Neues Deutschland

ND vom 30.12.2004

»Wir hatten sie besiegt«

Die Anekdoten des CIA-Agenten Milton Bearden

Von Klaus Eichner

In den letzten Jahren meldeten sich Scharen von Insidern zu Wort, die einen Blick hinter die Kulissen der Arbeit der Geheimdienste in Ost wie West versprachen. Manche Einblicke trugen in der Tat zu mehr Transparenz und einiger Aufklärung bei. Andere hingegen, vor allem jene Werke, die aus der Pose der Sieger verfasst wurden, weniger bzw. gar nicht. Einige gar versuchen noch im Nachhinein Desinformationen zu lancieren. Das trifft teils auch auf das vom Ex-Geheimdienstmann Milton Bearden und dem Journalisten James Risen verfasste Buch zu.

Skepsis ist sicher generell angebracht, wenn ehemalige Agenten »plaudern«. Ein Leser mit Insiderkenntnissen wird jedenfalls schnell über die »Stories« in diesem Buch zum Ende des DDR-Auslandsgeheimdienstes, der HVA, stolpern. Verwundert reibt sich der Wissende die Augen, wenn er Beardens abenteuerliche Version liest über den Versuch der CIA, den Abteilungsleiter USA der HVA mit einer Million Dollar zu kaufen: Während des hierzu eingeleiteten Treffens in der Wohnung von Jürgen Rogalla sei plötzlich HVA-Chef Werner Großmann aus seinem Versteck hinter einem Vorhang hervorgetreten. Eine Räuberpistole, der bereits widersprochen worden ist.

Zweifellos, Bearden bietet sehr interessante Einblicke in CIA-Aktivitäten zur Zeit der sowjetische Invasion in Afghanistan, in das Zusammenwirken mit den Spitzen des pakistanischen Geheimdienstes, mit den Warlords in Afghanistan etc. Von August 1986 bis August 1988 war er als Koordinator verdeckter CIA-Operationen vor Ort, vorwiegend in Pakistan. Es galt Reagans Entscheidung: »Wir sind da, um zu gewinnen!« Dafür stellten die USA denn auch im Haushaltsjahr 1986/87 eine halbe Milliarde Dollar zur Verfügung, eine gleiche Summe kam aus Saudi-Arabien.

Leider umgeht Bearden die Frage nach den Konsequenzen dieses Engagements in Afghanistan: der Etablierung der Taliban-Herrschaft. Er begnügt sich mit einem zynischen Kommentar: »Die romantischen Freiheitskämpfer von gestern waren die verlotterten Mordgesellen von heute.«

Interessante Informationen bieten seine Enthüllungen über einen geheimen Kanal zwischen KGB und CIA unter der Deckbezeichnung »Gawrilow«, der 1983 auf Initiative des KGB eingerichtet worden war - mit dem Ziel, drohende Krisen zwischen den beiden Nachrichtendiensten zu entschärfen und eventuell nach möglichen gemeinsamen Interessen zu suchen. Als die Reagan-Administration diesen back channel jedoch für diffizile diplomatische Fragen nutzen wollte, fror die sowjetische Seite diesen für einige Jahre ein. Im Zuge der Ereignisse 1989 sollte der Kanal für zwei Jahre wieder eine Rolle spielen. Wenn Beardens Berichte stimmen, dann hatte die CIA ab Mitte der 80er Jahre offenbar in Moskau engere und ertragsreichere Beziehungen zum KGB als das MfS der DDR.

Das Ende des Realsozialismus erlebte Bearden an entscheidender Stelle - als Leiter der Abteilung Sowjetunion/Osteuropa im Direktorat für Operationen der CIA (von 1989 bis Ende 1991). Was sich mit dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan schon abzeichnete, setzte sich mit dem raschen Zerfall der »sozialistischen Staatengemeinschaft« in Europa fort, bemerkt er. »Gorbatschow und seine Konsorten hatten nachgerade leichtfertig erklärt, die UdSSR wolle ihre paternalistische Verantwortung für die sozialistischen Bruderstaaten in Osteuropa aufgeben. Von nun an müssten sie auf eigenen Beinen stehen. Jeder sei für sich selbst verantwortlich, hatte die neue Troika (Gorbatschow, Schewardnadse und Jakowlew; K.E.) beschlossen, und schon nach kurzer Zeit gerieten die Dinge aus den Fugen Über die Geschehnisse in der DDR 1989 ist Bearden nicht gut informiert. Offensichtlich war seinerzeit Washington über die Wende in Ostdeutschland früher und genauer durch CNN als von der CIA unterrichtet worden. Bemerkenswert ist seine Mitteilung, dass es damals eine Anfrage des US-Präsidenten an den CIA-Direktor gab, ob dessen Leute vor Ort, also in Ostberlin, nicht auch einige der Geheimakten des MfS, die dort angeblich aus den Fenstern flatterten, aufgesammelt hätten. Und ob Mitarbeiter der CIA-Residentur sich nicht an der Aktenfledderei beteiligen könnten.

Ausführlich rekapituliert Bearden die Informationslage der CIA während des Putschversuches in Moskau im August 1991. Allerdings wird auch aus diesen Darlegungen nicht ersichtlich und schon gar nicht begreiflich, wie der angebliche Staatsstreich von doch erfahrenen Führungskräften der Sowjetarmee und des KGB so dilettantisch vorbereitet und durchgeführt werden konnte. Fakt ist, dass auch in diesem Fall die Spitzen der US-Administration besser durch CNN als durch Briefings der CIA informiert wurden. Was einmal mehr die Frage nach dem Nutzen von Geheimdiensten aufwirft.

Bearden bietet auch Anekdoten über Anbieter, Verräter und Überläufer beider Seiten. Für die Sowjetunion besonders schmerzhaft war die sechsjährige Agententätigkeit des Mitarbeiters eines militärischen Forschungsinstitutes, Adolf Tolkatschow, für die CIA. Doch auch der KGB konnte über Jahre von Anbietern in exponierten Stellungen der Spionageabwehr der CIA und des FBI profitieren, namentlich von Aldrich Ames und Robert Hanssen. Dank jenen gelang es de facto, das gesamte Agentennetz der US-Geheimdienste in der Sowjetunion zu enttarnen sowie auf Fälle aufmerksam zu werden, wo der Verdacht einer Bearbeitung durch die Spionageabwehr der USA bestand. Hanssens Enttarnung Anfang 2001 löste dann das größte »Diplomatenkegeln« seit 1986 zwischen Russland und den USA aus: Etwa 50 Diplomaten müssten das jeweilige »Gast­land verlassen.

Das Resümee von Beardens Erinnerungen: »Das, was wir den Kalten Krieg genannt hatten, war vorbei. Und ich war froh. Wir hatten die Sowjets nicht vom Platz gefegt, bestimmt nicht. Aber wir hatten sie besiegt. Unsere Gegner vom KGB waren fähig gewesen. Wir waren ihnen vielleicht nicht überlegen, aber unser System war es, und möglicherweise waren wir zumindest gut genug gewesen

Milt Bearden/James Risen: Der Hauptfeind - CIA und KGB in den letzten Tagen des Kalten Krieges. Siedler Verlag, München 2004. 736S., geb., 28 Euro.