Antikommunistische Lügen und Legenden

Klaus Eichner

 

Der Bundestagsabgeordnete der Linkspartei Diether Dehm veranstaltete seinen traditionellen Roten Bock am 03. Juli 2011 in Berlin. Die Hauptperson war der Buchautor Peter-Ferdinand Koch, der mit seinem neuen Buch „Enttarnt“ aktuell in die Schlagzeilen geraten war.

Zu diesem Buch hatte Diether Dehm bereits in der Tageszeitung junge Welt vom 27. Juni 2011 eine wohlwollende Rezension geschrieben und er empfahl beim Roten Bock dieses Buch auch nachdrücklich allen Anwesenden.

Eine Diskussion wurde nicht zugelassen!

Peter-Ferdinand Koch, Jahrgang 1943, begann seine Karriere als Journalist bei der Hamburger Morgenpost und war etliche Jahre als Journalist für den SPIEGEL tätig. Er hat bisher mehrere Bücher zu Geheimdienstaktivitäten im Ost-West-Konflikt veröffentlicht. Er rühmt sich seiner guten Kontakte zum BND und zum Verfassungsschutz, aber auch zum israelischen Mossad.

Koch ist in Kreisen der ehemaligen Mitarbeiter des MfS kein Unbekannter. Werner Großmann hat in seinem Buch „Bonn im Blick“ (S. 241ff.) seine zwielichtigen Avancen und Aktionen als „Nachrichtenhändler“ ausführlich dargestellt. U.a. beschreibt der letzte Leiter der HVA, dass Koch mit Geld und Alkohol den stellvertretenden Leiter der Abteilung Äußere Abwehr der HVA, Oberst a. D. Karl-Christoph Großmann, dem BND zugeführt und somit zum Verrat mehrerer Quellen der HVA beigetragen hatte.

Was Koch in seinem neuen Buch über das MfS und seine leitenden Mitarbeiter schreibt, ist so neu nicht. Die Mehrzahl seiner diesbezüglichen Behauptungen hatte er bereits 1994 in seinem Buch „DDR contra BRD - die feindlichen Brüder“ publiziert.

Bereits dort praktizierte er die unwissenschaftliche Methode, alle problematischen Aussagen mit Quellenangaben „Archiv des Autors“ zu belegen. Jetzt variierte er dieses Vorgehen mit den Angaben „Recherchen des Autors“ und verweist dabei auf „vertrauliche Gespräche“ oder „vertraulich zur Verfügung gestelltes BND-Material“. Da kann sich der Leser dann alles heraussuchen!

Der Autor hat in einigen Passagen interessante historische Vorgänge dargestellt, die wertvolle Ergänzungen zur Geschichte der internationalen Geheimdiensttätigkeit bringen. Andere Aussagen, z.B. über die faschistischen Wurzeln der Gründer der westdeutschen Geheimdienste, ergänzen lediglich Details zu den Personalangaben aus freigegebenen CIA-Dokumenten und fügen einige neue Erkenntnisse hinzu. Wie üblich, ignoriert Koch jedoch alle Quellen der östlichen Seite zu diesem Thema. Lediglich eine Auflistung der Publikationen des DDR-Autors Julius Mader findet sich in einer Fußnote. Ausführlich beschäftigt sich Koch mit den nachrichtendienstlichen Verbindungen seines früheren Arbeitsgebers, der SPIEGEL-Redaktion.

 

Jedoch in allen Passagen, die die Tätigkeit der östlichen Geheimdienste betreffen, lässt Koch seine antikommunistischen Hetztiraden los. Das betrifft die Geschichte der sowjetischen Nachrichtendienste, vor allem des militärischen Nachrichtendienstes GRU, und setzt sich fort bis zum Ende des MfS. Für ihn spielt auch keine Rolle, dass bei der Gründergeneration des MfS der DDR nachweislich aktive Vertreter des antifaschistischen Widerstandes dominierten (vgl. Eichner/Schramm: Angriff und Abwehr, edition ost, 2007). Seine hasserfüllten antikommunistischen Tiraden über Mitarbeiter des MfS sind eine Beleidigung ihrer antifaschistischen Gesinnung und Betätigung.  

Es ist ganz einfach nicht hinzunehmen, dass Herr Koch einen leitenden Mitarbeiter des MfS mit Vokabeln wie: blutgetränkte Vergangenheit, mörderisches MfS-Vorleben; Aufstieg zum Henker verbunden mit sadistischer Gewalt; Spitzname „Bluthund“; Einsatz von

Kinnhaken, Tritte in die Genitalien, in den Bauch; einer der übelsten Henkerknechte des MfS… bezeichnet. Im Sinne der Gleichsetzung von Faschismus und Sozialismus wird von ihm die Abteilung Innere Sicherheit (Hauptabteilung II/1) des MfS mit der SS im Dritten Reich verglichen und ihr Leiter als „Himmler der Staatssicherheit“ charakterisiert.

 

Eine auch von Diether Dehm hochgelobte Aussage betrifft einen angeblichen Schusswechsel zwischen Personenschützern von Walter Ulbricht und Erich Honecker 1971 vor dem Sommersitz von Ulbricht in Dölln. Das soll Bestandteil des Machtwechsels zwischen Ulbricht und Honecker und mit dem Tod der Ehefrau eines Personenschützers verbunden gewesen sein. P.-F. Koch verdreht die Darstellungen zum Ablauf des Gesprächs zwischen Ulbricht und Honecker und die entsprechenden Ermittlungen des MfS zu diesem Todesfall auf seine Weise. Eine Entgegnung mit Hilfe einer gründlichen Untersuchung durch kompetente Zeitzeugen aus den Reihen des MfS wird noch erfolgen. Zumindest hat die Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) in jahrelangen Untersuchungen durch erfahrene Kriminalisten und Geheimdienstler eine solche Feststellung nicht treffen können - und sie haben wahrlich nach solchen Hinweisen gesucht.

Aber immerhin hat Herr Koch Wirkung erzielt, da Diether Dehm in seiner Rezension die Koch’sche Darstellung ungeprüft als bare Münze übernimmt und sie bewertet, das „dürfte selbst hartgesottenen MfS-Fans die Kotze hochtreiben.“

Wie sich ehemalige Mitarbeiter des MfS - vielfach Unterstützer und Wahlvolk der Partei Die Linke - bei solchen Wertungen fühlen, dürfte normal denkenden Lesern klar sein.

 

Herr Koch beansprucht auch bei der Bewertung der Besetzung der MfS-Zentrale am 15. Januar 1990 die Deutungshoheit mit der Aussage, der Verdacht, die CIA hätte Regie geführt, erhärtet sich.

Dagegen kann man nur die Aussage eines kompetenten Zeitzeugen, des damaligen Abteilungsleiters Sowjetunion/Osteuropa in der CIA-Zentrale, Milton Bearden setzen:

„Die Fernsehberichterstattung über die Erstürmung der Stasi-Zentrale erregte auch die Aufmerksamkeit von Präsident Bush, und er fragte den CIA-Mitarbeiter, der ihn, wie üblich, über die aktuellen Geheimdiensterkenntnisse informierte, ob sich die CIA denn ihren Anteil an den Dokumenten sichere, die auf die Straßen Ost-Berlins herabregneten. CIA-Chef Webster erfuhr vom Interesse des Präsidenten, und bald führte das, was als beiläufige Bemerkung im Weißen Haus begonnen hatte, bei der Agency zu hektischer Betriebsamkeit. Webster erkundigte sich, ob seine Leute sich schon Stasi-Akten beschafft hätten. Die Antwort war Nein, und der CIA-Direktor fragte nach, ob wir vielleicht neue Leute in Berlin brauchten. Die Botschaft war unmissverständlich.“ Die CIA-Zentrale schickte extra einen hochrangigen CIA-Beamten nach Berlin, um dem Leiter der CIA-Residentur vor Ort, David Rolph, Beine zu machen. (vgl. Bearden/Risen: Der Hauptfeind - CIA und KGB in den letzten Tagen des Kalten Krieges; Siedler Verlag, 2003, S. 508)

 

Bleibt die abschließende Frage:

Muss ein Abgeordneter der Linkspartei  unbedingt versuchen, einen wildgewordenen Journalisten aus der Springer- und SPIEGEL-Schule in linken Kreisen hoffähig zu machen?