Tageszeitung neues deutschland 20.12.2012

Bernd Fischer ber die Bruderschaft zwischen KGB und HV A

Eine Einbahnstrae

Von Helmut Mller-Enbergs

Er gehrt zu den erfahrenen Nachrichtendienstlem der DDR. Bernd Fischer ist der letzte Leiter der ostdeutschen Auslandsspionage - wenn auch nur als deren Liquidator. Nun packt der 72-Jhrige ein heies Eisen an, an dem sich bislang keiner seiner Genossen versucht hat: Was sagen Insider zum Verhltnis von KGB und MfS? Um genau zu sein: zum Verhltnis der fr Auslandsspionage zustndigen 1. Hauptverwaltung Aufklrung (HV A) und des sowjetischen Komitees fr Staatssicherheit. Die Antwort nimmt er im Titel vorweg: Die sowjetischen Geheimdienstler waren wie Der Groe Bruder.

Der muss aber nicht sonderlich nett gewesen sein, die Brderlichkeit beruhte nur bedingt auf Gegenseitigkeit. Das gesteht Oberst a. D. Fischer ein: Sicher bestand in bestimmter Weise eine >Einbahnstrae<. Dies habe insbesondere den Austausch von Erkenntnissen betroffen. Informationen sind freilich das Herzstck, das Qualittsmerkmal eines jeden Nachrichtendienstes.

Fischers Feststellung lsst sich schwerlich widersprechen. Allein im letzten Jahrzehnt der DDR reichte die HV A rund 52 000 Informationen nach Moskau, whrend von dort in diesem Zeitraum gerade einmal 13 000 auf den Schreibtischen in der Berliner Normannenstrae landeten. Das gilt selbst fr Ausarbeitungen der Analytiker des ostdeutschen Nachrichtendienstes. Whrend SED-Generalsekretr Erich Honecker nur 850 Informationen vorgelegt wurden, ging zu gleicher Zeit an das KGB mehr als das Dreifache: 2600 Analysen. Das galt laut Fischer in erster Linie fr Ergebnisse im militrischen Bereich. Das ist nachvollziehbar - zumindest teilweise. Die rund 1000 Informationen, die beispielsweise Rainer Rupp alias Topas aus dem Headquarter der NATO beschaffte, gingen nahezu vollstndig in die Sowjetunion; Honecker erhielt nur vier Mal Kenntnis von hochbrisanten Materialien.

Die Einbahnstrae galt nicht allein fr militrische, sondern ebenso fr wissenschaftlich-technische und politische Fragen. Es fllt schwer, im Sektor Wissenschaft und Technik der HV A nicht primr eine Beschaffungsstelle auch der sowjetischen Industrie zu sehen. Jedes dritte Muster, Patent oder Verfahren, das von diesem Bereich der DDR-Auslandsspionage beschafft wurde, ging an die sowjetischen Freunde. Fr jenen Sektor, so Fischer, habe ein speziell dafr eingesetzter Offizier die Wnsche der sowjetischen Seite formuliert. Und auch jede zweite Information aus Bundeskanzleramt und aus den Bundesministerien landete in der Moskauer Lubjanka. So gesehen arbeitete das inoffizielle Netz der HV A faktisch berwiegend dem KGB zu.

Das betraf auch vielfach die ostdeutsche Spionage in diplomatischen Vertretungen der DDR im westlichen Ausland. Die Residenten, wie die Vertreter der HV A vor Ort hieen, stimmten sich im zumeist wchentlichen Rhythmus mit ihren sowjetischen Pendants ab. Fischer meint zwar, dass sich in den meisten Fllen die sowjetische Seite als die erfahrenere, also die Gebende erwiesen habe, doch darf dabei nicht bersehen werden, dass diese sich mit allen nachrichtendienstlichen Partnern des sozialistischen Lagers verstndigte, whrend Residenten der HV A wesentlich die 1. Hauptverwaltung des KGB bedienten.

Das Selbstbewusstsein innerhalb der HV A wuchs enorm angesichts ihrer operativen Erfolge. Enttuscht und auch verbittert sei man dementsprechend gewesen, als sich die HV A in Liquidation befand und Moskau nichts unternahm, um unsere Mitarbeiter und unsere Kundschafter in der Bundesrepublik vor strafrechtlicher Verfolgung zu schtzen, wie sich Generaloberst a. D. Werner Gromann im Vorwort zu Fischers Buch erinnert. Die nachrichtendienstliche Einbahnstrae war bis zuletzt keine nur gefhlte Fiktion.

Bernd Fischer: Der Groe Bruder. Wie die Geheimdienste der DDR und der UdSSR zusammen arbeiteten. Band 7 der Reihe Geschichte der Hauptverwaltung A Edition Ost, Berlin 2012. 224 S., br., 14,95 .