Junge Welt

 

07.11.2009 / Wochenendbeilage / Seite 1 (Beilage)

»Für ein halbes Jahrhundert Frieden hat es sich gelohnt«

Gespräch mit Manfred Döring. Über das Wachregiment »Feliks Dzierzynski« des Ministeriums für Staatssicherheit, über Gewißheiten, Zweifel und das Ende der DDR

Von Robert Allertz
Generalmajor a. D. Manfred Döring war 38 Jahre Soldat. Er führte das Wachregiment des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) »Feliks Dzierzynski« seit 1987 und löste es auf. Am Freitag, dem 30. März 1990, ging er als letzter vom Hof. Zwanzig Jahre später gab er sein erstes Interview für das Buch von Eberhard Rebohle »Rote Spiegel. Wachsoldaten in der DDR«, das in diesem Monat im Verlag edition ost erscheint. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck von Auszügen.

Beginnen wir mit dem Ende. War Ihnen, als Sie Chef des Wachregiments wurden, klar, daß Sie dessen letzter Kommandeur sein würden?

Natürlich nicht. Jeder Soldat denkt mit der Übernahme einer Aufgabe nicht an deren Ende, sondern ausschließlich daran, diese so gut wie möglich zu erfüllen.

Auch wenn man sieht, daß es mit dem Umfeld nicht mehr stimmt? Oder haben Sie das nicht bemerkt?

Möglicherweise sogar früher als andere.

Wann kamen Ihnen erste Zweifel, daß wir eventuell scheitern könnten?

1975/76 beim Besuch eines Einjahreslehrganges an der Parteihochschule »Karl Marx«.

Dafür wird man Sie aber wohl kaum zum Lehrgang für höhere Kader delegiert haben. Im Gegenteil. Aber erzählen Sie mal.

Um es deutlich zu sagen: Wie viele von meinesgleichen hielt ich es bis zum Untergang der DDR für undenkbar, daß uns die Sowjetunion preisgeben würde. Mit dem Wissen von heute könnte man sagen: Das war Wunschdenken. Ja, und dennoch würde ich widersprechen. Ich war Militär und dachte folglich in diesen Kategorien. Wenn die Sowjetunion die DDR aufgeben würde, verlöre sie in militärstrategischer Hinsicht ihre westliche Front. Das würden die verantwortlichen Politiker und Militärs in Moskau nie tun, davon war ich überzeugt.

Das heißt, proletarischer Internationalismus, sozialistische Gemeinschaft, Solidarität, Verteidigungsbündnis und all die Schlagworte hatten für Sie keine Relevanz. Sie bauten ausschließlich auf die geostrategische Situation der UdSSR.

Allerdings, auch wenn mir diese Begriffe sehr viel bedeuteten. Doch ich betrachtete das Problem auch unideologisch, ganz pragmatisch. Und da wähnte ich mich erst recht auf der sicheren Seite. Man konnte ja nicht davon ausgehen, daß die KPdSU einen Dilettanten und Hasardeur an ihre Spitze stellen würde.

Und innenpolitisch? Bemerkten Sie da Veränderungen?

Doch. Mir war bewußt, daß wir auf Pump zu leben begannen. Und ich wußte und sah, wie man außerhalb der vergleichsweise gut versorgten Hauptstadt lebte.

Aber wenn die Versorgung schlecht war, zweifelt man doch nicht gleich am System.

Ich habe ja keineswegs am System gezweifelt. Der Sozialismus war für mich die einzig denkbare und notwendige Alternative zum Kapitalismus. Ich hatte nur Bedenken, ob wir möglicherweise nicht das richtige, also ungenügend befähigte und qualifizierte Personal hatten und folglich nicht die richtige Politik machten.

Und darüber sprachen Sie mit Genossen?

Ja. Aber nicht im Zimmer. Immer nur im Freien.

Oha.

Jaja.

1985 kam Gorbatschow mit Glasnost und Perestroika. Jubelten auch Sie?

Keineswegs. Ich war nie euphorisch, im Gegenteil. Wir unterhielten gute Kontakte zum Mansfeld-Kombinat. Die Genossen dort hatten Verbindung nach Kriwoj Rog. Die Politische Hochschule in Berlin-Grünau stand im Kontakt zur Politischen Hochschule der Sowjetarmee in Nowosibirsk. Es gab Drähte zur SED-Bezirksleitung, insbesondere zum Zweiten Sekretär Helmut Müller. Das war ein sehr sachlicher, kluger Genosse. Die Nachrichten, die über diese Kanäle zu uns kamen, klangen nicht sehr ermutigend. Seit 1987 gab es ernste Bedenken in der Führung des Wachregiments über die Entwicklung in der UdSSR. Wir tauschten uns darüber aus. Wir teilten die Auffassung unserer sowjetischen Genossen, daß diese unsinnigen Doppelstrukturen von Partei- und Staatsapparat überwunden werden mußten.

Die ja eigentlich keine Doppelstrukturen waren. Der Parteiapparat beherrschte den Staatsapparat. Ein ZK-Abteilungsleiter hatte mehr Einfluß als ein Minister.

Richtig. Gorbatschow nahm die Partei zurück, wodurch aber eine Lücke entstand, die nicht gefüllt wurde. Sein Umbau war ein Abbau, was dazu führte, daß immer weniger funktionierte. Im Juni 1988 war ich auf Einladung zum Urlaub in Moskau und am Baikalsee. Es waren zum Teil drei deprimierende Wochen für uns. Im Heim in Bratsk waren wir mit sowjetischen Tschekisten zusammen. Im Fernsehen übertrugen sie die XIX. Parteikonferenz. Gorbatschow sprach. Seine Rede wurde vom Gelächter der umsitzenden Genossen begleitet. Bei einer anderen Gelegenheit sagten sie mir: »In der DDR braucht ihr keine solche Perestroika Trotz solch desillusionierender Beobachtungen war ich davon überzeugt, daß die Sowjetunion bleiben werde, und damit auch wir.

Militärstrategisch gedacht.

Und auch weil ich Kommunist war und bin. Ich war mir durchaus bewußt, daß die Sowjetunion für und um die DDR keinen Krieg führen würde. Denn nach diesem Krieg hätte es keine DDR, sondern nur ein zerstörtes Europa gegeben. Innere Unruhen würde sie wie 1953 jedoch bestimmt beenden, um die DDR zu halten. Noch mal: Brach die DDR weg, brach auch ihre westliche Verteidigungslinie. Einen solchen Dammbruch würde die sowjetische Führung nie riskieren. Dachte ich. Sie würde uns also in jedem Falle halten und helfen.

Nach einem Studium an der Artillerieoffiziersschule in Torgau und Dresden kamen Sie 1956 nach Eggesin. Im Sommer 1957 wurden Sie nach Prenzlau einbestellt.

Die Kaderkommission wollte wissen, ob ich nach Berlin wolle. Natürlich wollte ich. Obgleich ich doch nur den Ring kannte und die Bahnhöfe vom Umsteigen.

Wußten Sie, was das Wachregiment war?

Nicht die Spur. Ich hatte noch nie etwas davon gehört. Am nächsten Tag, es fand die traditionelle Liebknecht-Luxemburg-Ehrung in Friedrichsfelde statt, trug ich bereits einen Kranz der Parteiführung die Frankfurter Allee entlang.

Wurden Sie als Artillerieoffizier eingestellt?

Ja, aber zuerst ordnete man uns behelfsmäßig den Kompanien zu. Nachdem wir im Sommer die Gruppenführer ausgebildet hatten, wurde in Adlershof eine Artillerieabteilung aufgestellt, die im Herbst nach Erkner verlegt wurde.

Gab es dort Kasernen oder dergleichen?

Es standen ein paar Baracken aus der Vorkriegszeit, um die Johannisbeersträucher gepflanzt waren. Desweiteren waren vier neue zweistöckige Gebäude vorhanden. Nach und nach kamen neue Gebäude hinzu. Anfänglich waren dort rund 700 Soldaten, am Ende dreimal so viele. Eines der letzten Objekte war ein Fünfgeschosser. Dort waren die Kräfte untergebracht, die die Ausweichführungsstelle der Regierung errichten und sichern sollten.

Wo befand sich die Baustelle?

An der Abfahrt Storkow, unweit der Autobahn Berlin-Frankfurt/Oder, wurde zwei, drei Jahre lang gebaut, nachdem die Parteiführung, das Verteidigungsministerium in Strausberg und andere Einrichtungen bereits ihre Ausweichquartiere bei Prenden, Biesenthal und Marienwerder etc. erhalten hatten. Dieser Bunkerkomplex 17/5000 ist bekannt.

Der, auf den Sie hinweisen, ganz offenkundig nicht.

Er wurde auch nicht fertig. 1982/83 stellte man die Arbeiten insgesamt ein. Diese Anlage wurde offensichtlich nicht mehr für notwendig erachtet.

Das sagen Sie als Militär?

Man muß nicht Militär sein, um zu wissen, daß auf einer atomar verwüsteten Erde auch Bunker keine Chance auf ein Überleben bieten. Man kann von dort aus zwei, drei Wochen lang militärische Abwehroperation organisieren – sofern noch Einheiten existieren. Aber irgendwann gehen in jedem Bunker die Vorräte zur Neige, der Diesel ist aufgebraucht, der den Strom erzeugt, Filter, Heizung, Klimaanlage, Licht fallen aus, man muß also raus. Und das war’s dann …

Ich vermute mal, daß an jener Stelle unentdeckt etwas in der Erde ruht.

Davon gehe ich auch aus.

Am 21. August 1968 wurden Sie zum Kommandeur des Kommando Zwei in Erkner berufen.

Das blieb ich drei Jahre. Im Sommer 1971 wurde ich kurzfristig zum 1. Stellvertreter von Heinz Gronau, dem Kommandeur des Wachregiments »Feliks Dzierzynski«, berufen. Am 30. Januar 1987 übernahm ich planmäßig diese Funktion von Bernhard Elsner, der wie Gronau an seinem 60. Geburtstag demissionierte. Ich hatte schon einmal unmittelbar nach dem Jahreslehrgang an der Parteihochschule für Bernhard amtiert, als er längere Zeit wegen Krankheit ausfiel.

Gab es Wehrpflichtige im Wachregiment?

Nein, nur Offiziere und Unteroffiziere auf Zeit.

Das heißt, niemand war gegen seinen Willen dort. Er hat sich bewußt und freiwillig zum Wachregiment des MfS gemeldet.

So ist es.

Wirklich jeder?

Absolut.

1989 spitzten sich alle Probleme zu, wie in der Republik so im Wachregiment. Können Sie sich noch erinnern?

Selbstverständlich. Diese Zeit war bleiern, es bewegte sich nichts, und alle hofften irrational auf die Sowjetunion. Am 5. November luden die sowjetischen Genossen zum Jahrestag der Oktoberrevolution nach Berlin-Karlshorst in die Waldowallee. Ich höre noch, wie der Chef der Abwehr Mielke auf Nachfrage versicherte, er solle sich keine Sorgen machen. Sie hätten alles fest im Griff. Zwei Tage später lud die UdSSR-Botschaft aus dem gleichen Grunde ein. Da hörte ich die Diplomaten unserer Verbündeten offen diskutieren, wie lange es die DDR noch mache: ein Jahr, zwei Jahre? Die gaben uns also schon verloren.

Und wie war die Stimmung im Wachregiment?

Im September waren wieder 3000 Neue gekommen, darunter viele Abiturienten. Die hatten diesen unruhigen Sommer erlebt: mit Botschaftsbesetzungen, Massenfluchten in Ungarn, Sprachlosigkeit der DDR-Führung, mit all den Beschwichtigungs- und Beschönigungsversuchen. Die Stimmung im Regiment war gleichermaßen nachdenklich und bedrückt. Aber es löste unverändert seine Wach- und Sicherungsaufgaben, die Ausbildung der Nachrücker lief an. Im November jedoch kippte die Stimmung.

Weshalb?

Da war die Grenzöffnung. Wenn unsere Jungs nach Hause fuhren, trafen sie im Zug und daheim auf Menschen, die von ihren Ausflügen nach drüben berichteten. Und auch beim Stamm begann es zu kriseln. Während der Versammlung am 6. Dezember 1989 stand eine Genossin auf und fragte mich: »Warum darf ich nicht nach Westberlin? Mein Mann ist Major beim MdI (Ministerium des Innern – die Red.) und der darf Es schwand zunehmend die Motivation.

War die denn im Oktober noch vorhanden?

Doch. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen um den Republikgeburtstag herum lieferten einen Schub. Wir hatten hundert Genossen vom Wachregiment am 7. Oktober in FDJ-Blusen auf die Brücken links und rechts neben dem Palast postiert. Es hatte geheißen, es sei ein Durchbruch zur Grenze zu befürchten und sie sollten die Massen aufhalten. Dabei kam es zu Übergriffen. Mehreren Genossen wurden glühende Zigaretten ins Gesicht gedrückt und die Schienbeine wurden attackiert. Ich entschied am nächsten Tag, daß die Sonderausrüstung ausgegeben werde. Ich wußte, daß der Personenschutz Westen, Schilde, Helme, Schlagstöcke und Armschoner für 500 Mann bei uns eingelagert hatte. Der PS schien sich dafür nicht zu interessieren. Das MdI lieferte uns auf Anfrage das Ausbildungsmaterial.

Zunächst wurde ich dafür kritisiert, daß ich das Zeug so spät ausgegeben hatte. Vier Wochen später wurde ich aus den eigenen Reihen dafür attackiert, daß ich es überhaupt getan hatte. Wer habe mir das erlaubt bzw. dazu den Auftrag erteilt, wurde ich im Kinosaal gefragt.

Der Kinosaal war in jener Zeit wiederholt Schauplatz heftiger verbaler Auseinandersetzungen.

Es fanden dort regelmäßig Dienstversammlungen der Berufssoldaten statt. Die Führung des Regiments stand Rede und Antwort und legte ihre Positionen dar. Damit versuchten wir, der wachsenden Unsicherheit entgegen zu treten. Die Situation wurde jedoch zunehmend komplizierter.

Erinnern wir uns: Am 28. Oktober liest Ulrich Mühe im Deutschen Theater aus Walter Jankas »Schwierigkeiten mit der Wahrheit«. Am 4. November findet auf dem Alexanderplatz die große Demonstration statt. Am 7. November tritt die Regierung geschlossen zurück, auch Erich Mielke amtiert gemäß Verfassung weiter bis zur Bildung eines neuen Ministerrates. Am 8. November demissioniert das Politbüro, am 9. November führt Schabowskis Versprecher zur chaotischen Öffnung der Grenze. Am 13. November blamiert sich Minister Mielke in der Volkskammer und setzt damit auch das MfS dem öffentlichen Gespött aus. So geht es Schlag auf Schlag.

Als am 17. November die Modrow-Regierung vereidigt wurde, kam die Führung des Wachregiments in die Offensive. Ich wollte, daß das Wachregiment eine Loyalitätserklärung abgab. »So lange es eine DDR gibt, gibt es eine DDR-Regierung. Und so lange es eine Regierung gibt, muß diese geschützt werden«, sagte ich. »Das ist unser Auftrag, und den erfüllen wir unter allen Bedingungen

Dann aber kam der nächste Schlag: Am 3. Dezember trat das ZK geschlossen zurück. Die einstigen Politbüromitglieder Günter Mittag, Harry Tisch, Gerhard Müller und Hans Albrecht wurden verhaftet, Alexander Schalck-Golodkowski flüchtete in den Westen. Am 6. Dezember legte Egon Krenz sein Amt als Staatsratsvorsitzender nieder. Die, für die wir im Ernstfall unser Leben eingesetzt hätten, für die wir uns hätten in Stücke reißen lassen, wurden jetzt des Hochverrats bezichtigt. Kurzum, die Aufgabe war weg wie die Motivation. Wir fielen in ein Loch.

Unmutsbekundungen, Befehlsverweigerungen, Randale?

Das hielt sich in Grenzen. Uns wurde von einer Einheit in Adlershof ein Forderungskatalog übergeben, der etwa 300 Unterschriften trug. Wenn wir die Forderungen nicht erfüllten, würde man nicht auf Wache ziehen, lautete die Drohung. Wir haben uns nicht erpressen lassen und statt dessen geredet. Dann zogen sie auf Wache.

Ich fuhr nach Erkner, weil sich dort die Lage zuzuspitzen schien. Dort war der Abiturientenanteil besonders hoch, er lag bei etwa 25 Prozent. Ich stellte mich den etwa sechzig Unteroffizieren. Am Anfang waren sie bissig, nach anderthalb Stunden redeten wir normal miteinander.

Um was ging es da?

Um die gleichen Probleme wie draußen: Versorgung, Informationspolitik, Reisefreiheit, Offenheit und Transparenz, vermeintliche Privilegien der Obrigkeit, Korruption und Amtsmißbrauch von Funktionären.

Nicht etwa, daß man gezwungen gewesen sei, eine Diktatur und deren Diktatoren zu schützen?

So einen Quatsch redete keiner. Die meisten waren enttäuscht. Wir alle waren enttäuscht.

Sie fühlten sich allein gelassen?

Na sicher. Der einzige Regierungsvertreter, der sich bei uns meldete, war Staatssekretär Walter Halbritter. Er forderte wie in jedem Winter Soldaten für die Braunkohle an. Nur fiel in jenem Jahr der Winter aus. Die Jungs hingen sechs Wochen dort in den Baracken herum und langweilten sich. Und wer viel Zeit hat, kommt auf dumme Gedanken. Sie malten Losungen auf Bettlaken, in denen sie sich beispielsweise vom MfS distanzierten. Das war natürlich der Stasihysterie geschuldet, die landauf, landab inzwischen grassierte. Der vorläufige Höhepunkt war bekanntlich am 15. Januar, als die Zentrale in der Normannenstraße gestürmt wurde. Als die tausend Jungs aus der Braunkohle nach Adlershof zurückkamen, war das Thema Wachregiment endgültig erledigt. Die Absetzbewegung war nicht mehr zu stoppen. Dennoch flaggten etliche am 8. Februar.

Hatte das Wachregiment noch etwas mit dem von westlichen Geheimdiensten organisierten »Sturm« auf die Zentrale zu tun?

Zu diesem Zeitpunkt wurde die Zentrale von uns nicht mehr gesichert. Wir konzentrierten uns auf unsere Objekte. Vergessen Sie nicht: Hier lagerten Waffen, Munition und Kampftechnik sowie größere Mengen Kraftstoff für die Mobilisierungsreserve und dergleichen. Aber unsere Sorge war unnötig. Es hat im gesamten Zeitraum keine Aktionen gegen unsere Objekte gegeben.

Ab 11. März, eine Woche vor den Volkskammerwahlen, soll keine Uniform mehr im Objekt zu sehen gewesen sein.

Das stimmt. Sieht man von den Volkspolizisten ab. Die verbliebenen Berufssoldaten erschienen von diesem Tag an nur noch in Zivil. Das Wachregiment war Geschichte. Ich hatte mir selbst einen Entlassungsschein unterschrieben. Am 30. März, einem Freitag, setzten sich die letzten verbliebenen Stabsarbeiter zusammen. Dann schlossen wir das Haus ab und gingen.

Waren Sie gleich arbeitslos?

Nein, das Auflösungskomitee hatte einigen von uns einen Arbeitsvertrag vom 1. April bis 30. Juni ausgestellt, damit wir die endgültige Abwicklung vollziehen konnten. Am 28. Juni meldete ich mich bei beim zuständigen Arbeitsamt. Nach einer 34monatigen Arbeitslosigkeit ging ich dann mit 60 in Rente.

Wenn Sie vor Beginn Ihrer militärischen Laufbahn gewußt hätten, was Sie erwartete, hätten Sie dann nicht doch lieber Medizin studiert?

Die Frage ist, Sie wissen es, Unsinn. Aber wenn sie darauf zielt, ob ich etwas bedauere oder gar bereue, sage ich Ihnen: Ich stehe zu meiner Vergangenheit ohne Wenn und Aber.

Wenn der Osten nicht militärisch stark gewesen wäre, hätte es in Zentraleuropa nach 1945 Krieg gegeben. Die militärstrategische Parität, das Risiko der Vernichtung im Falle eines Angriffs, sicherte den Frieden. Dafür haben wir uns geschunden und einen hohen Preis gezahlt. Ich habe meinen Soldaten nie etwas geschenkt. Wir haben uns gequält und auf vieles verzichtet. War das umsonst, haben wir am Ende alles verloren? Nein, das glaube ich nicht.

Für ein halbes Jahrhundert friedliche Koexistenz lohnte sich jeder Einsatz.

 

Anmerkung: Das vorstehende Interview ist eine auszugsweise Wiedergabe. Das vollständige Interview kann im Buch von Eberhard Rebohle "Rote Spiegel". Wachsoldaten in der DDR" (edition ost Berlin 2009) nachgelesen werden.