Neues Deutschland

23.08.2010 / Berlin/Brandenburg / Seite 12

Normales Leben an der Sperrzone

»Mielkes Revier« erzählt von Auswirkungen der Stasi-Zentrale auf den Kiez

Von Andreas Fritsche

Das allenthalben vermittelte Bild vom übermächtigen Minister für Staatssicherheit Erich Mielke, der nur mit den Fingern zu schnipsen braucht, es scheint falsch zu sein. Komisch, dass ausgerechnet ein Beschäftigter der Stasi-Unterlagenbehörde zu dieser Sicht die Fakten beisteuert, aber es ist nun einmal so. Christian Halbrock schrieb das Buch »Mielkes Revier«.

In den Jahren 2004 und 2005 war Halbrock Vorsitzender des Komitees »15. Januar« in der Gedenkstätte Normannenstraße in Berlin-Lichtenberg. Der 15. Januar 1990 war der Tag der Erstürmung der hiesigen Stasi-Zentrale durch Bürger, wobei bis heute nicht klar ist, welche Rolle dabei eventuell Geheimdienstler aus der westlichen Welt spielten. In seinem Buch beschäftigt sich Halbrock damit, wie sich die Stasi-Zentrale auf den Kiez an der Normannenstraße auswirkte. 1950 hatte sich das Ministerium hierangesiedelt. Bis 1990 wurde es schrittweise erweitert. Tausende Mitarbeiter waren dort schließlich beschäftigt. Wäre die Wende nicht dazwischen gekommen, so wäre der Ausbau des Ministeriums sicher weiter gegangen. Pläne dafür lagen in der Schublade.

Doch so einfach, wie sich das heute so mancher vorstellen mag, ging es nicht. Tatsächlich kämpfte auch das angeblich so sehr bevorzugte Ressort von Erich Mielke mit den in der DDR üblichen Problemen. So standen nicht immer sofort Bauarbeiter und Kräne bereit, wenn etwas abgerissen oder errichtet werden sollte. Die Kapazitäten waren nicht zuletzt in den Neubaugebieten Marzahn und Hellersdorf gebunden. Das ambitionierte Wohnungsbauprogramm ging vor. Bis 1990 sollte schließlich die Wohnungsfrage als soziales Problem gelöst sein. Bei diesem ehrgeizigen Ziel lag die DDR auf Kurs und wollte nicht davon abgehen. Also musste auch die MfS-Verwaltung Rückwärtige Dienste mit ihren Vorhaben zurückstecken. Die Wichtigkeit des Wohnungsbauprogramms lag auf der Hand. Das MfS selbst zählte 1971 unter seinen Beschäftigten fast 2000 Wohnungssuchende.

So wurde es nichts mit der Übernahme des Hans-Zoschke-Stadions, weil für den dort spielenden Verein Lichtenberg 47 nicht so schnell ein Ersatzquartier aus dem Boden gestampft werden konnte. Herumschlagen musste sich das MfS immer wieder mit der Lichtenberger Bezirksverwaltung, etwa wenn es darum ging, Wege zur Absicherung des Ministeriums zu sperren. Auch um eine geplante, aber nie verwirklichte Schnellstraße, die das Ministerium geschnitten hätte, gab es Streit. Sorge bereiteten gegenüberliegende Wohnblöcke, von deren oberen Etagen aus in das Gelände eingesehen werden konnte. Dem begegnete das MfS, indem es die betreffenden Wohnungen für seine Mitarbeiter reklamierte. Es erhielt diese Quartiere jedoch nicht zusätzlich. Sie wurden auf das Kontingent angerechnet, das dem MfS wie anderen Betrieben zugeteilt wurde.

Aus dem Kontingent mussten auch Ersatzquartiere für Mieter gestellt werden, die wegen der Ausdehnung der Stasi-Zentrale weichen sollten. Die Mieter störte der Umzug oft gar nicht. Im Gegenteil! Denn als Ersatz gab es die seinerzeit begehrten komfortablen Neubauwohnungen. Gefielen die Ersatzquartiere doch einmal nicht, so konnten die Mieter etwas Besseres verlangen. Nur Mieter, die zufällig selbst für das MfS arbeiteten, hatten Pech, wenn sie verhandeln wollten. Von ihnen erwartete das Ministerium Einsicht in das Notwendige. Eine Reihe von Mitarbeitern wohnte mit Vorbedacht im unmittelbaren Umfeld des Ministeriums. Einsatzpläne sahen zum Beispiel vor, auf welchen Dächern sie im Ernstfall MG-Stellungen besetzen sollten. In einigen Aufgängen, die komplett von Mitarbeiterfamilien bewohnt waren, gab es deswegen extra Alarmanlagen.

Im Wohngebiet sollten sich die Beschäftigten engagieren. Es gebe keinen Grund, sich von Subbotniks mit der Ausrede der Konspiration fernzuhalten, so die Anweisung. Tatsächlich zeigen Fotos, wie MfS-Mitarbeiter in ihrer Freizeit werkeln und pinseln. Anwohner erinnern sich, es sei sauber gewesen im Kiez und man habe sich gut behütet gefühlt. Das galt selbstverständlich nicht für Oppositionelle, die aufgefallen waren. Ironie der Geschichte: ein evangelischer Kindergarten, der bei der Expansion störte, den das MfS jedoch nicht rechtzeitig wegbekam, wurde dann in den 1990er Jahren aufgegeben.

Christian Halbrock: »Mielkes Revier«, Lukas Verlag, 253 Seiten (brosch.), 19,80 Euro