"Neues Deutschland" vom 12.09.2003

 

Der Engländer

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Kein 007

 

Von Klaus Eichner

 

Die Welt der Geheimdienste fasziniert die Menschen immer wieder. Dabei sind realistische Darstellungen von Insidern der östlichen Seite immer noch ziemlich rar auf dem Büchermarkt – im Gegensatz zu pseudo-wissenschaftlichen Analysen oder reißerisch aufgemachten Fantasiegebilden, die ihre spezielle Funktion im Kampf um die Hirne der Menschen haben.

Jetzt meldet sich ein Mann zu Wort, der über Jahrzehnte hin ein Doppelleben geführt hat: das eines »normalen DDR-Bürgers« und das eines Aufklärers, der einen spezifischen Kontakt zu einer Quelle im Bundesgrenzschutz der BRD unter der Legende eines britischen Elektronik-Konzerns aufrechterhalten hat. Dabei sind das Faszinierende in diesem Buch nicht Aktionen a la James Bond, 007, sondern die logisch aneinander gereihten Maßnahmen zur Entwicklung und zum Einsatz dieser Legende - also einer »fremden  Flagge«. Die zuletzt gültige Richtlinie für die, Arbeit mit IM der Aufklärung (Richtlinie, 2/79) definiert als solche recht lakonisch: »Die Werbung unter fremder Flagge ist eine spezifische Methode, um Personen mit reaktionärer Grundhaltung unter Täuschung über den Beziehungspartner für die Lösung operativer Aufgaben des MfS zu gewinnen.«

Nachdem in Erinnerungen von ehemaligen HVA-Mitarbeitern oder Forschungsunterlagen des/der Bundesbeauftragten für Stasiunterlagen (BStU) vorwiegend theoretische Exkurse zu. dieser spezifischen nachrichtendienstlichen Methode, der Werbung und Führung einer Quelle zu finden waren, legt Wolfgang Böhme nun seinen ganz persönlichen Erfahrungsbericht über seinen Einsatz als jahrelang erfolgreicher Repräsentant einer fremden Flagge vor. Er untersetzt die Definition der Richtlinie 2/79 voll mit Leben, beschreibt sehr anschaulich die Etappen der theoretischen und praktischen Entwicklung dieser Flagge. Dabei wird auch klar, dass zu jenem Zeitpunkt (1964) in der HVA noch wenig Erfahrungen über den Einsatz dieser Methode der nachrichtendienstlichen Arbeit vorlagen.           

Detailreich, über die erste Kontaktaufnahme, die Werbung und die Entwicklung der Zusammenarbeit mit der HVA, zeichnet Wolfgang Böhme ein realistisches Bild dieser Zeit und der damaligen Vorgehensweise der HVA. Er registriert  aber auch, wie schwierig es für einen hauptamtlichen Mitarbeiter der Aufklärung ist, der noch nie selbst im westlichen Ausland war, seinen Partner für die Einsätze konkret vorzubereiten. Bei aller Gründlichkeit der Vorbereitung, vieles muss dann der Improvisation des IM vor Ort überlassen bleiben. Nach den Erfahrungen, die auch Böhme machen musste, war das auch meist der bessere Weg. Überhaupt hat der Leser den Eindruck, dass in dem von Böhme beschriebenen Vorgang sehr  viel durch den Führungsoffizier und dessen Leitung reglementiert wurde, die strengen Vorgaben »aus dem Haus« wurden aber meist vom Leben selbst korrigiert.

Wolfgang Böhme erlebt die Zeit der »Wende« in  schmerzhaft empfundener Isolation von seinen operativen Partnern, aber auch mit all den bedrückenden Auswirkungen, die viele andere inoffizielle und hauptamtliche Mitarbeiter des MS/der HVA erfahren mussten - Vernehmungen als Zeuge in Ermittlungsverfahren, Besuche durch Vertreter der bundesdeutschen Geheimdienste, Rentenkürzungen und vieles andere mehr.

 

Wolfgang Böhme: Der Engländer. Konrad Reich Verlag, Rostock 2003. 206 S., geb. 16,80€.