Klaus Eichner

 

Kompetent und konsequent

Werner Großmanns Sicht auf die DDR-Aufklärung

 

Nun steht endlich ein weiteres authentisches Gegenstück zu manchen „Beiträgen“ über die Funktion und Tätigkeit der Hauptverwaltung Aufklärung der DDR aus kompetenter Sicht zur Verfügung.

Der letzte Leiter der Aufklärung der DDR beschreibt seine Erkenntnisse und Empfindungen aus dem Blickwinkel seiner 38jährigen Tätigkeit in diesem Apparat und aus seinen Erfahrungen der letzten 10 Jahre, die er resümierend zusammenfasst: „Wir wissen schon, wie es sich nach der Auflösung des Geheimdienstes lebt.“ Zugleich schreibt er den heute noch in diesem Metier Agierenden seine bittere Erkenntnis ins Stammbuch: „Ignorieren die Politiker die Realität, verliert jede geheimdienstliche Arbeit ihre Bedeutung.“ (S.314)

 

Werner Großmann wollte nicht die Geschichte der HVA schreiben. Er erzählt Geschichten, die er in all den Jahren gemeinsam mit vielen Aufklärern erlebt und gestaltet hat und gibt damit einen ganz subjektiven, aber damit auch besonders ehrlichen und wahrhaftigen Einblick in die Geschichte der DDR-Aufklärung. Er kannte die Mehrheit der Spitzen-Quellen der HVA im politischen Bereich persönlich. Damit ist er in der Lage, ihre Motive genau zu beschreiben und auch die Kraft der politischen Motivation für die Entscheidung, als Kundschafter für die DDR tätig zu werden, erlebbar zu machen. Das unterscheidet sich ganz wesentlich von der Antwort des Bundespräsidialamtes auf eine Initiative der letzten Leiter der Aufklärungsorgane der DDR zur Gleichbehandlung der Spionage Ost-West, in welcher behauptet wird, dass „nicht wenige der Täter keineswegs aus innerer Überzeugung, sondern aus materiellen oder anderen privaten Gründen gehandelt haben.“ (Brief des Chefs des Bundespräsidialamtes vom 24. 10.2000). Dass die DDR-Aufklärung auch andere Motive erfolgreich zu nutzen verstand, findet auch bei Großmann entsprechende Erwähnung.

Zugleich fasst er bezüglich der nachrichtendienstlichen Mittel und Methoden manches „heiße Eisen“ an, ob es die so sehr emotional bewertete sogenannte „Romeo-Methode“ ist oder die Werbung unter „fremder Flagge“. Kein Journalist oder Publizist, der ernsthaft über die nachrichtendienstliche Arbeit der HVA schreiben will,  dürfte diese kompetenten Darstellungen ignorieren.

 

Sehr konsequent rechnet W. Großmann mit den wenigen aber doch recht kenntnisreichen Verrätern aus den eigenen Reihen, aber auch mit manchen übereifrigen, vielleicht auch devoten, Anbiederungsversuchen bei den bundesdeutschen Behörden und Gerichten ab. Das sind klare Worte, die jeder, der sich seine Ehre erhalten hat, nur unterstützen kann.

Dabei wird auch noch einmal für alle sichtbar, dass die nach 1990 so massiv in die Öffentlichkeit lancierten Behauptungen über die Übergabe von Quellen der HVA an den KGB Fiktionen - oder wie im Fall des Kundschafters Dieter W. Feuerstein - mit Hilfe eines Verräters aus der HVA vom Verfassungsschutz organisierte Desinformationen waren. Aber die Lügen haben ihre Wirkungen erreicht. Sie dienen bis heute als Argumente bei der Strafverfolgung, bei der Ablehnung aller Vorstöße zu einer politischen Regelung des Umgangs mit der Spionage Ost-West sowie in der Öffentlichkeit  zum weiteren Anheizen der Hysterie. Besonders schizophren sind diese Argumente zu einer Zeit, da der BND eine offizielle Außenstelle beim Geheimdienst der Russischen Föderation eingerichtet hat.

 

Kompliziert sind die Beziehungen zwischen Aufklärung und Abwehr. Diesem Thema widmet sich W. Großmann an mehreren Stellen. In Durchsetzung sowjetischer Vorstellungen wurde die Aufklärung 1953 in das MfS eingegliedert. Die Aufklärung hatte aus der Kooperation mit den Linien der Abwehr manchen Nutzen ziehen können. Zugleich dienten Arbeitsergebnisse der Aufklärung zur Erfüllung der Aufgaben der Abwehr, sei es in der Spionageabwehr, bei der Sicherung der Volkswirtschaft oder in anderen Bereichen der DDR. Auch den zentralen Aufgabenstellungen zur Aufklärung der Zentren der „Politisch-ideologischen Diversion (PID)“ und der „Politischen Untergrundtätigkeit (PUT)“ mußte sich die HVA stellen. Großmann beschreibt Möglichkeiten und Grenzen, auch eine bestimmte Hinhaltetaktik der Aufklärung. Aber er betont zu Recht die generelle Unterscheidung der Aufgabenstellungen. Die Aufklärung hat z.B. nie IM geworben, um mit ihnen ausschließlich Aufgaben der inneren Abwehr zu erfüllen. 

 

Interessante Einblicke vermittelt Werner Großmann in das Denken und Fühlen leitender Mitarbeiter des MfS in den Monaten der Agonie der DDR. Viele werden sich wiedererkennen, wenn er schreibt: „Wir sind verstrickt in Parteiräson, Parteidisziplin und in die Angst vor persönlichen Nachteilen, eingebunden in die starren Strukturen, Teil des Ganzen, letztlich aber isoliert vom Ganzen. Trotzdem glauben wir unverdrossen an den Fortbestand der DDR.“ (S.170)

Noch einmal entsteht der Spannungsbogen zwischen Wut und/oder Resignation angesichts der Sprachlosigkeit der Führung von SED und MfS und der Aufbruchstimmung an den Wandzeitungen, bei einem Meeting auf dem Hof des MfS und in Parteiversammlungen mit konkreter Kritik und dringenden politischen Forderungen zur Unterstützung des Erneuerungsprozesses. Damit war zugleich die Phase der endgültigen Auflösung des Geheimdienstes der DDR eingeleitet, auch wenn etliche es erst nach und nach begriffen hatten, dass die Agonie des realsozialistischen Systems der DDR zugleich die Todesstunde seiner Aufklärungs- und Sicherheitsdienste war.

 

W. Großmann widmet sich in seinem Buch sehr ausführlich der kritischen Untersuchung der Praxis der Strafverfolgung der inoffiziellen und hauptamtlichen Mitarbeiter der Aufklärung und Abwehr. Er ist selbst Betroffener, wird am Tage des „Beitritts“ der DDR zur Bundesrepublik verhaftet. Das Verfahren gegen ihn und andere Mitarbeiter der Aufklärung vor dem Berliner Kammergericht und der daraus abgeleitete Vorlagebeschluß an das Bundesverfassungsgericht wird zu einem Kernpunkt späterer verfassungsrechtlicher Entscheidungen.

 

An einigen Stellen thematisiert Werner Großmann in kritischer Distanz zu Markus Wolf unterschiedliche Wertungen von Teilen ihres Lebens und ihres politischen Agierens. Der aufmerksame Leser wird darin nicht vorrangig den Dissens, sondern die Reflexion unterschiedlicher Lebenserfahrungen der beiden Chefs der HVA erkennen.

 

 

Werner Großmann: „Bonn im Blick“ Die DDR-Aufklärung aus der Sicht ihres letzten Chefs

Das Neue Berlin, 320 S., geb., 34 DM