MfS-Zeitzeugen – für wen und warum unbequem?

Die „jungeWelt“ hatte am 4. September erneut zu einer Buchvorstellung zur MfS-Thematik in ihre Ladengalerie eingeladen. Wie zu erwarten, kamen viele, darunter auch zahlreiche Mitglieder der GRH und ISOR, die sich – wie bei derartigen Veranstaltungen von der jW erbeten – rechtzeitig angemeldet hatten. Lektor und Verleger Frank Schumann moderierte die Erstpräsentation des Buches „Unbequeme Zeitzeugen. Erinnerungen von MfS-Angehörigen“. In seinem „Verlag am Park“ kam es Ende Juli auf den Markt (ISBN 978-3-945187-08-17).

Dr. Reinhard Grimmer, mit Dr. Wolfgang Schwanitz einer der beiden Herausgeber, erläuterte das Anliegen des Buches und stellte in Kurzfassung die Beiträge vor. Das Buch verkörpert, verglichen mit solchen im Sachbuchstil, wie u. a. „Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS“, „Fragen an das MfS“ und mit anderen einschlägigen Sachbüchern zum Thema MfS, eine andere Art des Schreibens. 15 ehemalige Mitarbeiter des MfS – darunter eine Frau – sowie Dr. Hans Reichelt, ehemaliger Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates der DDR und Minister für Umweltschutz und Wasserwirtschaft der DDR, sind die Autoren von 16 sehr unterschiedlichen Beiträgen, die auf 485 Seiten höchst aktuelle Zeitgeschichte behandeln. Unter dem Titel „Unbequeme Zeitzeugen“ kommen Autoren zu Wort mit persönlichen Darstellungen ihrer Motive zur Tätigkeit im MfS, ihres gesellschaftlichen und familiären Umfeldes. Das wird eingebettet in spannend beschriebene konkrete operative Tätigkeiten gegen Feinde der DDR, in Erfolge aber auch Niederlagen, in das Spannungsfeld von treuer Pflichterfüllung und aufkommenden Zweifeln bzw. Vorbehalten zu zentralen sicherheitspolitische Entscheidungen besonders Ende der 80er Jahre.

Von den Autoren sprachen Harry Mittenzwei und Gerd Vogel vom Podium aus über in ihren Beiträgen behandelte Operative Vorgänge. Mittenzwei berichtete über die Liquidierung einer CIC-Filiale in Westberlin, in der und für die, wie auch in anderen westlichen Geheimdiensten, Altfaschisten bis hin zu Nazi-Verbrechern tätig waren. Und er verwies darauf, dass dieser operative Erfolg vor allem dank erfolgreicher Zusammenarbeit mit nahezu 100 Inoffiziellen Mitarbeitern erzielt werden konnte. Vogel sprach über die Bearbeitung eines Sabotage-Vorgangs unter dem Titel „Der Turbinenpapst“. In der folgenden Frage-Antwort-Stunde sprachen Helga Plache, Dr. Fritz Hausmann und Kurt Zeiseweis. Sie taten das engagiert, betont sachlich, mit hohem Faktengehalt und authentisch. Ebenso Dieter Skiba, der die Behauptungen von Frau Lengsfeld, ehemalige Nazis seien nicht nur in westlichen Geheimdiensten, sondern zu Hunderten auch „bei der Stasi“ gewesen, mit dem Argument konterte, dass tatsächlich Hunderte Nazis beim MfS waren – aber nicht als Mitarbeiter, sondern als Untersuchungshäftlinge wegen ihrer Verbrechen. Sie saßen auch in Hohenschönhausen ein, worüber in der dortigen „Gedenkstätte“ aber nicht informiert wird. Dieses überzeugende Auftreten nicht nur aus den Reihen der Autoren war sehr wesentlich für den Verlauf und den Erfolg der Veranstaltung. Das umso mehr, weil einige „Aufarbeiterinnen und Aufarbeiter“ um Frau Lengsfeld mit lautem Schreien und Zwischenrufen, mit bekannten Parolen und Hasstiraden offenkundig nur erschienen waren (wie schon bei anderen Präsentationsveranstaltungen zum Thema MfS), um den Akteuren und Zeitzeugen des MfS ins Wort zu fallen und die Veranstaltung zu stören. Sekundiert wurden sie von „Losungsträgern“, die sich vor der Galerie auf der Straße postierten und artikulierten. Übrigens auch mit einer Losung gegen „Geschichtsfälscher“. Das nahmen einige Autoren zum Anlass, unter Bezug darauf ihre Sicht auf ein objektives Geschichtsbild darzustellen und damit Beifall der übergroßen Mehrheit der Teilnehmer bekamen.

Zielperson der lautstarken Hetze war vor allem Helga Plache, die das Wort ergriffen hatte, um den hysterischen Schreihälsen durch eine betont sachliche und konkrete Darstellung ihres Handelns als ehemalige Mitarbeiterin der Hauptabteilung Untersuchung im MfS, wie im Buch ausführlich beschrieben, entgegenzuwirken. Sie verwies darauf, dass sie in ihrem Beitrag über jene vier Fälle geschrieben hat, in denen sie sich im Auftrage der DDR-Staatsanwaltschaft um die von republikflüchtigen Eltern im Stich gelassenen oder gesundheitlich gefährdeten Kleinkinder kümmern musste und wie sie das in deren Interesse verantwortungsbewusst getan hat. Ein anwesender Journalist der Springerpresse erfüllte zwei Tage später seinen VerBILDungs-Auftrag, verbunden mit üblen Verleumdungen, Lügen, Unterstellungen und Verdrehungen – wie gewohnt. Der Buchpräsentation tat das keinen Abbruch, im Gegenteil, sie war m. E. besonders erfolgreich. Anschaulich wurde deutlich, für wen und warum die Autoren nicht nur „Unbequeme Zeitzeugen“, sondern offenkundig für notorische Geschichtsklitterer und solche, die mit Geschrei, Geschichte im Sinne des herrschenden Zeitgeistes „aufarbeiten“, sogar gefährlich sind. Deshalb mein Dank an Helga Plache, an die Autoren und Herausgeber. Sie haben unsere Solidarität und Verbundenheit verdient.

Dem Verleger und den Herausgebern ist zuzustimmen – die Texte im Buch weisen unaufgeregt und sachlich nach: Hier wird deutsche Geschichte dokumentiert. Für heute, vor allem aber für die nachfolgenden Generationen. Möge das Buch ein weiterer Bestseller werden in der inzwischen stattlichen Bibliothek objektiver Editionen zum Thema MfS und Sicherheit der DDR.               

Wolfgang Stuchly