Das Letzte: „Stasi bespitzelte den Papst“

 

Am Vorabend des 15. Jahrestages der Einheit Deutschlands und an diesem Tag selbst hat das Stasi-Thema Hochkonjunktur. Nachrichten, die gebraucht werden und signalisieren, dass der Kalte Krieg noch lange nicht beendet ist. Wer sich über das „Glück der Einheit“ freuen soll, darf das vorzugsweise in fröhlicher Beschaulichkeit des Sieges über das Reich des Bösen, ungestört von Meldungen über Arbeitslosigkeit, Massenentlassungen, Lohn- und Rentenkürzungen.

„Tod im Stasi-Knast“, ein IM als Nachrichtensprecher, Verschlusssache Geheime Regierungszüge der DDR – was aber sind sie schon gegen die neueste Entdeckung aus dem Hause der Frau Birthler, exklusiv für „Bild am Sonntag“ und Millionen Fernsehzuschauern vermittelt: „Stasi-Akte Ratzinger“.

Nebenbei bemerkt eine teure Entdeckung für die Steuerzahler, die 101.743.000,- € allein im Jahre 2005 für die Behörde der Frau Birthler aufzubringen haben.

Es ist noch nicht allzu lange her, das „Bild“ melden konnte: „Wir sind Papst“. Es geht demnach in den Akten auch nicht um den Papst, sondern um den damaligen Erzbischof von München und Freising und späteren Chef der Glaubenskongregation Joseph Kardinal Ratzinger.

Anders als Alt-Kanzler Helmut Kohl hat dieser der Veröffentlichung zugestimmt, „verbunden mit der Wertschätzung unserer Arbeit.“ (so Frau Birthler). Und eine bessere PR-Kampagne hätte er sich gar nicht wünschen können. Mindestens zehn IM des MfS haben über ihn berichtet, sechs davon noch nicht identifiziert – vielleicht die der Frau Birthler noch fehlenden IM in der Fraktion der Linkspartei im Bundestag, vielleicht aber auch Abgeordnete der CDU? Wer kann das schon wissen und wer zweifelt da noch an der  Notwendigkeit der Birthler-Behörde, die das alles herausfinden muss.

„Unter die Haut gekrochen“ oder in die Intimsphäre des heutigen Papstes Benedikt XVI. eingedrungen scheinen sie aber wohl doch nicht - das hätte uns „Bild“ bestimmt nicht vorenthalten.

Ansonsten scheint die „Stasi“ (der einzige Geheimdienst der Welt der sich jemals für den Vatikan interessiert hat, von Hitlers „SD“, der CIA und vielen anderen einmal abgesehen) nicht nur gut informiert gewesen zu sein, sie ist anscheinend auch zu richtigen Einschätzungen gekommen.

„Ratzinger wird im Vatikan als einer der schärfsten Gegner des Kommunismus betrachtet…“

Wer widerspricht da heute? Ist er damit doch dem Zeitgeist nach ein Gutmensch erster Klasse mit der rechten Gesinnung.

„Seit Mitte der 70er Jahre verband Ratzinger eine enge Freundschaft mit dem damaligen Kardinal Woityla, für dessen Berufung zum Papst er sich sehr einsetzte. Dieser beauftragte ihn 1980 mit der Organisation der kirchlichen Unterstützung in der BRD für die konterrevolutionäre Entwicklung in Polen…“

Auseinandersetzungen zwischen Kardinal Ratzinger und dem polnischen Kardinal Glemp soll es gegeben haben - so der fuhr das MfS aus Äußerungen des heutigen Erzbischofs von Hamburg, Werner Thissen – über die Frage, ob Christen in der DDR auf den Putz hauen oder mehr im Stillen wirken sollten.

Auch Jochen Staadt, Projektleiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin kann zugestimmt werden:“ Es gab zwar nicht viele Katholiken in der DDR, Trotzdem interessierte sich die Stasi sehr genau für den Vatikan. Der Partei war es ein Dorn im Auge, das sich die katholische Kirche weigerte, die Grenzen der Bistümer den Grenzen der DDR anzupassen. Es gab Bistümer, die sich über beide deutsche Staaten erstreckten. Ein weiterer Grund war der Einfluss der Katholiken in Lateinamerika.“

Ansonsten ist aber nur Erfreuliches zu erfahren.

„Die Stasi erkannte richtig, welche herausragende Rolle Ratzinger schon in den 80er Jahren spielte. „Ratzinger gilt im Vatikan nach dem Papst und Staatssekretär Casaroli als derzeit einflussreichster Politiker und führender Ideologe.“

Anlässlich der avisierten Einreise von Kardinal Ratzinger und anderen katholischen Würdenträgern zum Katholikentreffen in Dresden 1987 wies Generalleutnant Paul Kienberg an: „Im Zusammenhang mit der Ein- und Ausreise der Personen wird um höfliche und bevorzugte Abfertigung, Befreiung vom verbindlichen Mindestumtausch, Abfertigung ohne Zollkontrolle und Benachrichtigung der Hauptabteilung XX/4 gebeten.“

Und eines fiel auch den Stasi-Agenten auf: Kardinal Ratzinger, so heißt es in einer von der Stasi verfassten Biografie „verfüge über einen gewinnenden Charme, obwohl er zunächst auf einen Gesprächspartner etwas scheu wirke“.

Nicht vergessen werden darf, dass den Mitarbeitern Erich Mielkes auch peinliche Fehler unterliefen. Sie gaben als Geburtsort von Kardinal Ratzinger Merkl/Inn an, wo er doch in Marktl am Inn geboren wurde. Nun kann man schon mal London oder Paris falsch schreiben. Aber Marktl am Inn! Proleten eben, keine so klugen und gebildeten Menschen wie unsere Bayern.

Höhepunkt der Bespitzelung war eine Überprüfung mit dem Ergebnis: „Dokumente zu R. aus der Zeit vor dem 8.5.1945 sind nicht vorhanden“.

Zwar hatte der Vatikan durch das Reichskonkordat von 1933 Burgfrieden mit Hitler geschlossen, nach 1945 so manchem schwarzen Schaf mit brauner Vergangenheit eine Perspektive in der katholischen Kirche geboten und sogar auf einer sog. Rattenlinie schwerst- belastete Nazis dem Zugriff der Alliierten entzogen, aber einen späteren Papst auf eine mögliche Nazi-Vergangenheit zu überprüfen, das ging wohl doch zu weit.

Als der verstorbene Simon Wiesenthal kürzlich als großer „Nazi-Jäger“ gewürdigt wurde, kam eigenartigerweise niemand auf die Idee, dass er Adolf Eichmann bespitzelt habe.

(Alle Zitate entnommen aus bild.t-online.de/BTO/news/2005/10/02/ratzinger)

 

Wolfgang Schmidt

Berlin, 03.10.2005