Neues Deutschland, 21.02.. 2017

Zeit im Wachregiment, die nie vergeht

Ein Insider analysiert schonungslos und bemht sich um Versachlichung der Debatte

Ausgemustert als Staatssekretr ist Andre] Holm. Ausgemustert heit ein Buch von Lothar Tyb'l ber das Wachregiment Feliks Dzierzynski.

Von Andreas Fritsche

Wenn dabei deutlich wrde, dass ein Zeitsoldat des Wachregiments Feliks Dzierzynski ohne Kalter-Kriegs-Geschrei Abgeordneter im Land- oder Bundestag werden knnte und wenn die Renten der Berufssoldaten nicht gemindert werden, so wre dies ein berzeugendes Werk, formulierte Lothar Tyb'l in seinen Vorschlgen fr eine wissenschaftliche Arbeit.

Doch das ist im Moment ein Wunschtraum ohne Hoffnung, Realitt zu werden. Das hat sich zuletzt in Berlin gezeigt, wo Andrej Holm wegen seiner Vergangenheit nicht Staatssekretr bleiben durfte, und vorher schon in Brandenburg. Dort geriet 2012 der damalige Landtagsabgeordnete Michael Luthardt unter Druck, blo weil er von 1977 bis 1980 seinen Wehrdienst beim Stasi-Wachregiment Feliks Dzierzynski ableistete. Ein Jahr spter htte Gerd Klier in den Landtag nachrcken knnen. Doch die LINKE bekniete ihn, darauf zu verzichten und der Partei damit rger zu ersparen. rger warum? Klier hatte ebenfalls beim Wachregiment gedient. Wenn Tatsachen in solchen Fllen interessieren wrden, knnte Tyb'l zur Versachlichung beitragen. Er ist Insider, war im Range eines Oberstleutnants Politoffizier beim Wachregiment und stellte bereits 2011 in seinem Buch Auf Posten klar, dass die Soldaten des Regiments - das mit 11 000 Mann Divisionsstrke erreichte - eine militrische und keine geheimdienstliche Ausbildung erhielten und dass sie nicht einmal erfuhren, was in den Objekten des Ministeriums fr Staatssicherheit (MfS) geschah, die sie absicherten.

Neun Beitrge zum Wachregiment, von ihm aufgeschrieben in den Jahren 2010 bis 2015, darunter noch einmal das Buch Auf Posten, hat Tyb'l nun in dem Band Ausgemustert zusammengefasst, darunter eine Skizze der vier Kommandeure - einer hatte als Kommunist in der Nazizeit in Zuchthusern und im KZ Buchenwaid gesessen.

Oberflchliche Rechtfertigungen, gar eine Glorifizierung des Regiments oder der DDR insgesamt sind nicht Tyb'ls Sache. Er ringt schonungslos um eine ehrliche Analyse. Dazu gehrt das Stenogramm seiner eigenen Parteistrafe. 1986 hatte er in einem Vortrag gesagt, Konflikte knnten angesichts des Atomwaffenarsenals nicht militrisch, sondern nur noch politisch gelst werden. Zudem regte er an, das Bndnis mit kirchlichen Friedensgruppen zu suchen, die das MfS aber als Feinde ansah. Tyb'l wurde abgesgt, zwar nicht degradiert, aber auf den Posten eines Hauptmanns im Archiv versetzt, wo er faschistische Kriegsverbrechen aufarbeitete. Im Herbst 1989 wurde er rehabilitiert. Bereits im Frhjahr 1989 hatte er erwirkt, im Oktober das MfS verlassen zu drfen. Trotzdem - ein staatlich geprfter Antikommunist besttigte Tyb't berrascht, dieser habe bei aller Kritik eine grundstzlich positive Haltung zum Wachregiment und zum Sozialismus bewahrt. Aus dieser Grundhaltung heraus stellt Tyb'l Fragen an die Vergangenheit, um Schlsse fr die Gegenwart und Zukunft zu ziehen.

Lothar Tyb'l: Ausgemustert, Media Service GmbH, 311 Seiten, 19,90 Euro