Neonazis in der DDR?

 

In der Berliner Zionskirche wurde am 26.09.06  der Film „Die Nationale Front – Neonazis in der DDR“ mit einer anschließenden Podiumsdiskussion uraufgeführt.

Das Insiderkomitee war von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur offiziell dazu eingeladen worden, was nach der aufgeheizten Stasi-Hysterie der letzten Monate durchaus bemerkenswert ist.

Der Film erinnerte an den Überfall von Skinheads auf in der Zionskirche anlässlich eines Konzerts der Westberliner Band „Element of Crime“ versammelte Punks im Oktober 1987.

Er verzichtete auf die Wiederholung des Märchens von der angeblichen Organisation dieses Überfalls durch das MfS. Doris Liebermann (Vorstandsmitglied der Stiftung Aufarbeitung) vermied in ihren einführenden Bemerkungen zur Podiumsdiskussion auch die Herstellung direkter und vereinfachter Bezüge von der Situation in der DDR zu den aktuellen Wahlerfolgen der NPD.

Das war eigentlich schon mehr als man erwarten konnte. Ansonsten wurde in bekannter Manier der „ritualisierte“ oder „verordnete“ Antifaschismus der DDR gebrandmarkt. Bilder von Massenaufmärschen der FDJ und der „Jungen Pioniere“, von der vormilitärischen Ausbildung Jugendlicher in der DDR oder der Übergabe von FDJ-Dokumenten in einer antifaschistischen Gedenkstätte sollten das und Ähnlichkeiten zu den Nazis belegen.

Das Schweigen bzw. hilflose Agieren von Politik und Medien der DDR zu den o. g. und ähnlichen Vorkommnissen wurde ebenso thematisiert wie erkennbare Defizite beim Umgang mit Ausländern, speziell die Ghettoisierung ausländischer Arbeitskräfte in der DDR.

Ein in der DDR verurteilter Rädelsführer des Überfalls hatte Gelegenheit sich als hasserfüllter Antikommunist zu präsentieren und legte Wert darauf zu erklären, dass bei dem Überfall nicht nur „Juden raus aus deutschen Kirchen!“ sondern auch „Kommunistenschweine“ gerufen worden sei. Ein seltener Augenblick in den heutigen Medien, wenn man auf diese Weise erfährt, dass Nazis auch etwas gegen Kommunisten hatten.

Die Podiumsdiskussion verlief eher lustlos, was daran lag, dass die im Podium vertretenen DDR-Bürger (wes Brot ich ess, des Lied ich sing) DDR-Erfahrungen nicht ernsthaft artikulierten und sich widerspruchslos dem Zeitgeist unterordneten. Es muss jeder mit sich selbst ausmachen, ob ihm der Antifaschismus verordnet wurde, oder er selbst dazu gefunden hat.

Die zu Beginn der Veranstaltung fast überfüllte Zionskirche hatte sich im Verlauf der Podiumsdiskussion zu etwa der Hälfte bereits geleert,  als der DDR-kritische Fotograf Harald Hauswald ins Podium geholt und befragt wurde, wann er denn erstmals Skinheads fotografiert habe. Er schilderte, dass er bei Fußballspielen des FC Union und des BFC 1988 Skinheads festgestellt und mit diesen gesprochen habe. Als Neonazis würde er sie nicht bezeichnen, da den von ihnen skandierten nazistischen Parolen lediglich die Absicht der Provokation zugrunde lag und keine entsprechende Ideologie. Es seien eher „rechtsgerichtete“ Jugendliche gewesen. Neonazis habe es in der DDR seiner Ansicht nach erst nach dem Fall der Mauer gegeben.

Er musste sich dann belehren lassen, dass die Opfer der Übergriffe dieser „rechtsgerichteten“ Jugendlichen, darunter ca. 130 Tote, das sicher anders sehen. Alle Ereignisse mit 130 zu Tode geprügelten, getrampelten und gequälten Menschen fallen allerdings in die Zeit nach 1990, was scheinbar aber nicht erwähnenswert war.

Wolfgang Schmidt

27.09.2006