„Neues Deutschland“, 27.10.2005

 

Agenten und Emigranten - Operationsgebiet Chile

Dankbarkeit bis zuletzt

Von Ronald Friedmann

Der 11. September war eine historische Zäsur, lange bevor Terroristen das World Trade Center in New York angrif­fen: Am 11. September 1973 putschte in Chile das Militär, der demokratisch gewählte Präsident Salvador Allende und Tausende Mitkämpfer wurden ermordet, Zehntausende chilenische Demo­kraten eingekerkert oder ins Exil getrieben. Nicht nur für Millionen Chilenen, für Menschen in aller Welt hatte sich mit Allende und der Unidad Popular die Hoffnung verbunden, dass es einen friedlichen Weg zu einer neuen Gesellschaft geben könnte. Die Hoffnung wurde blutig zerschlagen.

Die DDR hatte vom ersten Tag an der Regierung Allende umfassende Hilfe und Unterstützung geleistet, mehr als jeder andere so­zialistische Staat, vielleicht mit Ausnahme Kubas. Auch und gerade nach dem Putsch spielte die Solidarität mit dem chilenischen Volk eine große Rolle. Es ist das Verdienst des vorliegenden Buches, bisher unbekannte Aspekte dieser Solidarität für die Öffentlichkeit er­schlossen zu haben. Zehn Autoren, die nicht nur Zeugen jener Ereignisse, sondern Akteure waren, berichten über die Ursprünge der besonderen Beziehungen, über das politische, wirtschaftliche und wissenschaftlich-technische Engagement der DDR in den Jahren der Allende-Regierung und darüber, wie DDR-Bürger die Tage und Wochen unmittelbar nach dem 11. September 1973 in Chile erlebten.

Vor allem aber berichten sie spannungsreich und detailliert darüber, wie nach dem Putsch die DDR-Botschaft Zufluchtsort für verfolgte Kommunisten und Sozialisten wurde, wie geheime Kommunikationslinien aufgebaut und unterhalten wurden, die den Kontakt zwischen den Widerstandsgruppen in Chile und den Auslandsleitungen der Parteien der Unidad Popular ermöglichten, und nicht zuletzt, wie der damalige Generalsekretär der Sozialistischen, Partei, Carlos Altamirano, buchstäblich in letzter Minute aus Chile herausgebracht wurde. Zwangsläufig mussten sich die Autoren mit der Rolle westlicher Geheimdienste, insbesondere der USA, vor und während des Putsches befassen. Auch die Rolle der BRD-Botschaft wurde einer kritischen Bewertung unterzogen. Zwei ehemalige BND-Mitarbeiter, die Informationen an die HVA geliefert hatten und dafür nach 1989 viele Jahre in Haft verbrachten, schildern, was in Pullach über die Putschpläne gegen Allende bekannt war. Das Buch erhebt nicht den Anspruch, Chile aus der Sicht der DDR-Außenpolitik generell zu behandeln, es beschränkt sich vor allem auf geheimdienstliche Aspekte und die Zeit um 1973.

Die Beziehungen zwischen der DDR und Chile hatten viele weitere spannende Facetten und reichten in gewisser Weise über das Ende der DDR hinaus. Im Sommer und Frühherbst 1989, also noch während der Amtszeit Pinochets, wurden Verhandlungen zur Herstellung konsularischer Beziehungen aufgenommen. Dabei ging es keineswegs darum, wie gelegentlich kolportiert wird, dass Honecker lediglich eine zuverlässige Postverbindung zu seiner Tochter haben wollte, die zu jenem Zeitpunkt bereits seit einem knappen Jahr mit ihrem chilenischen Ehemann in Santiago lebte. Überraschend für die Beteiligten auf DDR-Seite war, dass das Komitee der antifa­schistischen Widerstandskämpfer Protest gegen diese Verhandlungen erhob, ein Vorgang, wie es ihn zuvor nur 1974 gegeben hatte, als man diplomatische Beziehungen zu Franco-Spanien einging.

Mit großer Aufmerksamkeit und Besorgnis begleitete man in Chile die »Wende« in der DDR. Als ich im Oktober 1989, wenige Tage
nach dem Ende der Ära Honecker, in Chile mit Vertretern der dortigen Opposition zusammentraf, wurden mir viele Fragen nach dem persönlichen Schicksal Honeckers gestellt, der in Chile wegen einstigen solidarischen Engagements großes persönliches Ansehen genoss. Vor allem auch fragte man mich nach dem Schicksal der DDR und des Sozialismus.

Am 11. März 1990, am Tag, an dem die Diktatur in Chile offiziell endete, nahmen die DDR und Chile diplomatische Beziehungen auf -ein letztes Mal vereinbarte der ostdeutsche Staat mit einem anderen Staat den Austausch von Botschaftern. Ebenfalls im März 1990 wandten sich zahlreiche prominente linke Politiker Chiles, unter ihnen Luis Corvalan, Gladys Marin, Clodomiro Almeyda und Carlos Altamirano, an den Generalstaatsanwalt der DDR, um ihre Besorgnis hinsichtlich des Umgangs der ostdeutschen Behörden mit früheren Politikern des Landes, vor allem Honecker und Hermann Axen, zum Ausdruck zu bringen. Eines der letzten Kapitel der Beziehungen DDR-Chile schrieb Clodomiro Almeyda: Als chilenischer Botschafter in Moskau gewährte er Honecker diplomatisches Asyl, bis der Druck der BRD auf seine Regierung ihn zwang, den Ex-Partei-und Staatschef auszuliefern. Doch das gehört in ein anderes Buch.

Gotthold Schramm (Hg.): Flucht vor der Junta. Die DDR und der 11. September. Edition Ost, Berlin 2005. 224 S., geb., 14,90 €.