Nach einer Umfrage des MDR-Fernseh-Regionalmagazins "Sachsenspiegel" votierten von 11.000 Anrufern 86% für die Olympia-Teilnahme des Trainers Ingo Steuer.
("Der Tagesspiegel"-online, 04.02.2006)

 

Vorsicht Gift! - ein Kommentar zur IM-Hysterie im Fall des Eiskunftlauftrainers Ingo Steuer

 

Unfassbares muss geschehen sein, wenn Jens Weinreich in der „Berliner Zeitung“ (Online-Version, 07.02.2006) einem Richter des Berliner Landgerichtes „eklatante Unbedarftheit“ bescheinigt, zwei Rechtsanwältinnen „ahnungslos-fahrlässige“ Argumente unterstellt und eine noch immer operierende Staatssicherheit der DDR ausmacht, die „noch heute ihr Gift verbreitet“.

Richter Krause hätte angeblich „vernünftige Ansätze“ Einzelner, die den Eiskunstlauftrainer Ingo Steuer von den Olympischen Spielen ausschließen wollten, mit rein verfahrenstechnischen Argumenten zunichte gemacht, Das NOK-Präsidium hätte noch nicht einmal das Protokoll der entscheidenden Präsidiumssitzung vorlegen können und unterscheide sich damit überhaupt nicht von einem NOK einer beliebigen Bananenrepublik.

Rechtsstaatliche Prinzipien kollidieren zunehmend mit dem selbstherrlichen Gehabe der Birthler-Behörde und ihrer eilfertigen Erfüllungsgehilfen.

Die sog. Stasi-Kommission des Deutschen Sports ist ein Art Gericht, in dem Personen sich als Vertreter von tatsächlichen und vermeintlichen Opfern profilieren und als Ankläger und Richter zugleich auftreten. Verteidiger erscheinen überflüssig und der Beschuldigte darf sich bestenfalls äußern, wenn er reumütig um Gnade winselt.

Die Väter des Grundgesetzes hatten seinerzeit sicher die leidvollen Erfahrungen mit den Sondergerichten aus der Zeit des Faschismus im Auge, als sie im Artikel 101 das Verbot von Ausnahmegerichten bestimmten.

Das sollte eigentlich auch gelten, wenn für bestimmte Personengruppen, bei denen noch nicht einmal strafbare Handlungen  auszumachen sind, der mittelalterliche Pranger in medial zig-tausendfacher Vergrößerung praktiziert wird.

Bayerns Innenminister Beckstein meint – bezogen auf mehrfache Sexualstraftäter - dass der „Pranger“ nach US-amerikanischen Vorbild in Deutschland verfassungsrechtlich problematisch sei und wenigstens für Einmal-Täter nicht in Frage komme. (SPIEGEL-ONLINE, 18.02.2006) Bei offiziellen und inoffiziellen Mitarbeitern des MfS zählen solche Bedenken offenbar nicht.

Dazu kommt, dass über Handlungen geurteilt wird, die mindestens 15 Jahre zurück liegen. Ist es mit Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit überhaupt vereinbar, dass einerseits mittelschwere Straftaten schon nach 10 Jahren nicht mehr geahndet und andererseits bestenfalls moralisch vorwerfbare Taten bis in alle Ewigkeit mit schwerwiegenden Nachteilen für die Betroffenen gesühnt werden? Während außer Mord und Völkermord sogar die schwersten Verbrechen nach 30 Jahren verjähren, wird einem bekannten Schauspieler eine inoffizielle Tätigkeit für das MfS zum Vorwurf gemacht, die bereits 1973, also vor mehr als 32 Jahren beendet war. Nach 15 Jahren ist die Mehrzahl aller vollzogenen Bestrafungen aus dem Zentralen Register zu tilgen, mit der Rechtsfolge, dass die ehemals dort Erfassten als unschuldig zu behandeln sind. Können IM des MfS mit einer vergleichbaren Behandlung rechnen?

Ist die sinngemäße Äußerung von Richter Krause, dass doch alles schon so lange zurück läge und praktisch schon Geschichte sei, wirklich Ausdruck von „Unbedarftheit“?

Ist der CSU-Politiker Peter Gauweiler, der nun wahrlich keinem MfS-Fan-Club angehört, auch „unbedarft“, wenn er in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 15.02.2006 schreibt: “Eine Maßnahme, die wie gehabt nur getroffen wird, damit die Institution NOK gut da steht (über deren diverse Vergangenheiten auch einiges zu sagen wäre), hat kein ehrliches Bewältigungsziel, sondern einen unguten Zweck. Was hier so offensichtlich propagandistisch geschieht, ist abstoßend.“

Wie im Fall Ingo Steuer wird immer wieder – allerdings zumeist ohne konkrete Beschuldigungen - ins Feld geführt, dass IM des MfS anderen Menschen geschadet hätten.

Was aber, wenn - wie in diesem Fall - eine vermutlich Hauptbetroffene, Katarina Witt, die Angelegenheit seit 1993 für erledigt hält?

Man stelle sich vor, Katarina Witt hätte der DDR den Rücken gekehrt. Damit wären im Eiskunstlauf und darüber hinaus der für die DDR größte denkbare Schaden und ein wahrer Triumph der Gegenspieler im Kalten Krieg eingetreten. Gleichzeitig wären aber auch die engagierte und aufopferungsvolle Arbeit der Trainer, Sportfunktionäre, Techniker und Betreuer über viele Jahre hinweg zunichte gemacht, unwiederbringlich Know-how des Spitzensportes der DDR ausgeliefert und der Zusammenhalt und die Sportkameradschaft im Sportclub und in der Nationalmannschaft in ärgster Weise betroffen gewesen.

Um andere Menschen und ihr Handeln zu verstehen, muss man sich in ihre Lage versetzen. Dazu gehört die unvoreingenommene Beantwortung der Frage, ob es nicht auch nachvollziehbare, ehrenhafte Gründe für eine Unterstützung der Tätigkeit des MfS gegeben haben könnte. Nach Artikel 23 der DDR-Verfassung waren der Schutz des sozialistischen Vaterlandes und seiner Errungenschaften Recht und Ehrenpflicht der Bürger der DDR. Das MfS war ein legitimes Staatsorgan.

Heute völlig verdrängt wird, dass es dem MfS überhaupt nicht darum ging, Spitzensportlern der DDR Schaden zuzufügen, sondern möglichst vorbeugend Konflikte und Schwierigkeiten, Ansatzpunkte für gegnerische Einwirkungen, Spionage- oder Abwerbungsversuche und selbst persönliche Probleme zu erkennen und auszuräumen. Das lag sowohl im Interesse des DDR-Sports als auch im Interesse seiner Leistungsträger.

 

Wolfgang Schmidt

26.02.2006