Junge Welt

 

13.08.2010 / Thema / Seite 10

Im Herzen des Gegners

Vorabdruck. Konterspionage. Die DDR-Aufklrung in den Geheimdienstzentren des Westens

Klaus Eichner und Gotthold Schramm

Unter dem Titel Konterspionage. Die DDR-Aufklrung in den Geheimdienstzentren erscheint in diesen Tagen bei edition ost der fnfte Band der Geschichte der Hauptverwaltung Aufklrung (HVA) der DDR. Wir verffentlichen vorab Auszge aus dem Buch...

Aus dem Vorwort von Generaloberst a.D. Werner Gromann

Insider und Experten aus dem Geheimdienstmilieu bezeichnen die Gegenspionage oft als die Krone der nachrichtendienstlichen Arbeit. Eine Quelle in einem gegnerischen Geheimdienst zu plazieren, das fhrte in die Zentren der Informations- und Entscheidungsprozesse des jeweiligen Ziellandes und auch des Bndnissystems des Gegners.

Die Aufklrungsorgane der sozialistischen Staaten, allen voran die Nachrichtendienste der Sowjetunion, knnen auf eine reiche Tradition ihrer Arbeit auf diesem Gebiet verweisen.

Mit den legendren Cambridge Five, einer Gruppe liberaler Wissenschaftler, Absolventen der elitren Cambridge-Universitt, die zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Positionen im Geheimdienstsystem des britischen Knigreiches ttig waren, die aus politischer berzeugung der Sowjetunion Zugang zu internen Informationen verschafften, wird nur eine Facette dieser Aktivitten enthllt. Die britischen Geheimdienste und ihre US-amerikanischen Verbndeten muten mit Kim Philby, der u.a. Verbindungsoffizier des SIS (Funote) zur CIA in Washington war, und George Blake, der als SIS-Offizier in Westberlin alle Details der Planung und Realisierung des Spionagetunnels in Altglienicke bermittelte, weitere schwere Niederlagen hinnehmen. (...)

An diese Erfahrungen und Traditionen knpfte das Ministerium fr Staatssicherheit (MfS) an. Die Hauptverwaltung Aufklrung (HVA) besetzte wichtige Quellenpositionen im Bundesnachrichtendienst, im Verfassungsschutz, beim Militrischen Abschirmdienst (MAD) und im Staatsschutz der BRD sowie bei US-Diensten. Daran hatten neben der fachlich zustndigen Abteilung IX weitere Struktureinheiten der HVA, die Abteilungen XV der Bezirksverwaltungen und das enge Zusammenwirken mit Partnern in Abwehrdiensteinheiten des MfS einen entscheidenden Anteil.

Die Aufklrung der DDR vermochte mit ihrer Gegenspionage die Spionagettigkeit der westlichen Seite ber Jahre zu paralysieren. Oft wurden die Informationsflsse zum Gegner von uns gesteuert. Bis auf wenige Ausnahmen konnte dadurch die Sicherheit unserer Arbeit im Operationsgebiet und der eingesetzten Offiziere und Inoffiziellen Mitarbeiter gewhrleistet werden.

Die Gegenspionage durch Aufklrung und Abwehr des MfS war die wirksame Reaktion auf massive Spionageangriffe, der die DDR seit ihrer Geburtsstunde durch westliche Geheimdienste, vor allem der Bundesrepublik Deutschland, ausgesetzt war. Dabei gelang es dem MfS, die Mehrheit der Agenten der westlichen Seite zu enttarnen, sie oft als Doppelagenten gegen ihre bisherigen Auftraggeber einzusetzen oder ihre Informationszugnge einzuschrnken.

Die Autoren stellen die Strategie des Vorgehens gegen die westlichen Geheimdienste vorwiegend anhand konkreter Vorgnge und operativer Prozesse dar. Das macht den Inhalt des operativen Vorgehens auf der Linie Gegenspionage besonders plastisch.

So ist auch dieser Band ein berzeugender Beitrag zur Diskussion, wer die Geschichte wahrhaftiger darstellt: die Verwalter unvollstndiger Akten oder jene, die diese Akten mit realer Arbeit fllten.

Zu dieser Wahrheit gehrt allerdings auch, da die westlichen Geheimdienste keineswegs vllig erfolglos waren. Verschiedentlich fgten sie stlichen Nachrichtendiensten ernste Niederlagen zu. Die Mehrzahl der westlichen Erfolge wurde mit berlufern, also Verrtern, erzielt. Der qualitative Unterschied zu unseren langfristig gefhrten Quellen bestand darin, da die berlufer nur das verraten konnten, was ihnen bis zum Zeitpunkt der Flucht bekannt war. Danach versiegte die Quelle. Zudem war es uns mglich, kurzfristig notwendige Vernderungen im Personal, in den Strukturen und im methodischen Vorgehen zu veranlassen.

Der entscheidende Vorteil der Mehrheit der Quellen der sozialistischen Aufklrungsorgane bestand darin, da sie ber viele Jahre fortlaufend und gezielt Informationen erarbeiteten und auf Entwicklungen in ihrem Dienst reagierten bzw. mgliche Vernderungen vorab signalisierten.

Beim Anschlu der DDR an die Bundesrepublik kam es in einigen wenigen Fllen zum Verrat durch verantwortliche Mitarbeiter der HVA. Fr den Bereich Gegenspionage betraf dies die Fahnenflucht des einstigen stellvertretenden Leiters der Abteilung IX, Oberst Karl-Christoph Gromann. Wichtige Quellen der Arbeitslinie Gegenspionage wurden durch ihn enttarnt, von der BRD-Justiz angeklagt und zu drastischen Freiheitsstrafen verurteilt.

Trotz dieses Verrates stehen die meisten dieser Frauen und Mnner noch immer auf unserer Seite im gemeinsamen Kampf fr die wahrhaftige Darstellung der DDR und ihrer Sicherheitsorgane.

Das offenbart eine grundstzlich andere Haltung zu ihrer Ttigkeit als die ihrer Kollegen. Sie waren im klassischen Sinne berzeugungstter: berzeugt von der Richtigkeit der sozialistischen Idee und unserer Sache.

Der langjhrige Chefhistoriker der CIA, Benjamin Fischer, urteilte auf der Konferenz zur Ttigkeit der DDR-Aufklrung im dnischen Odense im November 2007: Die westliche Seite ist als Sieger aus dem Kalten Krieg hervorgegangen, aber sie hat gleichermaen den Kampf der Geheimdienste verloren. Indem die CIA es nicht vermochte, in die HVA einzudringen, berlie sie das Gebiet der Gegenspionage den ostdeutschen Operationen.

Aus dem Abschnitt: Die Schlapphte von Verfassungsschutz und MAD

Operation Keilkissen

Wie es zur Zusammenarbeit von Verfassungsschutz und HVA kam

Das Ziel von Operationen mit Doppelagenten oder, um den Terminus des Verfassungsschutzes zu benutzen, mit Counter-Men (CM) der Abteilung IV des BfV bestand darin, Arbeitsrichtungen und Absichten des gegnerischen Dienstes und dessen Mitarbeiter kennenzulernen, um deren Aktionen zu paralysieren. (...)

Unter diesem Aspekt wurde die Operation Keilkissen mit dem CM Keil zu einem besonderen Kapitel des deutsch-deutschen Schlagabtausches der geheimen Dienste. Das BfV opferte bedenkenlos das Prinzip der Verhltnismigkeit und lieferte der Gegenseite Namen und Personalangaben von Bundesbrgern einschlielich der Aktenzeichen, unter denen Dossiers ber diese im bundesdeutschen Nachrichtendienstlichen Informationssystem (NADIS) zu finden waren. Im Laufe der Operation waren das mehr als 1000 Personen. (...).

Wie konnte das geschehen?

In Kln lebte Anfang der 80er Jahre der DDR-Kundschafter Joachim Moitzheim (MfS-Deckname Wieland). Eine von ihm gefhrte Quelle in einem Staatsschutzkommissariat war verstorben, er war in gewisser Weise arbeitslos. Die NVA instruierte Wieland, sich dem Bundesamt fr Verfassungsschutz (BfV) zuzuwenden. Nach einem Jahr meldete Wieland nach Berlin, er habe in einer Eifelpension ein Ehepaar kennengelernt, der Mann sei wahrscheinlich Mitarbeiter im BfV, obgleich er erklrt hatte, im Innenministerium beschftigt zu sein.

Von Berlin kam grnes Licht, die Verbindung weiter zu pflegen. Das gelang dem kontaktfreudigen Wieland, wie er auch von Heinz Carolus (MfS-Deckname Schmitz; BfV-Deckname Fller) irgendwann dessen tatschliche Arbeitsstelle mitgeteilt bekam. Es traten aber bald Schwierigkeiten auf. Die Ehefrau von Schmilz betrachtete den neuen Bekannten mit Mitrauen. Wieland war in dieser Verbindung allein, seine Partnerin Jahre zuvor verstorben. Die einzige Basis fr die Fortsetzung der Bekanntschaft war der Wein, und welche Ehefrau sieht das schon gern?

Der Leitung der Abteilung IX ging die Entwicklung zu schnell. Zwar wute man inzwischen, da Schmitz in der Abteilung V/BfV (Geheimschutz) fr Sicherheitsberprfungen zustndig war und somit Zugang zum NADIS-Computer hatte, man war also sehr an diesem Mann interessiert. Aber in diesem Stadium Carolus bereits ein finanzielles Angebot zu machen, schien zu frh. Bei der Verabschiedung erklrte Wieland seinem Fhrungsoffizier, er werde das Eisen schmieden, solange es glhe und die Kontakte in eigener Verantwortung forcieren.

Nach Kln zurckgekehrt, bat er Schmitz, einige Personen zu checken, mit denen er vorgeblich geschftlich zu tun habe. Nach einigem Zgern war Schmilz dazu bereit. (Spter wurde bekannt, da er Wieland gleich mit berprft halle. Keine Erkenntnisse lautete die Auskunft).

Wieland wagte schon bald den nchsten Schrill. Beim gemeinsamen Besuch eines Klner Lokals steckte er Schmitz auf der Toilette 1000 DM zu mit der Bitte, weitere berprfungen vorzunehmen. Skrupel konnte er zerstreuen, indem er sich als Resident eines amerikanischen Geheimdienstes ausgab. Die Legende stand auf tnernen Fen, weil die befreundeten Dienste auf der Chefebene Zugang zu allen Daten von Bundeseinrichtungen hatten. Auerdem war die Einstiegssumme in diesem Metier zu klein.

Dennoch zgerte Schmilz einige Wochen, ehe er sich seinem Vorgesetzten anvertraute. Daraufhin wurde Wieland observiert, was dieser nicht bemerkte. Dabei stellte man fest, da dieser ein Nobody sei: keine Versicherung, kein Arbeitgeber, keine Frau.

Das BfV entschlo sich daraufhin zum Frontalangriff. Wieland wurde nach dem Besuch eines Lokals auf dem Nachhauseweg von zwei gutgekleideten Herren angesprochen - einem groen Dicken und einem Untersetzten. Sie wiesen sich als BfV-Beamte aus und baten ihn mitzukommen. Nach einer abenteuerlichen Autofahrt (um angeblich eine gegnerische Begleitung abzuschtteln oder Wieland nur zu beeindrucken?) hielt der Wagen vor einem groen Klner Hotel. Man suchte gemeinsam ein Appartment auf, in dem ein Imbi bereitstand. Erst jetzt stellten die beiden Herren sich als Kluge (Klarname: Klaus Kuron) und Tappert (Klarname: Hansjoachim Tiedge) vor.

In einer taktisch geschickt gefhrten mehrstndigen Befragung, in der auch der Hinweis auf die nahegelegene Haftanstalt Ossendorf nicht fehlte, offenbarte sich Wieland unter der Last der Vorhaltungen. Anschlieend fuhr man zu seiner Wohnung, wo er seine HVA-Chiffrierunterlagen zum Kopieren bergab. Fortan wurden also die HVA-Funksprche an Wieland vom BfV mitgelesen.

Wieland hatte sich bereiterklrt, unter der Schirmherrschaft des BfV mit der HVA normal weiter zusammenzuarbeiten und auch mit Schmitz alles so abzuwickeln, als sei nichts geschehen. Die nchste Reise nach Berlin trat Wieland nun als Counter-Man Keil der BfV-Operation Keilkissen an. Die HVA sa am lngeren Hebel und konnte verfolgen, wie weit das BfV wohl gehen wrde, wenn man Forderungen nach Informationen stellen wrde, und wie lange man Schmitz als CM im eigenen Nest wrde halten knnen -in der Geschichte der Geheimdienste eine nicht alltgliche Situation. Dazu kam noch, da die Verfassungsschtzer nicht wuten, da Wieland seine berwerbung durch den Verfassungsschutz umgehend in Berlin offenbart hatte, er also nun als Triple-Agent ttig wurde - mit eindeutiger Loyalitt gegenber der HVA.

Auf diese Weise entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit zwischen BfV-Abteilung IV und HVA-Ableilung lX. (...)

Der Spiegel zitierte spter aus einem Berichl des BfV an die Parlamentarische Kontrollkommission des Deutschen Bundestages und machte damit den Umfang der in der Operation Keilkissen an die HVA gelieferten Informationen ffentlich: Die HVA hatte insgesamt 338 Personen in NADIS abfragen lassen. Es waren die Namen von 1 450 berprfungskandidaten bergeben worden (...). Ob die leitenden Verfassungsschtzer nie Skrupel hatten, operatives Material in diesem Umfang an ihren Gegner zu geben?

Wer waren die beiden Gesprchspartner der HVA-Quelle Wieland?

Klaus Kuron Quelle Stern

An einem Sommerabend im Jahre 1981 deponierte eine unbekannte Frau einen greren Briefumschlag im Briefkasten der Stndigen Vertretung der DDR in Bonn. Der Brief enthielt einen weiteren Umschlag. Dieser war adressiert an den Leiter der Abteilung IX der HVA, Oberst Schtt. Aus dem Inhalt ging hervor, da der anonyme Schreiber gute Insiderkenntnisse aus dem Verfassungsschutz besa. Er bot seine Zusammenarbeit an und unterbreitete entsprechende finanzielle Vorstellungen, wie diese Zusammenarbeit fr ihn abgesichert werden knnte. (...)

Zum Beweis seiner Insiderkenntnisse enttarnte der Briefschreiber eine in Wien geplante Aktion gegen den Mitarbeiter des Sektors Wissenschaft und Technik der HVA Christian St.. Diese Information traf zu.

Der Brief war handschriftlich mit Druckbuchstaben abgefat. Als der fachlich zustndige Referatsleiter den Brief erstmals vor Augen hatte, konnte er auf Anhieb den Schreiber identifizieren. Er hatte noch einige charakteristische Schriftzge von einem Zettel im Gedchtnis, den der Fallfhrer unserer Quelle Wieland (CM Keil) einige Zeit vorher bei der Quelle hinterlassen hatte. Das war die Schrift von Kluge alias Klaus Kuron.

Wir kannten Kuron schon recht gut. Er war Mitarbeiter im Referat 1 (G-Operationen) der Referatsgruppe IVB (Spionageabwehr DDR) im Bundesamt fr Verfassungsschutz. Kuron war verantwortlich fr alle Doppelagenten-Operationen des Verfassungsschutzes gegen die DDR.

Das war das Herz der feindlichen Gegenspionage. Von dort gingen groe Gefahren fr die Quellen der DDR im Operationsgebiet Bundesrepublik aus.

Unsere Quelle Wieland hatte seinen CM-Fhrer Kluge auch politisch beurteilt. Nach seinem Eindruck stnde Kluge dem linken Flgel der SPD nahe und hege, was berraschen mute, durchaus Sympathien fr die DDR.

Es verging noch einige Zeit der berprfungen und der vorsichtigen Annherung bis zur Kontaktaufnahme. Immerhin hatte der Briefschreiber verlangt, da ein Treff mit verantwortlichen Mitarbeitern der Abteilung IX in Wien stattfinden sollte. Die Leitung in Berlin zauderte und wollte die Gefahr fr unsere Mitarbeiter im westlichen Ausland so gering wie mglich halten. (...)

Schlielich kam es dennoch zum Treff im Park des Schlosses Schnbrunn in Wien. Kuron stellte sich ohne Umschweife vor und charakterisierte sein Aufgabengebiet im Verfassungsschutz.

Zu den Motiven seines Angebotes einer Zusammenarbeit mit der Abteilung IX, die er aus seiner Arbeit bereits recht gut kannte, erklrte er, da seine Karriere im BfV einen toten Punkt erreicht habe. Nicht zuletzt wegen der fachlichen Inkompetenz seiner Vorgesetzten.

Das Beamtengehalt reiche nicht aus, um das Studium seiner Shne zu finanzieren. Das stellte er verbittert in die gesellschaftliche Realitt seines Landes, das seinen Brgern gleiche Rechte nur auf dem Papier garantierte. Die Wirklichkeit fr all jene, die sich aus kleinen Verhltnissen emporarbeiten wollten, sehe anders aus als in Sonntagsreden der Politiker versprochen. Andererseits wrden die Kinder von Reichen begnstigt und allseits protegiert.

In fachlicher Hinsicht offenbarte Kuron in allen Einzelheiten die CM-Operation Keilkissen, ohne zu wissen, da seine Gesprchspartner aus Berlin bereits im Bilde waren, da unsere Quelle Wieland umfassend informiert hatte. Kuron ging offenkundig davon aus, da sein CM Keil nur dem Verfassungsschutz treu war. (...)

Die entscheidende operative Aufgabenstellung fr Klaus Kuron lag in der Offenbarung seines gesamten Wissens ber die Doppelagenten-Operationen des Verfassungsschutzes gegen die DDR - das betraf die NVA, andere Diensteinheiten des MfS und die Verwaltung Aufklrung der NVA. (...)

Der Proze vor dem OLG Dsseldorf 1991 /92 geriet zu einer ffentlichen Blostellung des Verfassungsschutzes. Verfassungsschutzprsident Gerhard Boeden erklrte den Fall Kuron pathetisch zur grten Spionageaffre in der Geschichte der Bundesrepublik. In der Anklageschrift behauptet die Staatsanwaltschaft, da Kuron in mindestens vierzig Fllen Anwerbungen, berlufer und Verdachtsmomente an das MfS verraten habe. Im Februar 1992 wurde Klaus Kuron wegen Landesverrats in Tateinheit mit Bestechlichkeit zu zwlf Jahren Haft verurteilt. Die Hhe der Strafe wurde vom Gericht auch als allgemeine Abschreckung fr Nachahmer begrndet - welche Nachahmer?

Nach acht Jahren Haft wurde Klaus Kuron im Oktober 1998 aus der Haft entlassen und die Reststrafe von vier Jahren zu dreijhriger Bewhrung ausgesetzt.

Hansjoachim Tiedge

Ein berlufer von Format

Am 23. August 1985 brachte die DDR-Nachrichtenagentur ADN eine Meldung, da die zustndigen Organe der DDR das Ersuchen des langjhrig im Bundesverfassungsschutz der BRD fr die Spionageabwehr verantwortlichen Regierungsdirektors Hansjoachim Tiedge berprfen, der um Asyl in der DDR nachgesucht hatte.

Was war geschehen?

Am 19. August 1985 meldete sich am Eisenbahn-Grenzbergang Marienborn/Helmstedt nach Ankunft eines Zuges ein etwas heruntergekommen aussehender Mann mit ziemlichem Leibesumfang und legte dem DDR- Grenzkontrollbeamten einen BRD-Reisepa auf den Namen Tappert und einen Dienstausweis des Bundesamtes fr Verfassungsschutz auf den Namen Hansjoachim Tiedge vor. Er bat darum, da in Berlin die Abteilung IX der HVA benachrichtigt werde, dabei nannte er namentlich Oberst Harry Schtt und die Mitarbeiter Karl, Bernd und Stefan.

Diese Angaben reichten aus, um relativ schnell die richtigen Ansprechpartner zu finden, die unverzglich Tiedges Weiterreise nach Berlin organisierten. Noch am Abend sa dann der Referatsgruppenleiter Spionageabwehr DDR im BfV, Regierungsdirektor Hansjoachim Tiedge, in einem Objekt der HVA in Prenden, wo er offiziell im Namen der Leitung der HVA auf dem Boden der DDR begrt wurde. Vor den HVA-Vertretern sa der oberste Abwehrchef der DDR-Spionage im Verfassungsschutz der BRD.

Als erstes wurde Tiedge befragt, ob durch seinen bertritt Reaktionen ausgelst wrden, die nachrichtendienstliche Positionen der DDR unmittelbar gefhrdeten. Fr ihn als Profi war das eine verstndliche Reaktion, er htte sich gewundert, wenn diese Fragen ausgeblieben wren. Was er jedoch nicht wute und auch die nchsten Jahre nicht erfahren durfte: Die Abteilung IX hatte durch ihre Quelle Klaus Kuron und andere Positionen im Verfassungsschutz bereits entsprechende Kenntnis, da Sofortmanahmen nicht erforderlich waren. In einem bestimmten Mae traf das auch auf andere Interna aus dem Bundesamt fr Verfassungsschutz zu, die Tiedge in der Folgezeit offenbarte. (...)

Mit dem bertritt Tiedges begann in der Abteilung IX ein kompliziertes Spiel der Vermischung von Einzelerkenntnissen und Analysen aus Informationen von aktiven Quellen mit den Angaben von Tiedge unter direkter oder indirekter Berufung auf Tiedge. Immerhin wurden bis zur Auflsung der HVA und der Festnahme von Klaus Kuron und weiteren Quellen in den Landesmtern fr Verfassungsschutz durch uns Hansjoachim Tiedge alle Informationen oder Andeutungen ber die wahre Quellenlage der HVA auf dem Gebiet der Sicherheitsbehrden der BRD vorenthalten. Das war keine Frage des Mitrauens gegenber Hansjoachim Tiedge, sondern eine prinzipielle Frage des Schutzes unserer Quellen.

Funote: Secret Intelligence Service (SIS), der britische Auslandsgeheimdienst, besser bekannt unter dem Namen MI 6 -d. Red.

Generaloberst a.D. Werner Gromann, Jahrgang 1929, war als Nachfolger von Markus Wolf letzter Leiter der HVA des MfS; Oberst a.D. Klaus Eichner, Jahrgang 1939, leitete bis 1989 den Bereich Auswertung und Analyse der Abteilung IX (uere Abwehr); Oberst a.D. Gotthold Schramm, Jahrgang 1932, war seit 1969 verantwortlich fUr die Sicherheit der DDR-Auslandsvertretungen und zuletzt stellvertretender Leiter der Abteilung IX

Klaus Eichner/Gotthold Schramm: Konterspionage. Die DDR-Aufklrung in den Geheimdienstzentren (Band V der Geschichte der HVA), 256 S., brosch., edition ost, Berlin 2010, 14,95 Euro, ISBN 978-3-360 -01821-2 (auch im jW-Shop erhltlich)