Operationen des BND gegen die DDR:

Grüße aus Pullach

Von Klaus Eichner

Dass die Grüße, die DDR-Bürger vom BND erhielten, nicht schön waren, daran lässt der Autor, Helmut Wagner, keinen Zweifel. Er beschreibt aus seinen Erfahrungen als Spezialist der Spionageabwehr im MfS der DDR aggressive und teils ziemlich dilettantische Spionageangriffe des Auslandsnachrichtendienstes der BRD gegen die DDR und ihre Bürger.

Zunächst weist er im Einklang mit mannigfachen anderen Publikationen (auch westdeutscher Provenienz) die nahtlose Entstehung des BND aus einem faschistischen Wehrmachtsgeheimdienst (»Fremde Heere Ost«) nach sowie die politische, nachrichtendienstliche und personelle. Kontinuität der nationalsozialistischen und bundesdeutschen Geheimdienstszene nach. In Prozessen vor dem Obersten Gericht der DDR bereits Anfang der 50er Jahre konnte am Beispiel überführter westdeutscher Agenten die Durchsetzung der »Organisation Gehlen« - erst 1956 wurde diese von Adenauer und Globke als Bundesnachrichtendienst (BND) zum offiziellen Auslandsnachrichtendienst der BRD »gekürt« - mit hochrangigen Vertretern der Gestapo, des SD, des Amtes Ausland/Abwehr und anderer Gliederungen des faschistischen Gewaltapparats nachgewiesen werden. In diesem Kontext verwundert um so mehr die heute vorherrschende Einäugigkeit der Geschichtsschreibung, in der die westlichen Geheimdienste die »guten Verteidiger einer Demokratie«, die östlichen Geheimdienste aber die >bösen Dienste einer Diktatur« waren.

Helmut Wagner rückt historische Zusammenhänge aus den vierzig Jahren des geheimdienstlichen Kampfes zwischen der BRD und der DDR wieder in das Blickfeld. Er enthüllt mit vielen Details, was hinter den oft trockenen Meldungen von ADN, der Nachrichtenagentur der DDR, über die Festnahme oder Verurteilung eines Agenten »eines ausländischen Geheimdienstes« steckte und welche Operationen der Spionageabwehr zu diesen Ergebnissen geführt hatten. Wagner agitiert nicht, er beschreibt eine Facette der deutsch-deutschen Beziehungen. Er lässt auch in vielen Passagen erkennen, dass er Maßnahmen der eigenen Seite, bestimmte Entwicklungen im Ministerium für Staatssicherheit der DDR, heute sehr kritisch betrachtet. Mit fundierten Kenntnissen über einige Verräter aus dem MfS räumt er auch mit einigen Legenden aus der Zeit nach der »Wende«, so z. B. über die Erstürmung der MfS-Zentrale am 15. Januar 1990.

Das Buch schließt eine weitere Lücke in der ziemlich dünnen Decke der Darstellungen von Aspekten der Geheimdienst arbeit in Deutschland aus Sicht der DDR- Seite. -Zusammen mit den Erinnerungen ehemaliger Kundschafter der DDR (z. B. Gabriele Gast: »Kundschafterin des Friedens«, Karl Gebauer: »Doppelagent«), den Enthüllungen von Dissidenten aus den BRD-Geheimdiensten (z. B. Hansjoachim Tiedge: »Der Überläufer«) sowie den Publikationen deutscher Geheimdienstexperten (Erich Schmidt-Eenboom oder Udo Ulfkotte) kann sich der interessierte Leser ein Bild des Kalten Krieges in Deutschland auf dem nicht unbedeutenden Sektor des Geheimdienstkrieges verschaffen. Das wird dem Leser helfen, auch gegen den Mainstream deutscher Geschichtsbetrachtung anzudenken.

Leider wurden auch bei diesem Buch des Verlages Edition 0st einige wesentliche Aspekte guter Verlagsarbeit - Index über Personen und Vorgänge, lektorale Betreuung - den Zwängen der marktwirtschaftlichen Buchproduktion geopfert.

Helmut Wagner: Schöne Grüße aus Pullach -Operationen des BND gegen die DDR Edition Ost, Berlin 2000. 239 S., br., 24,80 DM Ende August im Buchhandel Vorbestellungen beim ND-Bücherservice.

Ouelle: ND 21.Juli 2000, S.13