Auszug aus der Gedenkrede für Gerhard Neiber

 

Ein Kämpferherz hat aufgehört zu schlagen. Der Tod hat einen uns vertrauten Menschen jäh aus dem Leben gerissen.

Im Alter von 78 Jahren ist Genosse Generalleutnant a. D. Dr. Gerhard Neiber am 14. Februar verstorben.

Das Leben dieses standhaften Kommunisten, dieses leidenschaftlichen Kämpfers für Frieden und Sozialismus hat sich vollendet.  

Er hat unauslöschbare Spuren hinterlassen.

Als die Wirren des Krieges und seine Folgen Gerhard Neibers Familie gezwungen hatten, in der neuen Heimat Thüringen Fuß zu fassen, war er als 16 Jähriger gerade noch dem Schicksal vieler Altersgenossen entkommen, den Wahnsinn des Faschismus mit dem Leben zu bezahlen.

In dem jungen und tatendurstigen Landarbeiter Gerhard reifte schnell der Entschluss, sich mit seiner ganzen Person den Anforderungen der neuen  Zeit zu stellen und aktiv am Aufbau der antifaschistisch – demokratischen Ordnung mitzuwirken.

Beeinflusst durch erfahrene Kommunisten fand er bald den Weg in die Partei. Mit 19 wurde er Volkspolizist. Hier sammelte er erste Erfahrungen in der Grenzsicherung und in der Kriminalpolizei.

Zwanzigjährig erlebte er die Gründung der DDR und wurde Angehöriger der damaligen Verwaltung zum Schutz der Volkswirtschaft.

Ab 1950 diente er in Weimar in der Dienststelle der Landesverwaltung Thüringen des Ministeriums für Staatssicherheit.

Die leitenden Genossen waren längst aufmerksam geworden auf den jungen Mitarbeiter mit dem klaren politischen Verstand und dem operativen Geschick.

Über Funktionen in der Bezirksverwaltung Erfurt und ab 1953 in Schwerin, wurde er 1960 – gerade 30 Jahre alt – Leiter der Bezirksverwaltung Frankfurt/Oder.

1980 erfolgte seine Ernennung zu einem der Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit.

Dieser erfolgreiche Weg war kein Hindernis für Gerhard Neiber, in seinem Inneren stets der einfache Junge vom Lande zu bleiben.

Wie oft hat er sich gern an die Zeit als Landarbeiter hinter den Pferden auf dem Kutschbock erinnert, wie oft hat er erzählt von alten Genossen, die ihm als jungen Menschen Vorbild waren und ihn formten.

In all seinen Funktionen hat er sich mit seiner ganzen Person eingebracht.

Er hat erfolgreich gearbeitet, Menschen, Kollektive geformt und inspiriert, höchste Leistungen zu vollbringen.

Ständig hat er an seiner Qualifizierung gearbeitet und das auch von seinen Mitstreitern gefordert. Er erwarb das Diplom, promovierte und hat die wissenschaftliche Arbeit im Ministerium energisch unterstützt.

Bei aller Größe der Verantwortung – in seinen leitenden Funktionen war ihm die operative Kleinarbeit stets Herzenssache. Er sah in ihr die Wurzeln der Erfolge.

Das belegen Kontakte, die er knüpfte und pflegte, vor allem auch mit  Inoffiziellen Mitarbeitern, die er führte oder an deren Entwicklung und Leistung er Anteil hatte.

Mancher wird sich noch heute an bewegende und mobilisierende Zusammenkünfte mit ihm, an seine ansteckende Begeisterung für die Arbeit an der unsichtbaren Front erinnern.

Ständiges Anliegen war ihm der lebendige Internationalismus. Das brachte ihm hohe Anerkennung bei den sowjetischen Kampfgefährten, bei Angehörigen nationaler Befreiungsbewegungen im Nahen Osten und Afrika sowie im sozialistischen Kuba ein.

Gerhard Neiber war von Grund auf ein optimistischer, freundlicher, hilfsbereiter und offener Genosse. Er konnte auf die Menschen zugehen und ihnen zuhören.

Er handelte nach der Maxime: Erst gründlich nachdenken, wissenschaftlich analysieren, vorausschauend planen – und dann handeln.

Viele erinnern sich an das Wirken Gerhard Neibers an der Spitze der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Frankfurt/Oder.

Er hat das Land am Strom der Freundschaft, wie es damals hieß, stets als wichtiges Hinterland der Hauptstadt und als zuverlässige Basis auch für die Zentrale des MfS betrachtet.

Bei ihm war kein Platz für Engstirnigkeit.

Die Bezirksverwaltung hat unter seiner Leitung einen bedeutenden Beitrag zur Aufgabenerfüllung des Ministeriums geleistet.

Als Mitglied der Bezirksleitung der SED Frankfurt/Oder genoss er Anerkennung. Man kannte ihn gut im Oderbezirk.

Er inspirierte und unterstützte bedeutende Aktionen und Bewegungen für Sicherheit und Ordnung, vermittelte unermüdlich Erfahrungen aus der Arbeit des MfS an die Bezirksparteiorganisation und die Öffentlichkeit.

Nicht spektakuläre Aktionen oder irgendwelche Machenschaften, die man ihm nach dem Ende der DDR andichtete, sondern diese beharrliche erfolgreiche Kleinarbeit und der Blick für das Ganze waren es, die Gerhard Neiber 1980 für seine Aufgaben als einer der Stellvertreter des Ministers prädestinierten.

Das Ringen um sicherheitspolitisch bedeutsame Erfolge war Hauptanliegen seiner Führungs- und Leitungstätigkeit.

Er verstand es, die Kräfte zu bündeln und schwerpunktmäßig auf festgelegte Ziele zu konzentrieren. Erfolge waren für ihn keine selbstverständlichen Arbeitsergebnisse.

Stets mobilisierte er die Mitarbeiter, die Geheimnisse des Gegners zu entschleiern, feindliche Pläne und Absichten aufzuklären und vorbeugend zu verhindern, Informationen zu erlangen, die unserem Land nutzten und den Frieden sichern halfen.

Ständiges Anliegen waren u. a. die Sicherung des Reise- und Transitverkehrs, die Sicherung der bewaffneten Organe der DDR und der zuverlässige Schutz der Staatsgrenze.

Jedes schwerwiegende Vorkommnis dort und die Gefahren, die davon ausgingen, beunruhigten ihn zutiefst.

Feindliche Angriffe und Vorkommnisse aufzuklären, deren Meldung Gerhard Neiber oft aus dem Nachtschlaf rissen, war eines seiner täglichen Anliegen.

Vielfältige Aufgaben ergaben sich aus der Verantwortung des Ministeriums, Gefahren abzuwenden, die von terroristischen Aktivitäten für den Frieden und die Entspannung in Europa ausgingen.

Entscheidend war jene Aktionen aufzuklären und zu unterbinden, die gegen die Sicherheit der DDR  sowie gegen die Sicherheitsinteressen der Bruderländer gerichtet waren.

Terror vor der Haustür des Sozialismus oder gar Versuche des internationalen Terrorismus, sein Territorium zu missbrauchen, durften nicht geduldet werden.

Gerhard Neibers Leistung, Terror vorbeugend verhindert, einige seiner Akteure zuverlässig unter Kontrolle gebracht und wirksam an weiteren Aktionen gehindert zu haben, war ein bedeutender Beitrag zur Sicherheit in der Periode der beginnenden politischen Entspannung zwischen Ost und West.

Würdigung fand die Erfüllung dieser Aufgabe nach dem Ende der DDR bekanntlich nicht.

Im Gegenteil. Sie wurde nach 1990 und bis heute zum Anlass genommen, Gerhard Neiber grundsätzlich für alles, was der Fantasie des politischen Gegners entsprang und möglichst dem MfS angelastet werden konnte, verantwortlich zu machen.

Das ist der bundesdeutschen Justiz und den bürgerlichen Medien nicht gelungen, wird aber dennoch im Stile des Kalten Krieges unentwegt fortgesetzt.

Selbst die fadenscheinigsten juristischen Konstruktionen, Genossen Gerhard Neiber zu kriminalisieren, sind geplatzt, sie hielten der Wahrheit nicht stand.

Die insgesamt 15 Monate Untersuchungshaft, teilweise unter unwürdigsten Bedingungen, die vielen Anschuldigungen und öffentlichen Verleumdungen, sowie die Versuche, ihn bei Zeugenvernehmungen in Strafverfahren gegen Mitarbeiter und Angehörige anderer bewaffneter Organe auszuspielen, konnten Genossen Neiber nicht brechen.

Trotzdem können wir nicht übersehen, dass diese Attacken ihn selbst sowie seine gesamte Familie stark belastet haben.

An die Adresse der Verfolger gerichtet, bekräftigte er: Es gehörte niemals zu den Zielen, Aufgaben und Praktiken des MfS, sich mit Terroristen ideologisch zu verbrüdern, Terror zu unterstützen oder gar selbst zu organisieren.

Unter allen Bedingungen und ungeachtet seiner gesundheitlichen Belastungen und trotz seiner Krankheiten setzte sich Gerhard Neiber immer und überall für die Verbreitung der Wahrheit über die DDR und das MfS ein.

So war er auch entscheidend an der Erarbeitung der zweibändigen Ausgabe „Die Sicherheit – Zur Abwehrarbeit des MfS“ beteiligt, schrieb zahlreiche Aufsätze und Medienbeiträge, autorisierte Erklärungen und gab Interviews als Antwort auf verleumderische Angriffe gegen die DDR, das MfS und seine Mitarbeiter.

Noch in den letzten Monaten beteiligte er sich an der Materialsammlung und ersten Niederschriften zu zwei neuen Buchprojekten.

Er vertrat dabei stets den Standpunkt, das MfS als Ganzes zu betrachten sowie dessen Mitarbeiter zu verteidigen und zu würdigen.

 

Liebe Freunde und Genossen,

Die Entwicklung der politischen Situation und der Lage in der DDR und anderen Staaten unserer Gemeinschaft hat auch Gerhard Neiber in der letzten Zeit seines aktiven Dienstes außerordentlich beunruhigt. Er wusste um die Probleme und die Gefahren. Sein Wissen und die Informationen, die ihm zur Verfügung standen,

machten ihn noch entschlossener, zunehmend auch ungeduldiger und erst recht noch fordernder.

Dieser gefahrvollen Entwicklung nicht noch entschiedener entgegengetreten zu sein, nicht noch mehr geleistet und keine Lösungen gefunden zu haben, um den Untergang des Sozialismus abzuwenden, das hat ihn sehr bewegt und getroffen.

Selbst in der Phase des Endes der DDR hat Gerhard Neiber menschliche Größe bewiesen. Ihm ist mitzuverdanken, dass Chaos und gar Blutvergießen verhindert wurden. Dazu fühlte er sich gegenüber dem Volke verpflichtet.

Nie hat er sich damit abgefunden, wie Millionen Menschen, die in der DDR ihre Heimat sahen, um die Früchte von mehr als vier Jahrzehnten fleißiger Arbeit,

ja um den eigenen Lebenslauf betrogen wurden.

Treue und Ergebenheit gegenüber dem Land, dem er diente, Achtung gegenüber den Mitstreitern, auch jenen, die am Ende nicht mehr bereit waren, mit in vorderster Reihe zu schreiten, haben sein Leben bis zum Schluss bestimmt.

 

Nachruf für Gerhard Neiber