Neues Deutschland vom 24. Juli 2008, Seite 15 (Politisches Buch)

Heinz Geyer im Dienst der Spionageabwehr und Aufklärung

Ein geplatzter Traum

Von Teja Bernardy

 

Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, dieses Markus »Mischa« Wolf zugeschriebene Wort stellt Generalmajor a.D. Heinz Geyer seinen Erinnerungen voran. Der letzte Stabschef der Hauptverwaltung Aufklärung im Ministerium für Staatssicherheit der DDR ist vor Kurzem, am 3. Juni, verstorben; gut, dass er seinen Lebensreport noch rechtzeitig abgelegt hat. Ein Rezensent ohne DDR-Vergangenheit, durchaus kritisch gegenüber seinem bajuwarischen Freistaat, für gewisse Zeit freiwilliges Mitglied dessen sogenannter Verteidigungsorganisation Bundeswehr, welche die Freiheit zur Zeit »so erfolgreich« wehrhaft sogar in Afghanistan verteidigt, solch Kritikaster nimmt verklärte Erinnerungen eines älteren Herrn gleich einem Magenbitter zur Brust, lauert auf die beruhigende Wirkung der als Digestif verabreichten Essenz. Und doch, mit der Faust in der Tasche behält er Bauchgrimmen nicht nur über unverdauliche Gegenwart bei.

Aufklärung, ein so oder so verteufelt Ding, hat vierzig Lebensjahre des Heinz Geyer bestimmt. Die halbe Gnade später Geburt gestattete dem 1929 Geborenen nach dem Krieg einen Neuanfang. Er lässt sich ein auf eine neue, ganz andere Ideologie. Sachlich nüchtern, fast im Stile einer summarischen Zusammenfassung als Vortage für einen ministeriellen Bericht, spult Geyer seinen Werdegang vom Friseurgesellen zum Generalmajor in der HVA ab, legt auch dabei seine Familienbande offen. Im freimütigen Bekenntnis zum untergegangenen System schildert er die Innenansicht eines mit Staatssicherheit Beauftragten, der das System seines Staates verinnerlicht hat, ihm mit Leidenschaft dient. Bei aller besonders im Westen unausweichlichen Kritik an solchem Dienen, dem sich kein Wessi für seinen Wessi-Staat je entzogen hat, dieser Dienst war für Heinz Geyer nicht nur Aufgabe, nicht nur Pflicht, sondern sein ganz persönliches und gutes Recht, zudem das gute Recht eines souveränen, völkerrechtlich anerkannten Staates, auch wenn der anderen noch so sehr mißfallen hat. Sorgfältig hangelt der Autor sich an den Daten der DDR-Geschichte und den Denkwürdigkeiten des Kalten Krieges entlang, spart die Unruhen vom 17. Juni 1953 nicht aus, nicht den Ungarn-Aufstand 1956, nicht den Mauerbau vom 13. August 1961, auch nicht den Einmarsch in die CSSR im August 1968 und die ganz persönliche »Bruderhilfe« des Heinz Geyer vor Ort, oder die »Aufklärung« im Polen der 80er Jahre. Selbst Ab- und Untergang der DDR lässt er von innen miterleben. Nebenbei jubelt er seine Sansibar-Abenteuer unter und einen Kuba-Besuch in den 70er Jahren. Nur die Kuba-Krise vom Oktober 1962 scheint entweder für seinen Staat DDR oder dessen Geheimdienste nicht stattgefunden zu haben.

Im Anschluss an die chronologische Entwicklung und der in ihr enthaltene Laufbahn eines stetigen Aufstieges erfährt der Fortgang der Erzählung einen Bruch. Der Autor verrät einige der James-Bond-Geheimnisse eher banaler Struktur und erinnert sich dankbar ihm widerfahrener Wohltaten bis hin zur Aufnahme in Mielkes Jagdgesellschaft. Es folgt das Beklagen des Untergangs seines Staates samt der staatstragenden Idee Kommunismus und im Epilog seine Abrechnung mit den neuen Machthabern. Ein Interview mit dem Herausgeber und »junge-Welt«-Redakteur, Ex-Bundeswehrsoldat und Ex-Kundschafter im Westen, Peter Wolter, zur Person Markus Wolf gelangt über Altbekanntes nicht hinaus. Der Leser klappt am Ende verblüfft das Buch zu, fragt: War's das? Nun, es ist zunächst ein nicht zu unrecht stolzer Lebensbericht. Aber auch ein Rechtfertigungsversuch, wie man ihn aus Erinnerungen von Schlapphüten aller Welt kennt. Moral und Gesetz - hin oder her. Wer Spionage grundsätzlich als unmoralisch verwirft, der tut das auch bei jener, die sich verschämt Aufklärung nannte. Einzig Friedensarbeit ist Geyer Handlungs- und persönliche Rechtfertigungsgrundlage gewesen. Gehört dazu, die illegale Benutzung von Botschaften, Konsulaten und sonstigen Auslandsvertretungen als Geheimdienstzentren in operativer Terminologie als legal zu deklarieren und den Missbrauch des Diplomatenstatus zu legalisieren? Aus dem MfS heraus, besonders aus der HVA, wurde nie Unrecht begangen - alles andere ist für Heinz Geyer Verleumdung. Zugegeben, die Stasi-Manie und die von Gauck- zu Birthler- umfirmierte Behörde, der Größte Anzunehmende Un-Sinn behördlichen Umgangs mit Akten zur Bedienung einer Propaganda noch 18 Jahre nach der Vereinigung ist unerträglich, selbst für Wessis. Aber auch heute noch vom eigenen Apparat begangenes Unrecht zu unterschlagen, ist unbefriedigend. Dabei soll keineswegs verschwiegen werden, dass der Westen eine ganze Reihe von Schweinereien drauf hatte, von denen die Stasi nicht einmal träumen durfte.

Heinz Geyer: Zeitzeichen. 40 Jahre in Spionageabwehr und Aufklärung. Kai Homilius, Berlin. 160 S., geb., 12,80 €.