28.09.2002  Junge Welt

 

 

Gerhard Bengsch

 

Kein Rauch ohne Feuer

Oder: Keine Abwehr ohne Angriff

 

Dieser Lebenslauf ist gewissermaßen »klassisch«: Manfred Bols, Jahrgang 1941, Sohn einer bei Kriegsende aus Königsberg ins sächsische Braunkohlenrevier geflüchteten Soldatenwitwe, wächst unter ärmlichen Nachkriegsbedingungen auf. Die Mutter zieht Bilanz aus ihrem Leben und wird Mitglied der SED. Der Sohn wird Junger Pionier. Er übernimmt Funktionen in der FDJ und meldet sich freiwillig zur NVA. An der Uni Leipzig studiert er Marxismus-Leninismus und Geschichte und macht sein Diplom. Nun könnte er Lehrer oder, seiner Neigung folgend, Journalist werden. Aber da klopft das Ministerium für Staatssicherheit an seine Tür und bietet ihm Mitarbeit in der Hauptabteilung Aufklärung der Bezirksverwaltung Leipzig an.

 

Der Fünfundzwanzigjährige sagt Ja. Er bewundert den legendären Richard Sorge und hält es mit Lenin: »Eine Revolution ist nur was wert, wenn sie sich zu verteidigen versteht.« So stellt er mit seiner Verpflichtung 1966 die Weichen für sein künftiges Leben, über das er im Jahre 2002 rückblickend schreiben wird: »Jeder Mensch sollte wissen, daß die Folgen nicht kalkulierbar sind, wenn er sich mit einem Geheimdienst einläßt.«

 

In unaufmerksamen Ohren könnte das nach Reue oder nachträglichem Bedauern klingen. Dieser Eindruck wäre falsch. Bols bleibt bei seiner Meinung, daß die Angriffe westdeutscher, amerikanischer und ähnlicher Geheimdienste auf die staatliche Sicherheit der DDR deren Abwehr zur unvermeidlichen Folge hatte. Kein Rauch ohne Feuer, keine Abwehr ohne Angriff – das ist nicht nur eine physikalische Tatsache.

 

Was aber nicht heißt, daß der Autor seine und seiner Genossen Tätigkeit kritiklos schildert. Beispiele: An der Basis habe in den Parteigruppen des MfS eine solide innerparteiliche Demokratie bestanden, behauptet er. »Je weiter man jedoch nach oben kam, um so dirigistischer wurden die Wahlveranstaltungen... Alle Diskussionsbeiträge waren vorbereitet, kontrolliert und abgesegnet worden.« Oder an anderer Stelle, ein bißchen salopp: »Honecker läßt einen Furz, und wir müssen rennen.«

 

Nun, so war das sicher nicht nur im MfS, sondern – zum Schaden des Sozialismus – auch in anderen Bereichen ministeriellen und behördlichen Alltags der DDR. Wobei ich allerdings nicht glaube. daß es sich um eine DDR-Spezialität gehandelt hat. Die Furze höherer Chargen haben auf allen Kontinenten und in allen Gesellschaftsformen die gleiche unangenehme Wirkung. Nur selten bringen Untergebene den Mut auf, ihren Vorgesetzten zwecks Vermeidung übler Gerüche beizeiten in den Hintern zu treten. Laut Statut wär’s in der SED Pflicht gewesen. Aber was sind Statuten...

 

Glücklicherweise und zur Erbauung des Lesers läßt es Bols nicht bei der Erörterung solcher Grundsatzfragen. Aus seiner Praxis als Aufklärer und Führungsoffizier erzählt er spannende Geschichten, die, wie man so sagt, »das Leben schrieb«. Manche sind ernst, denn der Einsatz an der stillen Front hatte durchaus seine ernsten Seiten, und manche sind so heiter, daß sie die Fabel für Filmkomödien liefern könnten. Da gab es zum Beispiel in Leipzig einen Genossen Oberwachtmeister der Volkspolizei, bislang glücklich verheiratet, Vater eines Sohnes. Eines Tages wurde der brave Mann zur Aufnahme eines Verkehrsunfalls gerufen, den eine Bardame aus Chicago verursacht hatte, als sie während der Messe ihre Leipziger Verwandtschaft besuchte. Der höfliche Oberwachtmeister besorgte der Amerikanerin einen Abschleppwagen und beriet sie in Versicherungsfragen. Dankbar lud sie ihn zum Kaffee und später zu mehr ein. Natürlich geriet die heimliche Liebe bald ins Blickfeld der Sicherheit, die die Chance witterte, von langer Hand in Chicago eine Filiale aufzubauen. Die Pointe verraten wir nicht.

 

Auch beim mehrjährigen Auslandseinsatz in Tansania hatte Bols als Konsul (und Offizier im besonderen Einsatz) Erlebnisse, die er farbig und mit flüssiger Feder beschreibt. Geheimdienstarbeit unter afrikanischer Sonne, Kontakte mit befreundeten und Berührungen mit weniger befreundeten »Diensten« – das liest sich informativ und unterhaltsam.

 

Weniger unterhaltsam, dafür um so informativer wird dieser Lebensbericht in jenen Kapiteln, in denen der Autor – nun wieder in Leipzig und Vize-Chef der Leipziger Hauptverwaltung Aufklärung – die Zeit der heranreifenden, sich rasch zuspitzenden Krise der DDR beschreibt. Aus nächster Nähe und mit interner Kenntnis der Zusammenhänge erlebte er, was in den Wirren der sogenannten Wende geschah. Zu einigen Vorgängen liefert er eine andere Perspektive. So sei die Rolle der sechs Verfasser jenes bekannten Aufrufs zur Gewaltlosigkeit, unter ihnen Kurt Masur und Roland Wötzel, der Sekretär der SED-Bezirksleitung, später maßlos übertrieben worden. Denn »sie liefen offene Türen ein. Ihr Appell, der über den Stadtfunk übertragen wurde, kam bei den Entscheidungsträgern an, als die Entscheidung schon lange gefallen war.«

 

War es so, war es anders? Es hört sich plausibel an, denn nicht nur in den freiheitlich-demokratischen Backstuben der »Heldenstadt« Leipzig wurde nachträglich zur Freude der Medien so mancher »Held« gebacken. Die CIA- und BND-Kollegen dürften es genauer wissen.

 

* Manfred Bols: Ende der Schweigepflicht. edition ost Berlin 2002, 254 Seiten, 14,90 Euro