Tageszeitung neues deutschland, 12.03.2014

Nicht die berlufer - Rosenholz war's

Bernd Fischer informiert ber das letzte halbe Jahr des DDR-Auslandsnachrichtendienstes und das Bemhen um Quellenschutz

Mit dem 9. November 1989 war alles anders - auch fr den Auslandsnachrichtendienst der DDR namens Hauptverwaltung Aufklrung (HVA). Was wrde aus ihm werden? Konnte er sich aus dem Scho des Ministeriums fr Staatssicherheit lsen, fortsetzen, was er bisher tat, aber als schlanke Variante? Ein kurzer Hoffnungsschimmer, der mit dem 15. Januar 1990 blasser wurde. Das endgltige Aus erfolgte am 23. Februar 1990. Danach gab es bis zum 20. Juni 1990 nur eine Aufgabe: Quellen schtzen, Akten vernichten und den Mitarbeitern eine Perspektive vermitteln, soweit das noch ging. Am 30. Juni 1990 schlielich war alles gelaufen.

Das ist das historische Zeitfenster, dem sich Oberst a. D. Bernd Fischer widmet - als Zeitzeuge. Denn er war der hchst engagierte Leiter der HVA in Liquidation. Der Versuch eines Neuanfangs bestand darin, die 1. Hauptverwaltung des KG B dazu zu bewegen, ihren Beitrag zum Schutz der Quellen einzubringen. Da kam nicht viel Untersttzung, abgesehen von Anatoli G. Nowikow, Reprsentant des KG B in Berlin. Auf den Groen Bruder konnte also nicht gesetzt werden, der sicherlich, was bei Fischer nicht erwhnt wird, an der einen oder anderen Quelle selbst interessiert gewesen sein drfte.

Bereits Ende Oktober 1989 sei damit begonnen worden, die Karteien des MfS von Bezgen zur HVA zu befreien, erinnert sich Fischer. Das mag so sein, aber die entscheidende Verfilmung der Personenkarteien ging erst am 28. Dezember 1989 an einen Abteilungsleiter der HVA, was angesichts der Anzahl der metallenen Transportkisten, die mit groem Aufgebot vom Archiv des MfS in den benachbarten Huserkomplex der HVA verbracht wurden, kaum zu bersehen war. Zumindest wurde der Vorgang protokolliert. Darin befand sich das, was Rosenholz genannt wird - und in Hnden der CIA berlebt hat. Wenn man von der Buchstabenfolge La, Le und Li absieht. Das, was das Netz der Kundschafter knackte, wurde offenbar doch nicht vernichtet.

Binnen Wochen schrumpfte der Bestand unter den Hauptamtlichen der HVA von 4328 zunchst auf 2923, bis zum Mrz 1990 dann auf 246. Sie hatten nun das operative Werk von knapp vierzig Jahren zu vernichten. Vielleicht legal, vielleicht nicht, das ist umstritten. Unter den letzten Mitarbeitern war auch Spitzenkader Dr. Werner Roitzsch, der bereits als Baustein unter einer anderen Feldpostnummer lief, also die bisherige Gegenseite unterrichtete. Das schmerzte, was noch ber zwanzig Jahre spter in den Ausfhrungen Bernd Fischers deutlich wird. Nur - bis Sommer 1996 haben ber einhundert Angehrige, darunter eine nennenswerte Anzahl der Abteilungsleiter bzw. ihrer Stellvertreter, doch recht kontrolliert (!) - wie auch Roitzsch - Informationen zu Quellen preis gegeben oder besttigt. Aus Sicht der Offiziersehre kein Ruhmesblatt, fr die Bundesrepublik jedoch war dies ein unschtzbarer Gewinn, der in weiten Teilen niemals ffentlich wurde. Dies blieb indes fr das Gros der Quellen im Westen folgenlos; von 1553 (glaubt man dieser Zahl) hatten nur 61 mit Haft zu ben. Von diesen wurden aber Dreiviertel erst durch Rosenholz enttarnt, so etwa der NATO-Spion Rainer Rupp alias Topas.

Binnen vierzehn Tagen wurden mit zwei Lastwagen, so Fischer, Akten der HVA vom Zentralgelnde des ehemaligen MfS verbracht - die Rume der HVA mithin besenrein verlassen. Gern htte man noch erfahren, ob es dem CIA tatschlich gelungen war, wie der unterdessen verstorbene Journalist Peter-Ferdinand Koch behauptete, einen dieser Lastwagen durch die US-amerikanische Kopierstrae zu schicken. Belegt ist das nicht, doch ahnten dergleichen die Liquidatoren?

Das Archiv der HVA und die noch aktiv genutzten Materialien lie Fischer vollstndig vernichten. Von den einstmals 67 000 operativen Vorgngen verblieben lediglich 13 400, die aber im Archiv des MfS abgelegt waren, somit dem Zugriff entzogen. Die verbliebenen Aktenvorgnge geben teils Aufschluss ber das logistische Netz. Bewusst bergab man der spteren Stasi-Unterlagenbehrde die von 1959 an bis 1989 erstellten Informationen an die Partei, worauf Fischer detailliert hinweist, und (besonders pikant) die Karteien mit dem Wissen ber die westlichen Nachrichtendienste. Zu der Zeit ahnte niemand, das auch das Verbindungsstck zwischen den Personendaten in Rosenholz und diesen Informationen berleben wrde - die Datenbanken der HVA. Im Ensemble all dessen bedeutete das die Entblung des Herzstckes eines Nachrichtendienstes - ihre Quellen und ihr Informationsaufkommen. Dennoch: Die Beweise wurden - mit wenigen Ausnahmen in den Dependancen der HVA wie in Leipzig, Gera ... - vernichtet; faktisch verblieben nur Findhilfsmittel.

Fischers Buch soll laut Ankndigung der letzte Band der verdienstvollen Reihe zur Geschichte der HVA sein, was bedauerlich ist, denn es gbe noch so viele Fragen. Wie wre es denn mit dem Alltag des Dienstes? Oder dem Umgang mit Quellen bei der operativen Arbeit?

Helmut Mller-Enbergs