IM-Statistik kontra Klischees

Rezension von Wolfgang Schmidt

(Geringfügig bearbeitet veröffentlicht im "Neuen Deutschland" vom 04.09.2008, Seite 15 (Politisches Buch) unter dem Titel:

Unterwanderung? Mitnichten.

 

Helmut Müller-Enbergs gehört zu den wenigen Wissenschaftlern, die die vom MfS zur Verfügung stehenden  Unterlagen als Forschungsgegenstand betrachten und nicht als Steinbruch zur Untermauerung ideologisch vorgefertigter, mitunter absurdester Behauptungen.

Sein drittes Buch zu den Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) des MfS dokumentiert und kommentiert umfangreiche und bis ins Detail statistisch aufbereitete Daten, die Anzahl, Verteilung und Struktur der  IM hinreichend genau wiedergeben. Angesichts der z. T. erheblichen Lücken in der Überlieferung wurde der so auch ausgewiesene Versuch unternommen, diese durch Berechnungen zu überbrücken.  Mehr als 700 der über 1000 Seiten dieses Buches sind tabellarische Übersichten zu den IM des MfS, aufgeschlüsselt bis in die letzte Diensteinheit, inklusive der Diensteinheiten der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA). Wer also z.B. wissen will, wie viele IM in welchen Kategorien die Kreisdienststelle Demmin der Bezirksverwaltung Neubrandenburg am 31. 12. 1976  oder am 30.06.1989 geführt hat, findet hier Antworten.

Damit eignet sich dieses Buch vor allem als Nachschlagewerk für Experten und Insider, sicher aber auch als Studienobjekt für interessierte Laien.

Wer sich tiefgründig mit dem vorgelegten Zahlenwerk befasst, wird vor allem die gängigen Klischees über die IM des MfS hinterfragen müssen. Er erfährt z.B., dass 1989 exakt 3.894 IM, also 2,25 % der Gesamtzahl von 173.081 IM und GMS der Abwehrdiensteinheiten des MfS als IMB registriert waren, also „über Feindverbindungen verfügten oder zur unmittelbaren Bearbeitung im Verdacht der Feindtätigkeit stehender Personen eingesetzt“ wurden. Selbst bei diesen IM kann nicht generell davon ausgegangen werden, dass sie  „in die Intimsphäre eingedrungen“ sind oder „Vertrauen missbraucht“ haben. 33.354 (19,27 %) waren Gesellschaftliche Mitarbeiter Sicherheit (GMS), vergleichbar den freiwilligen Helfern der Volkspolizei, 30.446 (17,9 %) hatten als IMK (IM zur Gewährleistung der Konspiration) nur logistische Aufgaben und 93.629 (54,1 %) waren als IMS mit allgemeinen Sicherungsaufgaben betraut. (S.242)

Die Statistiken belegen weiter, dass die IM überwiegend zur Sicherung der bewaffneten  Organe, der Volkswirtschaft, des Staatsapparates und zur Spionageabwehr, also nicht für repressive Aufgaben, nicht zur Bearbeitung „Andersdenkender“ eingesetzt waren. Selbst in der dafür federführenden Hauptabteilung XX  waren 1988 nur 13 % der IM zur Bekämpfung der „politischen Untergrundtätigkeit“ eingesetzt. (S. 50)

Auch zu den jugendlichen IM, dem Lieblingsthema der Birthler-Behörde bei ihrer Arbeit an den Schulen, ist Interessantes zu erfahren. Helmut Müller-Enbergs nennt eine Zahl von 12.100 IM im Alter unter 25 Jahren, davon 3.500 unter 21 Jahren und 1.300 Minderjährige „von denen der überwiegende Anteil 17 Jahre alt war und im Vorfeld der Rekrutierung zur NVA geworben wurde“ (S. 74) „Minderjährige waren als Zielgruppe des Staatssicherheitsdienstes unwichtig“ (S. 218)

Überzeugend widerlegt wird die These, dass die 29.000 weiblichen IM eine „Angriffsfront Intimleben“ bildeten, und zwar nicht nur dadurch, dass 22% der weiblichen IM der BV Gera 60 Jahre alt und älter waren. (S. 95)

Die Motive zur Kooperation mit dem MfS waren „überwiegend ideeller, seltener materieller Natur, noch seltener war es Erpressung“. Sie unterscheiden sich bei DDR- und Bundesbürgern kaum. (S. 218) Hierin dürfte der wohl wichtigste Unterschied zu den westlichen Geheimdiensten bestehen, die ihre Agenten mit Geld regelrecht einkaufen. Zweifellos war es dem MfS möglich, einer beachtlichen Zahl von Menschen die Notwendigkeit einer konspirativen Arbeit zur Abwehr realer Bedrohungen des durch sie als schützenswert betrachteten Sozialismus überzeugend zu vermitteln. Mehr als die Hälfte der IM waren übrigens Mitglieder der SED, etwa 9 % (15.600) Mitglieder von Blockparteien. (S.101ff.)

Helmut Müller-Enbergs geht davon aus, dass das MfS 1989 über etwa 3.000 IM in der Bundesrepublik verfügt hat, während seiner gesamten Geschichte über etwa 12.000 IM, von denen knapp die Hälfte von Abwehrdiensteinheiten gesteuert wurde. Den „Schwerpunkt bildete die Wissenschafts- und Technikspionage … Von einer Unterwanderung der Bundesrepublik Deutschland war die Geheimpolizei zahlenmäßig weit entfernt. Vielmehr waren ihre inoffiziellen Mitarbeiter damit beschäftigt, vornehmlich das DDR-System zu stabilisieren…“ (S. 219)

Solchen Einschätzungen ist voll zuzustimmen, während andere Wertungen – insbesondere die obligatorischen Verbeugungen vor Diktatur-Experten oder allzu weit reichende Auslegungen der statistischen Zahlen fragwürdig sind.

Wie alle Statistiken können auch die des MfS zwar zur Einschätzung von Sachverhalten beitragen, aber inhaltliche Fragestellungen nicht voll beantworten. Der subjektive Faktor bei den Entscheidungen über IM-Werbungen oder zur Einstufung von IM in bestimmte Kategorien kann nicht erfasst werden. Zahlen sagen wenig aus über Intensität, Erfolg oder Misserfolg der Zusammenarbeit mit IM. Ob also die relativ hohe Anzahl von IM in Bezirk Cottbus Ausdruck einer besonders angespannten Sicherheitslage war, darf getrost bezweifelt werden.

Nach der Reglementierung von Helmut Müller-Enbergs durch die Birthler-Behörde wegen seines Engagements für die HVA-Tagung in Odense/Dänemark ist kaum zu erwarten, dass es zu einer öffentlichen Diskussion über sein Buch mit kompetenten Zeitzeugen aus den Reihen des MfS kommt. Aber nach dem Motto „was man schwarz auf weiß besitzt…“ werden künftige Diskussionen über Inoffizielle Mitarbeiter des MfS um dieses Buch nicht herumkommen.

Angesichts der anhaltenden IM-Hysterie (während in Deutschland außer Mord und Völkermord nach 30 Jahren keinerlei Straftaten mehr verfolgt werden, überprüfte Herr Gauck persönlich die für eine Teilnahme an der Olympiade in Peking vorgesehenen Sportfunktionäre auf „IM-Verstrickungen“) ist es schon fast sensationell zu nennen, dass sachliche, differenzierte und seriöse Veröffentlichungen zu diesem Thema überhaupt noch möglich sind.

 

Helmut Müller-Enbergs „Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, Teil 3: Statistiken“, Ch. Links Verlag Berlin, 1. Auflage März 2008, 1.024 Seiten, Festeinband mit einer CD aller Statistiken, 39,90 €

 

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