Neues Deutschland vom 25. Oktober 2007, Seite 15 (Politisches Buch)

Die deutschen Geheimdienste nach 1945 - eine Polemik und eine Replik

»Wir wissen, wo wir irrten ...«

Von Helmut Müller-Enbergs

Seine Neigung zur grollenden Intervention ist begrenzt. Es muss schon ein besonderer Anlass vorliegen, wenn Klaus Eichner nicht mehr an sich halten kann. So vor einem halben Jahr in Leipzig, als Heinz Lichtwark, einstiger Mitstreiter bei der Hauptverwaltung Aufklärung des MfS, seinem ins Trudeln geratenen ehemaligen IM »Ostap«, heute Landtagsabgeordneter, beispringen wollte und dabei auf eine gehörige Portion Mitverantwortung hinwies, die ihm als Führungsoffizier zufiel, wenn er eine Person aussuchte. »Ostap« wurde seinerzeit halb gezogen, halb sank er hin. Im Rückblick hatte Lichtwark den Sinn seines operativen Engagement in Frage gestellt. Damit überschritt er offenbar jene imaginäre Linie, jenseits derer die historische Aufarbeitung seitens der »Ehemaligen« nicht zu erfolgen hat. Eichner polemisierte dagegen in vertrauter Runde - und zur allgemeinen Überraschung. Überraschend deshalb, weil bislang zwar über seine politischen Wertungen gestritten werden konnte, nicht aber über seinen grenzenlosen Aufarbeitungswillen. Er hat - wie kaum ein anderer aus den Reihen des MfS - zur Aufarbeitung eigener Geschichte ermuntert. Seit über 15 Jahren diskutiert und schreibt er: 1992 für die PDS-Bundestagsgruppe über die Prozesse gegen Akteure der H VA, auf Konferenzen und in den »Zwie-Gesprächen« des Pfarrers Dr. Ulrich Schröter, bei der Bildung eines Insiderkomitees sowie dann in den beiden Bänden mit Erinnerungen von HVA-Quellen. Besonderes Gewicht kommt seiner 1997 erschienenen informativen Analyse von US-Geheimdiensten in Deutschland, »Headquarter Germany«, zu.

»Aber für einiges muss ich mich schämen«, war ein Zeitschriftenbeitrag überschrieben, in dem Eichner sich 1995 mit der »Unverhältnismäßigkeit der Mittel gegen Andersdenkende« auseinandersetzte. Das hätte auch von Markus Wolf stammen können, dem das neue Buch von Eichner, gemeinsam herausgegeben mit Gotthold Schramm, gewidmet ist. Doch der Eindruck täuscht. Während Wolf zuletzt über die »Verfolgung und Vernichtung eigener Leute - auch beim Nachrichtendienst«, in diesem Fall der sowjetischen Abwehr der 30er Jahre, erschüttert war und die Mitstreiter ermahnte, »nichts geht ohne ein Unrechtsbewusstsein, das genau aufspürt, wo man Menschenrechte gröblichst und unverzeihlich verletzt hat«, so scheint sich hier ein romantischer Rückfall anzubahnen. Dieser besteht darin, dass die Herausgeber ideologisch an Positionen von Andrej A. Shdanow 1947 anknüpfen, die die Welt in ein »demokratisch-antiimperialistisches« und ein »antidemokratisch­imperialistisches Lager« einteilten. Hie die Sowjetunion, da die USA - jeweils mit ihren Satellitenstaaten. Hie die »antikapitalistische, sozialistische Linie«, da die »reaktionäre, antidemokratische Traditionslinie«, heißt es bei Eichner und Schramm. Hie die »Antifaschisten, die Gründungsväter des MfS«, dort die »alten Kameraden, die BRD-Nachrichtendienste und Naziaktivisten«. Die Bundesrepublik, so die Einschränkung, war »zu keiner Zeit faschistisch« - aber »diese Leute bestimmten den Geist«. Mehr noch beschäftige sich das Buch, wie es eingangs heißt, zwar mit der Vergangenheit der deutschen Geheimdienste nach 1945, aber es habe die »Gegenwart zum Gegenstand«.

Den Blick starr nach vorn, keine Fehlerdiskussion, ab in den Schützengraben des politischen Tageskampfes, das Visier auf »Angriff und Abwehr« eingestellt. Hier liegt somit ein politisches Buch vor, in dem das »meiste«, wie es im Vorwort bescheiden heißt, »schon einmal veröffentlicht« worden sei. Das Buch sei dennoch »sensationell«, da es in der Summe »einen Beitrag zur politischen Delegitimierung der Bundesrepublik Deutschland« leisten würde. Seine »subversive Sprengkraft« liege darin, der Bundesrepublik eine »ungebrochen reaktionäre, antidemokratische Traditionslinie« nachzuweisen.

Was erwartet den Leser in der zweigeteilten Welt des Buches? Im ersten Teil lauern die alten braunen Kameraden in den westdeutschen Nachrichtendiensten (260 Seiten), im zweiten Teil sind es die alten antifaschistischen Kameraden in den ostdeutschen Nachrichtendiensten (260 Seiten). Dieser Ansatz bleibt weit hinter den Möglichkeiten des analytischen Scharfsinns Eichners zurück. Selbstverständlich weiß er, dass es zu den Geboten nachrichtendienstlicher Arbeit gehört, die Kenntnisse des unterlegenen Gegenübers und das Personal auszubeuten, soweit es als nützlich angesehen wird. Es handelt sich schließlich um ein Handwerk. Die beide Siegermächte von 1945, die Sowjetunion und Amerika, nutzten die braunen Kameraden, ob als inoffizielle Mitarbeiter, Militärs oder Techniker usw. Das MfS füllte seine Reihen aus der HJ-Generation, die Organisation Gehlen aus dem hauptamtlichen Reservoir der NS-Dienste. »Keine Frage«, schreiben Eichner und Schramm, »irgendwo mussten die Mitläufer und Aktivisten des Nazireiches bleiben, sie mussten in die Nachkriegsgesellschaft integriert werden«. Im Gegensatzpaar vom »alten Kameraden« und »Antifaschisten« stört freilich der Befund, dass auch das MfS für sein inoffizielles Netz aus diesem Milieu geschöpft hat, was Henry Leide in seinem Buch (»NS-Verbrecher und Staatssicherheit«, 2005) an Fallbeispielen belegte. Es werden Petitessen in seiner Arbeit zusammengekratzt, um den Sachverhalt selbst in Frage zu stellen. Eine Sackgasse. Da gehen Autoren wie Klaus Rösler, Peter Richter, Heinz Günther, Manfred Bols, Hans Sieberer oder Gabriele Gast wesentlich differenzierender vor. Sie befragen sich selbst und ordnen ihr Handeln in den Kontext des Repressionsapparates und der Aufklärung ein.

Gerade Eichner mit seinem reichen operativen Schatz hätte beispielgebend sein können. Nach dem Abitur im August 1957 in den Dienst des MfS eingetreten, hat er seine Lehrjahre in den Kreisdienststellen Altenburg und Leipzig-Land absolviert. In diesen zehn Jahren arbeitete er - wie seinem Vorgangsheft Nummer 609 zu entnehmen ist - mit rund 200 IM zusammen. Bei dem Vorgang »Bande« wurden im Ergebnis seiner operativen Arbeit - nach den Unterlagen - zwei Personen verhaftet, bei »Dunkelmann« und »Wanze« jeweils eine Person. Eichners Spezialität jedoch sollten die amerikanischen Nachrichtendienste werden, auch wenn er sich zeitweise mit ukrainischen Nationalisten, dem Personal der US-Army oder Maoisten in Deutschland zu beschäftigen hatte. Nach 15 Jahren operativer Arbeit im repressiven und nachrichtendienstlichen Bereich und dem Erwerb eines Jura-Diploms arbeitete er ab 1974 bis zur Auflösung des Dienstes im analytischen Bereich der HVA IX. Eine differenzierende Selbstbefragung auf der kritischen Reflexionsebene des als Vorbild gepriesenen Markus Wolf - das wäre »sensationell« gewesen.

Klaus Eichner/Gotthold Schramm (Hg.): Angriff und Abwehr. Die deutschen Geheimdienste nach 1945. Edition Ost. 639 S., geb., 24,90 €.

Helmut Müller-Engbergs ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der BStU.