Matthias Krauß

„Die große Freiheit ist es nicht geworden. Was sich für die Ostdeutschen seit der Wende verschlechtert hat“ (Verlag „Das Neue Berlin“, Berlin 2019)

Leseprobe aus dem Kapitel „Hexe, Jude, Stasi-IM“ Drei deutsche Verfolgungsphänomene im Vergleich – zehn essentielle Gemeinsamkeiten. (Seiten 233,234)

„… Die westdeutsche Gesellschaft hat mit diesen Stasi-IMs die große Chance der Reinigung. Sie reinigt sich so vor Gott und der Welt von der Schuld, die Abrechnung mit den Nazi-Tätern zielbewusst hintertrieben zu haben. Jeder im politischen und publizistischen Bereich Tätige weiß um diese Schande, die die westdeutsche Demokratie – und nicht die ostdeutsche Diktatur – über das deutsche Volk gebracht hat, als sie nach 1945 die uferlosen Verbrechen der Nazizeit mit dem nachträglichen Schutz der Täter noch ergänzt und erweitert hat. An dieser Stelle besteht ein äußerst dringendes Reinigungsbedürfnis. Und am IM der Stasi kann es exekutiert werden. Zu lange musste Westdeutschland darauf warten, sich als gereinigt und damit erhöht präsentieren zu können. Was diese Gesellschaft zielbewusst und in vollem Einverständnis mit sich selbst an den Nazi-Tätern unterlasen hatte, das exekutierte sie nach 1990 am DDR-Geheimdienst und seinen Helfern. Auf diese Weise büßen die IMs der Staatssicherheit für Auschwitz, so absurd das klingt. Hier büßt der Eierdieb, was am Massenmörder bewusst versäumt wurde. Dieses befreiende Gefühl ist so übermächtig, so herrlich, so berauschend für die westdeutsche Gesellschaft, dass sie nicht davon lassen kann, wie der Säufer nicht vom Schnaps. Und auch für ostdeutsche Neubekehrte besitzt der Vorgang einen unvergleichlichen Wert: Er gibt die unbezahlbare Möglichkeit, sich abzusetzen und damit den ersten Schritt zur neuen Taufe zu gehen.“