir berrascht, denn er brachte nicht jene kritischen Texte, die ihm sicher den Beifall der Zuhrer eingetragen htten, sondern er sprach von seiner Verantwortung als Leiter der Hauptabteilung Aufklrung und warnte eindringlich vor einer pauschalen Verurteilung aller Mitarbeiter des Ministeriums fr Staatssicherheit. Erst da gab es Pfiffe, aber nicht, wie man schreibt, von Millionen, zumal es nur eine halbe Million war, sondern von einem Teil des Publikums. Befragt, warum er das getan habe, von dem er wute, da es ihm Pfiffe einbringen werde, war seine Antwort sehr einfach: Wenn uns etwas aus diesem Schlamassel heraushilft, dann ist es Ehrlichkeit vor uns selbst.

Achtung vor dem Anderen

Nachdenkend, was wohl der einfache Grund eines solchen Verhaltens von Markus Wolf gewesen sein mag,

komme ich immer wieder auf einen: Es war seine enorme Achtung vor dem anderen Menschen, die ihn dazu

brachte.

So erzhlte Andrea, da es wenige Wochen vor seinem Tod zwischen ihr und Mischa zu einem Gesprch ber den Tod kam. Nicht, da man zu diesem Zeitpunkt mit dem Tod rechnete. Im Gegenteil. Es gab fr die nchste Zeit viele Plne. Da war eine Operation beider Kniegelenke vorgesehen, Reisen waren geplant, ein neues Buch, viele Begegnungen, viele Gesprche. Es war eine rein fiktive Annahme, wenn Mischa bei diesem Gesprch darber nachdachte, was fr einen Tod er sich wnschte. Er meinte, es solle ein Tod sein, der andere nicht belastet und der sie nicht zur Trauer zwingt, sondern auch zu Heiterkeit ermutigt. Er wnsche sich - so das Gesprch vor wenigen Wochen -, da bei seinem Tod die Freunde seine eigene heitere Gewiheit teilen mgen, da er ein erflltes Leben gehabt hat.

Wenn wir uns hier, Mischa, dennoch in tiefer Trauer zusammengefunden haben, dann weil wir Abschied nehmen von einem groartigen Menschen unserer Zeit. Seine Gre besteht nicht in jener einsamen Hhe, wo man, hoch ber den Menschen schwebend, als Lichtgestalt die Menschen so blendet, da sie Lasten und Hlichkeiten dieser Welt nicht mehr sehen. Im Gegenteil. Er, ein Mensch von groer Sensibilitt, strzte sich mitten hinein in die oft erbarmungslose Hrte dieses Zeitalters der Extreme. Und zwar uneingeschrnkt, doch mit der einzigen Einschrnkung, da das, was er tut, hilft, die Verhltnisse, unter denen Menschen leben, so zu verndern, da sie dem Menschen gnstig sind. Dabei wissend: Auch der Ha gegen die Niedrigkeit verzerrt die Zge, auch der Zorn ber das Unrecht macht die Stimme heiser.

Einen argen Weg der Erkenntnis nennt er es in seinem Buch Freunde sterben nicht. Ich stand vor ungewohnten beruflichen und politischen Aufgaben, die mich bald in den Sog heftiger Konflikte im geteilten Land zogen. (...) Ich meine jedoch nach wie vor, da Appelle an das Gute allein die Gebrechen der Gesellschaft genausowenig zu verndern vermgen, wie die Allgemeinherrschaft der Gewalt.

Andrea zeigte mir die vielen Kondolenzbriefe, die sie aus aller Welt erhalten hat. Sie sind ergreifend in ihrem tiefen Verstndnis und ihrer hohen Bewertung der Persnlichkeit jenes Mannes, den sie zumeist Mischa nennen. Man erinnert sich an Gesprche, an Details, an eigene und eigenwillige Eigenschaften, an liebevolle Arten und Unarten, an gemeinsame Ernsthaftigkeit und auch gemeinsame Spae. Fast alle sprechen von seiner Bestndigkeit, auch von der Bestndigkeit seines Humors. Eine kurze Stelle in einem der Briefe hat mich tief berhrt. Spricht sie doch aus, was ich eingangs etwas pathetisch Gre nannte und was Mischa selbst zurckgewiesen htte, da er so etwas als seine normale berufliche und politische Aufgabe ansah. Die Stelle lautet: Er hat mitgeholfen, da trotz vieler hchstgefhrlicher Situationen der Kalte Krieg nicht zu einem heien Krieg geworden ist. Dieser Satz bekommt seine wahre Bedeutung, wenn man bedenkt, da Geheimdienste heute daran arbeiten, da ein Krieg nach dem anderen entsteht.

Die Familie Wolf

ber einen Menschen wie Markus Wolf sprechend, fllt mir noch etwas auf. Spricht man von einem der Wolf-Familie, sei es vom Vater Friedrich Wolf, den Shnen Markus und Konrad, der Mutter Meni, den Ehefrauen, den Enkeln, den Urenkeln, spricht man zumeist nicht im Singular. Denkt man an einen, denkt man zugleich immer an die Familie, jene Familie, die den Namen Wolf trgt. Und wo in anderen berhmten Knstlerfamilien, wenn zum Beispiel vom Vater die Rede ist, zumeist von dem Brecht oder dem Langhoff oder dem Bll gesprochen wird, sprachen, wie ich feststellen konnte, Konrad wie auch Markus, wenn sie von Friedrich Wolf sprachen, immer nur von dem Vater. Er war fr sie nicht nur berhmter Teil der Literaturgeschichte, sondern leiblicher, geistiger, gelebter, geliebter Ursprung, eben der Vater, dem sie sich bis ins Alter verbunden fhlten. Wurden sie nach Persnlichkeiten gefragt, die ihr Leben und Denken entscheidend geformt haben, war da sicher Karl Marx, Wladimir lljitsch, auch Tolstoi und Bchner und andere, aber mit Sicherheit fehlte einer nie: der Vater. Hier scheuten sie auch altmodische Worte nicht wie Ehrfurcht und Dankbarkeit, da sie aufwachsen konnten in einem Elternhaus mit Strenge und Gte, Schelte und Lob, in geistiger wie krperlicher bung, behtet wie befreit, einer klugen, kommunistischen, jdischen, toleranten, prinzipientreuen, freisinnigen, asketischen wie ppigen, frhlichen wie ernsten, singenden und schreibenden Familie.

Da war der Vater, mit seinem nahezu alttestamentarischen Ha auf alles Unrecht und mehr noch auf die, die Unrecht stiften. Ihn, den Kommunisten und Sohn des Alten Bundes, lie es nicht ruhen, selbst die Bibel, das Heldenepos des Alten Bundes, wie er sie nannte, neu ins Deutsche zu bersetzen, um durch die schwere Schutt- und Lavadecke der Dogmen, Kulturvorschriften, Staatsgesetze und Opferregeln mit der Wnschelrute die Goldader, das Dichterische des Alten Testaments aufzuspren und den Schrei nach irdischer Gerechtigkeit wieder freizusetzen. Diese Unrast und Unruhe des Vaters nach Gerechtigkeit blieb in den Shnen, was immer sie taten.

Konni, den solidarischen Eremiten, zerwhlte es oft im Inneren, whrend er nach auen fast stoische Ruhe ausstrahlte. Bis dann irgendwann der Vater um so strker aus ihm herausbrach, wenn es um Verlogenheit auch unter eigenen Genossen ging. Oder wenn Zustnde drohten, die seine Trume einer besseren Welt zu zerstren drohten, oder wenn Unfhigkeit seine Ideale aufs Spiel setzte.

Mischa lernte ich erst spter kennen, und es brauchte einige Zeit, um ihn als Kmpfer jenes Alten Bundes zu entdecken. Und ich mu zugeben, seine Erscheinung berraschte mich zunchst. Der Sohn des Alten Bundes schien verschwunden. Das Alttestamentarische schien einer Katharsis der Moderne gewichen. So htte auch der Korrespondent einer groen Zeitung aussehen knnen oder der erfolgreiche Moderator einer berhmten Sendung. Auch dachte ich bei ihm weniger an emprte Stcke wie Zyankali oder Professor Mamlock, mit denen der Vater einst ein ganzes verrottetes Zeitalter herausgefordert hatte, sondern mehr an raffinierte Zeitkritiker wie Tucholsky oder Graham Greene. Und ich verhehle es nicht, kurzzeitig kam mir angesichts der wohltuenden Eleganz seines Auftretens auch ein Paul Newman in den Sinn, den ich brigens sehr schtze.

Dazu kam noch eine andere berraschung, als ich ihn im Kreise seiner Familie erlebte. Der unangestrengte frohe Umgang untereinander, das Sich-um-einander-Kmmern, das gegenseitige, ausnahmslose Interesse der Eltern, der Kinder, der Enkel freinander - so etwas hatte ich eigentlich nur noch in sdlicheren Lndern erlebt.

Markus schreibt in seinem Buch Freunde sterben nicht, da sein Entschlu, den Aufklrungsdienst zu verlassen, um nun auf andere Weise mitzuhelfen, den Planeten bewohnbar zu machen, sicher zu tun hatte mit seinen politischen berlegungen, aber auch mit persnlichen. Der frhe Tod des Bruders, der ihn zutiefst traf, machte es ihm zur selbstverstndlichen Verpflichtung, die knstlerische Arbeit Konrads, begonnen im Drehbuch zu einem Film mit dem Titel Die Troika, fortzufhren. Vor allem aber war es die Liebe zu seiner Frau Andrea, die wie er schreibt, ihm einen neuen Abschnitt seines Lebens erffnete.

Ich habe die beiden in letzter Zeit erlebt. Wenn ich sage, es ging die Sonne auf, wenn man mit beiden zusammen war, ist das ein wenig kitschig von mir. Aber es trifft zu. Mischa, der Achtzigjhrige, lie Alter und hnliches schnell vergessen, wenn da eine Liebe zu erleben war, wie sie in ihrer Sympathie und Frische ihresgleichen sucht. Was ich nicht wute, es gibt Liebesgedichte von groer Schnheit, die Mischa fr Andrea schrieb.

Mit Charme und List

Am Ende mchte ich noch von einem persnlichen Erlebnis sprechen. Es war die Zeit, als ich Markus Wolf nur als Bruder unseres Akademieprsidenten Konrad Wolf kannte. Nach dessen pltzlichem Tod hatte ich die nicht leichte Aufgabe, Konrad Wolfs Nachfolger in diesem Amt zu sein. Und in einer Situation wute ich mir keinen Rat mehr. Im Mrz 1985 erhielt ich einen Brief von Frank Beyer. Darin bat er mich, dringend etwas gegen eine ihn emprende Ungerechtigkeit zu tun. Man hatte Klaus Freymuth verhaftet und unter Anklage gestellt, er habe ohne Zollgenehmigung Videotechnik in die DDR eingefhrt und diese illegal verwendet. Dafr drohe ihm nun eine mehrjhrige Gefngnisstrafe. Der Termin fr die Hauptverhandlung sei auf den 30. Mrz 1985 festgesetzt.

Klaus Freymuth hatte - sozusagen auf privater Basis - tatschlich ein Videostudio im Osten Berlins eingerichtet. Es war damals in der DDR das einzige, das den Theatern, der Ballettschule, den Bildenden Knstlern, dem DEFA-Filmstudio und auch der Akademie der Knste fr ihre Arbeit und auch ihre Dokumentation zur Verfgung stand, da es in der DDR noch keine eigene Videotechnik gab und die polnischen Einfuhren sich als untauglich erwiesen. Diese erleichtere nicht nur die Arbeit, sie war von groem knstlerischen Nutzen, und sie war auch wesentlich billiger als zum Beispiel die Verwendung von Filmmaterial, das auerdem knapp war. Der umsichtige Konrad Wolf hatte nun, um auch den DDR-Knstlern die Verwendung dieses Verfahrens zu ermglichen, mit Klaus Freymuth, dem Privatunternehmer, eine bereinkunft getroffen: Freymuth arbeitet hauptschlich fr die Akademie der Knste und die anderen Kultureinrichtungen der DDR, wenn er, der Akademieprsident, ihm diese Videotechnik beschaffe. Und so geschah es. Da Videotechnik zu dieser Zeit nur im Westen zu beschaffen war, beschaffte sie Konni Wolf dort. Das war ein Jahr vor seinem Tode. Das Auto des Prsidenten der Akademie der Knste, der einen Diplomatenpa hatte, durfte an der Grenze zu Westberlin nicht kontrolliert werden. Nach mehreren Fuhren, verteilt auf einige Monate, gab es in der DDR ein perfektes Videostudio. Vier Jahre war es fr die Kunst und Kultur in der DDR unentbehrlich. Das Ministerium fr Kultur drckte beide Augen zu, und ich glaube, sogar das Fernsehen der DDR lie, um eigene Kapazitt zu sparen, bei Freymuth Probeaufnahmen machen.

Und nun diese pltzliche Verhaftung Klaus Freymuths wegen unerlaubter Einfuhr von Videotechnik und illegaler Benutzung und die in wenigen Tagen beginnende Hauptverhandlung!

Der Brief Frank Beyers versetzte mich in groe Unruhe, denn die menschliche Ungerechtigkeit, die da dem Klaus Freymuth widerfuhr, konnte mit Paragraphen kaum abgewendet werden, denn die gab es dafr genug. Ich rief in meiner Not, damals brigens das erste Mal, Markus Wolf an, den Leiter der HV Aufklrung im Ministerium fr Staatssicherheit. Ich beschrieb ihm den Fall und auch meine Ratlosigkeit. Ich bat ihn um Hilfe, wie man die Anklageschrift, die mir vorlag, wenigstens entschrfen knne. Markus Wolf sagte mir frmlich, da er das nicht knne, hier gehe es um gltige Gesetze. Das einzige, was er mir anbieten knne, sei ein Gesprch unter vier Augen bei einem Kaffee in der Akademie. Das Gesprch fand am nchsten Tag statt. Zu meiner berraschung schlug Markus Wolf - ich erinnere mich, mit einem feinen Lcheln um den Mund - vor, die Anklageschrift keinesfalls zu verkleinern. Im Gegenteil, man msse sie verschrfen. Und zwar so: Als erstes msse man darauf bestehen, den Hauptschuldigen, den damaligen Prsidenten der Akademie, Konrad Wolf post mortem mit unter Anklage zu stellen, denn er habe schlielich die Videotechnik, wie den Genossen sicher bekannt sei, illegal eingefhrt. Dann sollte ich aus rechtlichen Grnden verlangen, die Reihe der Belastungszeugen mindestens auf smtliche Intendanten jener Theater zu erweitern, in denen die Videotechnik illegal benutzt worden war und wurde. Zu diesem Zweck sollte ich den ermittelnden Staatsanwalt anrufen und zu einem vertraulichen Gesprch zu mir ins Berliner Ensemble bitten, da ich Wesentliches zur Erweiterung der Anklageschrift zu sagen htte.

Das vertrauliche Gesprch fand am 20. Mrz 1985 im Intendanz-Zimmer des Berliner Ensembles statt. Nachdem der Staatsanwalt seine Verblffung ber mein Ansinnen nicht ganz verbergen konnte, bedankte er sich und sagte mir schnelle Erledigung zu.

Ich hrte dann lange nichts mehr. Spter erfuhr ich, da die Hauptverhandlung am 30. Mrz 1985 wohl nicht stattgefunden hatte. Klaus Freymuth soll aufgefordert worden sein, die Zollgebhren fr die illegale Einfuhr nachzuzahlen, und die Theater und Kultureinrichtungen nutzten weiterhin die Mglichkeit, mit Freymuths Videotechnik ihre Arbeit zu erleichtern.

Ich wei nicht, ob das ein Abschlu einer Wrdigung zum Tode eines so hervorragenden Menschen, wie es Markus Wolf war, sein kann. Aber Mischa wollte ja auch nach seinem Tod uns teilnehmen lassen an seiner heiteren Gewiheit, ein erflltes Leben gehabt zu haben.

Salut, Mischa!

 

Kein Mann ohne Gesicht

Nachruf von Werner Gromann

Gesprch mit HVA-General Heinz Geyer

Zum Tod von Markus Wolf