junge Welt

12.03.2007/Thema/Seite 10

Unheilige Allianz

Nachrichtendienste der Allierten und Machtträger aus Geheimdienst und Polizei des ehemaligen Nazideutschland entfachten den Kalten Krieg

Klaus Eichner und Gotthold Schramm

»Angriff und Abwehr. Die deutschen Geheimdienste nach 1945«. So lautet der Titel eines 640 Seiten umfassenden Buches, das diese Woche im Verlag edition ost erscheint. Darin wird ein Blick auf die Entstehungsgeschichte der Dienste in West und in Ost und deren Gründergeneration geworfen. Die Untersuchung offenbart: 1945 gab es keine Stunde Null- die Antikommunisten auf der einen Seite machten weiter wie bisher und hatten dabei die Unterstützung der Westmächte. Und auf der anderen Seite: Ihre alten Gegner, nunmehr aus den faschistischen Lagern und Zuchthäusern befreit oder aus dem Exil zurückgekehrt, widersetzten sich wie gehabt dem antikommunistischen Staatsterror. »Wir haben ja nicht gegen Feindbilder operiert. Wir hatten wirkliche Feinde«, wird Markus Wolf auf dem Buchdeckel zitiert. Der Sammelband berichtet von ungebrochenen, bis heute fortdauernden Traditionen. Das machen die beiden Herausgeber Klaus Eichner und Gotthold Schramm - die ihr Buch auf der Messe in Leipzig am 22. März am jW-Stand signieren und ab 19 Uhr im Liebknechthaus in der Braustraße vorstellen werden - auch im nachfolgenden Beitrag deutlich.

Vor vier Wochen meldete sich die Staatsanwaltschaft Erfurt am Telefon des Verlags edition ost. In der Landeshauptstadt des Freistaates sitzt man seit geraumer Zeit über Helmut Roewer zu Gericht. Der war 1994 vom Bundesministerium des Innern in Bonn nach Thüringen abkommandiert worden, um das dortige Landesamt für Verfassungsschutz zu übernehmen. Nach sechs Jahren mußte er jedoch als Präsident seinen Hut nehmen. Aber nicht, weil er den aktuellen und den vergangenen Nazismus verharmloste - im ZDF-Politmagazin »Kennzeichen D« erklärte der Verfassungsschützer im Sommer 1999 beispielsweise: »Das Dritte Reich ist eine bestimmte Epoche in der deutschen Geschichte, und diese besteht nicht nur aus Verbrechen.« Und auch nicht, weil er aktive Neonazis wie Thomas Dienel und Tino Brandt aus Thüringen als V-Leute des Verfassungsschutzes bezahlte - ein Grund, weshalb seinerzeit das NPD-Verbot scheiterte. Sondern, wie die Begründung für die zunächst nur vorläufige Suspendierung im Juni 2000 durch den Innenminister lautete, weil es »Pannen, Indiskretionen und interne Auseinandersetzungen« im Amt gegeben habe.

Der im vorläufigen Ruhestand befindliche Expräsident Roewer und zwei weitere Verfassungsschützer wurden schließlich wegen Untreue und Betrugs in über 60 Fällen angeklagt. Mindestens 300000 DM aus dem Etat des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz seien zweckentfremdet worden.

Zu den nunmehr als »zweckentfremdet« deklarierten Ausgaben - und einer von diesen galt der Anruf im Verlag in Berlin - gehörte auch der Erwerb von Aktien einer Schwesterfirma der edition ost, nämlich der Edition Ost e & o AG, im Januar 1999. Sie hatte ein Strohmann Roewers aus Halle gekauft, ein bundesweit bekannter Autor und damit in Berlin unverdächtiger Zeitgenosse. Allerdings erhielt der links und antifaschistisch exponierte Verlag aus verschiedenen Quellen bald Hinweise, daß sich diverse Nachrichtendienste bei ihm »eingekauft« hätten. Offenkundig schien diesen die übliche Observation nicht ausreichend. Solche Fingerzeige veranlaßten die Unternehmensleitung, die Aktiengesellschaft im Jahr 2000 unauffällig zu liquidieren und die verlegerische Tätigkeit der edition ost in einer anderen Rechtsform fortzusetzen.

Die Erkundigungen, die der Staatsanwalt jetzt einzog, bestätigten, daß die Hinweise damals begründet und die Entscheidungen richtig gewesen waren. Doch die juristische Verfolgung eines »Betrügers«, der Steuergelder vermeintlich »zweckentfremdet« verjuxte, ist das eine. Das andere: Ist da wirklich nur ein armer Sünder straffällig geworden, der zufällig Präsident eines Landesamtes für Verfassungsschutz war? Könnte hinter den individuellen Eskapaden nicht doch eine bestimmte kollektive Haltung gesteckt haben? Vergleichbar jener, mit der der CIA-Mann Harry Rositzke - er baute Ende der 40er Jahre für die CIA ein erstes operatives Referat gegen die Sowjetunion auf - die Zusammenarbeit des US-amerikanischen Nachrichtendienstes mit deutschen Nazis in der Nachkriegszeit begründete: »Es war unbedingt notwendig, daß wir jeden Schweinehund verwendeten. Hauptsache, er war Antikommunist.«

Kalter Krieg nach Roosevelts Tod

Wie wir inzwischen wissen, gab es für die meisten deutschen Nachrichtendienstler 1945 kaum einen Bruch in der Biographie. Die Gründergeneration des gesamten bundesdeutschen Geheimdienstsystems wurde im wesentlichen von ehemaligen Mitarbeitern des faschistischen Geheimdienst- und Sicherheitsapparates geprägt. Das von uns jetzt herausgegebenen Buch stellt sie mit ihren bezeichnenden Biographien vor. Es war wie bei den Juristen. In der Sowjetischen Besatzungszone wurden rund 90 Prozent der bis 1945 amtierenden Richter und Staatsanwälte aus der Justiz entfernt. In den drei Westzonen waren nach einiger Zeit nahezu 90 Prozent der früheren Richter und Staatsanwälte wieder im Amt.

Jetzt zugängliche CIA-Akten aus den 40er und 50er Jahren zwingen uns auch, die bisherigen Schätzungen, wie viele ehemalige aktive Nazis für die Amerikaner arbeiteten, deutlich zu korrigieren. Es waren erheblich mehr, als bisher angenommen. Im Sommer 1949 kamen zum Beispiel etwa 400 der 4000 Mitarbeiter der Organisation Gehlen - überwiegend in leitenden Funktionen tätig - aus der Abteilung Fremde Heere Ost der Wehrmacht, aus dem Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), aus der SS, dem Sicherheitsdienst (SD) oder der Gestapo.

Die Organisation Gehlen - nachmals BND - war zu einem Auffangbecken für Mitglieder der Nazieliten geworden, die auf einen Neubeginn hinarbeiteten. Die Hoffnungen erfüllten sich. In den ersten Jahren der Bundesrepublik konnten sie unbehelligt und offiziell ihre Laufbahn fortsetzen: im Bundeskriminalamt, beim Verfassungsschutz, im Militärischen Abschirmdienst (MAD), in der Sicherungsgruppe Bonn, im Bundesnachrichtendienst. Überzeugte Nazis und skrupellose Karrieristen, Kriegsverbrecher, Massenmörder und Schreibtischtäter kämpften weiter gegen »den Kommunismus«. Für sie hatte es 1945 keine Stunde Null gegeben.

Die Schutzbehauptung, die US-Amerikaner hätten darauf geachtet, daß für sie keine belasteten Nazis arbeiteten, ist eine Lüge. Sie verstießen mit diesen Praktiken gegen Vereinbarungen der Antihitlerkoalition. Nicht zuletzt im Umgang mit schwer belasteten Nazis und Kriegsverbrechern offenbarte sich die Doppelzüngigkeit der Nachkriegspolitik der USA in Deutschland. Selbstverständlich wollten die Amerikaner in den ersten Nachkriegsjahren einige Naziverbrecher finden und verurteilen, besonders solche, die für die Ermordung amerikanischer Kriegsgefangener verantwortlich waren. Und natürlich jene, die als Hauptkriegsverbrecher vor einem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg angeklagt werden sollten. Dazu waren die USA schon durch rechtskräftige internationale Vereinbarungen verpflichtet - gegen die sie aber häufig genug bewußt verstießen. Ihre Geheimdienste verhalfen schwer belasteten Nazis, in Kenntnis ihrer Verbrechen, in vielen Fällen zur Flucht. Mehr noch: Ohne Skrupel nutzte Washington solche Personen und deren Wissen im Kampf gegen den einstigen Verbündeten, die Sowjetunion.Die Weichen dazu wurden unmittelbar nach dem Tod von Präsident Franklin D. Roosevelt gestellt. Am 12. April 1945 hatte die Führung der USA andere, von den Vereinbarungen der Alliierten abweichende, politische Rahmenbedingungen für ihre Nachkriegspolitik in Deutschland formuliert. Zu diesem Paradigmenwechsel schrieb damals der amerikanische Journalist Drew Pearson: »Es ist seit langem kein Geheimnis mehr, daß eine Gruppe im State Department einen möglichst milden Frieden mit Deutschland befürwortet, und zwar im Hinblick darauf, daß Deutschland zu einem Bollwerk gegen den Kommunismus gemacht werden müsse. Aber solange Roosevelt im Weißen Haus war, sprach man nicht davon. Einen Tag nach dessen Beerdigung jedoch fand eine Sitzung in den Räumen des Unterstaatssekretärs Clayton statt, bei der [Mitglieder des] State Department und Kriegsministeriums beschlossen, die Politik Roosevelts umzukehren.«

Nazis für neuen Geheimdienst

In jener Zeit begannen Einheiten der US-Geheimdienste sich in Deutschland in allen besetzten Regionen niederzulassen und aktiv zu werden. Von Mai 1945 bis 1948 erfolgte eine zentrale Registrierung von Kriegsverbrechern und Verdächtigen. Auf Anweisung von General Dwight D. Eisenhower - zu jenem Zeitpunkt Oberkommandierender der Westalliierten in Europa - speicherte und überprüfte das Central Registry of War Crimes and Security Suspects (CROWCASS) Angaben von mehr als acht Millionen Menschen. Das waren flüchtige, also gesuchte Personen sowie Insassen von Kriegsgefangenenlagern und DP-Camps. (DP steht für »displaced persons« und bedeutet von Nazis »verschleppte Personen«.) Das Register umfaßte am Ende 40 Bände, 85000 Steckbriefe bzw. Sucheinträge sowie 130000 Berichte zu Verhaftungen.

Natürlich diente die Datenerfassung auch dem Auffinden belasteter Nazis, die anschließend juristisch zur Verantwortung gezogen werden sollten. Zugleich jedoch rekrutierte man auf diesem Wege geheimdienstlich relevantes Personal. Die Amerikaner fälschten nachweislich Unterlagen, um diese Personen für ihre künftige Verwendung in den eigenen Reihen oder als Informanten des Dienstes zu tarnen. Experten für psychologische Kriegführung wie etwa Hans Heinrich Herwarth von Bittenfeld oder Reinhard Gehlen sollten nicht im Verzeichnis auftauchen und wurden daher kurzerhand gestrichen oder die Eintragungen verfälscht. Tausende standen in den CROWCASS-Unterlagen als »vermißt« oder »flüchtig«, obgleich deren Aufenthaltsort durchaus bekannt war. Der spätere BND-Präsident Reinhard Gehlen erinnerte sich in seinen Memoiren amüsiert, daß auch er noch jahrelang in den amerikanischen Kriegsverbrecherlisten als »flüchtig« ausgewiesen worden war.

Im Rahmen der Aktion »Crownjewels« (Kronjuwelen) kontaktierten Mitarbeiter der Mission for Germany des Office of Strategie Services (Amt für strategische Dienste) emigrierte deutsche Politiker, Beamte, Gewerkschafter und Militärs, die nicht zuletzt durch ihre nachrichtendienstlichen Kontakte mit den US-Geheimdiensten geeignet schienen, zukünftig führende Positionen im Nachkriegsdeutschland zu übernehmen. In der Abteilung für psychologische Kriegführung beim Alliierten-Hauptquartier war dafür eine »Weiße Liste« mit mehr als 1500 Namen erarbeitet worden.

In ihr standen beispielsweise Dr. Wilhelm Hoegner (SPD), der als Ministerpräsident in Bayern vorgesehen war (was er 1945/46 und 1954/57 auch wurde), Paul Dickopf als Reorganisator der Kriminalpolizei (Präsident des ßundeskriminalamtes von 1965 bis 1971), Fabian von Schlabrendorff als Reorganisator der Justiz (von 1967 bis 1975 Richter am Bundesverfassungsgericht), Erich Ollenhauer als ein Führer der SPD (er war von 1952 bis 1963 Vorsitzender der Partei) und Ludwig Rosenberg als ein wichtiger Mann in der Gewerkschaft (er stand von 1962 bis 1969 an der Spitze des DGB).

Der deutsche Geheimdienstexperte Heinz Höhne bewertet in seinem Buch »Krieg im Dunkeln« die Entwicklung im Umgang mit Nazis nüchtern und nennt Roß und Reiter: »Es war der Anfang jener unheiligen Allianzen zwischen Nachrichtendienstorganen der Besatzungsmächte und den geheimdienstlich-polizeilichen Machtträgem des untergegangenen NS-Regimes, die den Kalten Krieg in Deutschland zu einem besonders zynischen Stück der Spionagegeschichte machten. Und alle waren daran beteiligt; jeder im Nachkriegsdeutschland aktive Geheimdienst hatte seine eigenen Nazis: die Briten meist Leute aus den Sowjetreferaten des Reichssicherheitshauptamtes, die Franzosen ehemalige SD-Männer aus der deutschen Besatzungszeit in Frankreich, die Russen Spezialisten aus den Westreferaten von Gestapo und SD. Niemand von ihnen zog freilich so viele ehemalige SD-Männer und Abwehrangehörige in seine Netze wie das Counter Intelligence Corps (CIC).«

Organisation Gehlen

Eine zentrale Figur »jener unheiligen Allianzen« amerikanischer und (west-)deutscher Dienste war Reinhard Gehlen. Als Oberstleutnant der Naziwehrmacht übernahm er am 1. Mai 1942 die Führung der Abteilung Fremde Heere Ost; er sollte bis April 1945 diesen militärischen Nachrichtendienst leiten. Das Amt verdankte er dem Chef der Operationsabteilung des faschistischen Generalstabs, Adolf Heusinger. Gehlen, seit Oktober 1940 Leiter der Ostgruppe in seiner Operationsabteilung, sei ein militärisches Talent und hervorragender Organisator, hatte Heusinger seinen damaligen Personalvorschlag begründet. Er habe an der Planung bedeutender Operationen einschließlich »Barbarossa«, die Code-Bezeichnung für den Überfall auf die Sowjetunion 1941, mitgewirkt. (Gehlen revanchierte sich bei Heusinger einige Jahre später: Er »parkte« den Nazigeneral zwischen 1948 und 1950 in seiner Organisation, übertrug ihm die Auswertung und Analyse aller beschafften Spionageinformationen, ehe Bundeskanzler Konrad Adenauer 1950 Heusinger zu seinem militärischen Berater und Beauftragten für Wehrfragen machte.)

Eine große Zahl von Generalstabsoffizieren der faschistischen Wehrmacht war von Gehlen in seine Organisation eingebaut worden. Sie bildeten den Kern der Führungsmannschaft zur Remilitarisierung der Bundesrepublik und zum Aufbau ihres militärischen Nachrichtenwesens. Heusinger und andere Stabsoffiziere erstellten für die US-Behörden bereits kurz nach Kriegsende Analysen über die militärische Stärke der Sowjetunion, so berichteten sie beispielsweise von angeblich 145 angriffsbereiten Divisionen der Sowjetarmee. Mit bewußten Falschinformationen und aggressiven Spionageoperationen trug die Organisation Gehlen erheblich zur Entfachung und Verschärfung des Kalten Krieges bei.

Von der ersten Stunde der Organisation Gehlen an richteten sich die geheimdienstlichen Angriffe gegen die sowjetisch besetzte Zone und die dort stationierten Kontingente der Roten Armee. Gehlen spricht in seinen Memoiren von 600 Agenten in den Nachkriegsjahren, die vor allem unter »alten Kameraden« rekrutiert worden waren. Auf der anderen Seite: Bis etwa 1955 wurden vom DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) etwa 1100 westliche Spione enttarnt und nachfolgend verurteilt.

Nach Konstituierung der BRD setzten Bundeskanzler Adenauer und sein Staatssekretär Hans Globke große Erwartungen in Gehlen und dessen Dienst. Nach dem NATO-Beitritt übernahm die BRD die Organisation Gehlen. 1956 wurde sie in Bundesnachrichtendienst (BND) umbenannt, dem Bundeskanzleramt unterstellt und einer vermeintlichen parlamentarischen Kontrolle unterworfen. Reinhard Gehlen stand dem BND noch bis 1968 vor und blieb bis an sein Lebensende ein überzeugter Antikommunist.

Eine vergleichbare personelle Kontinuität finden wir auch beim Verfassungsschutz. An dieser Einschätzung ändert auch die Tatsache nichts, daß der vom britischen Geheimdienst eingesetzte erste Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Otto John, enge Kontakte zu den Kreisen des 20. Juli 1944 gehalten hatte. John folgte 1954 das CDU-Mitglied Hans Jess nach, ein sogenannter Ostzonenflüchtling. Nach Jahresfrist löste ihn Hubert Schrubbers ab, der bis 1972 BfV-Präsident blieb. Schrubbers galt als überzeugter Nazi. Er war vor 1945 bei der Generalstaatsanwaltschaft am Reichsgerichtshof tätig und zeichnete sich durch hohe Strafanträge bei Gegnern des Naziregimes aus.

Die BfV-Vizepräsidenten, ebenfalls durch den Bundeskanzler bestätigt, hatten vergleichbare Biographien. Zum Beispiel Albert Radke, von 1951 bis 1964 Vize. Er war bis Kriegsende als Oberst im OKW-Amt Ausland/Abwehr tätig und an Judendeportationen beteiligt. Nach 1945 kam er in der Organisation Gehlen unter. 1951 wechselte er in das BfV. Sein Nachfolger (bis 1967) war Ernst Brückner, der zuvor die Sicherungsgruppe des Bundeskanzleramtes leitete.

Mitarbeiter mit Nazivergangenheit

Wer schützte noch die Verfassung in der Zentrale? Zum Beispiel Richard Gercken, Leiter der Abteilung IV im BfV, vor 1945 SS-Hauptsturmführer, Mitarbeiter im Reichssicherheitshauptamt (RSHA), Abteilung IV Gestapo, beteiligt an der Verfolgung von Antifaschisten in den Niederlanden; Dr. Gustav Halswick, »Sonderbeauftragter des Präsidenten des BfV«, vor 1945 SS-Obersturmbannführer, Lehrer an der Reichsschule der Sicherheitspolizei, beteiligt an Kriegsverbrechen in Polen und der Sowjetunion; Dr. Wilhelm Ludwig, Leiter der Abteilung V im BfV, vor 1945 SS-Sturmbannführer, Offizier der 87. Standarte für Innsbruck; Erich Wenger, Leiter Beschaffung der Abteilung IV im BfV, vor 1945 SS-Hauptsturmführer, Mitarbeiter der Gestapo an der deutschen Botschaft in Paris; Werner Aretz, vor 1945 SS-Hauptsturmführer, RSHA, Abteilung IV Gestapo; Gustav Barschdorf, vor 1945 SS-Hauptscharführer, RSHA, Leiter einer Gestapo-Außenstelle, 1974 als Kriegsverbrecher verurteilt; Kurt Fischer, vor 1945 SS-Sturmbannführer, Major der Schutzpolizei, nach 1945 mit dem Namen Karschner untergetaucht, dann in der Abteilung VI des BfV; Kurt Lischka, vor 1945 SS-Obersturmbannführer, RSHA, nach dem 20. Juli 1944 beteiligt an der Verfolgung von Hitlergegnern, in Frankreich wegen Massenmordes in Abwesenheit zum Tode verurteilt; Paul Opitz, vor 1945 SS-Sturmbannführer, RSHA, Amt IV Gestapo; Karl-Heinz Siemens, vor 1945 SS-Obersturmführer, Leibstandarte Adolf Hitler, beteiligt an Verbrechen dieser Einheit. Nach 1945 als Dr. Kaiser in Westdeutschland untergetaucht; später Oberregierungsrat in der Abteilung III des BfV; Johannes Strübing, vor 1945 SS-Hauptsturmführer, RSHA, Amt IV Gestapo, beteiligt an der Ermordung von 56 Antifaschisten der Widerstandsgruppe Schulze-Boysen/Harnack und an Mißhandlungen von Häftlingen; Alfred Wurbs, vor 1945 SS-Hauptsturmführer, RSHA, Amt IV Gestapo, Waffen-SS-Division »Prinz Eugen«, die auf dem Balkan schwere Kriegsverbrechen verübte, als Angehöriger eines Einsatzkommandos in Norwegen stellte er »Judentransporte« in KZ zusammen. Mit Wissen der Bundesregierung unter Decknamen im BfV tätig, ab 1956 mit Klarangaben Gruppenleiter in der Zentralabteilung V.

Das Bundeskriminalamt, die Sicherungsgruppe Bonn und die Polizeiverwaltungen der Länder rekrutierten ihre Leitungskader ebenfalls vorwiegend aus dem Personal der Gestapo, der Geheimen Feldpolizei und aus Angehörigen der SS- und SD-Einsatzgruppen, die in den von der Wehrmacht eroberten Gebieten Vernichtungsaktionen in unvorstellbarem Ausmaß durchgeführt hatten.

Zum personellen Fundament des bundesdeutschen Sicherheitsapparates gehörten Faschisten, die aktiv an der sogenannten »Endlösung der Judenfrage« beteiligt waren und sich damit grausamer Kriegsverbrechen schuldig gemacht hatten. Insbesondere bei den »Ostexperten« rekrutierten die amerikanischen Geheimdienste ihre Agenten. Ein Beispiel ist Otto von Bolschwing, ehemaliger Adjutant von Adolf Eichmann, vom US-Geheimdienstexperten Christopher Simpson so charakterisiert: »Otto von Bolschwing wurde einer der hochrangigsten CIA-Agenten im Europa der Nachkriegszeit. Zu seinen Verantwortungsbereichen gehörten die Suche und Werbung von Agenten, und er war spezialisiert auf Grenzschleusungsoperationen zur Infiltration von Spionen nach Ungarn und Rumänien

In Dutzenden von Beispielen wird im Buch »Angriff und Abwehr« die aktive Beteiligung von nachmaligen Mitarbeitern des westdeutschen Sicherheitsapparates an Kriegsverbrechen nachgewiesen, ohne daß nach 1945 deren Bestrafung erfolgte.

Der zweite Teil des Buches berichtet über Antifaschisten als Gründerväter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Die Autoren haben aus den zugänglichen Unterlagen über die erste Generation des MfS 83 Biographien ausgewählt, bei denen eine aktive antifaschistische Tätigkeit belegbar ist. Von den Gründern des MfS waren 20 Personen Angehörige der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg, 16 kämpften als Partisanen und weitere zehn in der Roten Armee. Hohe Freiheitsstrafen waren von der Nazijustiz gegen 63 dieser Antifaschisten verhängt worden, 28 saßen wegen ihrer Überzeugung in Konzentrationslagern.

Der letzte Präsident des Obersten Gerichts der DDR meinte dazu: »Heute zu behaupten, daß die SS-Verbrecher der Gehlen-Organisation Träger der Demokratie und die MfS-Gründer Träger einer Diktatur waren, ist geradezu grotesk.«

Klaus Eichner war als langjähriger leitender Analytiker in der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR zuständig für das Gebiet der US-amerikanischen Geheimdienste Gotthold Schramm war von 1952 bis 1990 als Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit in der Spionageabwehr tätig

Klaus Eichner und Gotthold Schramm (Hg.): Angriff und Abwehr. Die deutschen Geheimdienste nach 1945; edition ost, Hardcover, 640 Seiten, 24,90 Euro