Besprechung in Jour fixe 4/99

 

Karl Gebauer: Doppelagent. Erinnerungen;

Berlin: Edition Ost., 1999

ISBN 3-932180-46-1, DM 39,80.

 

1985 schloß die HA II/2 des MfS ihren IM-Vorgang ,Claus Reuter‘. Zehn Jahre lang hatte er bis dahin wichtige Informationen aus der westdeutschen Rüstungswirtschaft, der Bundesmarine sowie über Verfassungsschutzämter, MAD und BND berichtet. Sieben Jahre später holte ,Claus Reuter‘ alias Karl Gebauer dieses Kapitel seines Lebens wieder ein: 1992 Verhaftung, 1994 Verurteilung zu 12 Jahren Haft Nach seiner Begnadigung 1998 schrieb der heute Achtundsechzigjährige seine "Erinnerungen".

Als technischer Zeichner hatte er 1972 eine Stelle bei IBM-Sondersysteme in Wilhelmshaven angetreten. Als er drei Jahre später zum Sicherheitsbeauftragten dieser Firma berufen wurde, stand er bereits in Verbindung zum MfS. In den folgenden Jahren berichtete Gebauer im Umfang von etwa 35 000 Seiten zu militärischen und rüstungstechnischen Geheimnissen. Einmal übergab er 40 Ordner voller Verschlußsachen, mit denen er spontan nach Drewitz an die Grenze gefahren war. Seinen Einstand in Ost-Berlin hatte der Selbstanbieter mit Unterlagen zu dem Geheimprojekt ,Tenne‘ gegeben, einem neuentwickelten computergestützten Führungsinformationssystem der Bundesmarine für den Nord- und Ostseeraum. Gebauer sah in dem System eine offensive Komponente, weshalb er sich entschloß, sein Wissen an die DDR weiterzugeben. Damit hätte er "die gesamte äußere Machtstellung der Bundesrepublik Deutschland und daher deren äußere Sicherheit in schwerwiegender Weise gefährdet", urteilte 1994 das Gericht in der Begründung des außergewöhnlich hohen Strafmaßes (S. 39).

Schon die Einzelheiten, über die Gebauer zu wehrtechnischen Projekten schreibt, machen sein Buch lesenswert. Von großem Informationsgehalt sind darüber hinaus zwei weitere von ihm geschilderte Aspekte. Zum einen erfährt der Leser vieles über das Mit- und Gegeneinander der westdeutschen Dienste, die alle vom IBM-Sicherheitsmann Gebauer Zuträgerdienste erwarteten. Dem BND sollte er über Auslandsreisen von IBM-Mitarbeitern berichten, dem MAD Personalinterna. Das LfV Niedersachsen spannte ihn bei der Einrichtung einer Außenstelle in Wilhelmshaven ein, wollte ihn bei den GRÜNEN einsetzen und führte ihm stolz neue Abhörtechnik vor, die auch gegen Büros von SPD und DGB eingesetzt wurde, als sie Besucher aus dem Ostblock erwarteten. Zum anderen vermittelt Gebauer interessante Innenansichten über das Zusammenspiel von Wirtschaft und Nachrichtendiensten, über das bislang keine so detaillierten Veröffentlichungen vorlagen. Es scheint oftmals distanzlos, an einigen Stellen beinahe ,kumpelhaft‘ gewesen zu sein. Daß das, was Karl Gebauer vor zwanzig Jahren erlebte, auch heute noch aktuell ist, zeigte er in seinem Interview mit dem ND vom 8. Juni 1999.