ARD-Serie „Weissensee“ über Romeo und Julia zu „Stasi-Zeiten“

 

Ab 14. September 2010 sollen wöchentlich in der ARD zur besten Sendezeit 6 Folgen dieser als „ungeschönt, authentisch und dramatisch“ hoch gelobten  „DDR-Familienserie“ ausgestrahlt werden. Wie „morgenpost-online“ vom 10.09.2010 zu berichten weiß, sei das Romeo-und-Julia-Motiv „das Vehikel für eine Geschichte über Unfreiheit und Stasi-Willkür, über menschliche Gefühle und menschliche Abgründe – kurz über die einstige Diktatur im Osten Deutschlands, die häufig in Vergessenheit zu geraten droht.“ Gutmenschen, wie eine kritische DDR-Liedermacherin stehen der "Stasi" als Inkarnation alles Bösen gegenüber, sogar einem "Stasi"-General. Weitere Steigerungen des Bösen sind nicht mehr möglich. Selbstverständlich wurde auch in der Gedenkstätte Hohenschönhausen gedreht, wo „die DDR-Staatssicherheit in ihrem Gefängnis Tausende politisch Verfolgte inhaftierte, verhörte und schikanierte“. Damit hat der Film anscheinend den Ideologietest von Herrn Dr. Knabe bestanden, bei dem Herr von Donnersmarck mit seinem Film "Das Leben der anderen" durchgefallen war.

Eine Fernsehillustrierte titelte neben dem Bild der beiden jugendlichen Helden: „Martin und Julia versuchen den Spitzeln zu entkommen“. So war halt der Alltag der DDR, wenigstens in der vom heutigen Zeitgeist gespeisten Phantasie.

ARD-Programmdirektor Volker Herres wird mit den Worten zitiert: "Das ist ein sehr wichtiger Beitrag zum Einheitsjubiläum“.

Der Stoff für den Jubel zu den bevorstehenden Einheitsfeiern scheint dünn gesät zu sein, wenn man dazu die Vergangenheit bemühen und auch noch vergewaltigen muss.

Schließlich handelt es sich bei den jungen Menschen im Osten Deutschlands neben den Frauen um die größten Verlierer der deutschen Einheit. Ihnen wurde ein antiquiertes Schulsystem übergestülpt, sie verloren ihr selbstverständliches Recht auf einen Ausbildungsplatz und eine nachfolgende, ihre Existenz sichernde Arbeit, soziale Schranken für die höhere Bildung wurden wieder errichtet, Studenten erhalten BAFÖG statt Stipendium, nicht wenige von ihnen geraten nach Studienabschluss in Warteschleifen oder werden als Praktikanten schamlos ausgebeutet, ein ganzes System der Förderung der Jugend und junger Familien wurde zerschlagen u. v. a. m.

Mütter in Deutschland weinen wieder an den Särgen ihrer im Krieg gefallenen Söhne - zu DDR-Zeiten in beiden deutschen Staaten unvorstellbar!

Das alles in Vergessenheit geraten zu lassen, scheint der eigentliche Sinn der ganzen Übung zu sein.

W.S.

11.09.2010

 

Nachtrag: 

Lohnt es sich, über einen Mix aus "Dallas", "Das Leben der Anderen" und "Sturm der Liebe" ernsthaft zu debattieren? Vielleicht, weil zwischen 3,7 und weit über 5 Millionen Zuschauer sich das Ganze angesehen haben und eine Fortsetzung angedroht ist. Im Bemühen um Glaubhaftigkeit hat die ARD-Serie "Weissensee" zweifellos gleich mehrere Tabu-Brüche begangen. Sie präsentierte einen  "Stasi"-General mit menschlichen Zügen, deutete vage an, dass es ernsthafte Gründe gegeben haben könnte, sich für die DDR zu engagieren, zeigte eine Oppositionelle, deren letztes Streben und Trachten nicht die Übersiedelung in die BRD war und einen sympathischen "VOPO". Die Gesamtdiktion bleibt dennoch erhalten. Wieder einmal wird eine Künstlerin durch das MfS in den Selbstmord getrieben und soll am Ende sogar entmündigt werden. Wann und wo hat es das in der DDR gegeben? DDR-Geschichte wird auf  "Stasi"-Willkür reduziert, so als ob z.B. kulturpolitische Entscheidungen vom MfS autark getroffen werden konnten und SED oder staatliche Kulturfunktionäre dabei keinerlei Rolle spielten. Den Kalten Krieg hat es anscheinend nicht gegeben. Die Gegenseite erscheint lediglich in Gestalt eines West-Journalisten, der - wie konnte es anders sein - als selbstloser Heilsbringer agiert. Besonders makaber erscheint, dass die weibliche Hauptdarstellerin am Ende zu einem Auftritt vor MfS-Prominenz genötigt wird. Hier denkt man automatisch an die Auftritte des DDR-Widerstandskämpfers Gunther Emmerlich vor MfS-Angehörigen in Dresden.

Am Ende siegt die Liebe. Davon ist die Realität allerdings weit entfernt.

W.S.

26.10.2010