junge Welt vom 18.09.2004

Wochenendbeilage

Ein Blick zurück im Zorn

Die Enthüllungen des BND-Hauptmanns Norbert Juretzko

Erich Schmidt-Eenboom

Das vom BND in Sorge erwartete Buch Norbert Juretzkos »Bedingt dienstbereit« irritiert von Anfang an. Dem von staatsbürgerlicher Ritterlichkeit erfüllten Vorwort folgt ein Einstieg im Stile der Haudegen-Broschüren, wie sie in angelsächsischen Geheimdienstmemoiren üblich sind. Er nimmt den Kern des Buchs vorweg, die Operation »Giraffe«, in der der nicht erfolgsverwöhnte BND ab Juli 1990 gemeinsam mit amerikanischen und britischen Diensten alles, was ein Agentenherz an Dokumenten und Rüstungsmaterial begehrt, bei den aus Ostdeutland abziehenden sowjetischen Streitkräften absahnen konnte. Unter dem Decknamen Dannau war der Autor von vornherein als Operateur dabei, eingangs bei der mit einem US-Techniker an einer Bahnstrecke vorgenommenen Strahlenmessung an sowjetischen Nuklearwaffen auf ihrer Rückreise aus Deutschland, deren abenteuerliche Details sechs Teilkapitel füllen.

Unverständnis äußert Juretzko in den einführenden Skizzen zur Etablierung der Dienststelle 12YA im Berliner Föhrenweg, wo das mit dem US-Militärgeheimdienst DIA geplante Joint venture anfänglich beinahe an Widerständen in Pullach und Bonn gescheitert wäre. Aber kann man ernsthaft beklagen, daß eine Bundesregierung einem fremden Nachrichtendienst nicht völlige Operationsfreiheit auf deutschem Boden einräumen wollte? Die Kehrseite der kracherten Arroganz der DIA hat er doch auf der Arbeitsebene selbst erlebt und gut dokumentiert, wo es um das Abhören der BND-Offiziere in der gemeinsamen Dienststelle oder um die Unterschlagung wesentlicher Erkenntnisse gegenüber den Auswertern in Pullach ging.

Der Blick zurück im Zorn schweift dann zurück auf den Herbst 1984, als Juretzko in Hannover in den BND einstieg und in der Postkontrolle DDR einen unbefriedigenden Platz fand. Als Intrigantenstadl ohnegleichen schildert er diese Dienststelle, in der »Bedingt dienstbereit« die durchgängige Arbeitsmoral aller Mitarbeiter war. In seiner nächsten Verwendung von 1987 bis 1990 bei der Stay-Behind-Truppe des BND war der konspirative Fallschirmjäger in seinem Element. Eingebettet in Geschichtchen beschreibt er die Struktur des deutschen Gladio-Zweiges, Praktiken der Tipgewinnung und Anbahnung, der Ausbildung und des Funkbetriebs, wie sie bisher nie öffentlich geworden sind, wiederum nicht ohne Seitenhiebe auf die Zentrale.

Zum uralten und nicht auf den Nachrichtendienst beschränkten Konflikt zwischen »Frontschweinen« und »Verwaltungshengsten« weiß der Autor aus jeder Station seiner Karriere von 1984 bis 1998 als ewiger Hauptmann von Kapriolen zu berichten, die der dienenden Funktion von Stäben und Vorgesetzten über das bürokratietypische Maß weit hinaus Hohn sprechen, besonders bei der Betreuung von 12YA.

Berechtigt ist sicher die Kritik, daß den überlasteten Operateuren kein Übersetzer zur Seite gestellt wurde, während in anderen im Nachkriegsumbau befindlichen Dienststellen Däumchen gedreht wurden. Andererseits müßte sich der Autor fragen, ob nicht der Einsatz von Verbindungsführern wie ihm und seinem Partner Teubner, die der russischen Sprache nicht mächtig sind, nicht eine Fehlbesetzung war.

Was er dennoch an Geheimmaterial aus sowjetischen Garnisonen beschaffen konnte, erfüllt ihn sichtlich mit Stolz Doch der Siegestaumel macht betriebsblind. Was nutzt es, einem Gegner in die Karten zu schauen, der längst gepasst hat?

Zweifellos hat Dannau bis hin zu einem Oberst und einem General der Westgruppe der sowjetischen Truppen dem BND wichtige Quellen erschlossen und sie menschlich ansprechend geführt. Seine Anbahnung und Führung von »Münchhausen« und »Eulenspiegel« beispielsweise erscheint durchdacht und professionell, auch wenn sie so manche Dienstvorschrift vorsätzlich verletzte. Über den unmittelbaren Gewinn hinaus hätte sich daraus ein Netz von Innenquellen an den Rückkehrstandorten in den GUS-Staaten bauen lassen können.

Leser, die sich an den Indianerspielen im wilden Osten delektiert oder am bürokratischen Starrkrampf der Pullacher Verwaltung ergötzt hatten, werden das Buch beiseite legen, wenn sie ins letzte Drittel geraten. Leser, die ihre Lektüre abbrachen, weil sie sich mehr als nur Agenten-Abenteuer versprochen hatten, verpassen an diesem Punkt den Einstieg in den politischen Krimi, den der Verdacht gegen den Leiter der BND-Abteilung Eins, Volker Foertsch, zeitigte, für den KGB zu arbeiten. Ausgelöst hatte die anschließende Maulwurfsjagd Dannaus Quelle Rübezahl, die ab Anfang 1997 solche Hinweise streute. Ob es sich bei dem 1956 in BND-Dienste getretenen Foertsch tatsächlich um den seit den 1960er Jahren gesuchten »zweiten Heinz Felfe« handelt, oder ob die russischen Dienste den BND durch eine solche Desinformation lahmen wollten, bleibt ungeklärt. Verdienstvoll ist Juretzkos Aufhellung der Abläufe, die in Pullach, beim Verfassungsschutz in Köln, beim Generalbundesanwalt und im Bonner Kanzleramt hinter den Kulissen zu verzeichnen waren, zumal in politischen Magazinen nur teilweise darüber berichtet worden war. Dannau selbst war dabei als Diener zweier Herren, der Beschaffung und der Sicherheit, zwischen die Mühlsteine geraten.

Überrascht sind selbst Kenner des Dienstes von der starken Stellung der Sicherheit, die in den ersten drei Jahrzehnten BND als paranoische Jagdgemeinschaft und Bremsklotz für risikoreiche Operationen verschrien war, selbst gegenüber dem eigenen seit Februar 1994 amtierenden Chef Foertsch.

Daß sie sich letztlich nicht durchgesetzt hat, was eine restlose Aufklärung der causa Foertsch betrifft, ist auch politischer Übersteuerung und einem merkwürdigen Verhalten der Bundesanwaltschaft zu danken. Einen Gefallen hat man damit nicht einmal dem in Verdacht geratenen Foertsch getan, der im Oktober 1998 verbittert aus dem BND schied und seither mit dem Restverdacht aus der niedergebügelten Untersuchung leben muß.

Wo es um die Nachwehen der Operation »Giraffe« geht und um die Abschaltung gewonnener Quellen, da blieb dem BND-Hauptmann Juretzko zu wenig Einblick in die Notwendigkeiten. Der knappe Bericht des russischen Inlandsnachrichtendienstes FSB vom August 2001 über diese Operation räumt zwar eigene Versäumnisse in der Anfangsphase des Abzugs ein, gesteht den westlichen Diensten Beschaffungserfolge zu, aber macht zugleich deutlich, daß der Werbung von langfristigen Innenquellen in der russischen Armee durch erfolgreiche Abwehrarbeit ein Riegel vorgeschoben werden konnte. Es gab Grund genug, Vorsicht gegenüber möglichen Doppelspielen walten zu lassen, nachdem einige BND-Quellen verhaftet worden waren.

Mager kommt am Schluß auf einer Seite der Prozeß gegen Juretzko daher. Geheimhaltung, die ihn 379 Buchseiten lang wenig kümmerte, wird vorgeschoben, damit das moralisch vernichtende Urteil verbunden mit einer Bewährungsstrafe von elf Monaten und verschwiegenen großen Geldforderungen der Bundesrepublik an ihn nicht als Schatten über seiner Motivationslage liegt. Getrübt wird das Selbstmitleid auch nicht durch eine Spur von Reue über die Rolle, die er im Verfahren vom Juli 1998 gegen seinem ehemaligen Chef und zwei Kollegen spielte, die er an den Pranger gestellt hatte.

Verbitterung und Effekthascherei haben aus dem Stoff für ein herausragendes Buch ein allzu vielschichtiges Elaborat werden lassen, das der Goldkörner wegen dennoch nicht nur für interessierte Laien erstehenswert ist.

* Norbert Juretzko: Bedingt dienstbereit. Im Herzen des BND - die Abrechnung eines Aussteigers, Ullstein Buchverlag: Berlin 2004, 382 S., 24 Euro