Klaus Eichner

 

An der Quelle saß der Knabe – und vergiftete den Brunnen

 

Joachim Gauck:

Die Behördenforschung ist also ein Schutzraum, in dem zu besonderer Loyalität verpflichtete Mitarbeiter mit sensiblem Datenmaterial arbeiten – damit wir mehr über die terroristische Arbeit der Stasi gegen die eigene Bevölkerung erfahren können.[1]

 

Wenn man das Horrorszenario von Hubertus Knabe über die „unterwanderte Republik“ auf sich wirken lässt, dann bleibt nur noch die Frage – warum hat eigentlich das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) die Bundesrepublik nicht gleich gegründet und regiert ? Dabei hat der Autor auch noch manche systemtragenden Bereiche, z.B. die Geheimdienste der BRD, ausgeklammert.

Aber immerhin bedient er ausführlich solche wesentlichen politischen Strukturen, wie die Parteien, die Hochschulen und die Studentenbewegung, die Kirchen und die Friedensbewegung, ausgewählte Bereiche der Wissenschaft (Ost- und DDR-Forschung) und kittet noch ein Kapitel über die Wirtschaftsspionage hintenan, um nun endlich den Nachweis führen zu können, dass die „STASI „ eine kriminelle Vereinigung war.

Was das OLG Düsseldorf in zwei Prozessen nicht schaffte, die Hauptverwaltung A der DDR unter Leitung von Markus Wolf als subversive Organisation zur Unterminierung des Gesellschaftssystems der Bundesrepublik zu verurteilen, Herr Knabe will mit seinem Werk diesen Beweis antreten.

Aber man muss sich schon mit einem mächtigen Pathos aufblasen, um politischen und nachrichtendienstlichen Banalitäten aus 40 Jahren der Existenz zweier deutscher Staaten in sich feindlich gegenüberstehenden Blöcken mit einem Werk von fast 600 Seiten den Schein einer grundsätzlichen Bedeutung für die „Unterwanderung“ zu geben.

Dabei ist unbestritten, dass vom MfS operative Maßnahmen ganz bewusst zur Unterstützung von der DDR genehmen politischen Entwicklungen in der BRD realisiert wurden, z.B. die Bezahlung des Bundestagsabgeordneten Steiner beim Misstrauensvotum gegen W. Brandt. Aber wer aus solchen Einzelmaßnahmen und aus der Aneinanderreihung von inoffiziellem Kontakten in den 40 Jahren, aus Planungsdokumenten und Absichtserklärungen dieses Ziel und diese Wirkungen der „Unterwanderung“ ableitet, der hat nicht wissenschaftlich gearbeitet, sondern einen „Kampfauftrag“ erfüllt.

 

Es ist unverkennbar, dass H. Knabe die Wechselwirkungen zwischen der Politik der SED und der „politisch-operativen Arbeit“ des MfS (wie sie intern bewusst so bezeichnet wurde) zwar in Einzelfällen beschreibt, er aber diesem politischen Phänomen verständnislos gegenübersteht. Für die Mitarbeiter des MfS war es eine Selbstverständlichkeit, dass ihre Tätigkeit der Unterstützung der Politik der SED zu dienen hatte, ebenso wie ihnen immer klar war, dass aus den operativen Maßnahmen keine Beeinträchtigung oder Schädigung der Politik der SED erwachsen durfte. Aber das zu begreifen, bedarf schon eines Quentchens dialektischen Denkens, es braucht ja nicht bei Marx gelernt zu sein, Hegel würde auch voll ausreichen. Wenn H. Knabe bei seiner „detektivischen“ Arbeit, wie ein „Archäologe“ nur mit „Bruchstücken“ arbeitend (Vorwort S. 11) immer wieder auf diese Wechselwirkung stößt, dann wird sie von ihm zum Beweis für die aggressive Tätigkeit des MfS zur Unterminierung und Beseitigung der Bundesrepublik umgedeutet. Damit weist er den nachrichtendienstlichen Aktionen des MfS in der BRD eine Bedeutung zu, die nicht den wahren Relationen im politischen System der DDR entspricht.

Im Dezember 1998 rang sich Hubertus Knabe noch zu folgender Erkenntnis durch:

„Vielleicht wird bei einer gründlicheren Erforschung ja auch deutlich, dass die geheimdienstliche Durchdringung nicht die wichtigste Rolle spielte, wenn es darum ging, die westdeutsche Gesellschaft dazu zu bringen, die Diktatur vor ihrer Haustür zunehmend indifferent bis wohlwollend zu betrachten; dass ideologische Verführungen, politische Ignoranz und die Affinität zur Macht unter Umständen stärker wirkten als die Arbeit mit Agenten und Parteigängern des DDR-Sozialismus.“[2]

Ab und zu blitzt auch in seinem Buch eine solche Erkenntnis auf, wenn er z.B. im Zusammenhang mit der Evangelischen Akademie in Westberlin eingesteht, „dass es nicht erst der Stasi bedurfte, um in westlichen Institutionen DDR-freundliche Positionen durchzusetzen.“(S. 293)

 

Dieses Werk ist Bestandteil der Abrechnung konservativer Kreise mit allen liberalen, demokratischen Bewegungen in der alten Bundesrepublik, nicht zuletzt der 68er-Bewegung – und das mit der seit zehn Jahren emotional am wirkungsvollsten Waffe – der „Stasi-Keule“. Das Buch ist eine einzige Denunziation der linken, demokratischen, antimilitaristischen Bewegungen in der BRD, jeder Stimmung für die Anerkennung der DDR als Propaganda einer Diktatur (S.234).

Dabei werden solche integren Persönlichkeiten der kirchlichen Friedensbewegung wie Pastor Martin Niemöller von Knabe mit Verdächtigungen nicht verschont.

Es fehlt nicht viel und Knabe rechnet auch die 4,7 Millionen Unterschriften unter den Krefelder Appell zu den Ergebnissen der Arbeit des MfS (S. 244/45). Aber zumindest die politische und nachrichtendienstliche Unterstützung der Friedensbewegung in der BRD dient ihm auf vielen Seiten als Beweis für die „Unterwanderung“ der BRD, ohne je die Frage zu stellen, warum eine solch breite Friedensbewegung notwendig war. Aber selbst hier muss Knabe kleinlaut gestehen: „Wie die Stasi in der Friedensbewegung konkret operierte, darüber liegen wegen der Aktenvernichtung so gut wie keine Unterlagen vor.“(S.251)

Zugleich wird vom Autor die Abrechnung mit dem MfS genutzt zu einer Weißwäsche der braunen Vergangenheit und der politischen und personellen Kontinuitäten der alten BRD mit dem deutschen Faschismus. Knabe vertauscht bewusst Ursache und Wirkung, wenn er die kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit als wichtiges Einfallstor für die SED beschreibt (S.204) und Enthüllungen darüber als „Rufmordkampagnen“ abtut (z.B. S.154). Der makabre Höhepunkt ist dabei seine überaus freundliche und schrecklich verharmlosende Beschreibung der Rolle von Hans-Maria Globke im Nazideutschland und danach als rechte Hand von Adenauer (Fußnote 12, S. 462). Knabe bleibt sich auch selbst treu, wenn er die Verbrechen der USA im Vietnamkrieg relativiert mit der Bemerkung, der kommunistische Vietcong habe kaum weniger grausame Gräueltaten verübt (S. 203).

Wenn ein erklärter Antikommunist auch antikommunistisch argumentiert, dann ist das kein (oder: sein) Problem. Wenn aber der Autor als Historiker das Werk nutzt für eine weitreichende Geschichtsklitterung – dann ist das schon sein Problem und das der Konsumenten dieses Werkes.

Es ist sehr fragwürdig, wenn H. Knabe z.B. alle Kräfte in den Kirchen, die eine Politik der Verständigung und Versöhnung zwischen Ost und West, verbunden auch mit einer Anerkennung der DDR, unterstützten, mit dem Totschlagargument verteufelt, sie hätten den „antitotalitären Konsens der Nachkriegszeit“ aufgelöst. (S.294) Es zeugt von einer zutiefst inhumanen Geisteshaltung, wenn Knabe über das „blauäugige Engagement vieler Christen für Frieden, Versöhnung und eine ‚gerechte Gesellschaft’ und ihre Bereitwilligkeit, sich dabei für die Legitimierung einer kommunistischen Diktatur benutzen zu lassen“ (S. 299) herfällt und dabei eine „irritierende Linie von der alten Anfälligkeit des Protestantismus für den Nationalsozialismus zum Friedensengagement der achtziger Jahre und den Sympathien für den real existierenden Sozialismus...“ (S.300) auszumachen glaubt.

Man muss schon ein sehr gespaltenes Verhältnis zur Geschichte haben – oder eben ein blindwütiger Antikommunist sein – wenn eine nachweislich vom amerikanischen Geheimdienst aufgebaute und genutzte Organisation, wie der „Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen“ (UfJ), von Knabe als „eine Art frühe Menschenrechtsorganisation“ charakterisiert wird und Agentenführer diverser Organisationen schlichtweg als SED-Kritiker beschrieben werden.(S. 305ff.)

 

Berechtigt verweist Hubertus Knabe auch auf manche der politisch und nachrichtendienstlich schizophrenen Positionen und Handlungen der SED-Führung und des MfS, auf das pervertierte Sicherheitsverständnis der SED, auf bizarre Feindbildkonstruktionen, durch die Kritiker des Sozialismus a priori zu Feinden des Sozialismus gestempelt wurden. Ihm ist auch zu folgen, dass das MfS mit dem zunehmenden Überwuchern klassischer nachrichtendienstlicher Aufgaben  durch Aufgaben zur Gewährleistung der ideologischen Allmacht der SED sich zu einer Geheim- oder Ideologiepolizei entwickelte. Er kritisiert berechtigt den ungeheuren Aufwand zur Ausforschung und Bekämpfung aller als Inspiratoren und Organisatoren der sogenannten „politisch-ideologischen Diversion“ betrachteten Personen und Einrichtungen. Eine Diskussion dieser Entwicklungen im Sicherheitsverständnis der DDR auf sachlicher Grundlage, ohne Schaum vor dem Mund, hätte zu einem gewichtigen Beitrag für die Herstellung der inneren Einheit werden können. Aber Herr Knabe hat diese Chance leider nicht genutzt.

 

Übrigens kann sich Hubertus Knabe bei den Auflösern der HVA noch bedanken, denn zu seinem „wissenschaftlichen Instrumentarium“ gehört fast durchgehend, besonders gewichtige Behauptungen und Unterstellungen nicht zu beweisen, sondern unter Verweis auf die vernichteten Unterlagen der HVA als dort vermutlich nachlesbar im Raum stehen zu lassen. Aber er hatte doch im Vorwort sich selbst zur Aufgabe gemacht, „dass nur das beschrieben werden kann, was durch Akten oder andere Quellen belegt ist.“ (S. 11). Ach, hätte er sich doch daran gehalten !

Zu diesem Instrumentarium gehört auch das großzügige Jonglieren mit Zahlen. Knabe kommt locker auf eine Zahl von 20.000 bis 30.000 Inoffizieller Mitarbeiter (IM) des MfS in der Bundesrepublik. Lt. seinen eigenen Angaben auf einer Veranstaltung der Gauck-Behörde entstand diese Zahl nach „überschlägiger Zählung“. Sie hat ja auch eine „überschlägige“ Spannbreite.

Dagegen werden in anderen Publikationen der Gauck-Behörde realistische Zahlen genannt. So waren 1988 für die HVA 1553 Bürger der alten BRD als IM oder Kontaktpersonen erfasst – das umfasst alle Kategorien und alle Stufen der Zusammenarbeit, von fest etablierten Quellen in zentralen Objekten bis zum ersten engeren Kontakt mit möglicher operativer Perspektive. Bundesanwalt Lampe ging auf der genannten Veranstaltung davon aus, dass die HVA ca. 500 Quellen und andere Diensteinheiten des MfS nochmals ca. 500 Quellen geführt hatten.[3]

Wer daraus die genannten Phantasiezahlen interpoliert, muss sich schon nach seiner wissenschaftlichen Arbeitsweise befragen lassen.

 

Herr Knabe begründet sein Werk mit einem sehr „humanistischen“ Anliegen. Nachdem bisher der Osten so mit „Stasi-Geschichten“ gebeutelt wurde, soll nun auch einmal der Westen etwas durchgeschüttelt werden – natürlich nur jene Kräfte, die in irgendeiner Form die DDR-Politik unterstützt oder zumindest akzeptiert haben.

 

 

Klaus Eichner, Jahrgang 1939, war von 1957 bis 1990 Mitarbeiter des MfS, tätig in der Spionageabwehr und in der Aufklärung. Von 1987 bis 1990 leitete er den Bereich Auswertung/Analyse der Abteilung IX (Gegenspionage) der HVA. Er ist Mitautor des Buches „Headquarters Germany“ über die Tätigkeit der amerikanischen Geheimdienste in Deutschland vom Ende des heißen Krieges bis zum Ende des kalten Krieges,  Verlag edition ost, 1997. 

 

Erschienen im Jahrbuch „Extremismus & Demokratie“; 12. Jahrgang 2000; Hrsg. Uwe Backes/Eckhard Jesse;

Nomos Verlagsgesellschaft Baden-Baden



[1]  Focus 42/99, S. 80f.

[2]  FAZ vom 15.12.1998: Hubertus Knabe: „Die Gnade der westdeutschen Geburt: Die Stasi-Vergangenheit in der

   Bundesrepublik muss aufgearbeitet werden.“

[3]  Angaben aus persönlichen Aufzeichnungen von der öffentlichen Veranstaltung des BStU: „Im Lager des

   Feindes – Die West-Arbeit des MfS“ am 25. Juni 1998 in Berlin