Neues Deutschland

  13.06.06   | Flattersatz

Mit Imkerhaube

Von Mathias Wedel

Nichts gegen DDR-Opfer! Wie den Malermeister, den ich neulich im Hause hatte. Der präsentierte schon die Rechnung, bevor er den Pinsel in die Farbe tauchte. Was heißt Rechnung! Auf einen Zeitungsrand malte er eine obskure Zahl und murmelte: »Oder wollnse den Staat beglücken?« Nein, das wollte ich nicht. Doch ich war baff, in der Handwerkerschaft auf derart entschlossenen antiimperialistischen Widerstand zu treffen.

Dann ging er zum Frühstück über. Der jetzige Staat, barmte er, sei der schlechteste, den er je ertragen musste. Der würde einem noch die Fürze besteuern. Er lachte und verschluckte sich. Natürlich habe »der Handwerker« als Gattungswesen »auch schon beim Honni grausam gelitten«. Nur mit Müh und Not habe er sich damals einen Volvo vom Munde absparen können. Aber heute sei es noch grausamer, sozusagen grausamst! Da stehe man als Handwerker immer mit einem Bein im Knast. Dagegen sei die DDR »ein Garten der Freiheit« gewesen. Tatsächlich - »Garten der Freiheit«, das hat er gesagt.

In diesen Tagen denken alle Menschen, die sich noch einen Funken Mitgefühl für die DDR-Opfer bewahrt haben, darüber nach, wie das Denkmal des unbekannten DDR-Opfers denn aussehen könnte, das - neben Fressbuden, Stadttoiletten und Holocaustmahnmal - die Möblierung der Hauptstadt komplettieren soll. Hübsch soll es werden, ein bisschen wie Goetheundschiller in Weimar. Oder wie das Koblenzer Eck. Mein Malermeister in Beton gegossen, wie er aus dem Volvo winkt und der jüngeren deutschen Geschichte den Stinkefinger zeigt - das wäre doch mal ein Opfer, das zugleich den letztendlichen Sieg über die knechtenden Herrschaftsstrukturen symbolisiert!

Auf keinen Fall darf das Denkmal so griesgrämig und weinerlich aussehen, wie uns unsere Lieblingsopfer in Erinnerung sind. Eine abgezehrte Mutter in Bronze, die Kartoffeln und Braunkohle nach Hause schleppt und dabei nur knapp dem Vopo-Knüppel entgeht - diese Ikonografie des Schreckens wäre zwar nett, da könnten Touristen fotografieren und Staatsgäste Kränze abwerfen. Aber das Leiden der Intellektuellen an der geistigen Unfreiheit - man konnte damals im Osten nicht einmal »Die Zeit« lesen! - käme nicht richtig zum Tragen. Dabei haben wir köstliche Vorlagen. Unsere bekanntesten Opfer haben vom Schmerz eindrucksvoll gezeichnete Gesichter: der Trompeter Güttler, Monika Maron, Bärbel Bohley, Vera Wollenberger-Lengsfeld, Thierse - jede und jeder von ihnen, sauber aus Granit gehauen und auf dem einstigen Leninplatz aufgestellt, würde allerhand hermachen. Wenn wir Güttler nähmen, könnte immer zur vollen Stunde das Ave Maria vom Band trompeten. Bei der Bohley könnte man, so ähnlich wie beim Marx/Engels-Denkmal, Stelen um sie herum drapieren, die uns ihre bis heute unbekannten malerischen Werke zeigen. Und zu Wolfgang Thierses Füßen dürften wir eine Auswahl seiner blumigsten Demokratie-Definitionen lesen. Am besten aber gefiele mir Frau Lengsfeld. Man müsste sie unter einer Imkerhaube verstecken (Knut, das Schwein, war Imker!). Die Imkerhaube als Symbol des Eingesperrtseins, des Individualitätsverlustes, des vergitterten Blicks nach außen. Aber auch des »freiwilligen« Verkapselns in eine DDR-Nische, in der man die tödlichen Angriffe des Regimes (Bienen) überstehen konnte. Der Bienen, die allerdings auch den Honig, sprich: Grundnahrungsmittel, billige Mieten und Straßenbahnfahrten bereitstellten. Da hätte man die ganze Ambivalenz zwischen Anpassung und Auflehnung, die alle die staatlich ausgehaltenen Aufarbeitungskommissionen nicht in den Griff kriegen.

Und das Element des Widerstands? Das müssen Emmerlich, Meckel und Ute Freudenberg einbringen. Als revolutionäres Trio könnten sie zumindest im Sommer rund ums Denkmal eine ständige Bespielung sichern. Schade - das Gesicht, in dem sich Leid, Entsagung und Kampfeswille am gültigsten widerspiegeln, ist das von Hubertus Knabe. Aber der stammt aus Unna.