Lothar Tyb’l

 

„Auf Posten“

Analyse der Leserdiskussion

 

Februar 2011

 

Das Buch  Auf Posten. Zum Charakter und zu den Aufgaben des Wachregiments Berlin „Feliks Dzierzynski“, Berlin 2010, ISBN 978-3-320-02245-7, 113 Seiten, erschien am 23. August 2010. Nach einem guten Vierteljahr ist die erste Auflage vergriffen.

Reaktionen der Leser auf sein Erscheinen und seinen Inhalt werden hier analysiert und es wird ein gewisser Schlussstrich unter die Debatte gezogen. Es versteht sich von selbst, dass diese Einschätzungen nur in Einheit mit dem Buch  gelesen und bewertet werden können.

Aus personen- und datenschutzrechtlichen  Gründen wird in der vorliegenden Fassung auf die Fußnoten mit den ca. 100 Namen aus den Zuschriften und Diskussionen verzichtet. In der Originalfassung des Autors liegen sie vor.

 

Teil II zu „Auf Posten“ ISBN  978- 3-320-02245-7

 

© Alle Rechte vorbehalten. Lothar Tyb’l. 2011

 

Die Schrift ist einschließlich aller ihrer Teile urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeder Art oder  Einspeicherungen in elektronische Systeme sind ohne Zustimmung des Autors unzulässig.

 

 

 

 

Inhalt

                                                                      

I. Verbreitung   

                                                          

II. Zustimmung und Diskussion

                       

III. Skepsis und Infragestellung  

                       

IV. Gegenstimmen       

                                  

V. Grenzen und  Denkanstöße  

                       

V.1 SED und Militär                                        

V.2 Militär und Sozialismus                               

V.3 Militär-Polizei-Staatssicherheit                                                           

 

 

I. Verbreitung

 

Eine ausführliche und politisch zustimmende Rezension erschien am 2. November 2010 im „Neuen Deutschland“, einer sozialistischen Tageszeitung.

Sie wurde übernommen von der Internetplattform www.mfs-insiderkomitee.de des Insiderkomitees des MfS, das sich kritisch und öffentlich mit der Geschichte des MfS auseinandersetzt.

Die Tageszeitung „Junge Welt“ veröffentlichte am 15. November 2010 eine ausführliche Annotation, ebenso das monatlich erscheinende Mitteilungsblatt der Initiativgemeinschaft zum Schutz der sozialen Rechte ehemaliger Angehöriger bewaffneter Organe und der Zollverwaltung der DDR e.V. „ISOR aktuell“  im September 2010.

Rezensiert und als wichtiger Beitrag zur Geschichte der bewaffneten Organe der DDR gewürdigt wurde das Buch im Oktober 2010 von einem namhaften Historiker der DDR, nachzulesen auf der Internetplattform von Gesellschaftswissenschaftlern der DDR: www.gewi-forum.de.

Das Ostdeutsche Kuratorium für Verbände e. V., ein Netzwerk von Initiativen und Verbänden gegen Diskriminierungen und Defizite bei der deutschen Wiedervereinigung, veröffentlichte auf seiner Homepage www.okv-ev.de eine sachliche Annotation und hob die Aussagen des Buchs gegen das Rentenstrafrecht für Berufssoldaten hervor.

Auf den Internetplattformen der Nationalen Volksarmee www.nva-forum.de und den Plattformen von einstigen Angehörigen des Wachregiments www.wachregiment-feliks.de und www.Das-Regiment.de wird das Buch zum Kauf angezeigt und zum Teil diskutiert.

 

In wichtigen Berliner und Potsdamer Archiven und Bibliotheken ist das Buch inzwischen vorhanden und ausleihbar. (Staatsbibliothek zu Berlin, Sign. 1A 777260; Zentrale Landesbibliothek Berlin, Sign. B 774 MfS 51; Bundesarchiv, Sign. 10 A 1944; Stadt- und Landesbibliothek Potsdam, Sign. 10/10916; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Sign. 6A 1577; Bibliothek der Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR, Sign. 10/618; Archiv zur Ortsgeschichte Berlin- Adlershof). Die Publikation ist gemeldet bei der VG (Verwertungsgesellschaft) Wort, dem rechtsfähigen Verein zur gemeinsamen Verwertung der ihm von Autoren und Verlagen vertraglich anvertrauten Urheber- und Nutzungsrechte.

 

II. Zustimmung und Diskussion

 

Verständlicherweise weckt das Buch vor allem das lebhafte Interesse vieler Berufssoldaten des Wachregiments, aber auch nicht weniger politisch engagierter Soldaten auf Zeit, die sich noch immer dem Wachregiment eng verbunden fühlen und ihre Dienstzeit als bedeutsamen Abschnitt ihrer Persönlichkeitsentwicklung betrachten.

Die überwiegende Mehrheit der dem Autor vorliegenden zahlreichen Briefe, Emails und Gesprächsnotizen von Stabs-, Truppen- und Fachoffizieren, einstigen Gruppenführern und Soldaten unterschiedlicher Jahrgänge  bringt – zum Teil sehr ausführlich – die Zustimmung zum Herangehen und zu den getroffenen Bewertungen zum Ausdruck. Ein wichtiges Ziel des Buches, zur Selbstverständigung der Berufssoldaten des Wachregiments beizutragen,  wurde  erreicht.

 

Die überwiegende Mehrheit der Zuschriften begrüßt das Buch als realistische und politisch überzeugende Darstellung des Charakters und der Aufgaben des Wachregiments, in jedem Fall aber als wertvolle Diskussionsbasis. Die getroffenen knappen Einschätzungen zum Innenleben des Wachregiments, zur Rolle der Kommandeure, Politoffiziere und der SED-Organisation, zur Bewusstseinsentwicklung, zum Verhältnis zwischen Offizieren und Soldaten werden in der Regel geteilt. Bemerkenswert ist, dass einige Berufssoldaten eine noch kritischere Haltung zu engstirnigem Handeln in der SED-Organisation und zu Erscheinungen geringschätzigen Verhaltens des MfS zum Wachregiment als erforderlich erachten.

 

Zu den Lesern zählen nicht wenige Mitglieder und die Initiatoren der lose um die oben genannten zwei Internetplattformen organisierten Gruppen, vorrangig einstige Soldaten auf Zeit, die durch Internet und regelmäßige Treffen ihre Erinnerungen an die gemeinsame Dienstzeit im Wachregiment pflegen und für ihren Militärdienst nach wie vor mit Stolz einstehen. In diesen Gruppierungen werden u. a.  Erinnerungsberichte gefertigt und in freier Diskussion ausgetauscht, zum Teil alte Rituale gepflegt und es werden evtl. auch neue Publikationen entstehen. Das Buch „Auf Posten“ kann dabei als  Orientierungs- und Kritikpunkt eine Rolle spielen.

 

Ausgeprägt ist der verständliche Wunsch vieler Berufs- und Zeitsoldaten nach einer konkreten und umfassenden Aufarbeitung und Darstellung der Geschichte des Wachregiments, die mit Namen und Adressen, Fotos und Dokumenten, militärischen und technischen Details das Leben und den Dienst im Regiment in seinen vielen Facetten widerspiegeln und lebendig werden ließe. Diesem Anliegen Rechnung zu tragen, ohne dabei den nahe liegenden Gefahren platter Nostalgie zu erliegen, steht noch immer auf der Tagesordnung. Ohne die Aussagen zur  Mithaftung des Wachregiments für den Untergang der DDR zu negieren,  wünschten sich einige Leser sinngemäß die Errichtung eines ‚Denkmals’ für die Leistungen der Angehörigen des Wachregiments beim ersten Sozialismus-Versuch auf deutschem Boden.

 

Beachtung und Zustimmung fand das Buch als gelungener Beitrag zur Diskussion grundlegender Probleme der Sicherheitspolitik der DDR bei Lesern aus dem MfS, der NVA, den Grenztruppen sowie dem MdI und der Polizei, die sich mit der Geschichte der bewaffneten Organe der DDR und den Ursachen des Zusammenbruchs des ‚Realsozialismus’ in der Systemauseinandersetzung und im „Kalten Krieg“ beschäftigen.

 

Mehrheitlich wird der Position zugestimmt, dass das Wachregiment aus politischen und ökonomischen Erwägungen als Polizeieinheit beim MdI statt als Militärformation beim MfS notwendig gewesen wäre. Nicht zu übersehen ist, dass manche Berufssoldaten diesen Fragen ausweichen, sich als inkompetent zur Beantwortung bezeichnen oder in der Unterstellung beim MdI nur eine technische Sache  sehen, die auf den Charakter und die praktischen Aufgaben des Wachregiments keinen Einfluss gehabt hätte. Damit verbunden sind Diskussionen zum Charakter des Grenzregimes und des Wachdienstes, zum erreichten Stand der Rechtskenntnisse und zur Schusswaffengebrauchsbestimmung.

 

Geschätzt wird an dem Buch, dass Positionen eines abstrakten, politisch neutralen Soldatentums abgelehnt werden, die u. a. bei der Begründung für den scheinbar nahtlosen politisch- ideologischen Übergang von Militär-angehörigen der DDR in die Bundeswehr debattiert wurden. Die Militär- und Sicherheitsorgane der BRD hatten einen ebenso klaren politischen Auftrag wie jene der DDR, ‚nur’ einen entgegen gesetzten, anti-kommunistischen.

 

Die Publikation erschien in einer Phase, in der unter den Militär- und Sicherheitsexperten der DDR nach zahlreichen biographischen Erinnerungen offensichtlich eine gründlichere, kritischere und selbstkritischere Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte begonnen hat. Vergleichbar mit den kontroversen Debatten zur Programmatik der Linken werden auch auf dem Gebiet der DDR-Militär- und Sicherheitspolitik unterschiedliche und gegensätzliche Standpunkte zur Sprache gebracht. Zugleich mehren sich Stimmen, die wegen der gnadenlosen Verteufelung des Sozialismus und der Heiligsprechung der kapitalistischen Gesellschaft diesen in Schutz nehmen, ohne das Selbstbild zu beschädigen und eigenes Versagen einzugestehen.   

 

Einige ost- und westdeutsche Bürger kauften das Buch auf der Suche nach schlüssigen Antworten zu dem plötzlichen und friedlichen Untergang der DDR. Die Tatsache, dass ein Staat ohne Widerstand abtritt, obwohl er  über einen in Jahrzehnten ausgebauten, intakten, vielgliedrigen Militär- und Sicherheitsapparat verfügt, der zur Aufrechterhaltung und Verteidigung dieses Staates geschaffen wurde, ist für viele noch immer unerklärlich. Sie erhellt u. a. demokratische und humanistische Positionen in der Opposition sowie in den Militär- und Sicherheitsorganen der DDR, ohne welche die in der bisherigen deutschen Geschichte beispiellose Form des Untergangs eines Staates nicht möglich gewesen wäre.

 

Ein Ortschronist wandte sich an den Autor mit der Bitte, das Archiv des Ortes, der Jahrzehnte Standort des Wachregiments war, mit Materialien und Dokumenten zu unterstützen. Dieser Bitte kommt der Autor im Rahmen seiner  bescheidenen Möglichkeiten nach.

 

Manche Leser aus dem zivilen Sektor würdigen den Diskussionsbeitrag als „sehr sachlich, kritisch, selbst-bewusst und korrekt“. Andere meinen, er sei nicht kritisch genug bei der  Wertung der selbst verschuldeten Ursachen des Zusammenbruchs des ‚Realsozialismus’. Zu diesen Ursachen würden z. B. Misstrauen und Vorurteile der ‚Herrschenden’ gehören, die zunehmend selbst harmlose Äußerungen von Bürgern zu befürchteten Alternativen gemacht hätten.

 

Außenstehende begrüßen in der Regel die  Klarstellung des Unterschieds zwischen dem spezifischen, geheim-dienstlichen Handeln des MfS und dem militärischen Wirken des Wachregiments. Kritisch wird vermerkt, dass im Buch die politischen Grundlagen und Inhalte zahlreicher Einsätze des Wachregiments zur Sicherung von Großveranstaltungen, Massendemonstrationen, Fackelzügen, Vorbeimärschen und Paraden  nicht in Frage gestellt wurden, obwohl die  Überzeugungskraft dieser Rituale im Laufe der Jahre immer mehr abnahm und von der SED feinfühligen individuellen Methoden mehr Gewicht hätte beigemessen werden müssen. 

 

Als sehr strittig wird in den Gesprächen, Diskussionen und Zuschriften die Frage nach der gesellschaftlichen Mithaftung des Wachregiments an dem Zusammenbruch des DDR-Sozialismus aufgeworfen. Manche Leser empfinden es als schmerzhaft, ungerecht und sind es überdrüssig, wenn angesichts der aktuellen Geschichtsrevision dieses Problem debattiert wird. Andere Leser verwechseln den Begriff der ‚Mithaftung’ mit einem ‚Korrektur- oder gar Sperrmechanismus’ für den Zusammenbruch der DDR, der dem Wachregiment als organischem Teil des Staates selbstverständlich nicht gegeben war. Dabei handelt es sich um die Neuauflage des klassischen Streits nach dem Verhältnis von individueller, konkreter Verantwortung und gesellschaftlichen Zwängen. Spätestens seit Heinrich von Kleists „Prinz von Homburg“ (1810/11) ist thematisiert, dass speziell im Militär das Verhältnis von „Einordnung und Auflehnung“ (Alfred Kerr 1925), von „Kriegerstolz und Knechtsverstand“ (Bertolt Brecht 1939) ein schwieriges und sensibles Thema ist. Im ‚Realsozialismus’, in der SED  und dem von ihr geführten Militär war das nicht anders.

 

Unüberhörbar sind die Stimmen aus dem Wachregiment, wie sie in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft, auch in Biographien führender Militärs der DDR zu hören sind: An uns ist der Sozialismus nicht gescheitert. Begründet werden sie folgendermaßen: Andere Handlungsvarianten als die von uns realisierten waren nicht möglich und hätten unweigerlich zur Bestrafung und Entlassung geführt. Jede wichtige Entscheidung hatte ihre konkret historischen Ursachen und wurde nicht willkürlich getroffen. Der damalige Kenntnisstand schloss weitgehende Reformen der sozialistischen Gesellschaft und seines Militärs aus. Das sozialistische Militär verlangte seinem Wesen nach Disziplin und Loyalität zur Partei- und Staatsführung.

 

Mitunter wird argumentiert, dass es ungerecht sei, „Leute nach ihren Fehlern zu beurteilen, die sich aus dem Geist der Epoche erklären“ (Francois Mitterand) – obwohl der Geist jeder Epoche immer vielfältige und in sich gegensätzliche Handlungsmaximen einschließt. Es wird ausgeblendet, dass der ‚Realsozialismus’ u. a. zusammenbrach, weil viele, auch hohe und höchste Funktionäre und Militärs, genau so handelten, wie es in diesen Aussagen als alternativlos charakterisiert wird. Die festgefahrenen Machtstrukturen wurden wegen des gefährlichen Weges von der Hörigkeit zur Mündigkeit, von der ‚Parteitreue’ zur ‚Parteikritik’ nicht bzw. nicht frühzeitig genug in Frage gestellt. Die Tendenz, Gorbatschow und der KPdSU, Honecker und dem Politbüro der SED die ‚Schuld’ zuzuordnen, die Ursachen in den ökonomischen und internationalen Verhältnissen und im gegnerischen Handeln allein in den Vordergrund zu schieben und sich selbst von gesellschaftlicher Mithaftung frei zu sprechen, wird deutlich. Je höher die Funktion war, umso stärker wird scheinbar diese Tendenz.

 

Viele Leser empfinden es als wohltuend, dass im Buch keine Namen genannt sind. Der Autor  verzichtet auch auf nähere Angaben zu seiner Person, was von einigen Lesern kritisch vermerkt wird. Die individuelle Verantwortung einzelner Regimentsangehöriger wurde bewusst nicht thematisiert und ausgeklammert; von juristischer Schuld war ohnehin abzusehen, weil sie selbst von der „Siegerjustiz“ trotz krampfhaften Bemühens ausgeschlossen werden musste. Es geht im Buch um politisch- militärische Strukturen und Entscheidungen, um Ursachen und Bedingungen und um die Mithaftung der besonderen Formation ‚Wachregiment’ für den Aufstieg und Untergang der DDR. Die persönliche Empfindlichkeit und anscheinend betroffene Eitelkeit einzelner  Offiziere des Wachregiments zu kritischen Passagen des vorgelegten Diskussionsbeitrages sind eine verständliche aber realitätsfremde Reaktion. Nicht wenige Leser loben, andere kritisieren gerade die Zurückhaltung des Textes. Für das spezielle Anliegen dieses Buches erschien es sinnvoll und zweckmäßig, genau so zu verfahren.         

                       

Die vier in der Presse veröffentlichten Rezensionen des Autors werden übrigens so gut wie nicht erwähnt, weder im Guten noch im Schlechten. Diese Arbeiten werden einfach übersehen, obwohl sie als notwendige Ergänzung in das Buch aufgenommen wurden und die in der Öffentlichkeit bekundete Haltung des Autors zum Wachregiment ebenso nachweisen wie der Diskussionsbeitrag „Auf Posten“.

 

III. Skepsis und Infragestellung

 

1. Einzelne Stimmen äußern die aus der SED-Geschichte nachwirkenden und durch die bereits 20 Jahre anhaltenden ideologischen Attacken der vermeintlichen ‚Sieger im Kalten Krieg’ verstärkten Sorgen, dass  selbstkritische Einschätzungen von der ‚Gegenseite’ ausgenutzt werden. Der Autor zögerte nicht deshalb mit der Publikation, sondern wegen des existierenden Rentenstrafrechts und hatte aus diesem Grund zunächst nur eine umfassende Vorarbeit an leitende Offiziere des Wachregiments versendet, um auf diesem Wege eine Diskussion in Gang zu setzen.

 

Das rigide Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 28. Juli 2010 unterstrich jedoch erneut, dass das Renten-strafrecht grundgesetzgemäß wäre. In Reaktion auf diese tendenzielle Zuspitzung wurde noch spürbarer, dass der während der ‚Wende’ in den eigenen Reihen vorhandene Wille zu selbstkritischer Einschätzung wegen der andauernden Diffamierung und Ausgrenzung nachgelassen hat und zum Teil auf Widerstand stößt. Das führte zum Entschluss, die berechtigten Bedenken im Verhältnis zum aufklärenden Zweck des Buches abzuwägen und das überarbeitete Manuskript zu veröffentlichen.

 

2. Manche Leser urteilen, dass die kritische Auseinandersetzung mit einem solchen Detail, wie es die Geschichte des Wachregiments darstelle, überflüssig sei, da sich durch den Zusammenbruch des ‚Realsozialismus’ die Unmöglichkeit und Falschheit jedes Sozialismus-Projekts praktisch erwiesen habe. Stimmte die letztgenannte These, hätten sie natürlich Recht aber – die Analyse des Ganzen und jedes Details wäre umso dringlicher.

Zur Begründung wird auf das angeblich falsche Menschenbild (Ideologie) der einstigen herrschenden kommunistischen Parteien verwiesen, das die Individualität, speziell den menschlichen Egoismus, nicht in Rechnung gestellt habe und auf dessen Grundlage ein uneffektives Wirtschaftssystem installiert worden wäre.

Assistiert wird diese Einschätzung eigenartiger Weise von christlichen Lesern, die meinen, dass der Sozialismus wie das Christentum zwar das Gemeinwohl im Auge hätte, aber an der generellen Unfertigkeit des Menschen scheitere, der sein Streben nach Vollkommenheit nur im Gottesglauben finden könne.

 

Hier handelt es sich nicht um eine einzelne Meinung, sondern nach meiner Erfahrung um Äußerungen einer Denkrichtung, die durch den weltweiten Zusammenbruch des ‚Realsozialismus’ geboren wurde bzw. neue Nahrung erhielt. Von allen in der Diskussion aufgeworfenen Problemen halte ich diese prinzipielle Absage an den Sozialismus für das Hauptproblem, auch wenn es nur indirekt das Wachregiment betrifft. Das Wissen von der Notwendigkeit und die Hoffnung auf die potentielle Überlegenheit des Sozialismus scheint in breiten Bevölkerungsschichten durch den Zusammenbruch des ‚Realsozialismus’ erheblich geschwunden zu sein oder waren nie so tief ausgeprägt, wie die SED zu wissen glaubte.

 

Die Buchdiskussion bewegt sich damit in der aktuellen Debatte, die Notwendigkeit und Möglichkeit des Sozialismus nach dem historischen Zusammenbruch des  Sozialismus sowjetischen Modells neu zu begründen. Seine erneuerte Definition und seine neuen Inhalte ergeben sich nicht aus Utopien oder einem ‚Wunschbild vom Menschen’, wie neuerdings selbst von Linken mitunter artikuliert wird, sondern aus zweierlei Quellen: Erstens aus der politökonomischen und gesellschaftlichen Kritik des globalen Finanz- Kapitalismus unter Rückgriff auf Marx’sche Grundlagen und zweitens aus der Analyse der bisher realisierten Sozialismusversuche in Europa, Asien und Lateinamerika und der schonungslosen Aufdeckung der inneren und äußeren, subjektiven und objektiven Ursachen ihres Scheiterns. Diese Analyse revolutioniert gegenwärtig das Wissen darüber, wie die  politischen Umwälzungen und Veränderungen in den grundlegenden Eigentumsver-hältnissen gestaltet werden müssen, um dem Streben breiter Volksschichten nach sozialer Gerechtigkeit und Freiheit eine sichere und dauerhafte Grundlage zu geben.

 

Das Konzept des demokratischen Sozialismus ist noch zu unbestimmt und in sich widersprüchlich, die Suche nach unterschiedlichen (auch nationalen, regionalen) Formen des Sozialismus und die aufflackernden Diskussionen um den Sozialismus und Kommunismus als zwei aufeinander folgende Phasen der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung stehen erst am Anfang und die Frage nach dem revolutionären Subjekt unter den veränderten Bedingungen ist noch immer umstritten.

 

Es ist nicht überraschend, dass die Gespräche und Diskussionen um einen so relativ kleinen Gegenstand wie das Wachregiment fast explosionsartig die ‚Kasernentore’ sprengen und das Gesellschaftsganze einbeziehen. Das liegt in der Natur dieses Gegenstandes, an der Art und den Grenzen des vorgelegten Diskussionsbeitrages und an den politisch- weltanschaulichen Interessen der Diskutierenden. Umgekehrt wird so deutlich, dass mit einem ‚kasernierten Denken’ den Problemen und ihrer Lösung nicht beizukommen wäre.

 

3. Einige Leser, selbst unter den Berufssoldaten, zweifeln an der Nützlichkeit und am Sinn  solcher Arbeiten wie das Buch „Auf Posten“ oder stellen sie generell in Frage.

 

Abgesehen von persönlichen Wurzeln im Alter, in der Krankheit, in der sozialen Zwangslage, in aktueller Arbeitsbelastung usw. äußern sich hierin das nüchterne Gefühl und klare Wissen um die Tiefe und Größe des eklatanten und weltweiten Zusammenbruchs des ‚Realsozialismus’ und der aktuellen Perspektiv- und Machtlosigkeit für weitgehende gesellschaftliche Änderungen. Der Kampf zur Sicherung der alltäglichen Lebensinteressen und das Zurechtfinden in den sich ständig verändernden Lebensbedingungen lassen Diskussionsthemen wie dieses Buch für viele Bürger, so auch für einige Berufs- und Zeitsoldaten nebensächlich werden. Das Wachregiment ist tot und wird als solches nicht mehr geboren werden, äußerte ein Berufssoldat richtig, was soll die Aufarbeitung seiner Geschichte nützen.

 

Dieses Denken tendiert zu einer ‚Flucht aus der eigenen Geschichte’ und wirft die prinzipielle Frage nach dem Sinn von Geschichtsschreibung auf.  Im speziellen Fall wird von den Lesern verkannt, dass aus dem Zusammenbruch des Sozialismus mitunter auf seine Unmöglichkeit geschlussfolgert und schon der Gedanke neuer Sozialismusversuche vehement bekämpft wird. Die Linke kann durch die Aufdeckung selbstverschuldeter Ursachen des Scheiterns des ‚Realsozialismus’ die Bereitschaft för-dern, über Möglichkeiten einer grundlegend erneuerten sozialistischen Perspektive nachzudenken. Es darf nicht übersehen werden, dass nur die ehrliche Analyse und realistische Würdigung des ersten Sozialismusversuchs auf deutschem Boden, darin eingeschlossen die Leistungen des Wachregiments, ein Baustein für Zukunftsvisionen sein kann und Barrieren errichtet, gleiche Fehler zu wiederholen.

 

4. Obwohl nicht wenige Leser überrascht sind vom Herangehen im vorgelegten Diskussionsbeitrag und eine konkrete Behandlung des prallen und widersprüchlichen Lebens der Wachposten, der verschiedenen Einheiten, Stäbe und Dienstbereiche erwarteten, wird überwiegend hervorgehoben, dass  die Einordnung des Wachregiments in die politische Geschichte der DDR notwendig ist, gelungen erscheint und für viele Berufs- und Zeitsoldaten neue Aspekte des eigenen Urteilens eröffnete.  Der Wert der so eingegrenzten Zielstellung bestünde vor allem darin, dass sie über den Rahmen einer eng gefassten Regimentsgeschichte hinausgeht und zu grundsätzlichen  Fragen des Sozialismus in der DDR überleitet.

 

Vor allem von einigen Soldaten auf Zeit und jüngeren Berufssoldaten werden der konzentrierte theoretische Stil und die Sprache bemängelt, der ihren von lebendigen persönlichen Erinnerungen geprägten Erwartungen nicht entgegenkomme. Schon gegenüber Verlagen habe ich betont, dass dieser Weg bewusst gewählt wurde und ich diese Einwände in Rechnung stelle. Vorschläge im Vorfeld, den Text durch Namen, Fotos, Anekdoten, konkrete einzelne Geschichten und Beispiele etwas leserfreundlicher zu machen, habe ich abgelehnt.

 

Hier geht es nicht um die vielseitige Geschichte, sondern allein um einen Beitrag zur Einordnung des Wachregiments in die politischen Strukturen und Konzeptionen der DDR-Politik, ein Problemfeld, das  in der bisherigen Literatur und Diskussion so gut wie keine Rolle gespielt hat. Nach meinem Verständnis treten erst auf dieser Ebene die grundlegenden Widersprüche in der Regimentsentwicklung zutage. Klar ist, dass weitere Betrachtungsebenen notwendig sind.

 

 

IV. Gegenstimmen

 

1. In einer nicht an den Autor adressierten Stellungnahme von vier namhaften Offizieren heißt es, dass  wesentliche Einschätzungen nicht geteilt werden, ohne zu sagen, welche damit gemeint sind. Formen und Wege zur Austragung der angedeuteten Widersprüche werden nicht vorgetragen. An Stelle der notwendigen inhaltlichen Auseinandersetzung wird die aus der SED-Geschichte bekannte und längst verschlissene Form der moralischen Diskreditierung des Autors gewählt. Dadurch werden die Probleme konserviert und eine vorwärts drängende Diskussion beeinträchtigt.

 

Eine Zuschrift lehnt die im Buch angerissene Darstellung der Ursachen des Zusammenbruchs des Sozialismus prinzipiell ab und erklärt, dass mit der Kritik  Chruschtschows an Stalin 1956 der Revisionismus in den herrschenden Parteien der sozialistischen Länder begann, im ‚Verrat’ Gorbatschows kulminierte und innerhalb der SED der 80er Jahre seine Fortsetzung fand (z. B. in dem gemeinsamen Dokument der SED/SPD „Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit“ von 1987). Dieser Revisionismus, nicht ‚stalinistische’ oder ‚poststalinistische’ Verkrustungen hätten den Zusammenbruch des Sozialismus herbeigeführt.

 

2. Von der Behörde des „Bundesbeauftragen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR“ (Birthler-Behörde) oder dem für das Renten-strafrecht der Berufssoldaten zuständigen Senat des Bundesverfassungsgerichts, denen Exemplare des Buches zugesandt wurden, kamen keine Reaktionen. Sie versäumten einen jener kleinen Zugänge, um mit billigen Verurteilungen zu brechen und mit der Analyse zu beginnen. Das überrascht keineswegs; diese Erfahrung machte der Autor mit  mehreren kritischen Rezensionen zu unterschiedlichen Büchern zur DDR-Geschichte, die er an ‚westdeutsche’ Autoren übersandt hatte.

Die ideologischen Attacken gegen das Wachregiment sind entweder unscharfe Schattenrisse oder verweisen pauschal auf dessen Unterstellung zum MfS oder klassifizieren es völkerrechtswidrig als Organ eines „illegitimen“ Staates. Hierin äußert sich die Tendenz,  die Politik der BRD gegenüber der DDR, insbesondere ihre Embargo-, Alleinvertretungs- und Konfrontationspolitik, der kritischen Bewertung zu entziehen und die Geschichte der DDR ohne ihre Verflechtung in die deutsche Nachkriegsgeschichte ‚aufzuarbeiten’.

Die Bereitschaft vieler Medien, an Stelle der ‚Vor-Urteile’ und ‚Nach-Schläge’ zur DDR und speziell zum MfS/WR einer differenzierten wissenschaftlichen Auseinandersetzung den Vorrang zu geben, ist selbst 20 Jahre nach dem ‚deutsch-deutschen Kurzschluss’ nach Art. 23 Grundgesetz nicht erkennbar. Zudem hat das Buch wegen seines relativ kleinen Leserkreises kaum jene Bedeutung, die bestimmten einflussreichen Lesern oder Institutionen signalisieren könnte, mit zielgenauen Diffamierungen oder Argumentationen  reagieren zu müssen.

 

Diesbezüglich eine lobenswerte Ausnahme bildet der westdeutsche Autor des Buches „Die Garde des Erich Mielke“ (2008), den die „grundsätzlich positive Haltung“ zum Wachregiment beim Umfang der  Kritik an dieser Spezialformation überrascht. Er erklärt diesen Unterschied zu seinem gegen das Wachregiment gerichteten Buch richtigerweise damit, dass er „als staatlich geprüfter Antikommunist“ –  wie er sich selbst sieht –  die DDR als „Unrechtsregime von Anfang bis Ende“ betrachtet, während der Autor von „Auf Posten“  genau diesen Standpunkt nicht teilen würde. Ich bestätigte ihm, dass die „entschiedene Selbstkritik des ‚realen’ Sozialismus“, wie sie in spezifischer Weise in dem Buch „Auf Posten“ zum Wachregiment erfolgt, nicht in einem „generellen Antikommunismus und Antimarxismus“ endet, sondern in deren Gegenteil.

 

V. Grenzen und Denkanstöße

 

Für die Diskussionen über das die Geschichte des Wachregiments behandelnde Buch „Auf Posten“ ist charakteristisch, dass bei weit überwiegender Zustimmung des begrenzten Leserkreises ein Spektrum unterschiedlicher, zum Teil entgegengesetzter  Meinungen und Standpunkte geäußert werden. Das entspricht der nahezu ausufernden Vielfalt im politischen Denken nach dem Zusammenbruch der DDR und des Warschauer Vertrages und verdeutlicht, dass zu deren Ursachen und Bedingungen und daraus resultierenden Konsequenzen noch immer um begründete und Mehrheiten überzeugende Antworten gerungen wird und die Auseinandersetzung mit Ge-schichtsrevisionismus, mit überholten Positionen sowie mit dem alltäglichen Drang zur ‚Flucht aus der Geschichte’ unerlässlich bleibt.

 

Die Grenzen der bisherigen Diskussion des Buches bestehen darin, dass einige grundlegende Aspekte nicht oder nur nebenbei berührt werden.  Das resultiert aus dessen Inhalt, der über das Regiment hinausführt, aus der Tatsache, dass die aufgeworfen politisch-theoretischen Fragen die individuellen Erinnerungen besonders von Zeitsoldaten nicht direkt berühren und aus den engen Schranken, die eine Diskussion in Brief-, Email- und Gesprächsform mit sich bringt.

Es fehlt für das Wachregiment eine Ebene und Organisationsform, die eine offene und produktive politisch-wissenschaftliche Diskussion erlaubt, wie sie für die NVA, das MdI und die Polizei und in beschränktem Maße durch das „Insiderkomitee“ für das MfS existieren.

 

Notwendig und wünschenswert wäre in der gegenwärtigen Diskussionsphase u. a. eine gründliche Debatte zu folgenden Thesen des Buches: Erstens. Die führende Rolle der SED im Wachregiment – Notwendigkeit oder Hemmnis. Das Wachregiment – Partei- oder Staatsorgan. Zweitens. Das Für und Wider der Formierung des Wachregiments als polizeiliche oder militärische Formation. Drittens. Das Für und Wider der Zuordnung des Wachregiments zum MfS. Viertens. Das Sozialistische im traditionellen militärischen Charakter des Wachregiments. 

 

Wenn weitgehende Klarheit und Übereinstimmung zu den Ursachen  und Bedingungen der ersatzlosen Abwicklung des Wachregiments am 31. März 1990 bestehen, werden sich der Blick und die Analyse verlagern von den objektiv und subjektiv bedingten Unsinnigkeiten und Unfertigkeiten auf die bleibenden historischen Leistungen in seiner Geschichte.

 

Aus der Vielzahl der vorgelegten Diskussionsbeiträge und Zuschriften kristallisieren sich einige theoretische Probleme heraus, die es wert sind, als Denkanstöße für weiteres Vorgehen benannt und beschrieben zu werden, ohne ihre Lösung hier zu entwickeln.

 

V.I   SED und Militär

 

Die Führung durch die SED durchdrang alle Seiten der Regimentsentwicklung und galt als unumstößlich. Darin unterschied sich das Wachregiment nicht von allen anderen bewaffneten  und Sicherheitsorganen und der DDR-Gesellschaft nach sowjetischem Modell.

Von der SED wurde die von ihr praktizierte Führung erstmals in Frage gestellt im Ergebnis des durch Krisen und Umbrüche erzwungenen gesellschaftlichen und inner-parteilichen Denkprozesses. Die vom Sonderparteitag der SED/PDS am 8./9. und 16./17. Dezember 1989 getroffenen Entscheidungen, dieses Führungsprinzip als Verfassungsgrundsatz zu streichen und die SED-Organisationen in den bewaffneten Organen, Betrieben und Einrichtungen aufzulösen, also einen völlig neuen Organisationsaufbau anzustreben, wurden jedoch weder in der SED/PDS noch in der DDR-Gesellschaft breit diskutiert.

Der SED hatte nicht mehr die Kraft und Zeit, sich des Wesens und Inhalts dieser gravierenden Beschlüsse zu vergewissern. Die in den 80er Jahren entstandenen Risse innerhalb der Partei konnten nicht geschlossen werden, sondern vertieften sich. Der forcierte Übergang vom angestrebten Erneuerungsprozess des Sozialismus in der DDR zur Herstellung der deutschen Einheit setzte andere Fragen auf die Tagesordnung.

Die allseitige Analyse und öffentliche Debatte vieler Probleme des ‚Realsozialismus’ und der SED- Geschichte wurden durch diese Entwicklung abgebrochen, in die Gremien der PDS und in kleine theoretische Zirkel verlagert oder fielen einer oberflächlichen Diffamierungskampagne von Medien anheim.

 

Deshalb ist es nicht überraschend, dass in den Diskussionen  zu dem Buch „Auf Posten“ dieses für das Wachregiment grundlegende Führungsprinzip sehr unter-schiedlich und oft gar nicht berührt wird. Manchen Berufssoldaten ist nicht erinnerlich und bewusst, dass die  SED/ PDS im Dezember 1989 die Auflösung der SED-Organisation in den bewaffneten Organen selbst veranlasste, weil dieser Beschluss das sich stürmisch verändernde Wachregimentsleben im Herbst 1989 nicht mehr nachhaltig beeinflusste.

Andere lehnen ihn nachträglich als Form des  Zurückweichens’ ab und betonen, dass allein dort, wo die führende Rolle der kommunistischen Partei gesichert wurde, sich der Sozialismus etablieren und behaupten konnte. Sie verweisen in diesem Zusammenhang auf die VR China, in der im Unterschied zur Sowjetunion dieses Führungsprinzip nie angetastet worden sei, weshalb China im Unterscheid zur Sowjetunion noch heute existiere, wenn auch Zweifel hinsichtlich seines sozialistischen Charakters geäußert werden. 

 

In den Zuschriften von Soldaten auf Zeit spielt das Führungsprinzip kaum eine Rolle, sondern nur diese oder jene seiner oft widersprüchlichen Erscheinungsformen, z. B. die Rolle der Politstellvertreter oder des Politunterrichts. Die Diskussionen und Zuschriften offenbaren, dass die Bereitschaft und der Wille, dieses Führungsprinzip und das Verhältnis von SED und Staat kritisch zu hinterfragen, wenig ausgeprägt sind.

 

Während es auf naturwissenschaftlichem und technischem Gebiet als selbstverständlich gilt, dass jede Sache doppelgesichtig ist und missbraucht werden kann, wird das bei  gesellschaftswissenschaftlichen Erscheinungen meistens vergessen oder geleugnet.

Für die ‚Partei’, die über Jahrzehnte im Wachregiment wie generell in den sozialistischen Ländern als ‚heilig’ und unantastbar galt, trifft das ebenfalls zu. Sie war ein entscheidender Faktor für die  Errichtung der  sozialistischen Gesellschaft in einigen europäischen Staaten und in anderen Regionen; und sie wurde, wenn auch nicht zwangsläufig, zum Hemmnis für deren Weiterentwicklung und zur Ursache für Deformationen und Erstarrungen.

 

Diskutiert wird, wann und warum  sich diese Wandlung vollzog. Dabei geraten zwei Prozesse ins Blickfeld: Zum einen die innere Entwicklung der SED vom proklamierten demokratischen zum bürokratischen Zentralismus. Zum anderen die äußere Entwicklung vom historisch begründeten Anspruch auf Führung in der neuen Gesellschaft durch Opfer, Leistung, Programmatik und Vorbild zum mit staatlicher Macht und Gesetz dauerhaft diktatorisch durchgesetzten Führungsprinzip statt die historischen Errungenschaften freien demokratischen Lebens, der Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung im sozialistischen Sinne zu vervollkommnen.

Die Geschichte offenbarte, dass die Führungspersönlichkeiten dabei eine wichtige Rolle spielen. Die begrenzten Auswirkungen der Stalin-Kritik Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU (1956) erbrachten jedoch den Beweis, dass allein mit einer „Kritik am Personenkult“ dieser Wandlung nicht konsequent und letztlich nicht erfolgreich entgegen getreten werden kann.

 

Ein Leser verweist darauf, dass sich in der BRD der Form nach ebenso ein ‚Parteienstaat’ herausgebildet hätte wie in der DDR, nur mit dem Unterschied, dass in der DDR eine Partei –  die SED – den Staat absolut durchdrang, während es in der BRD vor allem zwei große Parteien wären – die CDU und SPD – , die den Staat all-gegenwärtig dominierten. Während die DDR schon unterging, vollziehe sich  seit der ‚Wende’ eine Deformierung des Parteienstaates in der BRD und seine Perspektive sei ungewiss. Mit Sorge erinnert er an die Geschichte der Weimarer Republik, die von den Nazis als ‚maroder Parteienstaat’ bekämpft und beseitigt wurde. Missdeutet würde noch immer die ‚Rundtisch-Demokratie’ als Ausnahme-Phänomen, obwohl sie die hierarchische Parteienstruktur in Vielem in den Schatten stelle.

 

Einige Leser meinen, dass im Unterschied zur Gesellschaft als Ganzes im Militär der Führungsanspruch der SED unbedingt und mit allen Mitteln gesichert werden musste. Interessanterweise wird der Beschluss zur Auflösung der SED-Organisationen in den Militär- und Sicherheitsorganen vom Dezember 1989 in den zahlreichen Biographien und Büchern führender Militärs und Sicherheitsexperten der DDR so gut wie nicht berührt. Das Thema wird in der Regel umgangen und fast ausschließlich auf bestimmte produktive Seiten oder negative Aspekte der führenden Rolle der SED im Militär verwiesen. Genau diese Tendenz zeigt sich in den Diskussionen und Zuschriften zum Buch „Auf Posten“.

 

Die Frage nach dem Zusammenhang der Militärentwicklung mit dem Prinzip der führenden Rolle der SED bleibt damit ein Denkanstoß, der noch weitgehend unbeantwortet blieb. Die Position des SED-Sonderparteitages 1989, dass SED-Organisationen im Militär nichts zu suchen hätten und ein Ausdruck des dogmatisch  verstandenen Führungsanspruchs einer ‚poststalinistischen’ Partei und eines gescheiterten Sozialismusmodells wären, ist in der vorliegenden Literatur nicht ausdiskutiert.

 

Die Diskussion um die führende Rolle der SED im DDR- Militär sei nur auf den ersten Blick ein spezielles Problem des gescheiterten ‚Realsozialismus’, steht in einer Zuschrift. Bei genauerem Hinsehen offenbare sich dieses Führungsprinzip nur als eine spezifische geschichtliche Variante des auch im staatlich vereinten Deutschland diskutierten Verhältnisses von Partei- oder Parlamentsarmee, von Politik und Militär und der Frage, wie zu sichern ist, dass sich das Militär nicht von den Interessen des Volkes entfernt oder sich ihnen entgegenstellt. Die BRD nutzt wider den Mehrheitswillen der Bevölkerung den profitablen Waffenexport, den Krieg und Militärinterventionen als Instrumente in der Außenpolitik und wäre mit dem Konzept von Berufsarmeen weit davon entfernt, die These vom mündigen „Staatsbürger in Uniform“ zu realisieren.

 

V.2  Militär und Sozialismus

 

Das Militär sei eine uralte gesellschaftliche Erscheinung, der Sozialismus dagegen ein Kind des letzten Jahrhunderts.  Streit darüber, was das Militär auszeichnet, hat es im Wachregiment kaum gegeben und spielte auch in den Diskussionen zum vorgelegten Buch so gut wie keine Rolle. Militär erfordere einheitliches Handeln nach Gesetz, Vorschrift und Befehl, widerspruchslose Unterordnung unter den Willen des Vorgesetzten, feste und nachhaltige Verhaltensregeln, die  unbedingte Durchsetzung des Entschlusses und Befehls (W. Scheler)  und in der Regel die Kasernierung und Uniformierung des Personalbestandes.

 

Insofern der ‚Realsozialismus’ im Gefolge zweier Weltkriege entstand und sich unter Bedingungen des „Kalten Krieges“ entwickelte, der jederzeit in einen „Heißen Krieg“ umzuschlagen drohte, blieb die Notwendigkeit des Militärs der DDR, darunter der speziellen Funktionen des Wachregiments, unter den Regimentsangehörigen unbestritten, selbst wenn die individuellen Antworten darauf verschieden waren und sind. Das wird in den Diskussionen zum vorgelegten Buch immer wieder betont und das Rentenstrafrecht sowie die Ausgrenzung von Berufs- und Zeitsoldaten des Wachregiments im vereinten Deutschland deshalb zurückgewiesen.

 

Der Streit entbrannte in der Praxis und entbrennt zu dem Buch „Auf Posten“, wenn es um die Frage geht, worin sich sozialistisches Militär von dem Militär vorangegangener Gesellschaften bei Anerkennung der allgemeinen Prinzipien, die Militär immer auszeichnen, unterscheiden muss. Strittig ist mitunter schon die Frage, ob es in seinem ‚Innenleben’ Unterschiede geben  kann und muss.

Die Praxis mancher militärischer Vorgesetzter legte nahe, dass sie faktisch zum  Standpunkt eines ewig gleichen Charakters des Militärs neigten. Die Literatur über das DDR-Militär vor und nach der Wende scheint diese Frage nur einseitig zu behandeln. Sie begnügt sich nicht selten mit ausführlichen Hinweisen auf die historisch neuartige soziale Zusammensetzung des Offizierskorps und die auf Frieden und Verteidigung gerichteten Funktionen des DDR-Militärs, lässt aber die inneren Strukturen zu sehr außer Betracht. Die hierzu  in „Auf Posten“ dargestellten Praktiken und Denkansätze  werden wenig debattiert (vgl. u. a. S. 74 und 84).

 

Der unübersehbare Widerspruch zwischen einer  Gesellschaft, in der die „freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ (Marx) und dem auf Befehl gegründeten Militär wurde im Wachregiment und in der DDR kaum deutlich thematisiert und wenn, stieß das auf Widerstand.

Selbst in  Nachwende-Memoiren vieler hoher DDR-Militärs bleibt dieser grundlegende Widerspruch ‚außen vor’, obwohl er in der Praxis der DDR verstärkt nach Einführung der Wehrpflicht 1962 und mit dem wachsenden Lebensniveau in den 60er Jahren immer deutlicher spürbar wurde. Die bedingungslose Kapitulation Nazideutschlands hatte das Verhältnis vieler Deutscher zum Militär grundlegend verändert.  Nicht wenige Bürger und Wehrpflichtige empfanden das Militär als einen Fremdkörper, als ein Relikt in der sozialistischen Gesellschaft. Die Methoden  zur Gewinnung des erforderlichen Offiziersnachwuchses nahmen groteske Formen an und im Soldatenmilieu entwickelte sich eine breite, in sich sehr differenzierte und diffuse „EK-Bewegung“ („EK“ = Entlassungskandidat; widerrechtliche Durchsetzung vermeintlicher Rechte älterer gegenüber jüngeren Soldaten), in der nicht nur die inneren Widersprüche des Militärs, sondern auch dessen latenter Gegensatz (im Grad persönlicher Freiheit) zur Gesellschaft ihren eigenartigen Ausdruck fanden.

 

Da das gescheiterte Sozialismusmodell durch einen Mangel  an Demokratie gekennzeichnet war,  liegt der Schluss nahe, dass hier die Ursache liegt, warum in der Militärwissenschaft der DDR dem widersprüchlichen Verhältnis von Sozialismus und Militär keine oder geringe politische und wissenschaftliche Bedeutung beigemessen wurde. Der Befehl verkörpere seinem Inhalt nach die Interessen des Volkes und sei damit demokratisch, lautete die einfache Argumentation. Bezeichnenderweise wurde sich nie, zumindest nie öffentlich, mit der „EK- Bewegung“ auseinandergesetzt und wenn, dann nur mit banalen Teilaspekten. Auch in den Diskussionen zum Buch „Auf Posten“ blieben diese Aspekte bisher unterbelichtet. Es mag hinzukommen, dass viele führende DDR-Militärkader in der Illegalität, Haft und Emigration, im Krieg und in der Nachkriegszeit groß wurden und deshalb wenig Empfinden für diesen Widerspruch entwickelten. 

 

Die bekannten Versuche der BRD mit den Grundsätzen zur „Inneren Führung“ und der These vom „Staatsbürger in Uniform“ die Bundeswehr an sich verändernde gesellschaftliche Bedingungen in den 60er Jahren anzupassen, und die Widersprüche in der 2011 angestrebten Militärreform der Bundeswehr signalisieren unter anderen gesellschaftlichen Verhältnissen ähnliche Schranken, wenn  um  die Lösung des  Widerspruchs zwischen der Entwicklung der Individualität und Demokratie in der Gesellschaft und dem strikten militärischen Gehorsam und der Befehlshierarchie debattiert und gerungen wird.

 

Hierin äußert sich nach Meinung einiger Leser eine grundlegende Tendenz, die darin bestünde, dass wider alle aktuellen Modernisierungs- und Aufrüstungsaktivitäten in vielen Ländern die gesellschaftlichen Probleme in einer globalisierten Welt immer weniger mit militärischen Mitteln gelöst werden können und die autokratischen inneren Strukturen des Militärs nicht oder nur sehr schwer in das Funktionsmuster demokratischer Staaten integrierbar sind. Diese Tendenz gehe weit über jene der 70er und 80er Jahre hinaus, nach welcher durch die atomare Bewaffnung der Krieg  als Mittel der Politik für Sieger und Verlierer gleichermaßen unsinnig wäre. Sie würde jedoch nur durch hartnäckige Kämpfe der an ihr interessierten Kräfte durchzusetzen sein.

 

V.3   Militär- Polizei- Staatssicherheit

 

Im Charakter und  in den Funktionen, in den Aufgaben und Strukturen des Wachregiments waren in spezifischer und kritikwürdiger Weise Funktionen des Militärs, der Polizei und der Staatssicherheit vermischt. Ähnliche Spezialeinheiten gab und gibt es in der BRD und allen Staaten. Es wäre verdienstvoll, internationale Vergleiche anzustellen und die mit diesen Einheiten verbundenen militärischen Leistungen sowie Gefährdungen der Demokratieentwicklung zu verdeutlichen – statt das vor 20 Jahren abgewickelte Wachregiment mit Rentenstrafrecht und Ausgrenzung zu überziehen. Es ist jedoch hier nicht der Platz, über Sinn und Effektivität solcher Spezialeinheiten, ihre Unterstellungen, Strukturen und Aufgaben zu richten, zumal für Gemeinsames und Unterschiede immer vielfältige konkrete Faktoren ursächlich wirken und das Ausdenken für alle und immer geltende Prinzipien  scholastisch wäre.

 

Es wird lediglich die Teilfrage nach Grundzügen der Formation ‚Wachregiment’ gestellt, die sich mehr und mehr als hemmend  erwiesen. Das sind neben der praktizierten  ‚führenden Rolle der SED’ wenigstens zwei: Die Überbetonung der Staatssicherheit, die Unterstellung beim MfS, die Anbindung an das Ministerium, dem die geheimdienstlichen Funktionen des Staates zugeordnet waren und die Überbetonung des Militärischen, die dauerhafte Lösung polizeilicher Aufgaben mit militärischen Mitteln und Strukturen.

In beiden Grundzügen, die konkrete gesellschaftliche Ursachen hatten,  manifestiert sich in spezifischer Weise, was den ‚Realsozialismus’ sowjetischen Modells kennzeichnete: die unzureichende Verbindung von Sozialismus und Demokratie, die Missachtung der historischen Erfahrungen zur notwendigen Gewaltenteilung zwischen Geheimdiensten, Polizei und Armee. Zugleich machte dieses Herangehen die notwendige Aufgabenerfüllung des Wachregiments erheblich teurer.

 

In den Diskussionen wird hervorgehoben, dass gerade diese Überlegungen in dem Buch wichtig sind, da sie in der DDR einem Tabu unterlagen und selbst unter den Berufssoldaten im Wachregiment nicht bedacht, geschweige denn offen und sachlich diskutiert werden konnten. Verwiesen wird  in diesem Zusammenhang auch auf Bestrebungen im vereinten Deutschland, die Grenzen zwischen Geheimdiensten, Polizei und Armee zu verwischen, ihre Einsatzgrundsätze sowohl für den Gebrauch in der Außen- und Innenpolitik zu modifizieren und ihre Führung zu zentralisieren, was erhebliche Gefahren für das demokratische Leben heraufbeschwört.