Wolfgang Hartmann

4. Oktober 2003

 

 

Sehr geehrter Herr Müller-Enbergs,

 

nachdem ich Ihre vorgestern im ND erschienene Rezension unseres Kundschafterbuches erst zwischen Tür und Angel, gleichsam nur provisorisch gelesen hatte, fand ich heute Zeit, sie mit Muße anzusehen und zu bedenken.

 

Ich kann mir vorstellen, daß manche der Leser Ihrer Rezension sofort zu dem Reflex neigen: „Gauckbehörde – was denn sonst“? Wes Brot ich eß‘, des Lied ich sing. Aber mit Stempeln und Schubladen zu hantieren, ist meine Sache nicht. Abgesehen davon, daß sich solches bei meinen früheren Aufgaben auch nicht bewährt hat, ist es mir zu bequem. Daher schreibe ich Ihnen einige sachliche Einwände auf, die Ihre Buchbesprechung bei mir provoziert. Mir scheint zudem, als verschränkten sich einige nachvollziehbare kritische Gedanken mit Vor-Urteilen und (leider) auch mit einer irrigen Fehlsicht auf unser Denken und auf unsere Mentalität (dazu weiter unten mehr).

 

Natürlich: Als Mitautor des Buches wäre mir im ersten Zugriff möglichst uneingeschränkter Beifall angenehm. Doch es geht ja um das adäquate und um das kritische Begreifen unserer Geschichte. Auch deshalb dieser Brief.

 

Noch einmal zum Angenehmen: Ich stelle mir vor, wie eine Rezension von Hubertus Knabe aussehen würde. Der hätte über die Herausgeber- und Autorenabsichten gewiß nicht geschrieben, sie zeigten das Bemühen „um eine historisch-politische Aufklärung vor allem der nachrichtendienstlichen Seite“ des MfS, das fände im Buch „seinen Ausdruck“. Knabes Diktion wäre: Stasi gleich Stasi, alles eine böse Sache. Gründe, politische und soziale Interessen, internationale Konflikte sind ohne Belang – eben Stasi. Schon gar hätte Herr Knabe weit von sich gewiesen, solche schwierigen psychologischen Einfühlungen vorzunehmen, wie von Ihnen z.B. an Klaus von Raussendorffs Beitrag geknüpft.

 

Dennoch verrät mir die Färbung mancher der von Ihnen gewählten Worte die Rücksicht auf eher medienübliche Praktiken, Reflexe zu setzen, statt kritische Aneignung zu kultivieren. Das enttäuscht mich, obwohl ich zugebe, daß dies für Sie schwierig sein mag. Ich räume auch ein, Sie würden dies und das anders akzentuieren, wären Sie als Wissenschaftler nicht in der Behörde, sondern vielleicht an der Chikago-University.

 

Jetzt zu den sachlichen Überlegungen, der Reihe nach. Ich widerstehe dabei der Versuchung, eine Art Gegenrezension als Meßlatte zu konzipieren.

 

Was waren die Kundschafter-Motive? Sie schreiben, das Vorwort stilisiere. Sie meinen damit, wenn ich es richtig verstehe, es werde ausgespart, daß es neben den Überzeugungsmotiven auch andere gegeben hatte. Ja, wie war aber nun das Verhältnis zwischen den politischen und ideologischen Motiven (gut, beides nicht gleich zu setzen) einerseits sowie anderen Motiven, also materiellen Interessen, bloßer persönlicher Freundschaft oder auf Täuschung beruhendem Zusammenwirken („fremde Flagge“) - gar erpresster Mitwirkung? (Nicht der Rezension, aber Ihrem IM-Buch II entnahm ich, daß die „Fremde-Flagge“-Grundlage 1988 ganze 4 % unserer Partnerbeziehungen ausmachte.)

 

Die Beiträge des Kundschafterbuches Buches dokumentieren, welches die Methode unserer bevorzugten Wahl war, Partner zu gewinnen. Wie bei jedem anderen Nachrichtendienst (und bei den heute einflußreichsten besonders dominierend) gab es auch andere Wege. Aber in welchem qualitativen Verhältnis standen sie bei den DDR-Diensten? Und: wie war das quantitative Verhältnis dieser Wege? Sind dies nicht die eigentlich interessanten Fragen? Dann freilich kommt man nicht umhin, die Inhalte zu erörtern. Wobei man noch betrachten könnte, ob und wie (dann auch warum) sich dieses Verhältnis im Zeitablauf vielleicht veränderte. Über diese Proportionen steht Ihnen gewiß eine Übersicht zur Verfügung. So aber, wie Sie es formulieren, wird suggestiv vermittelt, die gemeinsamen politischen Grundlagen seien sicherlich doch die Ausnahme gewesen.

 

Vielleicht hätten Sie die etwas kryptische Aufzählung nicht vorgenommen, wäre in der Einleitung des Buches etwas über das Spektrum von Motiven und darüber gesagt worden, daß hier Menschen zu Wort kommen, deren Motive (außer dem „Fremde-Flagge-Fall“) auf politischen und ideologischen Gemeinsamkeiten mit der DDR bzw. mit ihrer Außenpolitik beruhten. Ich denke aber, dem Buch-Leser wird dies auch ohne Wegweiser sinnfällig.

 

An diese Überlegung schließe ich eine andere. Im Vorwort, so meinen Sie, falle „unangenehm (ein) Haß gegen ‚Verräter‘“ auf. Haß? Markus Wolf und Werner Großmann schreiben: „Wir verurteilen den Verrat durch einige unserer ehemaligen Mitarbeiter, der bei Autoren und am Buch nicht beteiligten Aufklärern zu hohen Freiheitsstrafen führte.“ Worin drückt sich in dieser Formulierung Haß aus? Wird nicht – sogar zurückhaltend formuliert – nur die Tatsache gekennzeichnet, daß diese Verräter willentlich, vorsätzlich, auch gut honoriert Personen preisgegeben haben, für deren Schutz sie Verantwortung besaßen? Ich frage Sie einmal dagegen: Würden Sie es denn nicht als moralisch zu verurteilen ansehen und dies auch so benennen, wenn ich, Wolfgang Hartmann, um mein Wissen zu vermarkten und meine Haut zu retten, Anfang 1990 oder auch später, den Bundesbehörden meine operativen Partner, die mir doch vertrauten, offenbart hätte? Übrigens, es müßte Ihnen geläufig sein: Die per Verrat ausgelösten Verhaftungen und Strafverfahren fanden großenteils zu einer Zeit statt, als von „Garzau-Liste“, „SIRA“ und „Rosenholz“ entweder noch nichts bekannt oder rechtlich nicht verwendbar war, bzw. noch unter strengstem US-Verschluß gehalten wurde.

Den in meinem Buchbeitrag genannten Verräter Roitzsch, welcher - u.a. - im Falle „Andreas“ ohne Sachkenntnis, nur mit ein paar Rastermerkmalen solchen Verrat begangen hat, kann ich nur mit Verachtung sehen. Ich selbst würde nicht von Haß reden, solche Vokabel ist mir aus verschiedenen Gründen nicht angemessen. Aber ich könnte schon gut verstehen, wenn unmittelbar Betroffene Haßgefühle gegen vorsätzliche Verräter haben, denen sie vertraut hatten. Ich wiederhole: Verachtung trifft’s besser.

 

In sachlicher Hinsicht muß man allerdings bei den konkreten Abläufen bleiben. Was die wenigen Verräter mit Vorsatz (!) getan haben, ist wohl etwas anderes, als vielleicht unzureichene Weit- und Umsicht oder Versäumnisse bei der lückenlosen und Rekonstruktion ausschließenden Vernichtung von Akten, Datenträgern etc. Deshalb ist ganz unerfindlich, weshalb Sie die Benennung vorsätzlichen Verrats als „Kaschierung“ von Verantwortung für „unzugänglichen Quellenschutz“ ansehen! Gruß an einen Geßler-Hut? Dennoch: Ich lese gern, besonders aus der Feder eines Mitarbeiters Ihrer Behörde, daß Sie überhaupt eine Verantwortung für „unzugänglichen Quellenschutz“, mithin auch für die Aktenvernichtung, einräumen.....

 

Ich bitte Sie, sich in die konkrete Situation etwa ab Herbst 1989 zu versetzen. Die DDR war in eine existentielle Krise geraten. Deren für viele völlig überraschender Verlauf beschleunigte sich immer mehr und zeugte eine Hektik, welche die Freiheit und die Zeit umsichtigen und weit vorausschauenden Handelns extrem verminderte und organisatorisch erschwerte. Ich habe wohl in meinem ganzen Leben nie eine hektischere und turbulentere politische Zeit erlebt, als die von Oktober 1989 bis Oktober 1990. Die Beschäftigung mit Zeitgeschichte sollte wohl erfassen, welche Tempi und Bedingungen das Handeln jeweils beeinflußten.

 

Schade, daß Sie nicht entdeckt, oder nicht für erwähnenswert wichtig angesehen haben, was in meinem Buchbeitrag eben nicht nur über die Methode „Fremde Flagge“ ausgeführt ist, sondern über unsere eigenes inneres Verhältnis zum operativen Partner: „Ihn also - bei fremder Flagge trotz Täuschung - nicht als bloßes Objekt zu sehen, sondern als wirklichen Partner“. In der Logik dieser Einstellung zum Partner lag dann auch, wie während des Untersuchungsverfahrens gegen „Andreas“ einer der befaßten Juristen (vor der Entscheidung des BVerfG) mir sagte, daß auf der Kehrseite der Entlastung der Quelle die Selbstbelastung des HVA-Mannes erfolgte. Ich führe das nicht zum eigenen Lobpreis an, sondern als das eigentliche Kriterium unseres Partnerverständnisses. Sogar in einem „Fremde-Flagge-Fall“! Daraus erklärt sich wohl auch, daß jenseits beendeter Arbeitsbeziehungen und jenseits der durch Strafverfahren und Diskriminierungen der Kundschafter das Buch den Geist wirklicher und anhaltender persönlicher Freundschaften zwischen den jeweils Beteiligten atmet.

 

Damit bin ich bei meinem vorletzten Punkt angelangt. Welche Rolle spielte die Angst „‘aufzuplatzen‘, also enttarnt und verhaftet zu werden“? Zu Angst kann man ein panisches oder auch ein produktives Verhältnis haben. Die Autoren, so entnehme ich dem Buch, haben sich als Menschen gefühlt, die sich bewußt für ethisch legitime politische Ziele einsetzen: Verkürzt gesagt für Entspannung und friedliche Koexistenz, für Kooperation statt Konfrontation, für die Sicherheit und die Stabilisierung der sozialistischen Länder und der Länder, die sich in der Dritten Welt aus dem Erbe des Kolonialismus und aus den Zwängen des Neokolonialismus herauszuarbeiten versuchten. Sie haben sich als Antifaschisten gefühlt. Ihr Selbstverständnis ist nicht das von Opportunisten, sondern von bewußten politischen Kämpfern. Solche lassen sich nicht von Angst einschüchtern. Aber sie bedenken Risiken - um sie zu minimieren. Unsere Mentalität war nicht angstbestimmt, sondern von dem Bestreben, konzeptionell und handwerklich gut zu arbeiten, möglichst keine Fehler zu machen. „Aufplatzen“ – das war, außer bei eigenen Fehlern, eigentlich nur möglich durch Verrat oder durch nie auszuschließende Zufallsfaktoren. Vielleicht noch durch neue technische Mittel (z. B. Dechiffrierung nach neuen EVD-Möglichkeiten). Deshalb hört man aber nicht auf, für seine Überzeugungen zu wirken. Uns waren eher die Mitstreiter der „Roten Kapelle“ Vorbild, die sich im Kampf gegen den deutschen Faschismus nicht etwa schrecken ließen, weil die Gestapo sie suchte.

 

In einem Pressegespräch über den Fall Günter Wallraff meinte Frau Birthler, man müsse noch ergründen, weshalb Westdeutsche mit dem „Unrechtsstaat“ DDR zusammenwirkten. Blamabel, daß sie darüber nichts zu wissen vorgibt. Neben Karl Jaspers‘ „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ könnten Sie Ihr dieses Buch empfehlen. Aus ihm kann man sich über eine Auswahl von Gründen gerade jeder Generation kundig machen, die das Buch dominiert. Frau B. muß solche Gründe ja nicht für sich annehmen.

 

Mein letzter Punkt ist Ihr letzter Satz: „Hat es sich gelohnt? Hier wurde Leben für eine Sache verbraucht, die untergegangen ist.“ Ich antworte jetzt nicht für andere meiner Mitstreiter, sondern für mich: Nach der Befreiung vom Faschismus war meine (ostdeutsche) politische Generation mit Brechts Worten angetreten „Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut. Um uns selber müssen wir uns selber kümmern, und heraus gegen uns, wer sich traut“. „Was Neues“ – das haben wir mit wirklich guten Gründen versucht. Diese Gründe gelten immer noch. Solange, solange der „Schoß noch fruchtbar“ ist. Und das ist er wohl. Wie kleingläubig und unhistorisch zu glauben, solches Bemühen müsse unbedingt bei den ersten Anläufen fehler- und verzerrungsfrei sowie bedingungslos erfolgreich sein! Wie war das mit der Großen Revolution Frankreichs von 1789? Auch wenn es vielleicht der eigenen Eitelkeit entgegensteht, historisch ist das eigene Leben nicht „verbraucht“. Damit das so ist, gibt es solche Bücher. Die nach uns sollen wissen, was wir wollten, was wir taten, worin wir irrten und fehlten, was also von ihnen besser zu machen ist – sie werden dann noch hinreichend Spielraum haben, ihre eigenen Fehler zu begehen.

 

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Hartmann