Tageszeitung »Neues Deutschland«, 31.01.2012

Flattersatz von Mathias Wedel

Wie aus Ossis Nazis wurden

Das folkloristische Treiben des »Zwickauer Trios«, das am Wegesrande seiner Wanderungen durch westdeutsche Felder und Auen knapp geschätzt zehn Tote zurückgelassen hat, löste in der Stasiunterlagenbehörde Freude aus. Und zwar Arbeitsfreude! Und Vorfreude: auf Pressekonferenzen, auf Forschungsprojekte mit entsprechender finanzieller Ausstattung, auf feingesponnene Publikationen im Links-Verlag und frische Wortmeldungen von Freya Klier und Vera Wollenberger. Sonst sitzt man dort herum und muss zum -zigsten Mal dieselben Leute entlarven oder das »ungeheure«, »nicht erlahmende« und sogar »überraschende« Interesse an den Stasiakten in Zahlen ausdrücken. Manchmal organisiert man sich Publicity. Wenn beispielsweise Mielkes personengebundene Toilette endlich mit einer westlichem Standard entsprechenden Wasserspülung ausgerüstet wurde, dann eilen die Journalisten herbei und schildern diesen »Ort des Grauens«, dieses »Gruselkabinett« und schleichen Schulkindern mit der Kamera nach, die vor Mielkes Schreibtisch weisungsgemäß den kalten Atem des Kommunismus spüren, von Gänsehaut, Schluckauf oder Durchfall befallen werden.

So soll das weitergehen, denn mit den Stasiakten wird nach dem Willen fast aller im Bundestag vertretenen Parteien weiter Politik gemacht - mindestens so lange, wie es die DDR gegeben hat.

Zuletzt war die Behörde wohlig enthusiasmiert, als westdeutsche Wissenschaftler (der weltbekannten Zeppelin-Universität in Friedrichshafen) ein Patentrezept dafür entwickelt hatten, wie man alles, was irgendwie doof oder eklig oder auch nur unangenehm ist, mit der Stasi begründen kann. So ist die Anzahl von Teenagerschwangerschaften in jenen ostdeutschen Landstrichen besonders hoch, in denen es die meisten IM gegeben hat (die natürlich als Bürgermeister, Übungsleiter im Frauenfußball oder Friedhofsgärtner immer noch die Gesellschaft vergiften bzw. 14-Jährige schwängern). Genauso verhält es sich mit der Zahl der Schulabgänger, die nicht schwimmen können, der Erwachsenen mit schmerzhaftem Fersenspom und der Senioren, die beim Ladendiebstahl ertappt werden. Außerdem sterben in stasikontaminierten Gegenden die Menschen ein halbes Jahr früher als woanders, sind häufiger kleinwüchsig, rachitisch oder alkoholabhängig .

Sie sind auch viel öfter Nazis! Die Stasiakten müssten neu gelesen werden, verkündete neulich der Behördenleiter Jahn (wenn auch sprachlich nicht so flüssig, wie es hier geschrieben steht). Insofern war das Wirken des »Zwickauer Trios« segensreich - denn jetzt wird klar: Es handelte sozusagen auf Anweisung von Stasi und Politbüro. Noch ist die Befehlskette nicht lückenlos aufgedeckt. Aber waren der Vater und ein Onkel von dem einen Mörder nicht IM? Wurde nicht in vielen Familien hoher Stasi-Offiziere Führers Geburtstag feuchtfröhlich gefeiert? Fühlte sich Beate Z. nicht zeitweise - so ähnlich wie Angela Merkel - zur FDJ hingezogen? War das Handeln der Bande nicht »hochkonspirativ«, ihre Tarnung »perfekt«, wie man es nur im MfS-Ferienlager gelernt hat?

 

Wie gelang es der Stasi, den Neofaschismus zu einer beliebter Freizeitbeschäftigung ostdeutscher Jugendlicher zu machen? Das zu erklären ist nicht leicht. Das kann nur einer: Markus Meckel. Der erklärte es im Radio so: Der staatlich verordnete Antifaschismus der SED war eine solche Qual, dass er viele Jugendliche in den Neofaschismus trieb, als Widerstandshandlung. Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt sind also Widerstandskämpfer gegen das DDR-Regime - allerdings Spätzünder. Ob sie nun auch in die Heldenreihe Arnold Vaatz- Vera Wollenberger - Markus Meckel - Bärbel Bohley aufgenommen werden? Diese Frage kann man wohl erst nach gründlichster Neubewertung der Stasiakten durch Roland Jahn und seine fleißigen Mitstreiter beantworten.