Leicht gekürzt unter dem Titel "Duell im Dunkeln" in der Literatur-Beilage des "Neuen Deutschland" vom 16.03.2005 veröffentlichte Rezension von Wolfgang Hartmann

 

DDR-Postler, Aufklärer, wieder Postler, Strafrentner

 

Er nennt sich einen „Unverbesserlichen“. Aus dem kleinen Memoirenbüchlein (141 S.) Gerhard Blocks erfährt man, wie sich seine sozialistischen Überzeugungen bildeten, von seinen kritischen Gedanken, von seinem Eigensinn - auch von tragischen  Schicksalswendungen.

Der Leser erhält ein realistisches Bild vom Alltag eines DDR-Bürgers (Jg. 1929). Gerhard Block erzählt „anfaßbar“ und mit Witz. Seine Kindheit und Jugend, den Krieg erlebte er in einfachen ländlichen Verhältnissen in Großwusterwitz. Sein Vater war Sozialdemokrat und blieb in der Nazizeit unbeirrt bei seiner antifaschistischen Haltung. Damit ohne viel Worte den Sohn nachhaltig prägend. Auch für das Überstehen der letzten Kriegsjahre, als ihn, noch halb Kind, die Nazis zur „Wehrertüchtigung“ für ihren Endsieg nötigten. Block wurde Lehrling bei der Post. Mit einer Unterbrechung verblieb er bei ihr bis zur Abwicklung in den „Vorruhestand“ 1990. Seine Laufbahn begann als Zusteller und führte ihn in verschiedenen Bereichen zu Leitungsaufgaben. Ich bekenne, mit meinem lebhaftem Briefwechsel zwar intensiver Postkunde zu sein – mir aber noch nie eine plastische Vorstellung gemacht zu haben, mit welchen kräftezehrenden Anstrengungen die Postarbeiter mir und anderen Postkunden zu Diensten sind. Block schildert sie. Großer Respekt und Hochachtung! Nicht nur für die Bediensteten der Post zeigt Blocks Büchlein, wie wichtig für es ein realistisches Geschichtsbild ist, den „Alltag des Volkes“ zu beschreiben. Jürgen Kuczynski würde ihn in entsprechenden Büchern gewiß ausführlich zitiert haben. Für das Thema „DDR konkret“ ist ergiebig, was über Schwierigkeiten, über Leitungsmechanismen, über Schein und Wirklichkeit, sowie über Tricks zur Erfüllung unrealistischer Pläne notiert ist. (Beispiel: Der DDR-Post oblag bekanntlich das Monopol des Vertriebs von Zeitungen und Zeitschriften. Mit jährlich erhöhtem, doch irrealen Plansoll. Bei Nichterfüllung weniger Prämie. Ausweg: Einen übergroßen Posten einer Zeitung bestellen, ihn als Altpapier verkaufen und dafür mehr einzunehmen, als regulär in den Prämienfond gekommen wäre.)

 

Blocks Postlaufbahn war durch einige Jahre bei der Auslandsaufklärung der DDR unterbrochen (1957 bis 1964). Die Hauptverwaltung Aufklärung des MfS (HVA) entdeckte und gewann den jungen entwicklungsfähigen Kader und warb ihn für die operative Arbeit in der Bundesrepublik. Interessant zu lesen, was Block über seine Ausbildung für das „Duell im Dunkeln“ des Kalten Krieges beschreibt: Übungen, Legenden, französische Sprachausbildung, Funken, Schreiben mit Geheimtinte, Fotoarbeit u.a. Er wurde ein „Resident“ der HVA, wohnend im badischen Mannheim. Doch zuvor schlüpfte er in die Existenz eines Doppelgängers, der nach Gefangenschaft und Zivildienst aus Frankreich in die DDR übergesiedelt war. Er beschreibt, wie er sich auf die Übersiedlung vorbereitete. Seine Legende beruhte auf dem realen Leben seines Doppelgängers. Mit dessen Lebensstationen in Frankreich hatte er sich vordem bekannt gemacht. Von Frankreich nach Mannheim einreisend legalisierte sich Gerhard Block als Arbeiter. Zunächst als Kranfahrer im BBC-Konzern, dann in einem Schuhgroßhandel. Auch hier wieder plastische und differenzierende Schilderung der sozialen Verhältnisse in den westdeutschen Betrieben. „Resident“ – das war nicht der Bewohner einer vornehmen Residenz, sondern einer, der in der Tarnung eines „normalen“ Bundesbürgers Aufgaben des nachrichtendienstlichen Verbindungswesens zwischen der Zentrale und anderen Aufklärern im „Operationsgebiet BRD“ erfüllte.

Block wurde, zusammen mit seiner ebenfalls im HVA-Dienst stehenden Frau, Opfer eines Verrates. Beide kamen in Haft und wurden verurteilt. Block skizziert seine damaligen Hafterlebnisse. Vernehmungen und zwei Jahre Haft waren eine schwierige Zeit. Zwar wurde ihm ein guter Anwalt vermittelt, aber im übrigen blieb er völlig auf sich allein gestellt. 1962 gab es noch keine Ständige Vertretung der DDR in Bonn, die ihn – wie das später selbstverständlich war – hätte betreuen können. Um so ärger belasteten ihn die damaligen Haftbedingungen: „Täglicher Stumpfsinn“ in einer primitiven Zelle, streng isolierende Einzelhaft, keine Beschäftigung, keine Zeitungen, Zeitschriften oder Bücher, viele Monate kein Briefwechsel mit den Verwandten. Immerhin: mit einem aus Pappstücken gebasteltem Schachspiel und mühseliger Verständigung über das Abflußrohr des Waschbeckens Schach mit dem Zellennachbarn, stillschweigend geduldet von den Wärtern. Dieses Haftregime dauerte sogar bis in den normalen Strafvollzug. Eingaben blieben ungehört. „Isolationsfolter“ ist Blocks berechtigte Feststellung. Endlich, mit Minimalvergütung, das Kleben von Papiertüten.... Freiheit und Rückkehr in die DDR im Rahmen des damaligen „Agentenaustausches“. Im Kalten Krieg gab es zwei Partner, hätten sie nicht in einen Wettbewerb treten können, wer die inhaftierten Agenten der anderen Seite humaner behandelt? Von humaner Behandlung auch bei der Rente keine Rede: Block gilt trotz bezahlter Beiträge für seine Haftzeit als nicht rentenversichert. Gilt das auch für die rückgetauschten Westagenten?

Wolfgang Hartmann

 

Gerhard Block:

Verraten und verkauft

Memoiren eines Unverbesserlichen

Nora, Berlin 2004, 144 S. 12,50 €